Künstler und Wissenschaftler War Leonardo da Vinci wirklich ein Genie?

Leonardo da Vinci gilt als Universalgenie der italienischen Renaissance. Der Aufsteiger, Außenseiter und Autodidakt fand früh Bewunderer, seine Erfindungen aber waren oft nicht sonderlich brillant.

Selbstporträt von Leonardo da Vinci
imago/ Leemage

Selbstporträt von Leonardo da Vinci

Von


Die Zeichnung zeigt einen Mann mit markanter Nase und buschigen Augenbrauen, mit wallend langen Haaren und einem dichten Vollbart. Manche Experten halten es für das einzige Selbstporträt von Leonardo da Vinci, von ihm im Alter von etwa 60 Jahren gemalt.

Der Künstler hat darauf einen durchdringenden Blick. Und sieht nicht wirklich glücklich aus. Leonardo schaut lange nicht so charmant wie die Dame auf seinem berühmtesten Bild, der "Mona Lisa".

Leonardos einzigartiger Ruf gründet allerdings nicht nur auf seinen wenigen Gemälden. Johann Wolfgang von Goethe schwärmte von einem "Mustermenschen", Sigmund Freud von einem "allseitigen Genie".

Aus SPIEGEL Geschichte 4/2017

Viele Zeitgenossen, noch mehr aber seinen nachgeborenen Bewunderer waren von der Vielzahl der Interessen und Begabungen des italienischen Renaissancetalents hingerissen. Er schien so viel gewusst und gekonnt zu haben, begabt als Künstler wie als Wissenschaftler, dass ihm das Prädikat "Universalgenie" verliehen wurde.

Doch war Leonardo dies wirklich? Oder war er vielmehr ein genialischer Dilettant, wie Papst Leo X. glaubte?

"Ach!", sagte der Kirchenmann über Leonardo: "Dieser Mann wird nie etwas tun, denn er fängt an, über das Ende nachzudenken, bevor das Werk begonnen ist."

Geboren wurde Leonardo am 15. April 1452 in dem Ort Vinci in der Toskana. Da er das uneheliche Kind eines florentinischen Notars war, konnte er nicht studieren und begann im Alter von 17 Jahren eine Lehre in der Werkstatt von Andrea del Verrocchio, einem bedeutenden Renaissancekünstler.

Leonardo war ein lebenslustiger junger Mann, wobei ihn Frauen nicht interessierten. Als er 24 Jahre alt war, ermittelten Beamte des florentinischen Magistrats wegen "Sodomie" gegen ihn. Er sollte mit einem Stricher Unzucht getrieben haben. Zu einer Anklage aber fehlten die Beweise.

1482 ging der inzwischen 30-Jährige nach Mailand, wo Herzog Ludovico Sforza herrschte. Da dieser mehr als zwei Drittel seines Haushalts für seine Feldzüge ausgab, diente sich Leonardo ihm nicht als Maler an, sondern als Militäringenieur.

Er wolle, heißt es in seinem Bewerbungsschreiben, "Eurer Herrschaft meine geheimen Erfindungen vorlegen". Darunter seien: "Eine außerordentlich leichte und feste Brücke. Eine endlose Vielzahl von Rammböcken. Eine Methode, Festungen zu zerstören, die auf einem Felsen gebaut sind. Eine Art Bombardement, das Schauer von kleinen Steinen schleudert und dessen Rauch den Feind in Schrecken versetzt."

Leonardo zeichnete in Mailand verschiedenstes Kriegsgerät, aber entwarf auch eine Laute. Er erfreute als Sänger den Herzog und seinen Hof mit improvisierten Liedern. Zudem entwarf er prunkvolle Dekorationen für öffentliche Umzüge. Dabei führte er ein lockeres Leben. "Obgleich er nichts besaß und nur wenig arbeitete", heißt es bei seinem Biografen Giorgio Vasari, "hielt er sich ständig Bedienstete und vor allem Pferde."

Noch bevor er nach Mailand ging, hatte Leonardo damit begonnen, Arbeitsbücher zu führen; bis zu seinem Tode füllte er akribisch und besessen diese Journale mit seinen Zeichnungen und Notizen. Etwa 6000 Seiten sind erhalten, jedoch in aller Welt verstreut. Die britische Königsfamilie verwahrt den Großteil der anatomischen Skizzen in ihrem Stammsitz in Windsor; der Microsoft-Milliardär Bill Gates ersteigerte 1994 ein Arbeitsbuch für mehr als 30 Millionen Dollar.

imago/ Leemage

Die Aufzeichnungen zeigen Leonardo als rastlosen Forscher. Sie offenbaren aber auch, dass er vollkommen unsystematisch vorging und seine Themen nicht analytisch durchdrang. Er brachte sich selbst ein wenig Latein bei und versuchte, Aristoteles und Archimedes zu lesen.

Seine wissenschaftlichen Interessen gründeten in der Malerei. Um Menschen bildlich darstellen zu können, befasste er sich mit Anatomie. "Derjenige, der nicht weiß, welche Muskeln welche Bewegungen verursachen", schrieb er, werde Muskeln in Bewegung nur "schlecht zeichnen". Mit seinen anatomischen Studien war er, nicht zuletzt dank seiner enormen Fähigkeiten als Zeichner, der Zeit weit voraus.

Getty Images

Leonardo war ein Autodidakt und Aufsteiger, dazu homosexuell. Dass er sich als Außenseiter in der Feudalgesellschaft der Renaissance fühlte, förderte seinen Eigensinn und seine Ausdauer. Nachdem die Franzosen im Oktober 1499 Mailand erobert und Herzog Ludovico gefangen genommen hatten, ging Leonardo zurück in seine Heimatstadt Florenz. Für die Kunst schien er nahezu verloren, jedenfalls schrieb ein Mönch: "Seine mathematischen Untersuchungen haben ihn so von der Malerei abgebracht, dass ihn der Anblick eines Pinsels aufregt."

Schon immer hatte der Künstler sehr langsam gemalt. Zum einen experimentierte er ausdauernd mit Lasuren und Farben, zum anderen hemmten ihn seine extrem hohen Ansprüche. "Er hatte von der Kunst eine so erhabene Meinung", sagte ein Schüler über ihn, "dass er Fehler fand, wo andere Wunderwerke erblickten."

imago/ Leemage

Die Arbeit an seinem grandiosen "Abendmahl" im Mailänder Kloster Santa Maria delle Grazie hat ein Mönch beschrieben: Manchmal pflegte Leonardo demnach "vom Sonnenaufgang bis zur Abenddämmerung niemals den Pinsel aus der Hand zu legen"; er vergaß gar zu essen und zu trinken. Dann vergingen zwei, drei, vier Tage, in denen er nicht mehr Hand daranlegte und trotzdem eine oder zwei Stunden am Tag vor dem Wandgemälde stand. Er "betrachtete, begutachtete und beurteilte prüfend seine Gestalten". An anderen Tagen tat er schnell ein paar Striche und ging wieder. Mehr als drei Jahre, von 1494 bis 1497, quälte sich Leonardo mit Unterbrechungen an seinem Mailänder Meisterwerk.

Leonardos Oeuvre als Maler blieb klein. Insgesamt hat er in rund 40 Jahren nur zwei Dutzend Gemälde geschaffen oder begonnen. Als unvollendet galt ihm auch das Gemälde von 1503, das zum Symbol aller Bilder geworden ist: das Porträt von Lisa del Giocondo, der Gattin eines reichen florentinischen Seidenhändlers, "Mona Lisa" genannt.

imago/ United Archives Internatioal

Leonardo kassierte gern Vorschüsse für Kunstwerke, ging aber dann lieber seinen wissenschaftlichen Interessen nach. Ein Beamter der florentinischen Stadtverwaltung beklagte, dass er "sich gegenüber dieser Republik nicht so verhalten hat, wie er es hätte tun müssen, indem er eine gute Summe Geldes erhalten und nur wenig von dem großen Werk begonnen hat".

Schon 1502 nahm Leonardo, auch um dem Malen zu entkommen, eine Stellung als Militäringenieur bei dem Kriegsherrn Cesare Borgia an. Obgleich er Krieg als "bestialische Tollheit" ablehnte, stellte er sich in den Dienst des berüchtigten Machtpolitikers.

Seine militärtechnischen Einfälle waren jedoch nicht bahnbrechend. Er entwarf gigantische Armbrüste, die angesichts des aufkommenden Schießpulvers keine Zukunft hatten. Ihm fehlte die Kriegserfahrung, um wirkungsvolle Waffen zu konstruieren. Seine militärischen Maschinen waren, so der Leipziger Kunsthistoriker und Leonardo-Experte Frank Zöllner, "noch utopischer, als man ohnehin vermutet".

Seine gern gerühmten Erfindungen - Hubschrauber, Fallschirm und andere Apparaturen - haben zum Teil andere zuvor ersonnen; wenn auch nicht so gut gezeichnet. Weder seine Wunderwaffen noch die von ihm entworfenen Gebäude wurde je realisiert.

imago/ United Archives International

Dennoch ernannte Franz I. von Frankreich Leonardo 1516 zum "Ersten Maler und Ingenieur und Architekten des Königs" und überließ ihm für seine letzten Lebensjahre - er starb am 2. Mai 1519 - einen Landsitz bei seinem Schloss in Amboise. Der junge König fand "großen Gefallen" daran, Leonardo "konversieren zu hören". Der Regent schätzte ihn als "großen Philosophen".

Diese Hochachtung war übertrieben, doch bewundernswert ist und bleibt Leonardos Blick auf die Welt. Seine Neugierde und sein Eigensinn stehen für den Aufbruch aus dem Mittelalter und den von der Kirche verordneten Gewissheiten. Er war ein vormoderner Materialist. Wirkliches Wissen basierte für ihn auf sinnlicher Erfahrung und nicht auf Glauben. Über die Frage, ob es einen Gott oder eine Seele gebe, ließe sich ewig streiten, argumentierte er. Nicht aber darüber, dass zwei mal drei sechs ist. Und das, obwohl Leonardos Stärke das Rechnen nicht war - Zeit seines Lebens lernte er nicht, richtig zu dividieren. Als "omo senza lettere", als unbelesenen Mann, bezeichnete der Autodidakt sich selbst. Auf manchen Feldern war er dementsprechend weniger göttliches Genie als genialer Dilettant.

Wer Leonardo da Vinci kritisieren will, wirft ihm daher gewöhnlich seine Unbeständigkeit vor. Leonardo selbst war sich des Problems durchaus bewusst. "Ganz wie ein Königreich in sein Verderben läuft, wenn es sich teilt", schrieb er, "so verwirrt und schwächt sich der Geist, der sich mit zu vielen Themen beschäftigt."

Mittlerweile ist es vor allem anderen die Haltung Leonardos, die fasziniert: sein unbändiger Forscherdrang; sein Bemühen, vom Glauben zum Wissen zu gelangen; sein kritischer Geist, mit dem er Dogmen infrage stellte; sein Eigenwille als gesellschaftlicher Außenseiter. Die Kombination dieser Eigenschaften machte ihn zum Modell für das autonome Individuum der Moderne. "Er lebt nicht im autoritären Totalwissen", sagte der Philosoph Karl Jaspers, "sondern im fragenden und findenden Voranschreiten."

Der Künstler, der immer mehr zum Wissenschaftler wurde, glaubte, dass oft ein Umweg zum Ziel führe. "Durch verworrene und unbestimmte Dinge", schrieb Leonardo, "wird nämlich der Geist zu neuen Erfindungen wach."

Aus SPIEGEL Geschichte 4/2017


insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Phi-Kappa 18.09.2017
1.
Das Faszinierende an da Vinci sind vielleicht nicht seine Erfindungen – von denen keine einzige während seiner Lebzeiten realisiert wurde – sondern vielmehr seine unglaubliche Neugier, Kreativität und Schaffenskraft. Der Mann muss quasi über Jahrzehnte jede Sekunde für seine umfangreichen Forschungen aufgewendet haben, wobei manche – man denke an seine Autopsien von menschlichen Leichen - nicht ganz ungefährlich waren.
hmueller0 18.09.2017
2. Hinterher ist man immer schlauer
Es ist ja leicht, wenn man einige Jahrhunderte später kommt von vom bis dahin erarbeiteten Wissen profitiert, die Nase zu rümpfen und zu sagen "war ja garnicht so genial". Kann man nur hoffen, dass Diejenigen selbst wenigstens einen ähnlich großen Horizont haben. Bei den meisten dürfte es ja heute schon beim neuesten Apple-Device oder der Frage nach aktueller Brillen/Bartmode Schluß sein. Die kommende Wahl wird es wieder zeigen, wie geistig offen und flexibel die Zeitgenossen sind.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL Geschichte 4/2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.