Lieben im Mittelalter Swingerklub mit Holzbottich

Sexualität und Erotik im Mittelalter waren lustvoll und explizit. Daran änderten die Bußkataloge der Kirche nur wenig, in denen die Liebespraktiken detailliert beschrieben wurden. Von Andreas Wassermann


"Der Vollzug der Ehe" Aus einer illuminierten Handschrift, um 1450
Österreichische Nationalbibliothek, Wien/ BPK

"Der Vollzug der Ehe" Aus einer illuminierten Handschrift, um 1450

Auch Nonnen haben Lust. Und schließlich gibt es da diesen Jungen, gutgebaut und mit fröhlichen Locken, der seit Kurzem den Klostergarten harkt. Da ist die Versuchung groß für Christus' Bräute, doch mal fremdzugehen und von jenen Freuden zu kosten, die ihnen eigentlich verwehrt sind.

Gott sei Dank ist der verführerische Junge taub und stumm, so scheint es zumindest. Ein Lustobjekt, das, selbst wenn es wollte, keine Sünde verraten kann. So glauben die Nonnen. Es weichen die letzten Hemmungen der frommen Schwestern, die nun eine nach der anderen - die Kutten weit über die Schenkel gerafft - den Jungen in einen Verschlag im Garten oder ihre Klosterzelle ziehen, um sich seiner zu bedienen.

Als auch noch die Mutter Oberin zum Schäferstündchen lädt, reicht es dem inzwischen recht ausgezehrten Hilfsgärtner. Der angeblich Stumme spricht.

Es ist ein Wunder, sagt die Klostervorsteherin, verzückt, aber unbefriedigt.

Die Szene spielt im 14. Jahrhundert, in einem ungenannten Bergkloster oberhalb der Amalfiküste südlich von Neapel. Es ist eine von sieben Episoden aus dem Film "Il Decamerone" von Pier Paolo Pasolini, einem der wichtigsten Filmemacher und Literaten der Linken im Nachkriegs-Italien.

Pasolinis filmischer Bilderbogen über Liebe, Lust und Sex im ausgehenden Mittelalter löste 1971 einen Sturm der Entrüstung beim katholischen Klerus aus. Staatsanwälte in Rom wollten den Film als jugendgefährdende Pornografie verbieten lassen, scheiterten aber an Richtern, die künstlerische Freiheit höher werteten als vermeintliche Sittenstrenge.

Schließlich basiert Pasolinis Film auf dem literarischen Meisterwerk "Dekameron" des florentinischen Renaissance-Humanisten Giovanni Boccaccio, der zur italienischen Kulturgeschichte gehört wie Michelangelo mit seinen Deckenfresken in der Sixtinischen Kapelle oder Dante Alighieri mit der Göttlichen Komödie.

Nun war es weder Zufall noch bloße Lust an der Provokation, dass sich Pasolini Boccaccios Werk annahm und es so interpretierte, wie es das Publikum während der sexuellen Revolution und dem politischen Aufruhr um 1970 auch verstand. Der Filmemacher habe die "Erzählkunst des Mittelalters" bemüht, schreibt der Pasolini-Biograf Enzo Siciliano, "um die Phasen nachzuzeichnen, in denen der Mensch - der neue Mensch, das Verbindungsglied zwischen archaischen, bäuerlichen Idealen und humanistischen Werten - sich selbst als geistiger Handlungsträger seines eigenen Geschicks entdeckte".

Szene mit einem Geistlichen, seiner Konkubine und dem gemeinsamen Kind (Englische Buchmalerei, 14. Jh.)
AKG/ British Library

Szene mit einem Geistlichen, seiner Konkubine und dem gemeinsamen Kind (Englische Buchmalerei, 14. Jh.)

Das Mittelalter, jene Zeit der düsteren Burgen, der Kreuzzüge, des Aberglaubens und der Leibeigenschaft, auf einmal ein Hort der Libertinage, der befreiten Sexualität, die letztlich zum freien Menschen führt? Vielleicht ist es etwas schlichter: Liebe und Lust werden schon damals vielfältig und widersprüchlich er- und gelebt - trotz der vermeintlich gottgewollten Ordnung und einer omnipräsenten Kirche, die Körperlichkeit offiziell ablehnt, weil sie angeblich den Weg zur Spiritualität verbaut.

Die christliche Kirche will den Menschen Sex nur erlauben, um sich fortzupflanzen. Lust dabei zu empfinden, sei schon per se eine Sünde, predigen die geistlichen Herren. Dennoch gelingt es den Klerikern nicht, Erotik und Sinnlichkeit aus dem Leben der Gläubigen zu verbannen. Wie zu allen Zeiten von der Antike bis in die Moderne herrscht in Lust- und Liebesdingen eine gewisse Bigotterie.

So ist es in Toulouse wie in vielen Städten Südfrankreichs Usus, ertappte Ehebrecher in einer reichlich bizarren Prozession nackt durch die Straßen zu jagen. Allerdings wird der Seitensprung der Ehefrau nicht immer mit einem derart archaischen Spektakel geahndet. Oft kaufen betrogene Patrizier ihre Gattinnen von der Bestrafung frei; nicht etwa aus Mitleid, sie wollen nur nicht für alle Welt als die Gehörnten sichtbar sein. Fremdgehende Ehemänner werden meist ohnehin nicht behelligt.

Der Klerus verteufelt die käufliche Liebe, verdient aber in der heiligen Stadt Rom an der Prostitution kräftig mit. Die Einnahmen aus der von der Kirche erhobenen Dirnensteuer sind besonders hoch, wenn die Gläubigen zum Sitz des Papstes pilgern.

Monarchen wie Karl der Große, die regelmäßig beten, beichten und dem Papst ewige Treue schwören, bereichern ihre christliche Ehe ganz selbstverständlich mit Geliebten. In der adligen Oberschicht gehört damals die Mätresse genauso zum Savoir-vivre wie heute noch am Amtssitz des französischen Präsidenten, dem Élysée-Palast. Auf 33 Konkubinen bringt es der Überlieferung nach Herzog Philipp der Gute von Burgund im 15. Jahrhundert.

Die Frauen von edlem Geblüt tun es den Männern mitunter gleich, sobald sich die Gelegenheit bietet. Wenn die Herren Grafen und Barone als wahre Christenmenschen zum Kreuzzug ins Heilige Land aufbrechen, sucht so manch zurückgelassene Burgdame Trost und Befriedigung bei einem feschen Burschen von niederem Stand oder einem Mönch, der seine Erfüllung nicht nur beim Beten und Arbeiten im Weinberg des Herrn findet. Keuschheitsgürtel sind, entgegen einer verbreiteten Legende, im Mittelalter praktisch unbekannt.

Zwar fürchten die Menschen jener Epoche, vom Edelmann bis zum Knecht, dass derart lasterhaftes Tun den Zorn Gottes und die ewige Verdammnis nach sich ziehen könnte, doch sollten sie deswegen immer keusch und sittsam sein? Dafür sind auch im Mittelalter die irdischen Versuchungen viel zu groß. Und außerdem lässt sich die eine oder andere Sünde ja aus der Welt schaffen - durch Buße oder eine großzügige Spende für die neue Kathedrale.

In seinem Essay "Liebeskunst und Lebenslust" schreibt der belgische Autor Arnaud de la Croix, das mittelalterliche Denken "kennt ganz grundlegend die moderne Trennung zwischen Spiritualität und Materialismus nicht". Der damalige Mensch erscheine uns deswegen "hin- und hergerissen zwischen seiner Liebe zur Schönheit der Welt und dem Dienst für einen körperlosen Gott".

So befremdlich es auch auf den ersten Blick erscheint - jene Zerrissenheit zwischen irdischer Lust und gläubiger Jenseits-Erwartung findet seinen Ausdruck auch in religiösen Zeugnissen. In der Krypta der Kathedrale St. Etienne von Auxerre in Burgund prangt zwischen sakraler Kunst ein für eine Kirche reichlich ungewöhnliches, ja ungehöriges Bildlein. Es zeigt, ganz oben und ohne Fernglas kaum zu erspähen, ein nacktes junges Mädchen, das mit Blumen bekränzt auf einem Ziegenbock reitet.

Frankenkönig Chilperich mit weiblichem Gefolge (Französische Chronik, 14. Jh.)
Ullstein Bild

Frankenkönig Chilperich mit weiblichem Gefolge (Französische Chronik, 14. Jh.)

Es ist nicht das einzige sexuelle Motiv, das die Kirche - freiwillig oder unfreiwillig - aus dem Mittelalter überliefert hat. Als in den 1990er Jahren der britische Kunsthistoriker Michael Camille Originale von Psalm-Sammlungen aus dem 13. und 14. Jahrhundert inspizierte, die Mönche kunstvoll skribiert hatten, machte er eine erstaunliche Entdeckung: Die Randzeichnungen jenseits der Text- und Bilder-Kolumnen, die lange nur als schmückendes oder groteskes Gekritzel gewertet wurden, enthielten auch sexuelle Anspielungen. So fand sich unter den Marginalien der Schrift eine Nonne, die Penisse pflückt.

Sind die Sex-Bilder im Schoß der Kirche noch eher allegorisch oder traumhaft surreal, so lassen die Laien nackte Tatsachen sprechen. Aus dem Spätmittelalter sind Buchminiaturen überliefert, die Liebespaare im Bett, beim Entkleiden oder - spärlich bedeckt - beim Koitus zeigen. Im 15. Jahrhundert werden die beliebten Badehäuser zum bevorzugten Motiv sexuell aufgeladener Darstellungen. Diese Etablissements waren in den mittelalterlichen Städten entstanden, sie dienten nicht nur der Reinigung, sondern waren oft auch Treffpunkte der Freunde des spontanen Sex-Spiels zu zweit oder zu mehreren - eine Art Swingerklub mit Holzbottich.

Eindeutige Szenen aus dem öffentlichen Badehaus mit viel Liebe zum Detail finden sich auf Bildern oder in Buchillustrationen, auch als Holzschnitzereien an Orten der weltlichen Macht, wie in Damme, einer Kleinstadt in Westflandern. Auf einem Deckenbalken des gotischen Rathauses ist ein Mann zu erkennen, der eine Hand auf die Brüste seiner Begleiterin legt und die andere zwischen ihre Schenkel geschoben hat. Das Paar auf dem Holzbalken vergnügt sich im Badehaus.

Illustrationen und handwerkliche Kleinode wie die Schnitzarbeit von Damme liefern einige Einblicke in das damalige Liebesleben. Wer aber begreifen und nachfühlen will, wie in der immerhin ein Jahrtausend umspannenden Epoche geliebt wurde und welche Bedeutung die Erotik hatte, die im abendländischen Mittelalter lateinisch "Luxuria", Fleischeslust, genannt wurde, ist auf die zeitgenössische Literatur angewiesen.

Die bekannteste Form ist die höfische Dichtung, die ihre Blütezeit zwischen dem 11. und 14. Jahrhundert erlebt. Lyrische Sprechgesänge, untermalt von Lautenklängen, lobpreisen die alles verzehrende Liebe, die in der Regel außerhalb oder neben der meist arrangierten Ehe Erfüllung findet. Und dabei geht es nicht nur um romantische Schwärmerei, sondern auch um handfesten Sex.

So beschreibt der deutsche Minne-Dichter des späten 12. Jahrhunderts, Walther von der Vogelweide, in seinem Lied "Under der Linden" das Liebeserlebnis eines Mädchens aus dem Volk mit ihrem adligen Geliebten in freier Natur: "Dass er mit mir schlief, wüsste das jemand (nein, bei Gott!), dann schämte ich mich. Was er mit mir tat, niemand jemals soll das wissen außer ihm und mir. Und jener kleine Vogel: Tandaradei, der wird sicherlich verschwiegen sein."

Bernart Marti, ein Troubadour aus Südfrankreich schwärmt in einem Gedicht vom lustvollen Ehebruch in Adelskreisen: "Wenn ich nackt in ihrer Wohnung bin / Und sie umarme und ihre Seiten streichle / Kenne ich keinen Kaiser / Der imstande wäre, eine größere Belohnung zu ernten / Und mehr vollkommene Liebe zu erhalten."

Auch kirchliche Dokumente erweisen sich als aufschlussreich. Die Bußbücher sind religiöse Breviere, die detailliert regeln, wie lange Eheleute fasten müssen, wenn sie am Sonntag, dem Tag des Herren, miteinander geschlafen haben, oder Mönche dem Rotwein zu entsagen haben, wenn sie einer Novizin im benachbarten Nonnenkloster unter die Kutte gefasst haben.

Allegorie der "Luxuria" (Fleischeslust) (Zeichnung von Pisanello, um 1426)
AKG

Allegorie der "Luxuria" (Fleischeslust) (Zeichnung von Pisanello, um 1426)

Für das frühe Mittelalter, das den Zeitraum vom Jahr 500 bis 1000 umfasst, sind die Bußbücher oft die einzigen Quellen. Nirgendwo sonst sind Liebespraktiken aus jener Zeit so detailliert beschrieben. Schließlich hatten die Priester den Ehrgeiz, die Bußen passgenau auf die vermeintlichen Sünden auszurichten. Dazu gehörten nicht nur Sex-Praktiken, die dem Klerus missfielen, wie Oral- oder Analverkehr.

Auch wenn Frauen ihren bisweilen lendenlahmen Ehemännern zum nötigen Stehvermögen verhelfen wollten, war Buße geboten. Im Decretorum - einer Art Bußkatalog, den der Kirchenrechtler Burkhard von Worms zwischen 1008 und 1012 verfasst hat - werden genaue Fragen gestellt:

"Hast du getan, was manche Frauen zu tun pflegen? Sie nehmen einen lebendigen Fisch und stecken ihn in ihre Scheide, lassen ihn dort so lange, bis er tot ist, kochen oder braten ihn und geben ihn ihren Ehemännern zu essen, damit diese mehr in Liebe zu ihnen entbrennen. Hast du das getan, sollst du zwei Jahre lang an den erlaubten Wochentagen fasten."

Burkhard von Worms hat die wohl ausgefeilteste Bußbuch-Sammlung hinterlassen. Wer wann wie Sex haben darf, der Bischof hat es en détail geregelt: Geschlechtsverkehr von hinten, "wie es die Hunde tun" - zehn Tage nur Wasser und Brot. Sex, während die Frau ihre Regel hat - zehn Tage Wasser und Brot. Sex während der Schwangerschaft - 20 Tage. Sex am Sonntag und während der Fastenzeit - 40 Tage plus "26 Sous Almosen".

Ganz besonders kreativ zeigte sich der Bischof, wenn die Tage der Enthaltsamkeit von Trunkenbolden missachtet wurden. Wer berauscht vom Wein während der Fastenzeit mit seiner Gattin schlief, dem erließ der Bischof zwar die Hälfte der Fastenstrafe, wohl aus verminderter Schuldfähigkeit. Dafür aber wurde dem Sünder ein neues Verbot aufgebrummt: "Du musst 20 Tage lang vor Weihnachten die Keuschheit wahren", beschied der Wormser Sittenwächter.

Es wäre wohl die meiste Zeit im Jahr ziemlich freudlos zugegangen, hätten sich die Menschen an all diese Auflagen und Vorgaben der Kirche gehalten. Der französische Historiker Jean Louis Flandrin schätzt, dass ein Paar, das im 8. Jahrhundert gott- und kirchengefällig lieben und leben wollte, "sich nur an 91 bis 93 Tagen im Jahr vereinigen konnte".

Doch dieser bescheidene Lust-und-Liebe-Korridor war schon ein kleiner Fortschritt. Im ersten noch erhaltenen Bußbuch aus Irland fordert der Missionar Finnian von Clonard im 6. Jahrhundert seine Schäfchen auf, am besten gleich ganz auf Sex zu verzichten: "Wir empfehlen die Enthaltsamkeit in der Ehe, denn eine Ehe ohne Enthaltsamkeit ist keine echte Ehe, sondern eine Sünde." Schließlich sei die Ehe "nicht von Gott für die Freude gegeben, sondern um sich fortzupflanzen".

Doch dem irischen Enthaltsamkeits-Apostel bereitete nicht nur Kopfzerbrechen, dass der ganz gewöhnliche Christenmensch bisweilen mal Spaß im Bett haben wollte. Weit mehr erregen konnte Finnian, dass auch Priester, Mönche und Nonnen sich nur allzu gern der Fleischeslust hingaben. Trotz teilweise drakonischen Strafen, wie der lebenslangen Verbannung aus der schützenden Klostergemeinschaft oder schweren körperlichen Züchtigungen, gehörte Sex in allen Spielarten zum Alltag des mittelalterlichen Klosterlebens.

Prostituierte und Freier (Französische Buchmalerei, um 1403)
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Prostituierte und Freier (Französische Buchmalerei, um 1403)

Mönche befriedigten sich gemeinsam mit ihren Brüdern selbst oder gegenseitig. Sie trieben es mit Nonnen, was als besonders verwerflich galt, schließlich hatten sich die Ordensschwestern verpflichtet, nur Christus und die heilige Mutter Kirche zu lieben. Und nicht zuletzt suchten und fanden sie Liebespartnerinnen auch außerhalb der Klostermauern.

Das geile Mönchlein gehört denn auch zu den Lieblingsfiguren der Fabliaux, jener frivolen und mitunter subversiven Texte, die sich in Frankreich seit dem 12. Jahrhundert beim Volk großer Beliebtheit erfreuten. In der kleinen Erzählung "Le prestre teint" wird ein Gottesmann der Liebhaber der Frau eines Handwerksmeisters. Und die verschweigt die Vorzüge des Priesters auch gegenüber ihrem Gatten nicht: "Er hat einen größeren als Ihr und einen dickeren, müsst Ihr wissen."

Etwa 150 solcher Texte sind bis heute erhalten geblieben. Die Handlung ist häufig derb, die Sprache vulgär. Da hat ein junger Bauer "gevögelt dreizehnmal" die Frau eines Adeligen ("Trubert" von Douin de Lavesne). Ein Anonymus schreibt, wie ein Gast die Tochter eines Wirts "von allen Seiten genossen" hat: "Er hat sein Glied in die Fotze gestossen, dann hat er so sehr gehämmert und geschlagen, dass er tat, was er tun wollte."

Die Fabliaux, schreibt der Autor de la Croix, seien "nah am Volk der Bauern und Bürger". Sie zeugten von einer "Vorstellung von Sexualität, die sich dieses Volk machte, fern von den theologischen Vorschriften oder den Raffinessen der höfischen Liebe".

Die freizügigen Schilderungen beschränken sich jedoch auf den Sex zwischen Männern und Frauen. Schwule und Lesben kommen in den Fabliaux nirgends vor. Dabei gehört auch die Homosexualität zur Kultur des abendländischen Mittelalters.

Jüngeren historischen Forschungen zufolge gibt es Hinweise auf schwule Bruderschaften, selbst in Kirchenkreisen. Auch fanden die Historiker Indizien zu einzelnen Herrschern, die Männer liebten, wie den byzantinischen Kaiser Basileios I. im 9. Jahrhundert; oder zu gleichgeschlechtlichen Verbindungen, wie zwischen dem Habsburger Monarchen Friedrich dem Schönen und Ludwig dem Bayern im 14. Jahrhundert. Zwar versuchte die katholische Kirche früh, gleichgeschlechtliche Beziehungen als schwere Sünde zu brandmarken. Doch in Bußkatalogen des frühen Mittelalters wurde schwuler Sex, als "Sodomie" bezeichnet, nicht anders sanktioniert als heterosexueller Lustgewinn jenseits der Missionarsstellung.

Das änderte sich erst im späten Mittelalter. Ausgehend von den italienischen Stadtrepubliken Venedig und Florenz setzte eine regelrechte Homosexuellen-Verfolgung ein. Schwule liebten nun nicht nur anders, als der Klerus es für gottgefällig hielt. Eifrigen Inquisitoren galten sie nun als Ketzer; manche konnten sich freikaufen, andere wurden auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

Wegen Ehebruchs wird ein Paar mit Pfählung bestraft (Aus dem Zwickauer Stadtrechtsbuch von 1348)
BPK

Wegen Ehebruchs wird ein Paar mit Pfählung bestraft (Aus dem Zwickauer Stadtrechtsbuch von 1348)

Das Ende des Mittelalters war keine gute Zeit mehr für Lust und Liebe. Vor allem in den Städten wütete die schwarze Pest, die im 14. Jahrhundert die abendländische Bevölkerung um etwa ein Drittel dezimierte. Dichter verloren die Lust, dem Eros weiter zu huldigen. Die bildende Kunst wurde düster, es triumphierte der Tod als fratzenhaftes Skelett.

Ausnahmen gibt es. Der toskanische Dichter Boccaccio erzählt in seinem "Dekameron", wie eine Gruppe von sieben jungen Frauen und drei Männern aus wohlhabenden Familien aus Florenz flieht, um dem schwarzen Tod zu entgehen. Die jungen Leute nehmen Quartier in einem luxuriösen Landhaus auf halber Strecke zwischen Florenz und Fiesole.

Um sich die Zeit anregend zu vertreiben, erzählt nacheinander jeder aus der Gruppe eine kleine Geschichte. Sie handeln von Mächtigen und Wohlhabenden, von armen Schluckern und Tagedieben. Gemeinsam ist den Erzählungen, dass ihre Protagonisten alle selbstbestimmt handeln. Sie verlachen die kirchliche Sittenstrenge und ihre Bigotterie. Sie sind frei - auch in der Liebe und beim Sex.

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io_gbg 02.09.2016
1. in?
Die derzeitige Überschrift "Lieben in Mittelalter: ..." stellt mich vor ein großes Rätsel. Man darf raten was für ein Rätsel (Tip: Man denke an das Sprachliche).
localpatriot 02.09.2016
2. Je mehr gesündigt wurde je mehr Bussgeld
Die Menschen im Mittelalter wollten alle ins Paradies und je mehr Sünden, je mehr Messen wurden gelesen und je mehr Ablass wurde verkauft.
surry 02.09.2016
3. Erst mal die Lust
Zitat von localpatriotDie Menschen im Mittelalter wollten alle ins Paradies und je mehr Sünden, je mehr Messen wurden gelesen und je mehr Ablass wurde verkauft.
auf Erden genießen, dann beichten und mit Hilfe von Ablaß und heiliger Ölung die ewigen Freunden genießen - was ist denn falsch an dieser mittelalterlichen Haltung?
tomxxx 02.09.2016
4. und wer hat im Mittelalter...
solche Bücher geschrieben? Kommen doch nur Mönche in Frage (wer konnte sonst schreiben)?
Grorm 02.09.2016
5. Erst mal die Lust
Zitat von surryauf Erden genießen, dann beichten und mit Hilfe von Ablaß und heiliger Ölung die ewigen Freunden genießen - was ist denn falsch an dieser mittelalterlichen Haltung?
Machen Sie es doch, nie war so billig, seine Sünden loszuwerden, wie dieses Jahr. Sie müssen nur dreimal durch die "heilige Pforte" (PORTA SANCTA) einer katholischen Kirche schreiten und schon sind Sie unschuldig wie ein Neugeborenes! Aber Obacht, das Angebot von Papst Franziskus gilt nur noch bis zum 31.12.2016 ... ;-)
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