Israelischer Geheimdienst Mossad Der große Schatten

Zum Repertoire des Mossad gehören Mordanschläge ebenso wie Cyberattacken und klassische Spionage. Die großen Aktionen des israelischen Geheimdienstes liegen jedoch schon etwas zurück, zuletzt häuften sich die Pannen und Skandale.

AFP

Von Ronen Bergman


In der Welt der Geheimdienste kann ein spezieller Ruf nicht schaden. Der israelische Mossad hat nicht nur einen speziellen Ruf, er ist eine Legende, ein Mythos, den die einen verehren und die anderen fürchten und hassen: Die Israelis hoffen, dass ihre Leute besser sind als alle Feinde und ihr Land beschützen. Die Kritiker und Gegner Israels trauen dem Mossad Intrigen und Verbrechen jeder Art zu. So oder so wirft der Auslandsgeheimdienst des kleinen Landes einen großen Schatten.

Aber ehe der Mossad zum Mythos werden konnte, musste er sich einen Ruf erarbeiten. Es war eine Rede, eine ganz besondere Rede, mit der sich die israelischen Agenten zum ersten Mal den Respekt ihrer Kollegen in der Geheimdienstwelt erworben hatten.

Februar 1956: Sowjetführer Nikita Chruschtschow bittet ausgewählte Delegierte des KPdSU-Parteitags zu einer Sondersitzung. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit prangert er den Personenkult seines Vorgängers Josef Stalin an und verurteilt den stalinistischen Terror. Für die Anwesenden ist es ein Schock.

Und dann begann in Ost und West das Rätselraten: Was hat der Moskauer Parteichef genau gesagt? Damals betrachteten die Spitzen der CIA und der westeuropäischen Nachrichtendienste den Mossad noch mit Geringschätzung. Aber nun gelang den Israelis ein Scoop: Sie beschafften den vollständigen Text von Chruschtschows Geheimrede. Geheimdienste auf der ganzen Welt hatten vergebens versucht, an das spektakuläre Dokument zu kommen.

Leiche ins Meer

Mossad-Chef Isser Harel wusste, wie sich aus dem Erfolg seiner Beschaffer Kapital schlagen ließ: Er leitete die Rede an die Kollegen von der CIA weiter. Über den US-Geheimdienst gelangte sie in die "New York Times", es war eine Weltsensation. In der Folge entwickelte sich eine enge Zusammenarbeit beider Dienste.

Für den noch jungen jüdischen Staat war ein funktionierender und respektierter Geheimdienst von größter Wichtigkeit. Die Israelis ahnten, dass Anfeindungen, Terror und Krieg das Land auf Jahre hinaus begleiten würden. Und diesmal wollten sie zu den Siegern der Geschichte gehören. Also mussten sie schneller, klüger, härter und effektiver handeln als ihre Feinde.

Die erste große, komplexe Operation des Mossad endete 1954 allerdings in einem Fiasko. Ein Hauptmann der israelischen Marine namens Alexander Israel war desertiert und nach Europa geflohen, wo er seine militärischen Kenntnisse ägyptischen Diplomaten verkaufen wollte. Dann tauchte er in Paris unter.

2010 fahndete die Polizei in Dubai nach diesen vermeintlichen Mossad-Agenten. Sie sollen ein Hamas-Mitglied in dem Wüstenstaat ermordet haben.
DPA

2010 fahndete die Polizei in Dubai nach diesen vermeintlichen Mossad-Agenten. Sie sollen ein Hamas-Mitglied in dem Wüstenstaat ermordet haben.

Natürlich wollte der Mossad ihn haben. Geheimdienstchef Harel untersagte es, den Verräter notfalls zu töten. Damals legte er ein eisernes Prinzip fest, das bis heute gilt: Der Mossad bringt keine Juden und keine Israelis um. Harel befahl seinen Leuten, den Mann in Paris zu entführen, ihn zu betäuben und nach Israel zu bringen, wo ihm der Prozess gemacht werden sollte.

Doch wegen einer Reihe von Fehlern, auch des Anästhesisten, starb der Entführte auf dem Flug nach Tel Aviv. Seine Leiche warfen die Geheimdienstler ins Meer. Niemand sollte etwas davon erfahren. In der Presse streute der Mossad Fehlinformationen, wonach Alexander Israel in Südamerika Zuflucht gefunden habe. Mehr als 50 Jahre wurde der Skandal geheim gehalten (erst 2006 brachte ihn der Autor dieses Beitrags ans Licht). Bis heute weigert sich der Dienst, dem Sohn des Entführten Unterlagen auszuhändigen und Details mitzuteilen.

Beschützen und Töten

Es mangelt an demokratischer Kontrolle des Mossad, und das geht auf David Ben-Gurion zurück. Auf sein Betreiben wurde verboten, auch nur die bloße Existenz des Dienstes offenzulegen. Sogar die Erwähnung des Namens war bis in die Siebzigerjahre nicht erlaubt. Ben-Gurion verhinderte jede gesetzliche Verankerung der Ziele, Aufgaben, Befugnisse und des Budgets des Mossads und der anderen Geheimdienste.

Der vage gesetzliche Rahmen und die extreme Geheimhaltungspolitik öffneten den Raum für eine Parallelwelt. Im Schattenreich des Mossad wurden Aktionen geplant und ausgeführt, die eigentlich Straftaten sind. Das betrifft vor allem die Praxis der gezielten Tötungen.

Im Juni 1948 hatte Ben-Gurion den Aufbau der israelischen Nachrichtendienste beschlossen. Erst allmählich kristallisierte sich die bis heute bestehende Aufgabenverteilung heraus: Der militärische Nachrichtendienst Aman beschafft Informationen für die Streitkräfte; der Shin Bet ist verantwortlich für Aufklärung und Terrorabwehr im Inland; der Mossad übernimmt die Operationen im Ausland und wurde noch von Ben-Gurion direkt dem Premierminister unterstellt. Seit 1963 heißt er mit vollem Namen "Institut für Nachrichtendienst und Sonderaufgaben". Der Mossad, das ist: das Institut.

Isser Harel, der bereits den Inlandsdienst leitete, wurde 1952 Mossad-Chef. Fortan war er der starke und geheimnisumwitterte Mann im israelischen Regierungsapparat. Harel stammte aus einer wohlhabenden Fabrikantenfamilie in Wizebsk, einem der jüdischen Zentren Weißrusslands. Nachdem die Familie in der Revolution ihren Besitz verloren hatte, wanderte Harel als junger Zionist 1930 nach Palästina aus, wo er sich im Krieg der jüdischen Untergrundarmee Hagana anschloss. Ben-Gurion wusste, er konnte sich auch bei heiklen Missionen auf ihn verlassen.

Der Mossad hatte von Anfang an nicht nur die Aufgabe, geheime Informationen zu sammeln, sondern auch Operationen außerhalb Israels durchzuführen, zum Beispiel, um zu verhindern, dass feindliche Staaten in den Besitz von Atomwaffen gelangten. Das "Institut" pflegt auch Kontakte mit Ländern, die keine offenen Beziehungen zu Israel unterhalten. Ein weiteres Ziel ist, Juden in anderen Ländern zu beschützen oder sie nach Israel zu bringen. Allein durch die Vielfalt der Aufgaben unterscheidet sich der Mossad von den meisten anderen Nachrichtendiensten.

Todesurteil in Jerusalem

Nachdem der Scoop mit Chruschtschows Geheimrede dem Dienst bereits Respekt eingetragen hatte, wurde er mit einer anderen Aktion schlagartig berühmt - und gefürchtet. Im Mai 1960 entführten israelische Agenten den ehemaligen SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann aus Argentinien.

Dem Organisator der Judenvernichtung war die Flucht aus einem amerikanischen Internierungslager gelungen; von 1950 an lebte er unter falschem Namen in dem südamerikanischen Land. Um sicher zu sein, dass sie den richtigen Mann erwischten, beschatteten ihn die Mossad-Leute monatelang.

In der Abenddämmerung des 11. Mai schlugen sie zu. Einen Motorschaden vortäuschend, warteten sie mit zwei Fahrzeugen nahe Eichmanns Haus in der Garibaldi-Straße in Buenos Aires. Als er etwas später kam als erwartet, zerrten ihn Agenten in einen der Wagen. Dort lag der NS-Verbrecher, der eben noch laut geschrien hatte, nun reglos am Boden, wie Harel in seinem Erinnerungsbuch "Das Haus in der Garibaldi-Straße" festhielt.

Da Israel und Argentinien damals kein Auslieferungsabkommen hatten, sah der Plan vor, eine israelische Regierungsmaschine zu nutzen, mit der eine Delegation zur 150-Jahr-Feier der argentinischen Unabhängigkeit angereist war. Beim Rückflug setzten die Agenten Eichmann in die Maschine und gaben ihn als erkrankten Angestellten der Fluggesellschaft aus. Dafür hatten sie einen Pass und sogar ein ärztliches Attest gefälscht. Der Gefangene war geschminkt worden und hatte ein Betäubungsmittel bekommen, obwohl er erklärt hatte, er werde keinen Widerstand leisten.

Eichmann war bereits in Israel, als Premier Ben-Gurion am 23. Mai das Parlament informierte: "Ich habe der Knesset bekannt zu geben, dass vor Kurzem einer der größten Nazi-Verbrecher von den israelischen Sicherheitsdiensten aufgespürt worden ist: Adolf Eichmann." Der Architekt der "Endlösung der Judenfrage" wurde zum Tode verurteilt und in Jerusalem gehängt.

Dem Mossad-Chef Isser Harel gelang 1960 einer der größten Erfolge des Geheimdienstes: die Entführung Adolf Eichmanns.
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Dem Mossad-Chef Isser Harel gelang 1960 einer der größten Erfolge des Geheimdienstes: die Entführung Adolf Eichmanns.

So spektakulär die Eichmann-Entführung war, so stand doch meistens die militärische Sicherheit im Mittelpunkt der Mossad-Operationen. Im Juli 1962 berichtete die ägyptische Presse über den erfolgreichen Abschuss von vier Boden-Boden-Raketen. Kurz darauf wurden die Raketen, eingehüllt in die ägyptische Fahne, bei der jährlichen Militärparade am Jahrestag der ägyptischen Revolution zur Schau gestellt. Präsident Gamal Abdel Nasser, in den Augen der Israelis eine Art arabischer Hitler, verkündete stolz, dass die Raketen jeden Ort "südlich von Beirut" treffen könnten - das hieß: Israel. Der hebräische Dienst von Radio Kairo teilte der israelischen Bevölkerung mit freudigem Unterton mit, dass ihr Ende bevorstehe.

Israel war umso mehr schockiert, als sich herausstellte: Deutsche Wissenschaftler, die früher in Hitlers Raketenstandort Peenemünde beschäftigt waren, hatten die ägyptischen Waffen konstruiert. Schon war von der Gefahr eines zweiten Holocausts die Rede.

Mossad-Chef Harel, der von Ben-Gurion beschuldigt worden war, das Raketenprojekt verschlafen zu haben, errichtete eine geheime Tötungseinheit mit dem Namen "Mifraz". Seine Agenten kamen aus den extremen und gewalttätigen Untergrundorganisationen, die gegen die Briten gekämpft hatten, ihr Anführer: Yitzhak Shamir, der spätere Ministerpräsident. Sie hatten den Befehl, die deutschen Wissenschaftler zu töten.

Doch die Operationen, unterstützt von einem deutsch-israelischen Agenten mit guten BND-Kontakten, waren so unprofessionell, dass sie fast alle in peinlichen Pannen endeten.

Ende November 1962 wurde an deutsche Mitarbeiter der ägyptischen Rüstungsfabrik Heluan ein Karton mit Sprengstoffpäckchen geschickt; das als Buchsendung deklarierte Paket riss bei der Detonation fünf ägyptische Arbeiter in den Tod. Ein Sprengstoffbrief an den Chefkonstrukteur der Raketen, Wolfgang Pilz, verletzte dessen Sekretärin schwer. Im badischen Lörrach wurde am 20. Februar 1963 auf den Raketenfachmann Hans Kleinwächter geschossen. Kleinwächter blieb unverletzt und erwiderte das Feuer, die Mossad-Leute konnten entkommen.

Eine MiG-21 für Israel

Die Affäre, die erhebliche Spannungen mit Deutschland zur Folge hatte, kostete Harel das Amt und führte schließlich sogar zum Rücktritt Ben-Gurions. Ihm warf die Knesset vor, geheimdienstliche Erkenntnisse zurückgehalten zu haben. Dem neuen Mossad-Chef Meir Amit gelang es, Agenten aus dem Kreis der ägyptischen Raketenbauer anzuwerben und das Projekt so von innen aufzulösen.

Operationen in der arabischen Welt waren ebenso wichtig wie heikel. Wenn die Aussicht bestand, Informationen über etwaige Kriegsvorbereitungen zu erlangen, schreckte der Mossad auch vor schmutzigen Geschäften nicht zurück.

So halfen seine Agenten 1965, den in Marokko zum Tode verurteilten Oppositionsführer Mehdi Ben Barka in Paris zu ermorden. Als Gegenleistung wurde einem führenden Mossad-Mann erlaubt, die Beratungen der arabischen Staatschefs abzuhören, die zu einer Gipfelkonferenz in der marokkanischen Hauptstadt Rabat zusammentrafen. Von Nassers Schlafzimmer bis zu vertraulichen Runden der arabischen Generalstabschefs - überall hörte der Geheimdienst mit.

Eine der zentralen Fragen für den Mossad lautete: Wie bringt man einen libyschen Diplomaten, einen syrischen Offizier, einen führenden PLO-Vertreter oder einen irakischen Atomwissenschaftler dazu, für die andere Seite zu arbeiten? Um arabische Informanten anzuwerben, für die Israel der Satan war, entwickelte der Mossad eine komplexe Methode, die "Rekrutierung unter fremder Fahne". Das heißt: Der Angeworbene wurde in den Glauben versetzt, er arbeite für die Nato, ein europäisches oder ein anderes arabisches Land. Dafür gibt es eine eigene Abteilung, die Zomet, quasi das Filetstück des Mossad. Im Detail ist nicht allzu viel über die Praktiken der Zomet bekannt.

Als bedeutender Mossad-Erfolg gilt die Anwerbung eines irakischen Piloten, der im August 1966 dazu gebracht werden konnte, mit seiner MiG-21, dem höchstentwickelten Flugzeug des sowjetischen Blocks, nach Israel zu fliegen. So konnte Israel seine Luftwaffe, die damals mit französischen Mirages ausgerüstet war, an dem Feindflugzeug ausbilden.

"Engel" der Enttäuschung

Eine wichtige Rolle in der Operation spielte Shlomo Cohen, der als einer der israelischen Meisterspione gilt. Der Sohn einer Hamburger Rabbinerfamilie war 1933 nach Paris emigriert. Dort entdeckte die Hagana den begabten Maler und setzte ihn als Pass- und Dokumentenfälscher ein, um Holocaust-Überlebenden aus Europa und Nordafrika zu helfen, nach Palästina zu gelangen.

1950 ging Cohen für den Mossad nach Kairo, um sich im Ägypten des korrupten Königs Faruk als deutsch-französischer Maler unter dem Namen Jacques Duclos niederzulassen. Langsam erlangte der großgewachsene junge Mann mit der ewig glimmenden Zigarette und dem verwirrten Blick die Wertschätzung der lokalen High Society.

Die Zeitungen in Kairo veröffentlichten positive Kritiken über seine Werke, sein Stil sei von Picasso beeinflusst, hieß es. Zu einer Ausstellungseröffnung erschien der ägyptische Kulturminister.

Doch eines Tages teilte Duclos alias Cohen seinen Kairoer Freunden mit, dass seine Mutter erkrankt sei und er nach Paris zurückkehren müsse, um sie zu pflegen. Der Geheimdienst deckte ihn mit neuen Aufgaben in mehreren Ländern ein; als stellvertretender Leiter des Mossad beendete Shlomo Cohen schließlich seine Agentenkarriere.

Wer andere täuscht, ist selbst vor Enttäuschungen nicht geschützt. Eindringlich zeigte sich das in der Episode um Ashraf Marwan, Schwiegersohn von Präsident Nasser und Vertrauter seines Nachfolgers Sadat. Dieser hervorragend vernetzte Ägypter bot dem israelischen Geheimdienst 1969 seine Dienste an. Beim Mossad wurde er "der Engel" genannt, und man hatte die Erwartung, dass er die beste Quelle aller Zeiten sein würde, eine, die Israel in Echtzeit darüber informieren würde, wann Sadat einen Krieg beginnen wollte.

Wegen des blinden Vertrauens in den "Engel" ignorierte Israel zahlreiche Hinweise, die auf einen Krieg im Oktober 1973 schließen ließen. Marwan kam mit seiner Warnung viel zu spät, sei es, weil er kein guter Agent war oder - was wahrscheinlicher ist - weil er Teil eines ausgeklügelten Täuschungsplans von Sadat war, Israel mit glaubwürdiger Information zu überfüttern, um es dann in die Irre zu führen.

Terror in München

Ende der Sechzigerjahre rückte eine neue Bedrohung in den Mittelpunkt: der palästinensische Terror. Ein besonders brutaler Schlag war das Olympia-Attentat in München 1972, bei dem elf israelische Sportler und ein Polizist starben.

Der damalige Mossad-Chef Zvi Zamir, der selbst während der PLO-Operation in München gewesen war, erschien vor der Regierung in Jerusalem und beschrieb den schockierten Ministern das Chaos, das geherrscht habe, die Unprofessionalität und die Gleichgültigkeit der deutschen Sicherheitskräfte. "Sie sind nicht das minimalste Risiko eingegangen, um Leben zu retten, nicht unseres und nicht ihres", sagte er. Seiner Meinung nach verfolgten die Deutschen vor allem das Ziel, die Spiele fortsetzen zu können.

Premierministerin Golda Meir genehmigte dem Mossad nun, was dieser schon lange gefordert hatte: die gezielte Tötung von PLO-Leuten auch in Europa, ohne die örtlichen Behörden vorher zu informieren.

Die Sondereinheit Caesarea wird gebildet, an der Spitze steht Mike Harari, der wohl einflussreichste Agent in der operativen Geschichte des Mossad. Harari und seine Leute brechen zu einer Serie beispielloser Attentate in Europa und im Nahen Osten auf.

Als Erster stirbt der PLO-Repräsentant in Italien, Abdel Wael Zwaiter, am 16. Oktober 1972 durch die Schüsse des Mossad-Kommandos, das ihn in seiner Wohnung erwartete. So geht es weiter:

Am 8. Dezember 1972 stirbt der PLO-Repräsentant in Paris, Mahmoud Hamshari; ein Agent hatte eine Bombe unter seinem Tischtelefon installiert.

Am 25. Januar 1973 stirbt der Fatah-Repräsentant auf Zypern, Hussein al-Bashir; in seinem Hotelzimmer in Nikosia explodierte eine ferngezündete Bombe.

Am 6. April 1973 in Paris stirbt Basil al-Kubaissi, Rechtsprofessor an der amerikanischen Universität von Beirut; niedergestreckt mit zwölf Schüssen.

Kurz darauf holen die Killer-Teams zur tollkühnsten Attacke aus: In der Nacht des 9. April 1973 dringen israelische Spezialkommandos übers Meer in libanesisches Feindesgebiet ein. Mitten in Beirut werden bei der "Operation Frühling der Jugend" drei Palästinenserführer, dazu in einem Fall die Ehefrau, in ihren Wohnungen getötet. Auch eine 70-jährige italienische Nachbarin stirbt im Kugelhagel.

Die arabische Welt ist schockiert. Die libanesische Regierung tritt zurück.

Fahrlässige Verwechslung

"Die Beirut-Aktion war eine Sternstunde des Anti-Terror-Kampfs", sagte einer der Organisatoren von damals, Amnon Biran, 2006 dem SPIEGEL. "Unsere Zielpersonen waren Terroristen mit Blut an den Händen." Dabei gibt es viele Zweifel an der tatsächlichen Tatbeteiligung der Ermordeten. Biran entgegnete: Über die Auswahl der zu Tötenden habe er sich nie Gedanken gemacht. "Das war allein Sache der politischen Führung, der habe ich immer vertraut. Wir kümmerten uns um die Durchführung."

Hochmut und mangelnde Vorsicht kosten am 21. Juli 1973 einen Unschuldigen das Leben. Im norwegischen Lillehammer lauern die Caesarea-Killer dem Kellner Ahmed Bouchiki auf, weil sie ihn für Ali Hassan Salameh halten, den mutmaßlichen Chefplaner des Olympia-Attentats. Vor den Augen seiner hochschwangeren Frau wird Bouchiki auf dem Heimweg vom Kino mit 14 Schüssen hingerichtet.

Danach wurde der Rachefeldzug ausgesetzt. Fünf Jahre später ordnete Premier Menachem Begin die Wiederaufnahme an; als Ersten erwischten die Mossad-Leute den richtigen Salameh: Er war von einem weiblichen Lockvogel ausgespäht worden, am 22. Januar 1979 kam er in Beirut durch eine Autobombe ums Leben. Mit ihm starben alle Insassen des Fahrzeugs sowie unschuldige Passanten.

Anfang der Neunzigerjahre begannen die Geheimkontakte zwischen Israel und der PLO. Gezielte Tötungen waren nun nicht mehr gefragt, stattdessen klassisches Spionagehandwerk: Telefonüberwachung und Wanzen. In der Schreibtischlampe und dem Sessel des PLO-Spitzenmannes Abu Mazen waren Mikrofone installiert, sodass man im Mossad-Hauptquartier bequem mithören konnte.

Die Pannen häufen sich

Aber solche Erfolge gab es nur noch selten. Die Neunzigerjahre wurden zur schwierigsten Phase in der Geschichte des Mossad, die Pannen häuften sich.

1997 gingen Mossad-Leute am hellichten Tag in der jordanischen Hauptstadt Amman mit einer Giftspritze auf Khaled Maschal los, den politischen Kopf der Hamas. Maschal fiel ins Koma, überlebte aber. Die israelischen Agenten wurden festgesetzt. Um sie freizubekommen, musste Israel ein wirksames Gegengift liefern, das Maschal zu kurieren vermochte, außerdem den inhaftierten Hamas-Chef Scheich Jassin und ein Dutzend seiner Leute freilassen.

Im Jahr darauf scheiterte ein Lauschangriff in Bern. Als sie nachts die Telefone eines mutmaßlichen Hisbollah-Funktionärs anzapfen wollten, machten die Agenten solchen Lärm, dass eine alarmierte Nachbarin die Wache anrief. In flagranti wurden die Geheimdienstler von der Kantonspolizei erwischt.

In einer Zeit, in der digitale Technologie immer wichtiger wurde, hinkte der Mossad hinterher. Und im Wettbewerb um qualifizierten Nachwuchs hatten Hightech-Firmen häufig mehr Erfolg. Zum Entsetzen altgedienter Mitarbeiter richtete der Geheimdienst deshalb ein offizielles Internetportal ein und organisierte eine Werbekampagne mit dem Spruch: "Der Mossad öffnet sich - nicht für alle, nur für wenige. Vielleicht für dich."

Virenattacke auf Iran

2002 rückte Meir Dagan an die Spitze des Apparats, den er von Grund auf veränderte. Er konzentrierte alle Kräfte auf den Kampf an zwei Fronten: gegen das iranische Atomprojekt und gegen die Unterstützung Irans und Syriens für die dschihadistischen Organisationen im Nahen Osten, allen voran Hamas und Hisbollah. Dabei arbeitete Dagan mit Geheimdiensten arabischer Länder zusammen, die dieselben Gegner im Visier hatten.

Um das iranische Atomprojekt zu stoppen, infiltrierte der Mossad die Ausrüstungsfirmen, die Iran in Europa aufgebaut hatte, und verkaufte ihnen defektes Material oder solches, das mit Verzögerungsmechanismen ausgestattet war. Dem US-Finanzministerium lieferte der Mossad Informationen, die halfen, den Embargo- und Sanktionsdruck gegen Teheran zu erhöhen.

Die israelischen und amerikanischen Nachrichtendienste arbeiteten bei der Operation "Olympische Spiele" zusammen. So wurde ein hocheffektiver Computervirus entwickelt, bekannt unter dem Namen Stuxnet. Er attackierte die Steuerungscomputer im iranischen Natans, wo Wissenschaftler Uran anreichern. Der Virus manipulierte die Zentrifugen bis zur Selbstzerstörung. Es gab aber auch blutige Aktionen: Bei Attentaten im Herzen von Teheran kamen mehrfach iranische Atomwissenschaftler ums Leben. Dass dabei der Mossad seine Hand im Spiel hatte, schien klar.

Diese Operationen konnten das iranische Atomprogramm zwar nicht stoppen, es jedoch stark beeinträchtigen. Viele Israelis glauben, dass der Iran deshalb noch keine Atombombe hat.

In den vergangenen Jahren hat sich der Nahe Osten so sehr gewandelt, dass sich der Mossad vor vielen neuen Aufgaben sieht. Einer seiner wichtigsten Gegner, das syrische Regime unter Baschar al-Assad, ist nicht mehr relevant. Die mit Massenvernichtungswaffen ausgestatteten syrischen Raketen wurden abgebaut. Die Hisbollah ist damit beschäftigt, ihrem Sponsor Assad zu helfen. Dagegen hat sich die Hamas von Syrien abgewendet und agiert heute von den Golfstaaten und der Türkei aus - für israelische Agenten ein schwieriges Terrain. Eine neue Bedrohung ist die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS). IS-Kämpfer, die nach Europa zurückkehren, verüben dort Anschläge auf jüdische Ziele.

Die größten Folgen könnte auf mittlere Sicht die Annährung zwischen Washington und Teheran haben. Die israelische Regierung lehnt die Gespräche über ein Atomabkommen vehement ab, für Premier Benjamin Netanyahu ist die iranische Bombe dann nur noch eine Frage der Zeit. Und der Mossad beobachtet mit Sorge, dass die USA nicht mehr im gewohnten Umfang an der nachrichtendienstlichen Zusammenarbeit mit Israel festhalten.

Zur Person
Der israelische Journalist Ronen Bergman, 43, arbeitet an einem Buch über den Mossad, das als SPIEGEL-Buch bei DVA erscheinen soll.



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insgesamt 18 Beiträge
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Ossifriese 18.05.2015
1. Weg damit
Der Mossad - eine Mordgesellschaft? Es scheint sich wieder einmal zu bestätigen, dass, wenn die Sicherheit eines Landes über Demokratie und Recht gestellt wird, eine Organisation so sehr aus dem Ruder laufen kann, dass sie macht, was sie selbst für richtig hält. Und wenn diese Vorgänge dann noch von ganz oben abgesegnet werden, gibt es wohl keine Hemmnisse mehr. Dabei ist es gleichgültig, ob das System Sozialismus, Kapitalismus, Zionismus oder sonst wie geheißen wird. Gerade heute in Anbetracht der Unterwanderungen auch unserer Demokratie durch BND und NSA sollten solche Berichte über die wahren und zum Teil mörderischen Vorgänge in und um die Geheimdienste viel stärker thematisiert werden. Im Zeitalter des Internet und der Computer wird das langsam zu einem Hauptproblem der Sicherheit für Frieden, Demokratie und vor allem auch sozialen Fortschritt.
chairman_meow 18.05.2015
2. eigentlich?
"Im Schattenreich des Mossad wurden Aktionen geplant und ausgeführt, die eigentlich Straftaten sind." Aber? Es sind Morde. Also nichts 'aber'. Und was ist mit den anderen Anschlägen, die nicht so ganz aufgeklärt werden wollten? Auch wenn sie nicht von Mossad, sondern von Shin Beth oder anderen ausgeführt wurden. La Belle z.B., oder die Lavon-Affäre, oder das Attentat auf den damaligen israelischen Botschafter in London, der nicht so ganz auf Linie war? Worüber hier zu lesen ist, das sind die Attentate, die man gerne rechtfertigt mit Anti-Terror-Kampf. Dass es aber auch eiskalten Terrorismus durch Bombenanschläge durch Mossad, Nato (Gladio) und so weiter gibt und gab, wäre wohl etwas zuviel des Wahren.
Der Edelmann 18.05.2015
3.
Wie die Todesstrafe ist das Betreiben derartiger Geheimorganisationen eine Schande. Spionage schön und gut, aber das Morden eines vermeintlichen höheren Motivs wegen - dass ich nicht lache! - ist und bleibt falsch. Warum? Nun, wenn man bedenkt, dass Unbeteiligte dabei auch nur denkbar zu unreversiblem Schaden kommen können, sollte die Antwort schon klar auf der Hand liegen. Verfechter, die der Auffassung sind, man wäre sich seiner Verantwortung bewusst und es würde ja im Vorfeld entsprechend geforscht werden, sollten sich ihrer falschen Arroganz schleunigst bewusst werden. Und diejenigen, welche diese Fehler als tragische, aber notwendige Kollateralschäden abtun, sollten mal die Nebenwirkungen ihrer eigenen Medizin kosten - obwohl ich es wirklich niemandem wünsche. Mossad, NSA, CIA, Al Kaida, Isis, NSDAP/Nazi-Deutschland etc. verbindet eine Sache: Menschenleben, Schicksale, die Freiheit des Einzelnen interessiert nicht. Der Zweck heiligt jedes Mittel. Primitives Pack. Und um keinen falschen Eindruck zu erwecken: Hier geht es nicht um Vergeben, hier geht es darum, dem Morden (um nur einen zentralen Oberbegriff zu nehmen) endlich ein Ende zu setzen!
rudigeralt 18.05.2015
4. gutes Buch zur Eichmann-Entführung
Ein sehr gutes Buch zur Entführung von Adolf Eichmann durch den Mossad ist "Die Akte Odessa" von Frederick Forsyth.
DidiViefie 18.05.2015
5. Warum diese Empoerung
Der CIA ist doch in keinster Weise anders. Das ist doch alles nur um die FREIHEIT, SICHERHEIT UND DEMOKRATIE im Westen zu garantieren. Sind wir nicht froh darueber und lassen es zu, bzw. unterstuetzen dies noch? Ein ARMUTSZEUGNBIS des WESTENS. Fuer andere Laender, wie Russland und China wird die Latte der MORAL und Menschenrechte so hoch gelegt, dass der Westen mir seiner Moerder Politilk locker darunter durchlaufen kann. Das nenne ich Scheiheiligkeit.
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