Peter der Große Genie, Stratege, Barbar

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Von Mathias Schreiber

2. Teil: Der "Drang zum Meer"


Ohne einen eisfreien Zugang zur Ostsee oder zum Schwarzen Meer kann Russland weder als Handelsmacht noch militärisch reüssieren. Der sprichwörtlich gewordene "Drang zum Meer" bestimmt Peters Strategie. Sie mündet in zwei Kriege: gegen die Krimtataren und Türken im Süden und danach gegen die Schweden im Nordwesten, welche die baltische Ostseeküste beherrschen.

Nach einem ersten, gescheiterten Versuch, die Türkenfestung Asow auf dem Landweg zu erobern, beweist er eindrucksvoll seinen für Russlands Aufstieg entscheidenden Charakterzug: ungeheure Willenskraft, zähe Zielstrebigkeit gerade auch nach Rückschlägen. An einem Nebenfluss des Don erweitert Peter lokale Bootsbauwerkstätten zu einer großen regelrechten Werft, wo er in wenigen Monaten 30 Galeeren und Hunderte von kleineren Barken auf Kiel legen lässt. Arbeitskräfte lässt er zwangsweise rekrutieren.

Bald ist es so weit: Peter kann die Versorgung Asows über die See blockieren. Vier Wochen nach der zweiten Belagerung kapituliert die Festung. Ein lange verstopftes Nadelöhr zum Schwarzen Meer ist geöffnet. Auf einen Schlag ist Peter eine europäische Berühmtheit. Doch der Zar lässt sich vom frischen Ruhm nicht blenden. Er weiß sehr wohl, dass er ohne ausländische Schiffsbauer, Navigatoren und Artilleristen die Türken nicht besiegt hätte.

Bruch mit der Tradition

So beschließt er am Jahresende 1696, eine "Große Gesandtschaft" der Lernbegierigen nach Westeuropa zu schicken und selbst daran teilzunehmen. Diese Gesandtschaft ist jedoch ein provozierender Verstoß gegen eine jahrhundertealte Tradition. Der oberste Herrscher Russlands, der Beschützer der Kirche verlässt niemals zu Friedenszeiten die russische Erde, schon gar nicht monatelang und inkognito.

Peters Bruch mit der Tradition ermutigt seine Gegner, eine Verschwörung anzuzetteln. Wieder sind Strelizen beteiligt; die Parole lautet: Wer das heilige Russland an das Ausland verrät, der soll sterben. Doch die Putschisten fliegen auf. Peter rächt sich furchtbar. Unter der Folter gestehen die Verschwörer, mit der entmachteten Sofija konspiriert zu haben. Ihnen werden reihenweise die Gliedmaßen und die Köpfe abgehackt.

Sechs Tage nach diesem barbarischen Schlachtfest, im März 1697, bricht die "Große Gesandtschaft" gen Westen auf, eines der anrührendsten und komischsten Reiseabenteuer der Geschichte. Die Gesandtschaft, das sind mehr als 250 Leute, darunter einige Dutzend Adlige, Leibgardisten, drei Übersetzer, ein Stallmeister, vier Kämmerer, zwei Goldschmiede, sechs Trompeter, 70 besonders großgewachsene Soldaten, außerdem Ärzte, Geistliche, Köche, vier Zwerge, ein Affe.

Anderthalb Jahre unterwegs

Die Reise der Kutschen, Reiter und Bagagewagen dauert 18 Monate. Sie führt über Riga und das Polen zugehörige Kurland - wo die trinkfreudigen Russen wirken wie "getaufte Bären" - nach Königsberg. Hier absolviert Peter einen Kurs in Artillerietechnik. Und er trifft den brandenburgischen Kurfürsten Friedrich III., den späteren Preußenkönig Friedrich I.

In Königsberg bleibt der Zar fast zwei Monate, dann gelangt er über Berlin nach Coppenbrügge bei Hameln. Der genussfreudige Peter lernt bei einem vierstündigen Abendessen mit Musik und Tanz zwei Damen des westlichen Hochadels schätzen: die Kurfürstin Sophie von Hannover und ihre hübsche, gebildete Tochter Sophie Charlotte. Ihnen erscheint Peter trotz "bäurischer Manieren" als ein "außerordentlicher Mann".

Die nächsten Stationen der wunderlichen Russenreise sind Amsterdam und die nicht weit davon entfernte Werftstadt Zaandam. Schon am Tag nach der Ankunft lässt sich ein gewisser "Peter Michailow" bei einer privaten Werft, mit Werkzeug und in zünftiger Arbeitskleidung, als Zimmermann anstellen. Doch die Inkognito-Maskerade und der Deckname Michailow können nicht verhindern, dass schon bald die Leute neugierig nach Zaandam eilen, um diese seltsamen Russen zu bestaunen wie Zoo-Tiere. Der impulsive Zar ohrfeigt einen besonders zudringlichen Gaffer.

Ein Teil der Gesandtschaft setzt auf einem britischen Kriegsschiff über nach England, wo König William III. für den russischen Gast eine kleine Seeschlacht inszenieren lässt. Peter interessiert sich hier für eine Kanonengießerei, englische Särge, ein Hospital und das britische Münzwesen, das er zum Vorbild russischer Geldreformen wählt.



insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
Layer_8 07.11.2011
1. Danke!
Zitat von sysopGetty ImagesZar Peter der Große modernisierte Russland mit Gewalt. Als Flottenbauer und Feldherr formte er aus seinem Reich eine europäische Großmacht. Der Preis aber war hoch. http://www.spiegel.degeschichte/0,1518,812586,00.html
Vielen Dank für diesen Artikel! Das letzte Mal durfte ich mich kurz in der 10en Klasse mit dieser Person beschäftigen. Das war 1980. Hängen blieb die Bartsteuer in Russland. Bitte mehr solcher Artikel, wen interressiert schon die schnöde Tagespolitik?
langenscheidt 17.03.2012
2. Faszinierender Staatsmann
Schöner Artikel, der deutlich macht, daß nur Menschen mit Ideen was erreichen. Schade, daß Peter I. viel zu früh verstarb. Der russisch-ländliche Mief wäre in seiner längeren Amtszeit verloren gegangen und Russland nach ihm nicht mehr ein rückständiges, von verkappten Bauern regiertes Land gewesen.
frodo88 17.03.2012
3. Ja, toller Typ
Zitat von langenscheidtSchöner Artikel, der deutlich macht, daß nur Menschen mit Ideen was erreichen. Schade, daß Peter I. viel zu früh verstarb. Der russisch-ländliche Mief wäre in seiner längeren Amtszeit verloren gegangen und Russland nach ihm nicht mehr ein rückständiges, von verkappten Bauern regiertes Land gewesen.
Schade dass er schon Tod ist. Nebenbei hat er noch seinen Sohn! Alexej zu Tode foltern lassen. Was für ein fortschrittlicher Mann.
MashMashMusic 18.03.2012
4.
Zitat von frodo88Schade dass er schon Tod ist. Nebenbei hat er noch seinen Sohn! Alexej zu Tode foltern lassen. Was für ein fortschrittlicher Mann.
Wir reden hier schon von einer Zeit, als Fürsten gerne noch das Privileg der "ersten Nacht" in Anspruch nahmen, die Aufklärung noch nicht so wirklich aus den Puschen gekommen war, der gemeine Pöbel weder lesen noch schreiben noch rechnen konnte und längere Reisen gerne mal mit dem Tod endeten. Von heutiger Warte aus ist es recht einfach, Leute der Barbarei zu bezichtigen. Ungefähr ähnlich gefährlich, wie hierzulande ein "Friedenskämpfer" zu sein.
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