Peter der Große Genie, Stratege, Barbar

Zar Peter der Große modernisierte Russland mit Gewalt. Als Flottenbauer und Feldherr formte er aus seinem Reich eine europäische Großmacht. Der Preis aber war hoch.

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Von Mathias Schreiber


Der ideale Herrscher ist nicht nur klug und energisch, sondern auch groß und stark - dieses Wunschbild wurde in der Geschichte manchmal wahr. Ein zupackender Riese ist der Russe Pjotr Alexejewitsch Romanow (1672 bis 1725) bereits in jungen Jahren. Dem 13-Jährigen bescheinigt 1685 ein niederländischer Gesandter in Moskau, er habe nicht nur "angenehme Gesichtszüge", sondern sei so lebhaft am "Militärischen" interessiert, dass man von ihm eines Tages "gewiss kühne Aktionen und heroische Taten" erwarten könne. Zu diesem Zeitpunkt trägt er schon drei Jahre den russischen Herrschertitel: "Zar Peter I."

Als Erwachsener verfügt Peter über das Gardemaß von gut zwei Metern, da demonstriert er schon mal seine Kraft, indem er mit bloßen Händen aus einem silbernen Teller einen Klumpen knetet. Aber den Ruhmestitel "der Große" verdient sich der Tatmensch Peter viele Jahre später am Ende des "Nordischen Krieges".

Brutalität ist ihm lange vertraut. Mit nur zehn Jahren wird er im Moskauer Kreml-Palast Augenzeuge eines Blutbades. Auslöser ist eine vertrackte Mischung aus Familienzwist und politisch-sozialem Aufstand. Der Familienstreit folgt einem klassischen Muster: Peters Vater, der reformfreudige Zar Alexej Michailowitsch (1629 bis 1676), hat aus zwei Ehen 16 Kinder. Zwischen den Clans der beiden Mütter schwelt eine Dauerfehde, genährt vom Wunsch, dass der nächste Zar aus ihrer Linie stamme.

Machtgewinn der Strelizen

Gleichzeitig brodelt es bei den Strelizen, einer Elitetruppe, die 20.000 Mann umfasst. Die Soldaten beschuldigen ihre Obristen der Unterschlagung von Sold und der Misshandlung. Die Regierung lässt sie gewähren.

Die Strelizen genießen diesen Machtgewinn und ergreifen - angeblich um den Staat vor seinen Feinden zu schützen - Partei im Nachfolgestreit der verfeindeten Zarensippschaften. Im Mai 1682 verwüstet eine tobende Soldateska die Residenz der Zaren. Die Strelizen töten etliche Verwandte und Freunde Peters, darunter zwei seiner Onkel. Sie werden über Balustraden und Balkonbrüstungen in darunter aufgerichtete Lanzen und Hellebarden gestürzt, in Stücke gehackt und unter spöttischem Geschrei nahe der Basilius-Kathedrale zur Schau gestellt.

Nun setzen die Strelizen durch, dass zusammen mit dem zehnjährigen Peter, der kurz zuvor zum Zaren gewählt und vom Patriarchen bestätigt worden war, auch sein sechs Jahre älterer, geistig behinderter Halbbruder Iwan gekrönt wird. Für die beiden Unmündigen übernimmt Iwans energische und fähige Schwester Sofija, 24 Jahre alt, die Regentschaft, die sie sieben Jahre lang ausüben wird.

"Niemals", schreibt der Historiker Erich Donnert in seiner Biografie "Peter der Große" (1987), habe Zar Peter "die grauenvollen Szenen vergessen, die sich vor seinen Augen abspielten, als Angehörige seiner Familie von Strelizen zu Tode gespießt wurden". Der Strelizen-Alptraum sucht Peter sieben Jahre später abermals heim. Mit nun fast schon 18 Jahren steht er kurz vor der Volljährigkeit, doch seine Halbschwester Sofija will die Macht nicht abgeben. Weil er sich dagegen sträubt, schürt sie neue Unruhen.

Flucht in den Wald

In einer August-Nacht des Jahres 1689 melden zwei Kremlwächter dem jungen Zaren, der sich mit seiner Mutter in einem Dorf bei Moskau aufhält, Soldaten aus der Hauptstadt seien im Anmarsch und wollten ihn töten. Peter flieht in panischer Angst, springt barfuß, im Nachtgewand, auf ein Pferd und galoppiert in den nächsten Wald. Diener bringen ihm Kleidungsstücke. Dann reitet er nach Norden in das befestigte Sergius-Dreifaltigkeitskloster. Ihm wird klar: Eine Entscheidung ist fällig, Sofija muss dem jungen Zaren weichen oder ihn entmachten.

Der oberste Kirchenpatriarch ergreift Peters Partei, die ausländischen Offiziere, die russische Söldnertruppen in Moskau befehligen, fügen sich den Anordnungen aus dem Kloster. Die Regentin Sofija muss den Kreml verlassen und ins Neue Jungfrauenkloster im Moskauer Südwesten ziehen. Drei Scharfmacher der Strelizen werden gefoltert und geköpft.

Peters Position festigt sich, auch wenn seine Auseinandersetzung mit den widerspenstigen Strelizen damit noch nicht beendet ist. Vorerst plagen ihn andere Sorgen: Schon als 16-Jähriger hat er in einem Dorfschuppen ein halbverrottetes englisches Segelboot entdeckt, das er von einem holländischen Zimmermann herrichten ließ. Später nennt er diesen kleinen Kahn liebevoll das "Großväterchen der russischen Flotte" - eben diese Armada aufzubauen ist der größte Ehrgeiz des volljährigen Zaren. Das Problem dabei: Russland besitzt nur in Archangelsk, das im hohen Norden gelegen ist, einen eigenen Zugang zum Meer, doch der ist den langen Winter über zugefroren.



insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
Layer_8 17.03.2012
1. Danke!
Zitat von sysopGetty ImagesZar Peter der Große modernisierte Russland mit Gewalt. Als Flottenbauer und Feldherr formte er aus seinem Reich eine europäische Großmacht. Der Preis aber war hoch. http://www.spiegel.degeschichte/0,1518,812586,00.html
Vielen Dank für diesen Artikel! Das letzte Mal durfte ich mich kurz in der 10en Klasse mit dieser Person beschäftigen. Das war 1980. Hängen blieb die Bartsteuer in Russland. Bitte mehr solcher Artikel, wen interressiert schon die schnöde Tagespolitik?
langenscheidt 17.03.2012
2. Faszinierender Staatsmann
Schöner Artikel, der deutlich macht, daß nur Menschen mit Ideen was erreichen. Schade, daß Peter I. viel zu früh verstarb. Der russisch-ländliche Mief wäre in seiner längeren Amtszeit verloren gegangen und Russland nach ihm nicht mehr ein rückständiges, von verkappten Bauern regiertes Land gewesen.
frodo88 17.03.2012
3. Ja, toller Typ
Zitat von langenscheidtSchöner Artikel, der deutlich macht, daß nur Menschen mit Ideen was erreichen. Schade, daß Peter I. viel zu früh verstarb. Der russisch-ländliche Mief wäre in seiner längeren Amtszeit verloren gegangen und Russland nach ihm nicht mehr ein rückständiges, von verkappten Bauern regiertes Land gewesen.
Schade dass er schon Tod ist. Nebenbei hat er noch seinen Sohn! Alexej zu Tode foltern lassen. Was für ein fortschrittlicher Mann.
MashMashMusic 18.03.2012
4.
Zitat von frodo88Schade dass er schon Tod ist. Nebenbei hat er noch seinen Sohn! Alexej zu Tode foltern lassen. Was für ein fortschrittlicher Mann.
Wir reden hier schon von einer Zeit, als Fürsten gerne noch das Privileg der "ersten Nacht" in Anspruch nahmen, die Aufklärung noch nicht so wirklich aus den Puschen gekommen war, der gemeine Pöbel weder lesen noch schreiben noch rechnen konnte und längere Reisen gerne mal mit dem Tod endeten. Von heutiger Warte aus ist es recht einfach, Leute der Barbarei zu bezichtigen. Ungefähr ähnlich gefährlich, wie hierzulande ein "Friedenskämpfer" zu sein.
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© SPIEGEL Geschichte 1/2012
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