Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Kampf um England: Gesalbt und gekrönt

Von SPIEGEL-GESCHICHTE-Autorin Angelika Franz

Angelsachsen gegen Wikinger: Der Kampfs ums Inselreich Fotos
Corbis

Im Frühmittelalter kämpften Angelsachsen und Wikinger um die Herrschaft auf der Insel. Am Ende griff sich ein Normannenherzog den Thron.

Viel hätte nicht gefehlt, und England hieße heute nicht England. Wer waren schon die Angeln, nach denen die Insel benannt wurde? Ein wüster Haufen germanischer Immigranten, die von Schleswig-Holstein auf die Insel gekommen waren. Dort hatten sie sich mit Sachsen aus der norddeutschen Ebene zu den Angelsachsen zusammengetan und regierten nun in sieben kleinen Königreichen vor sich hin.

Viel zu melden hatten die Angelsachsen noch nicht in Europa Anfang des 9. Jahrhunderts. Die großen Player der Geschichte saßen im Frankenreich Karls des Großen oder in Skandinavien, von wo aus die Wikinger ein riesiges Handelsnetzwerk mit Verbindungen bis in den Orient aufzogen und sich schon mal darauf vorbereiteten, in Kürze bis nach Amerika zu reisen.

Bevor sie aber den Atlantik überquerten, lag auf ihrem Weg noch diese Insel unweit der heimatlichen Küste. 793 tauchten die Nordmänner in Britannien auf und plünderten das Kloster Lindisfarne - der Überfall markiert den Beginn einer langen Reihe von Überfällen der Wikinger.

Das Königreich Wessex verhindert ein Daneland

Zunächst beschränkte sich ihre Taktik auf kurze Raubzüge, nach denen sie wieder verschwanden. Doch mit der Zeit blieben einige zurück und übernahmen die Macht von den schlecht gerüsteten Angelsachsen. Im Jahr 870 war in ganz Britannien nur noch ein einziges Königreich übrig, das die Wikinger nicht kontrollierten: Wessex, im Südwesten der Insel, angrenzend an Wales. Hätten sie das auch noch erobert, dann würde England heute wohl nicht England heißen, sondern Daneland.

Wessex aber hatte einen besonders fähigen König, Alfred, der sich den Eindringlingen entgegenstellte. Es gelang ihm, den Wikingern fast den gesamten Südwesten Britanniens abzutrotzen, ihr Anführer ließ sich taufen. Die Wikinger zogen sich in den Nordosten der Insel zurück und blieben fortan friedlich. Die übrigen angelsächsischen Reiche erkannten Alfreds Oberherrschaft an. Damit wurde er zum ersten König eines mehr oder weniger vereinten Englands - zumindest jenes Teils des Landes, der nicht von Wikingern besetzt war.

Ein Königreich hatte in jenen Jahren allerdings noch wenig mit prächtigem Hofstaat zu tun. Viel unterschied einen König noch nicht vom einfachen Oberhaupt eines Stammes. Die Aufgabe eines angelsächsischen Königs bestand vornehmlich darin, ständig durch das Gebiet seiner Untertanen zu reisen. Er sprach Recht, organisierte die waffenfähigen Männer für die Verteidigung oder Angriffe auf Nachbarn und verteilte die auf Kriegszügen gemachte Beute. König war man nicht von Geburt. Auch wenn oft der älteste Sohn auf den Vater folgte - seine Machtposition musste erst vom Witenagemot, dem Rat der wichtigsten geistlichen und weltlichen Würdenträger, bestätigt werden.

Alfred entwickelte die Königsherrschaft einen bedeutenden Schritt weiter: Er baute eine Flotte und ein stehendes Heer auf und ließ die Küsten sichern, um das Land besser vor Wikinger-Überfällen zu schützen. Die Grafschaften (Shires) wurden nun genau erfasst, um das Land effizienter zu verwalten. Alte angelsächsische Stammesrechte ließ Alfred systematisch sammeln und neu herausgeben. Vor allem aber sorgte er für Bildung in seinem bislang weitgehend analphabetischen Volk: Seine eigenen Kinder, Söhne wie Töchter, sollten lesen und schreiben lernen, die Sprösslinge seiner Edelleute ließ er gleich mit unterrichten, und auch talentierter Nachwuchs aus weniger adliger Kinderstube durfte die Schule an seinem Hof besuchen.

Das Volk bestätigt seinen König - auch heute noch

In den folgenden Jahrzehnten kristallisierten sich Regeln und Rituale der Königsherrschaft mehr und mehr heraus. Alfreds Urenkel wurde zu Pfingsten 973 erstmals in einer Zeremonie gekrönt. Der Erzbischof von Canterbury, der wichtigste Kirchenvertreter des Landes, hatte den Symbolwert einer Krönungszeremonie erkannt und sich ein entsprechend pompöses Schauspiel ausgedacht. Bis heute bilden die frühmittelalterlichen Rituale den Kern der englischen Krönungsfeierlichkeiten: Das Volk bestätigt seinen König, und der verspricht im Gegenzug, seinem Volk zu dienen. Dann wird der Herrscher vom Erzbischof gesalbt und schließlich gekrönt.

Zwar wurde das Land nunmehr seit über zwei Jahrhunderten von Angelsachsen regiert. Doch die Wikinger waren auf der Insel immer noch allgegenwärtig, vor allem im Norden hatten sich viele für immer niedergelassen. Und der Süden des Landes wurde immer wieder von Plünderungszügen heimgesucht. 1002 gab der englische König Æthelred Order, am 13. November - dem St. Brice's Day, dem Gedenktag des heiligen Bischofs Brictius - sämtliche Dänen zu ermorden, derer man habhaft werden konnte.

Wie groß die Wut und Angst der Engländer gegenüber den Skandinaviern gewesen sein muss, wird an den Geschehnissen in der Stadt Oxford deutlich. Hier hatten sich viele ansässige Dänen an den einzigen Ort geflüchtet, an dem sie sich sicher wähnten: die Kirche. Doch Schergen des Königs brannten die Kirche nieder - mit Männern, Frauen und Kindern darin. Als im Jahr 2008 auf dem Gelände des St. John's College Archäologen die Skelette von 37 Menschen fanden, die kurz vor ihrem Tod schlimmste Verletzungen - darunter auch Brandwunden - erlitten hatten, glaubten sie zunächst, auf die Opfer des St. Brice's Day Massakers gestoßen zu sein. Doch obwohl die Datierung stimmt, haben neuere Analysen ergeben, dass die Toten wohl eher Krieger aus Skandinavien waren - und damit möglicherweise zu genau den Plünderern gehörten, die den Zorn Æthelreds ausgelöst hatten.

Die Dänen sollten sich rächen: Ihr König Sven Gabelbart landete wenige Jahre später auf den Insel und jagte den englischen König davon. Es war wohl auch ein persönlicher Feldzug: Svens Schwester, vermuten Historiker, war unter den Toten des St.-Brice's-Day-Massakers gewesen.

Macht und Kirche gehören zusammen

England geriet erneut unter dänische Herrschaft, jetzt wurde das ganze Land von einem Wikingerkönig regiert. Sven und nach ihm sein Sohn Knut, bekannt unter dem Beinamen "der Große", regierten nun ein England und Dänemark umfassendes Großreich.

Als König von England herrschten sie faktisch über einen zentral organisierten Staat: In den Grafschaften regierten als königliche Amtsträger nun mächtige Earls, die vom König eingesetzt und auch entlassen werden konnten, daneben bildete sich eine hierarchische Verwaltungsstruktur aus, mit Gerichts- und Steuerrechten, an deren Spitze der König stand. Am Hofe gab es nun feste Ämter wie das des Mundschenks, des Kämmerers oder des Hofmeisters. Entscheidend zur Sicherung seiner Macht war des Königs Einfluss auf die Kirche: Schon früh gelang es ihm, seine Anhänger als Bischof oder Abt einzusetzen.

Knut starb zu früh, als dass die Dänen ihre Herrschaft über England auf Dauer hätten behaupten können. 1042 kam wieder ein Abkömmling der Angelsachsen an die Macht, Æthelreds Sohn Eduard. Er war in der Normandie aufgewachsen, in der Heimat seiner Mutter Emma. In ihm waren zum ersten Mal die angelsächsische und die skandinavische Blutlinie vereint.

Die Engländer hatten allerdings eher das Gefühl, sie würden von einem Fremden regiert. Eduard war im Herzen Normanne. Nicht einmal die Hochzeit mit Edith, Tochter des mächtigsten Earls im ganzen Land, konnte ihn englisch machen. Die Ehe blieb kinderlos, Eduard umgab sich mit Beratern aus der Normandie und brachte die normannische Kultur auf die Insel. In London setzte der König seiner Exilheimat ein eindrucksvolles Denkmal: Westminster Abbey, die erste normannisch-romanischen Kirche auf englischem Boden.

Nur zu glaubhaft schien es deshalb, dass ein normannischer Herzog namens Wilhelm behauptete, Eduard habe ihn offiziell zu seinem Nachfolger ernannt. Durch seine Großtante Emma konnte er vage Verwandtschaftsbeziehungen zur englischen Krone vorweisen. Und vor allem gelang es ihm, konkurrierende Thronprätendenten mit schlagkräftigen Truppen und gewiefter Propaganda aus dem Feld zu schlagen.

Die Normannen waren Nachfahren von Wikingern, die sich 911 an der französischen Kanalküste festgesetzt und viel von der Kultur übernommen hatten. Mit ihrer Herrschaft endete die Epoche der angelsächsischen Könige. Wilhelm der Eroberer ließ sich 1066 als erster normannischer König von England in der Westminster Abbey krönen. So hatten die Nordmänner am Ende doch gesiegt.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 51 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Ein wüster Haufen germanischer Immigranten
j.oder 04.08.2014
Es geht doch, man das Kind beim Namen nennen. Aber müssen wir jetzt wieder 1.000 Jahre warten, bzgl. Namensgebung, sofern deratige Geschichtsschreibung und Monumente nicht schon vorher pulverisiert werden sollte ?
2. Kampf um die Insel
Inuk 04.08.2014
Zitat von sysopCorbisIm Frühmittelalter kämpften Angelsachsen und Wikinger um die Herrschaft auf der Insel. Am Ende griff sich ein Normannenherzog den Thron. http://www.spiegel.de/spiegelgeschichte/kampf-um-die-insel-angelsachsen-gegen-wikinger-a-983819.html
Nachzulesen in der bisher siebenbändigen spannenden, historischen Abenteuersaga Uhtred von Bernard Cornwell, welche ich alle mit größtem Vergnügen verschlungen habe. http://www.lovelybooks.de/autor/Bernard-Cornwell/reihe/Sachsen-Uhtred-Saga-in-Reihenfolge-1083336349/
3. wortwahl
ofelas 04.08.2014
Zitat von sysopCorbisIm Frühmittelalter kämpften Angelsachsen und Wikinger um die Herrschaft auf der Insel. Am Ende griff sich ein Normannenherzog den Thron. http://www.spiegel.de/spiegelgeschichte/kampf-um-die-insel-angelsachsen-gegen-wikinger-a-983819.html
Karl der Grosse war Franzose? Er hatte ein separates Franken-Reich? Hier wird Geschichte ganz neu gestaltet! Die Normannen haben durch Zufaelle gewonnen, nachdem die Wikinger von den AngelSachsen im Norden besiegt wurden, uebermuedet dann sofort danach die frischen Truppen der Normannen in Hastings bekaempften. Keine Seite hatte einen Vorteil, bis die Reiterei der Normannen die ausgelaugten Infanteristen der Angel Sachsen dann in umflanken konnten.
4. Buchempfehlung
J.W.Goethe 04.08.2014
Ich kann Inuk da nur beipflichten. Die Bücher werden zur Sucht.
5. Stimmt.
oli h 04.08.2014
Zitat von InukNachzulesen in der bisher siebenbändigen spannenden, historischen Abenteuersaga Uhtred von Bernard Cornwell, welche ich alle mit größtem Vergnügen verschlungen habe. http://www.lovelybooks.de/autor/Bernard-Cornwell/reihe/Sachsen-Uhtred-Saga-in-Reihenfolge-1083336349/
Deswegen habe ich den Artikel auch nur zur Hälfte gelesen, bin noch nicht durch mit den Büchern. Habe aber auch sofort an Uthred denken müssen :-) Wobei ich die Warlord-Chronicles noch einen Tick besser fand...
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL Geschichte 4/2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH






SPIEGEL.TV
Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: