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31. Januar 2012, 00:00 Uhr

Peter der Große

Genie, Stratege, Barbar

Von Mathias Schreiber

Zar Peter der Große modernisierte Russland mit Gewalt. Als Flottenbauer und Feldherr formte er aus seinem Reich eine europäische Großmacht. Der Preis aber war hoch.

Der ideale Herrscher ist nicht nur klug und energisch, sondern auch groß und stark - dieses Wunschbild wurde in der Geschichte manchmal wahr. Ein zupackender Riese ist der Russe Pjotr Alexejewitsch Romanow (1672 bis 1725) bereits in jungen Jahren. Dem 13-Jährigen bescheinigt 1685 ein niederländischer Gesandter in Moskau, er habe nicht nur "angenehme Gesichtszüge", sondern sei so lebhaft am "Militärischen" interessiert, dass man von ihm eines Tages "gewiss kühne Aktionen und heroische Taten" erwarten könne. Zu diesem Zeitpunkt trägt er schon drei Jahre den russischen Herrschertitel: "Zar Peter I."

Als Erwachsener verfügt Peter über das Gardemaß von gut zwei Metern, da demonstriert er schon mal seine Kraft, indem er mit bloßen Händen aus einem silbernen Teller einen Klumpen knetet. Aber den Ruhmestitel "der Große" verdient sich der Tatmensch Peter viele Jahre später am Ende des "Nordischen Krieges".

Brutalität ist ihm lange vertraut. Mit nur zehn Jahren wird er im Moskauer Kreml-Palast Augenzeuge eines Blutbades. Auslöser ist eine vertrackte Mischung aus Familienzwist und politisch-sozialem Aufstand. Der Familienstreit folgt einem klassischen Muster: Peters Vater, der reformfreudige Zar Alexej Michailowitsch (1629 bis 1676), hat aus zwei Ehen 16 Kinder. Zwischen den Clans der beiden Mütter schwelt eine Dauerfehde, genährt vom Wunsch, dass der nächste Zar aus ihrer Linie stamme.

Machtgewinn der Strelizen

Gleichzeitig brodelt es bei den Strelizen, einer Elitetruppe, die 20.000 Mann umfasst. Die Soldaten beschuldigen ihre Obristen der Unterschlagung von Sold und der Misshandlung. Die Regierung lässt sie gewähren.

Die Strelizen genießen diesen Machtgewinn und ergreifen - angeblich um den Staat vor seinen Feinden zu schützen - Partei im Nachfolgestreit der verfeindeten Zarensippschaften. Im Mai 1682 verwüstet eine tobende Soldateska die Residenz der Zaren. Die Strelizen töten etliche Verwandte und Freunde Peters, darunter zwei seiner Onkel. Sie werden über Balustraden und Balkonbrüstungen in darunter aufgerichtete Lanzen und Hellebarden gestürzt, in Stücke gehackt und unter spöttischem Geschrei nahe der Basilius-Kathedrale zur Schau gestellt.

Nun setzen die Strelizen durch, dass zusammen mit dem zehnjährigen Peter, der kurz zuvor zum Zaren gewählt und vom Patriarchen bestätigt worden war, auch sein sechs Jahre älterer, geistig behinderter Halbbruder Iwan gekrönt wird. Für die beiden Unmündigen übernimmt Iwans energische und fähige Schwester Sofija, 24 Jahre alt, die Regentschaft, die sie sieben Jahre lang ausüben wird.

"Niemals", schreibt der Historiker Erich Donnert in seiner Biografie "Peter der Große" (1987), habe Zar Peter "die grauenvollen Szenen vergessen, die sich vor seinen Augen abspielten, als Angehörige seiner Familie von Strelizen zu Tode gespießt wurden". Der Strelizen-Alptraum sucht Peter sieben Jahre später abermals heim. Mit nun fast schon 18 Jahren steht er kurz vor der Volljährigkeit, doch seine Halbschwester Sofija will die Macht nicht abgeben. Weil er sich dagegen sträubt, schürt sie neue Unruhen.

Flucht in den Wald

In einer August-Nacht des Jahres 1689 melden zwei Kremlwächter dem jungen Zaren, der sich mit seiner Mutter in einem Dorf bei Moskau aufhält, Soldaten aus der Hauptstadt seien im Anmarsch und wollten ihn töten. Peter flieht in panischer Angst, springt barfuß, im Nachtgewand, auf ein Pferd und galoppiert in den nächsten Wald. Diener bringen ihm Kleidungsstücke. Dann reitet er nach Norden in das befestigte Sergius-Dreifaltigkeitskloster. Ihm wird klar: Eine Entscheidung ist fällig, Sofija muss dem jungen Zaren weichen oder ihn entmachten.

Der oberste Kirchenpatriarch ergreift Peters Partei, die ausländischen Offiziere, die russische Söldnertruppen in Moskau befehligen, fügen sich den Anordnungen aus dem Kloster. Die Regentin Sofija muss den Kreml verlassen und ins Neue Jungfrauenkloster im Moskauer Südwesten ziehen. Drei Scharfmacher der Strelizen werden gefoltert und geköpft.

Peters Position festigt sich, auch wenn seine Auseinandersetzung mit den widerspenstigen Strelizen damit noch nicht beendet ist. Vorerst plagen ihn andere Sorgen: Schon als 16-Jähriger hat er in einem Dorfschuppen ein halbverrottetes englisches Segelboot entdeckt, das er von einem holländischen Zimmermann herrichten ließ. Später nennt er diesen kleinen Kahn liebevoll das "Großväterchen der russischen Flotte" - eben diese Armada aufzubauen ist der größte Ehrgeiz des volljährigen Zaren. Das Problem dabei: Russland besitzt nur in Archangelsk, das im hohen Norden gelegen ist, einen eigenen Zugang zum Meer, doch der ist den langen Winter über zugefroren.

Der "Drang zum Meer"

Ohne einen eisfreien Zugang zur Ostsee oder zum Schwarzen Meer kann Russland weder als Handelsmacht noch militärisch reüssieren. Der sprichwörtlich gewordene "Drang zum Meer" bestimmt Peters Strategie. Sie mündet in zwei Kriege: gegen die Krimtataren und Türken im Süden und danach gegen die Schweden im Nordwesten, welche die baltische Ostseeküste beherrschen.

Nach einem ersten, gescheiterten Versuch, die Türkenfestung Asow auf dem Landweg zu erobern, beweist er eindrucksvoll seinen für Russlands Aufstieg entscheidenden Charakterzug: ungeheure Willenskraft, zähe Zielstrebigkeit gerade auch nach Rückschlägen. An einem Nebenfluss des Don erweitert Peter lokale Bootsbauwerkstätten zu einer großen regelrechten Werft, wo er in wenigen Monaten 30 Galeeren und Hunderte von kleineren Barken auf Kiel legen lässt. Arbeitskräfte lässt er zwangsweise rekrutieren.

Bald ist es so weit: Peter kann die Versorgung Asows über die See blockieren. Vier Wochen nach der zweiten Belagerung kapituliert die Festung. Ein lange verstopftes Nadelöhr zum Schwarzen Meer ist geöffnet. Auf einen Schlag ist Peter eine europäische Berühmtheit. Doch der Zar lässt sich vom frischen Ruhm nicht blenden. Er weiß sehr wohl, dass er ohne ausländische Schiffsbauer, Navigatoren und Artilleristen die Türken nicht besiegt hätte.

Bruch mit der Tradition

So beschließt er am Jahresende 1696, eine "Große Gesandtschaft" der Lernbegierigen nach Westeuropa zu schicken und selbst daran teilzunehmen. Diese Gesandtschaft ist jedoch ein provozierender Verstoß gegen eine jahrhundertealte Tradition. Der oberste Herrscher Russlands, der Beschützer der Kirche verlässt niemals zu Friedenszeiten die russische Erde, schon gar nicht monatelang und inkognito.

Peters Bruch mit der Tradition ermutigt seine Gegner, eine Verschwörung anzuzetteln. Wieder sind Strelizen beteiligt; die Parole lautet: Wer das heilige Russland an das Ausland verrät, der soll sterben. Doch die Putschisten fliegen auf. Peter rächt sich furchtbar. Unter der Folter gestehen die Verschwörer, mit der entmachteten Sofija konspiriert zu haben. Ihnen werden reihenweise die Gliedmaßen und die Köpfe abgehackt.

Sechs Tage nach diesem barbarischen Schlachtfest, im März 1697, bricht die "Große Gesandtschaft" gen Westen auf, eines der anrührendsten und komischsten Reiseabenteuer der Geschichte. Die Gesandtschaft, das sind mehr als 250 Leute, darunter einige Dutzend Adlige, Leibgardisten, drei Übersetzer, ein Stallmeister, vier Kämmerer, zwei Goldschmiede, sechs Trompeter, 70 besonders großgewachsene Soldaten, außerdem Ärzte, Geistliche, Köche, vier Zwerge, ein Affe.

Anderthalb Jahre unterwegs

Die Reise der Kutschen, Reiter und Bagagewagen dauert 18 Monate. Sie führt über Riga und das Polen zugehörige Kurland - wo die trinkfreudigen Russen wirken wie "getaufte Bären" - nach Königsberg. Hier absolviert Peter einen Kurs in Artillerietechnik. Und er trifft den brandenburgischen Kurfürsten Friedrich III., den späteren Preußenkönig Friedrich I.

In Königsberg bleibt der Zar fast zwei Monate, dann gelangt er über Berlin nach Coppenbrügge bei Hameln. Der genussfreudige Peter lernt bei einem vierstündigen Abendessen mit Musik und Tanz zwei Damen des westlichen Hochadels schätzen: die Kurfürstin Sophie von Hannover und ihre hübsche, gebildete Tochter Sophie Charlotte. Ihnen erscheint Peter trotz "bäurischer Manieren" als ein "außerordentlicher Mann".

Die nächsten Stationen der wunderlichen Russenreise sind Amsterdam und die nicht weit davon entfernte Werftstadt Zaandam. Schon am Tag nach der Ankunft lässt sich ein gewisser "Peter Michailow" bei einer privaten Werft, mit Werkzeug und in zünftiger Arbeitskleidung, als Zimmermann anstellen. Doch die Inkognito-Maskerade und der Deckname Michailow können nicht verhindern, dass schon bald die Leute neugierig nach Zaandam eilen, um diese seltsamen Russen zu bestaunen wie Zoo-Tiere. Der impulsive Zar ohrfeigt einen besonders zudringlichen Gaffer.

Ein Teil der Gesandtschaft setzt auf einem britischen Kriegsschiff über nach England, wo König William III. für den russischen Gast eine kleine Seeschlacht inszenieren lässt. Peter interessiert sich hier für eine Kanonengießerei, englische Särge, ein Hospital und das britische Münzwesen, das er zum Vorbild russischer Geldreformen wählt.

Weiter über Dresden und Prag

Über Dresden und Prag reist die Zaren-Crew dann nach Wien. Hier erreicht ihn die Nachricht, vier Regimenter der Strelizen, die an der polnisch-litauischen Grenze stationiert werden sollten, marschierten meuternd auf Moskau zu. Der Herrscher bricht die Reise ab, er gelangt nach Krakau, wo er erfährt, General Patrick Gordon habe die Rebellion niedergeschlagen.

Jetzt findet Peter noch Zeit für ein Treffen mit dem Sachsen August II. ("der Starke") in der Nähe von Lemberg. Der sinnenfrohe Kurfürst ist zugleich neuer polnischer König. Peter versteht sich mit ihm blendend und gewinnt seine Unterstützung für den Versuch, die Schweden aus dem Baltikum zu jagen.

Der "Große Nordische Krieg" zwischen Russland samt seinen Alliierten und Schweden wirft seinen Schatten voraus. Aber vorher hat der rachsüchtige Zar daheim noch eine Rechnung zu begleichen. Und wie er sie begleicht: Am 27. September beginnt er auf dem Landsitz Preobraschenskoje Verhöre von Strelizen, wobei Folterungen mit der geknoteten Lederpeitsche, mit glühendem Holz oder Eisen und über offenem Feuer die Regel sind. Verhört und gemartert (Nase abschneiden, Zunge kürzen) wird Tag und Nacht, und das mehrere Monate lang. In dem kleinen Ort brennen ständig rund 30 Scheiterhaufen. Bis Februar 1699 werden 1182 Strelizen aufgehängt oder geköpft, etliche auch auf dem Roten Platz und an den Stadttoren Moskaus. Zum Neuen Jungfrauenkloster, in dem Sofija interniert ist, werden 230 Rebellen geschafft und im dortigen Klostergarten an mehreren Galgen aufgeknüpft.

Peter legt selbst bei Folterungen mit Hand an. Fünf Strelizen sollen, erzählt man sich später, sogar von ihm selbst zur Eröffnung des Blutgerichts geköpft worden sein.

Moskau muss modern werden

Der heimgekehrte Zar beschert seinen Landsleuten noch andere Zumutungen. Eben erst hat der Hochadel die Ankunft des Reisenden gefeiert, da nimmt sich Peter eine Schere und schneidet etlichen Bojaren die langen Bärte ab. Wie die Bärte, so lässt Peter auch die langen hemdartigen Kaftanschöße, Mäntel und Gewandärmel stutzen. Praktischere ungarische oder deutsche Kleider werden den Städtern verordnet, auch mal als modisches Muster ans Stadttor gehängt. Moskaus reaktionäre Eliten verübeln dem Zaren seine Freundschaft mit Deutschen, die in der Hauptstadt leben. Die aber faszinieren ihn als modern, gebildet und gut organisiert.

Mit diktatorischem Furor vereinfacht Peter auch die russische Schrift, modernisiert die Verwaltung und das Militär und passt den russischen an den westeuropäischen Kalender an (das neue Jahr beginnt nicht mehr am 1. September, sondern am 1. Januar). Schließlich schafft er die Unsitte ab, dass der Untergebene bei der tiefen rituellen Verbeugung vor dem Herrscher mit der Stirn den Boden berühren muss. Treue und Diensteifer schätze er mehr als solche Selbsterniedrigung, lässt Peter verlauten.

Der rastlose Zar: Während er seine erste Ehefrau in ein Kloster verbannt und überkommene Traditionen kappt, holt er aus zu einem politischen Doppelschlag. Im Juli 1700 schließt er in Konstantinopel, nach zweijährigem Waffenstillstand, Frieden mit der Türkei. Und kaum hat er im Süden den Rücken frei, erklärt er im August Schweden den Krieg.

Eine schwere Niederlage

Die Ostsee-Großmacht wird regiert von dem gerade mal 18 Jahre alten König Karl XII., einem Wittelsbacher, auch Herzog von Bremen und Verden. Im Bündnis mit Sachsen-Polen und Dänemark will der Zar das schwedische Baltikum in die Zange nehmen. Doch das misslingt gründlich. Trotz ihrer zahlenmäßigen Überlegenheit erleiden die Russen in einem Schneesturm eine schwere Niederlage bei Narwa.

Ihr Blutzoll ist hoch, etwa 10.000 Tote und Verwundete werden gezählt, fünfmal so viele wie die Opfer auf schwedischer Seite; 20.000 Russen, darunter zehn Generäle, werden gefangen genommen. In ganz Europa wird Karl XII. als begnadeter Feldherr bewundert. Der Erfolg steigt dem Schweden zu Kopf.

Der gedemütigte Zar resigniert aber nicht. In äußerster Anspannung des Volkes, auch durch immer neue Steuern, macht Peter sein Land wieder kampffähig. Immer größere Teile der Bevölkerung müssen Rekruten stellen. Aus jeder dritten Kirche werden Glocken geholt, geschmolzen und zu Kanonen verarbeitet - eine frühe Form totaler Mobilmachung. Neue Eisenwerke, Leder- und Tuchmanufakturen liefern der Armee Waffen, Schuhe und Uniformen. Schon ein Jahr nach der Niederlage von Narwa verfügen die Russen über 300 neue Kanonen, die Armee kommt bald auf 200.000 Soldaten.

Peter wieder in der Offensive

Schon im Sommer 1701 geht Peter wieder in die Offensive. Der Zar erobert weite Teile von Livland und Estland, während Karl XII. in Polen Krieg führt. Peters Truppen hausen furchtbar in diesen Gebieten, brennen Dörfer und Höfe nieder, plündern Lagerhäuser, verwüsten Felder, verschleppen Familien - der Feind soll nichts Essbares, nichts Brauchbares mehr finden. Verbrannte Erde.

Im Mai 1703 erobern die Russen die Festung Nyenschanz nahe der Mündung der Newa in den Finnischen Meerbusen. Die neue Festung, die Peter mitten im Mündungsdelta bauen lässt, erhält eine Kirche, benannt nach den Aposteln Peter und Paul. Der Zar tauft den Ort, den er zur Hauptstadt des Landes machen wird, "Sankt-Piterburch", St. Petersburg - Personenkult im religiösen Gewand (siehe Seite xx).

Doch Karl XII., ähnlich willensstark wie sein russischer Gegner, gibt nicht auf. Nachdem es ihm gelungen ist, August den Starken aus dem Bündnis mit Russland herauszubrechen, marschiert er am Jahresende 1706 mit einer glänzend ausgerüsteten Armee von 40.000 Mann gen Moskau. Die Russen kombinieren eine Strategie des Rückzugs ins Landesinnere mit gezielten Nadelstichen gegen die Nachschublinien des Feindes. Wo auch immer die Schweden durchziehen, finden weder Tiere noch Soldaten Nahrung. Schon bald dezimieren Hunger, Kälte und Krankheit die schwedische Armee, wie ein Jahrhundert später die Truppen Napoleons.

Im Sommer 1709 kommt es zur Entscheidungsschlacht vor der ukrainischen Festung Poltawa. Karl XII. verfügt nur noch über 22.000 Soldaten. Ihnen stehen etwa 42.000 Russen gegenüber. Karl verliert die Bataille. Zusammen mit kosakischen Verbündeten flieht er über die Grenze in die Türkei. 7000 Schweden sind tot, 3000 geraten in Gefangenschaft. Auf russischer Seite sind etwa 1300 Soldaten gefallen.

Estland für Finnland

Peters Sieg bei Poltawa bringt im Nordischen Krieg die endgültige Wende. Rasch aktiviert der Zar die Bündnisse mit Sachsen-Polen und Dänemark, auch Brandenburg-Preußen tritt der Allianz bei. Peter beherrscht nun die baltischen Gebiete des schwedischen Königreichs. Bemerkenswert ist die Toleranz, mit der der russische Monarch den Städten und den Ritterschaften ihre Religionsfreiheit und Privilegien garantiert. Der Zar bestätigt Deutsch als Amtssprache - unter den Schweden gab es solche Freiräume nicht.

1721 finden im schwedisch-finnischen Nystad die Verhandlungen über einen Friedensvertrag statt, sie dauern über drei Monate. Ihr Ergebnis: Schweden tritt Livland, Estland und Ingermanland, die Provinz rund um St. Petersburg, "für ewige Zeiten" an Russland ab, erhält aber Finnland zurück.

Der Friede von Nystad stellt für Peter den "größten Erfolg seines Lebens" (Erich Donnert) dar. Russland ist jetzt die Führungsmacht im nordosteuropäischen Raum. Im Oktober treten in St. Petersburg der Senat und der Heilige Synod zusammen, jene von Peter eingesetzten obersten Instanzen weltlicher und geistlicher Kompetenz, die dem Zaren zuarbeiten wie Ministerien. Sie bitten, scheinbar von sich aus, den Herrscher um die Annahme der Ehrentitel "Vater des Vaterlandes, Allrussischer Kaiser und Peter der Große". Der Zar nimmt an: festlich in der Dreifaltigkeitskathedrale, ausländische Würdenträger sind zugegen. Der Kaisertitel, in dem das gestiegene russische Selbstbewusstsein zum Ausdruck kommt, erinnert auch an den alten Anspruch Moskaus, es sei nach dem Fall von Byzanz 1453 das "Dritte Rom".

Peter bleibt der unermüdliche Erneuerer

1722 führt er für alle Beamten und Würdenträger in Staat und Militär eine "Rangtabelle" mit 14 Klassen ein. Nicht Abstammung und Familien-Nimbus allein sollen über die gesellschaftliche Stellung entscheiden, sondern persönliche Fähigkeiten und Verdienste: Der Dienstadel tritt dem Erbadel zur Seite. Während der Zar auch noch diese Reform auf den Weg bringt, brechen seine Soldaten 1722 zum persischen Feldzug auf. Es ist der Versuch, am Kaspischen Meer Fuß zu fassen. Die Russen besiegen die Perser, Baku wird russisch.

1724 gründet der Monarch in St. Petersburg die russische Akademie der Wissenschaften. Gespräche darüber hat er wohl schon 1711 mit dem Göttinger Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz geführt. Die neue Institution soll "unter den Russen solche ausfindig machen, die gelehrt sind", was zunächst ziemlich schwierig ist. Unter den ersten 17 Akademiemitgliedern befindet sich kein einziger Russe. Im Mai 1724 krönt Peter seine Frau Katharina zur Kaiserin, ohne sie ausdrücklich als seine Nachfolgerin auszurufen, was sie dann aber 1725 für zwei Jahre wird.

Die dramatische Art, wie der Zar Anfang 1725 stirbt, passt zu seinem turbulenten Herrscherleben: Auf einer Inspektionstour nahe der Newa-Mündung entdeckt Peter ein Boot, das der Sturm auf eine Sandbank geworfen hat. Einige Soldaten, die nicht schwimmen können, kämpfen in der rauen See um ihr Überleben, andere versuchen, den gekenterten Kahn wieder flottzumachen. Peter lässt sich zur Sandbank rudern, ungeduldig springt er schon vor der Sandbank über den Bootsrand, um schneller helfen zu können.

Das eiskalte Wasser bekommt ihm schlecht: In der Nacht quälen ihn Fieber und Schüttelfrost, sein notorisches Blasen- und Nierenleiden meldet sich heftig zurück. Scheinbar erholt er sich wieder und erlaubt sich noch auf einem nachweihnachtlichen Fest exzessiven Alkoholgenuss. In der Nacht zum 8. Februar ruft er nach seiner Tochter Anna, der späteren Herzogin von Holstein-Gottorf. Als sie kommt, ist er schon bewusstlos, er stirbt gegen sechs Uhr morgens.

Sympathisch und abstoßend zugleich

Wer war nun Peter der Große? Groß war er gewiss nicht nur körperlich. Den einen gilt er als Genie, das dem breiigen Riesenland eine erkennbare und übersichtliche Form gegeben habe; den anderen gilt er als Mörder, als "gekrönter Tiger", als Vernichter altrussischer Identität, als ungewöhnlich grausamer Tyrann; wieder anderen als Sittenverderber - wegen seiner Unterwerfung der Kirche unter die Autorität des Staates und wegen seiner Liebe zu den Frauen sowie zu den regelmäßigen "Narren- und Saufkonzilen".

Peter hat Russland im Kreis der europäischen Mächte etabliert. Er zivilisierte das Reich durch barbarische Formen des Kampfes gegen die alte Barbarei, durch politische, militärische und alltagskulturelle Reformen; zugleich hat er durch den Ostsee-Zugang die Handelsbeziehungen zu England, Holland, Frankreich und den deutschen Staaten entscheidend intensiviert. So war er trotz vieler taktischer Fehler, die der impulsive, launische, vielleicht manisch-depressive Mann machte, ein bedeutender Stratege.

Gawril Derschawin, ein russischer Dichter des 18. Jahrhunderts, stellt mit Blick auf Peter den Großen die rhetorische Frage: "War Gott es nicht, der in ihm niederstieg?" Eins war er gewiss: ein kolossal außergewöhnliches, widersprüchliches, zugleich sympathisches wie abstoßendes Individuum. Und für das Russland jener Jahre war er trotz seiner despotischen Wutausbrüche: ein Glücksfall.

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