DDR-Staatssicherheit Wie Bruce Springsteen in meine Stasi-Akte kam

Mal mit Druck, mal mit Tricks warb die Stasi ihre Spitzel an. Der heutige SPIEGEL-Redakteur Uwe Klußmann ließ sich darauf nicht ein. Er war durch das Schicksal seines Vaters gewarnt.

Uwe Klußmann, 1981, in Ost-Berlin

Uwe Klußmann, 1981, in Ost-Berlin

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Mein Weg zu den Werbern des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) führte durch das Wohnzimmer eines KZ-Opfers. Es war am 9. März 1985, an einem trüben Frühlingstag, da besuchte ich in Berlin-Weißensee den Autor und Politiker Wilhelm Girnus. Damals war ich 23 Jahre alt, Student am Historischen Seminar der Universität Hamburg. Ich begeisterte mich für die marxistische Theorie, weniger überzeugend fand ich ihre Umsetzung in der DDR. Doch die Spannung zwischen Anspruch und Wirklichkeit interessierte mich.

Um zu verstehen, wie das System funktionierte, schrieb ich meine Magisterarbeit über die Politik der SED 1953/54. Dabei ging es auch um Machtkämpfe in der DDR-Führung. Girnus wollte ich als Zeitzeugen befragen. Er war 1953 leitend in der Kulturredaktion des SED-Organs "Neues Deutschland" tätig gewesen. Zudem gehörte er zu jenen deutschen Kommunisten, die eine beeindruckende Lebensgeschichte hatten. Nach Hitlers Machtantritt hatte er sich weiter für seine Partei, die nun verbotene KPD, engagiert; die Nazis steckten ihn in verschiedene Konzentrationslager, darunter Sachsenhausen und Flossenbürg.

Was ich nicht wusste: Girnus hatte Kontakt zum Ministerium für Staatssicherheit, ohne je Inoffizieller Mitarbeiter (IM) gewesen zu sein. Als er mir am Ende unseres Gesprächs vorschlug, zwei Männer zu treffen, von denen er andeutete, sie arbeiteten als Journalisten, schöpfte ich keinen Verdacht. Ein wenig sonderbar klang nur der Ort des Treffens: "an der Rennbahn". Gemeint war die Radrennbahn Berlin-Weißensee. Es war nicht weit weg, also ging ich hin. Aus einem grünen Lada stiegen zwei Männer in gleichen Anzügen, ein Mittdreißiger und ein Endvierziger. Sie kamen lächelnd auf mich zu, der ältere stellte sich als "Meißner" vor, der jüngere als "Tietz". Mir war nun klar: Da standen zwei Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit vor mir.

Im Juni 1984 traf sich Klußmann (l.) gemeinsam mit Hamburger Studenten der Literaturwissenschaft in Ostberlin mit den DDR-Schriftstellern Christine Lambrecht (3. v. l.) und Manfred Jendryschik (2. v. r.). Im Hintergrund der nach der Wiedervereinigung abgerissene Palast der Republik.

Im Juni 1984 traf sich Klußmann (l.) gemeinsam mit Hamburger Studenten der Literaturwissenschaft in Ostberlin mit den DDR-Schriftstellern Christine Lambrecht (3. v. l.) und Manfred Jendryschik (2. v. r.). Im Hintergrund der nach der Wiedervereinigung abgerissene Palast der Republik.

Aus den heute zugänglichen Stasiakten weiß ich: "Tietz" war Oberleutnant Ulrich Menzel, Jahrgang 1951. "Meißner" hieß Wolfgang Mauersberger, Jahrgang 1938, Major. Beide dienten als Offiziere in der für die Spionageabwehr zuständigen Hauptabteilung II, die unter anderem westliche Journalisten beobachtete.

An jenem Märztag schlugen sie mir vor, mit ihnen "ein bisschen rumzufahren". Ich war aufgeregt, aber auch neugierig. Die Fahrt führte ins Stadtzentrum von Ostberlin, zum Palasthotel. Im dortigen Restaurant gab mir Mauersberger die Speisekarte, mit den Worten: "Bitte, was Sie wollen!" Auf meine Frage nach ihrer beruflichen Tätigkeit sagte Menzel: "Wir beschäftigen uns mit verschiedenen Problemen, BRD, internationale Fragen." Ich blieb vorsichtig und fragte, ob sie für das Institut für Internationale Politik und Wirtschaft im Berliner Osten tätig seien, Menzel verneinte. Doch meine Frage weckte sein Misstrauen: "Woher kennen Se 'n das?" Aus den Akten geht hervor, dass die beiden Offiziere auch die Frage klären sollten: "Handelte er im Auftrag feindlicher Stellen?"

Wer als Westdeutscher viel über die DDR wusste, war der Stasi als Spion verdächtig. Dass ich mich für die DDR interessierte, lag auch daran, dass mein Vater dort früher gelebt hatte.

Ohne das Reizwort "Stasi" zu verwenden, sagte ich: "Mir ist schon klar, dass Sie sich mit Sicherheitsfragen befassen." Da gab Menzel den Entrüsteten: "Wie kommen Sie denn darauf?"

Die Rollen waren verteilt. Menzel war der böse Agent, Mauersberger der gute. Er lächelte nachsichtig und sagte: "Wir müssen hier ja nicht so tun, als wären wir im Kindergarten und müssten jetzt vom Klapperstorch reden."

Mauersberger zeigte sich fürsorglich. Er wusste, dass ich für linke Blätter wie "Konkret" schrieb und fragte mich, ob ich "nicht mal 'nen bisschen weniger linksradikal schreiben" wolle, um "bei 'ner interessanteren Zeitung anzufangen, sagen wir mal bei der 'Frankfurter Rundschau'".

Denn dann könnte ich, so Mauersberger, "von uns Informationen bekommen oder 'nen Tipp, wo sich's mal zu recherchieren lohnt". Der Offizier versprach solide Informationen, "keene Wühlartikel". Ich lehnte ab.

In einem Bericht schrieb sein Kollege Menzel einige Tage später über mich: "Von dem Augenblick an, wo er vermutete, dass wir vom MfS sind (wurde von uns nicht bestätigt), war deutlich eine psychische Belastung bei ihm zu spüren."

Ich bat die beiden MfS-Leute, mich zur Grenzübergangsstelle Friedrichstraße zurückzubringen. Zum Abschied, mit Händedruck, sagte Mauersberger: "Wenn Sie mal nicht mehr weiterwissen, vielleicht erinnern Sie sich an uns."

In seinem Bericht zog Menzel das Fazit: "Bei Klußmann handelt es sich um einen Menschen, der zumindest zu einem Teil der politischen Fragen einen klaren marxistischen Standpunkt vertritt." Da ich jedoch die Zusammenarbeit ablehnte, sei "einzuschätzen, dass K. für eine inoffizielle Zusammenarbeit nicht geeignet ist". Für die Hauptabteilung Spionageabwehr war der Fall damit erledigt.

Einer der Ersten, dem ich von dieser Begegnung erzählte, war mein Vater Helmut Klußmann. Es war ein Gespräch unter Kennern. Denn mein Vater war, wie ich wusste, im Januar 1954 als DDR-Bürger in Wernigerode als "Geheimer Informator" angeworben worden. "Diese Anwerbung wurde unter Druck durchgeführt", konstatierte die Stasi rückblickend 1956.

Nach seiner Flucht aus der DDR vor dem Druck der Staatssicherheit im Februar 1954 war Helmut Klußmann anfangs auch als Mehlvertreter tätig. Das Foto zeigt ihn in seinem damaligen Wohnort Kirn in Rheinland-Pfalz.

Nach seiner Flucht aus der DDR vor dem Druck der Staatssicherheit im Februar 1954 war Helmut Klußmann anfangs auch als Mehlvertreter tätig. Das Foto zeigt ihn in seinem damaligen Wohnort Kirn in Rheinland-Pfalz.

Die Staatssicherheit hatte massiv in das Leben meines Vaters eingegriffen. Dazu gab es eine Vorgeschichte: 1951 hatte mein Vater acht Monate im Gefängnis Magdeburg-Sudenburg eingesessen. Es war ein politisches Urteil: Helmut Klußmann hatte versucht, Säcke mit Rübensamen in Westdeutschland gegen Lkw-Reifen zu tauschen. Die Reifen benötigte er für den familiären Betrieb, eine Getreidehandelsfirma. Aber die Staatsanwaltschaft Magdeburg warf ihm vor, er habe "die Durchführung der Wirtschaftsplanung gefährdet".

Am 29. Januar 1954, mehr als zwei Jahre nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis, wurde mein Vater unter einem Vorwand telefonisch zum Rat des Kreises in Wernigerode einbestellt. Dort empfing ihn ein Mittdreißiger, der sich zunächst als "Sachbearbeiter" der Kreisverwaltung vorstellte. Doch das Gespräch ging rasch in eine "Vernehmung" über, so eine Stasiakte. Mein Vater, notierte der Vernehmer, wurde "unruhig".

Stasiunterleutnant Josef Möse, 35, hielt seinem vier Jahre jüngeren Gegenüber "feindliche" Äußerungen zur Politik der DDR vor. Und er könne seine "alte Zelle in Magdeburg wiederhaben". Aber mein Vater bekam auch, wie Möse notierte, "das Angebot, seine Fehler wiedergutzumachen". Der Vorschlag: Er sollte "über die Stimmung der Bauern und der Bevölkerung" berichten. In einer handschriftlichen Verpflichtung erklärte mein Vater sich bereit "in Westdeutschland oder Westberlin feindliche Zentralen ausfindig zu machen bzw. Verbindung aufzunehmen".

Dass er meinen Vater keineswegs überzeugt hatte, wusste Unterleutnant Möse genau. Klußmann, so schrieb er, sei "bürgerlich erzogen, undurchsichtig, redegewandt" und zudem "gegen die Politik der DDR eingestellt".

Nach der Werbung offenbarte sich mein Vater einem Bekannten. Der war Geschäftsführer der staatlich gelenkten, bürgerlichen Liberal-Demokratischen Partei Deutschlands (LDPD), der auch mein Vater angehörte. Allerdings war der Mann selbst ein Stasiinformant und berichtete sogleich.

In Familie und Freundeskreis spottete mein Vater über die manipulierte "SED-LDP", wie er sie nannte. Und ihm war klar, dass die LDPD ihn vor Repressalien nicht schützen konnte. Er und mein Großvater kannten den abgesetzten LDPD-Vorsitzenden und Minister für Handel und Versorgung Karl Hamann. Im Dezember 1952 war Hamann wegen angeblicher Sabotage von der Stasi verhaftet worden. Das wusste mein Vater, und dieses Wissen trug dazu bei, dass er dem Druck des MfS nachgab.

Als Agent wählte er den Decknamen "Max". Er dachte dabei, so erzählte er später, "an Wilhelm Buschs 'Max und Moritz' und daran, mich dieser Verpflichtung so schnell wie möglich wieder zu entziehen". Deshalb beantragte er wenige Tage später eine Reisegenehmigung zu Verwandten in Düsseldorf. Noch waren es sieben Jahre bis zum Mauerbau.

Helmut Klußmann reiste legal aus, doch er kehrte nicht zurück. Dieser Schritt fiel ihm sehr schwer, er hatte ihn zuvor in der Familie diskutiert. Er wollte, wie er sagte, "keine Spitzeldienste leisten". Sein Vater führte die Firma weiter.

Seine Heimatstadt Wernigerode sah er erst 21 Jahre später wieder, nach einer von der DDR-Regierung beschlossenen Amnestie. Die Stasi wollte den Flüchtigen, diesen "Feind unserer Entwicklung", so Unterleutnant Möse in einer Aktennotiz vom Juli 1954, "von Westdeutschland wieder zurückholen". Es blieb unklar, ob damit Überreden oder Entführen gemeint war.

1956 schloss das MfS die Akte über meinen Vater mit der Begründung, es sei "zwecklos", sich weiter um ihn zu bemühen. Er blieb im Westen, wo er sich lange heimatlos fühlte. Mühsam baute er sich eine Existenz auf, zunächst auch als Mehlvertreter. Ich wuchs früh mit dem Bewusstsein auf, der Sohn eines geflüchteten DDR-Bürgers zu sein.

Als die Stasi meinen Vater anwarb, befand sich das MfS noch im Aufbau. 1954 hatte die Staatssicherheit 13968 hauptamtliche Tschekisten, wie sie sich nach dem Vorbild der sowjetischen Geheimpolizei nannten. Sie verstanden sich als "Schild und Schwert der Partei".

1985 waren es mehr als sechsmal so viele. Im Jahre 1989 hatte das MfS 91.015 hauptamtliche Mitarbeiter. Auch die Anzahl der Inoffiziellen Mitarbeiter hatte sich vervielfacht. Waren es 1954 schätzungsweise 27.000, spitzelten im Jahre 1988 sogar 109.000 IM für "die Firma", wie sie in der DDR auch genannt wurde.

Nach meiner Weigerung, mich anwerben zu lassen, behielt die Staatssicherheit mich weiter im Blick. Die MfS-Bezirksverwaltung Halle eröffnete 1985 über mich eine "Operative Personenkontrolle" (OPK). Der Vorgang hieß "Alternativ". Denn die Stasi hatte mein Interesse an alternativen Gesellschaftsentwürfen registriert. Auch wusste sie von meiner Mitgliedschaft in der Grün-Alternativen Liste in Pinneberg bei Hamburg.

Hallenser Tschekisten hörten meine Telefongespräche mit Freunden in der DDR ab ("Der Uwe bittet für ihn das Buch Klassischer Journalismus von Egon Erwin Kisch zu besorgen"). Der Geheimdienst las meine Briefe und ließ Spitzel über mich berichten. Darunter war auch ein Vorstandsmitglied des DDR-Schriftstellerverbandes in Halle.

Kaum etwas blieb dem Apparat verborgen. Das MfS vermerkte, wen ich unter Hamburger Journalisten kannte, welche Bücher ich las und welche Musik ich gern hörte. So kam auch der Name Bruce Springsteen in meine Akte.

Das MfS gab sich einige Mühe, wie mein rund 250 Seiten dicker Vorgang zeigt. Sogar meine Magisterarbeit ließen die Tschekisten 1986 von einem dogmatischen Parteimitglied rezensieren. Der Gutachter kam zu dem Schluss, ich wolle "objektiv, demokratisch und kritisch erscheinen, mit klarer Abgrenzung von der Politik der SED".

Dabei waren es nicht nur DDR-Bürger, die bereitwillig Auskunft gaben über den Studenten Klußmann. Die für die Arbeit im "Operationsgebiet" Bundesrepublik Deutschland zuständige Hauptabteilung VIII/13 des MfS schickte im März 1986 einen Mitarbeiter nach Pinneberg. Als Bundesbürger getarnt spähte der mein Umfeld aus. Der Stasimann gab sich als Mitarbeiter der Universität Kiel aus und sprach mit Nachbarn, die bereitwillig plauderten über meine politische Aktivität. Von Hausbewohnern, so die Stasi, werde der Student "als ein 'sehr intelligenter junger Mensch' eingeschätzt, der 'weiß, was er will'".

Selbst mein Liebesleben analysierte der Geheimdienst. Im März 1986 notierten die Tschekisten: "Eine aktuelle Beziehung zu einer Person Yvonne ist als ungefestigt einzuschätzen." Gab es mit einer Bekannten aus Halle keinen Sex, protokollierte das MfS nach Befragung der jungen Frau: "Intimbeziehungen wurden durch die Quelle ausgeschlossen." Aber im Wesentlichen bemühte sich der Dienst um einen intellektuellen Zugang zu mir. Im März 1986 widmete die Stasi meine Akte in einen "IM-Vorlauf" um. Die Staatssicherheit wollte sich eine "operativ bedeutsame Perspektive" verschaffen mit mir als Inoffiziellem Mitarbeiter, der "Verbindungen zu schriftstellerisch tätigen Personen mit Kontakten im Bereich des PEN-Zentrums der BRD" pflegt.

Ich sollte, wie schon mein Vater, auf "feindliche Zentren" im Westen angesetzt werden. Als ein solches sah die Stasi auch das westdeutsche PEN-Zentrum an, wegen dessen Unterstützung für bedrängte Autoren im Osten.

Die DDR-Autorin Christine Lambrecht, hier in Dessau 1984, wurde von der Stasi jahrelang wegen ihrer Kontakte zu anderen Schriftstellern und zu westdeutschen Journalisten bespitzelt.

Die DDR-Autorin Christine Lambrecht, hier in Dessau 1984, wurde von der Stasi jahrelang wegen ihrer Kontakte zu anderen Schriftstellern und zu westdeutschen Journalisten bespitzelt.

Ein Grund für die Beobachtung durch das MfS war auch meine Freundschaft mit den beiden DDR-Schriftstellern Christine Lambrecht und Manfred Jendryschik. Christine Lambrecht aus Dessau hatte ich kennengelernt, nachdem ich ihr Buch "Männerbekanntschaften", einen Band mit Interviewprotokollen, in denen DDR-Männer recht offen Auskunft gaben, 1983 in der "taz" rezensiert hatte. Ich hatte ihr die Rezension zugeschickt, woraus sich ein Briefwechsel und dann eine Freundschaft entwickelte.

Christine und Manfred gehörten zu einem "Zirkel schreibender Arbeiter". Die Bezeichnung rührte aus der Zeit um 1959, als die SED davon träumte, mit der Parole "Greif zur Feder, Kumpel" aus Arbeitern Schriftsteller zu machen. Bald musste die Partei einsehen, dass sich dort fast nur Intellektuelle sammelten.

Der SED gehörten Christine und Manfred nicht an. Beide kritisierten die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann ebenso wie Zensur von Literatur. Der Inhalt verbotener Bücher, von Alexander Solschenizyns "Archipel Gulag" bis zu dem Werk des linken DDR-Dissidenten Rudolf Bahro, war ihnen sehr vertraut.

Die Folgen ahnten sie: Die Staatssicherheit warb in ihrem Umfeld Spitzel, auch in ihrem literarischen Zirkel. Dort schrieben zwei von acht ständigen Mitgliedern Berichte als IM.

Beide waren keine Gegner des Sozialismus und wollten die DDR nicht beseitigen. Dennoch legte die Stasi über Manfred den "Operativen Vorgang 'Federkiel'" an, wegen Verdachtes auf "politische Untergrundtätigkeit".

Dass die Staatssicherheit auch gegen solche gemäßigten Kritiker mobil machte, wurde mehr und mehr zum Dilemma, je stärker in der Sowjetunion unter dem Generalsekretär Michail Gorbatschow "Perestroika" (Umgestaltung) und "Glasnost" (Transparenz) angesagt waren.

Da öffnete die Stasi 1987 selbst die Post des Hauses der Sowjetischen Wissenschaft und Kultur in der Friedrichstraße in Berlin, darunter einen Brief von mir. In meiner MfS-Akte landete auch ein Schreiben des DDR-Wirtschaftswissenschaftlers Jürgen Kuczynski an mich. Damit beschnüffelte die Stasi das Umfeld des SED-Generalsekretärs. Denn Kuczynski lieferte für Honeckers Parteitagsreden Analysen über die Lage der Weltwirtschaft.

Und Honecker selbst hatte, so schien es, nichts gegen meine Freunde. Im März 1986 gab der SED-Generalsekretär in der Kongresshalle am Berliner Alexanderplatz Christine Lambrecht freundlich die Hand. Sie gehörte zu einem Kreis von Autoren, die auf der Veranstaltung auch führenden Parteileuten aus einer Anthologie vorlasen. Von der OPK "Stier", welche die Stasi gegen sie führte, schien Honecker nichts zu wissen.

Doch "flächendeckend", wie oft behauptet, hatte die Stasi die Bevölkerung nicht im Blick. So zeigt meine Akte, dass die Stasikreisdienststelle Wernigerode auf Anfrage aus Halle nicht einmal meine wichtigsten Freunde und Bekannten in der Kreisstadt auflisten konnte. Und selbst die rührige Hallenser Stasi bemerkte nicht, dass ich im Sommer 1986 im Dessauer "Zirkel schreibender Arbeiter" einen Vortrag gehalten hatte über die Kernfrage meiner Magisterarbeit, die Machtkämpfe in der SED-Führung 1953. Die waren in der DDR ein Tabuthema. Wir flogen nur deshalb nicht auf, weil wir Glück hatten. Beide Stasispitzel im Zirkel waren gerade im Sommerurlaub.

Zu dieser Zeit bereitete die Stasi den zweiten Versuch vor, mich zu werben.

Oft machte Klußmann Urlaub in der DDR –- hier im Juli 1984 auf einer Datsche von Bekannten bei Wernigerode, mit dem SED-Organ "Neues Deutschland" als Sonnenschutz.

Oft machte Klußmann Urlaub in der DDR –- hier im Juli 1984 auf einer Datsche von Bekannten bei Wernigerode, mit dem SED-Organ "Neues Deutschland" als Sonnenschutz.

Das für Kunst, Kultur und Massenmedien zuständige Referat XX/7 der MfS-Bezirksverwaltung Halle wurde von einem ambitionierten Diplomlehrer für Marxismus-Leninismus geleitet. Der wollte die Agentenwerbung klüger anstellen als die tollpatschige Spionageabwehr.

Da ich "auf eine vormalige Kontaktierung negativ reagierte", entwarfen die Hallenser Tschekisten 1986 ein spezielles Konzept. Das bestand in meiner "Abschöpfung" über einen "DDR-Verbindungspartner", und zwar "ohne Kontaktierung durch das MfS selbst".

Als Vermittlerin sollte meine Bekannte Susanne in Halle agieren, eine Chemielaborantin in den Leunawerken "Walter Ulbricht". Mit ihr traf ich mich immer wieder im Berliner Osten. Sie sollte mich an einen IM heranführen, der sich als wissenschaftlicher Assistent an der Martin Luther-Universität Halle ausgeben sollte. Seine Legende: Er arbeite an einer Studie über "die Entwicklung des subjektiven Faktors der revolutionären Bewegung". Dafür brauche er Material aus dem Westen, um über "Probleme der alternativen Bewegung/Friedensbewegung" in der BRD schreiben zu können. Um mir die Mitarbeit schmackhaft zu machen, sollte er so tun, als werde die Forschungsarbeit der SED "zur Gewährleistung einer den Bedingungen angepassten Politik übergeben".

Ich sollte das Gefühl bekommen, an einer Runderneuerung des Sozialismus mitzuwirken. Mein Beitrag, so sollte ich glauben, werde der "Unterstützung der Dialogpolitik dienen".

Der vermeintliche Sozialforscher sollte mich zu einer Reise durch die DDR einladen. Die Stasi glaubte zu wissen, womit sie den geschichtsbegeisterten Studenten ködern konnte. Zum Dom von Naumburg sollte es gehen, wobei laut Stasiplan "eine entsprechend dem Persönlichkeitsbild des Kandidaten ungezwungene und aufgelockerte Atmosphäre zu gewährleisten" sei. Doch Uta von Naumburg, von der Umberto Eco einmal sagte, mit ihr würde er gern einen Abend verbringen, bekam ich nicht zu Gesicht.

Ausriss aus der Stasiakte: Am 13. Juni 1987 fotografierte ein Observationstrupp der Staatssicherheit Klußmann (M.) und eine Bekannte aus Halle (l.) beim Spaziergang Unter den Linden in Ostberlin.
BStU

Ausriss aus der Stasiakte: Am 13. Juni 1987 fotografierte ein Observationstrupp der Staatssicherheit Klußmann (M.) und eine Bekannte aus Halle (l.) beim Spaziergang Unter den Linden in Ostberlin.

Denn meine Bekannte aus Halle, die sich zunächst auf Gespräche mit Stasioffizieren eingelassen hatte und schließlich als IM registriert worden war, bekam, wie das MfS bemerkte, "zunehmend moralisch begründete Zweifel an der Richtigkeit des Vorschlages". Sie könne, so ein Vermerk vom August 1987, die "vorgesehene Aufgabe nicht verkraften". Deshalb habe sie sich, so das Fazit, "in einem persönlichen Gespräch mit Klußmann dekonspiriert".

Die "Dekonspiration", die Selbstenttarnung, hatte auf dem Pressefest der SED-Zeitung "Neues Deutschland" stattgefunden, am 13. Juni 1987 im Volkspark Friedrichshain in Berlin. Auf dem Weg dorthin hatte uns die Stasi an der Straße Unter den Linden heimlich fotografiert und eine halbe Stunde lang beim Spazierengehen und Eisessen observiert.

Susanne erzählte, dass die Stasi versuche, sie als Kontaktperson zu benutzen. Ich war schockiert und zugleich dankbar, dass sie ehrlich war. Ich riet ihr, den Kontakt zur Stasi abzubrechen. Zurück in Westdeutschland schrieb ich ihr, dass ich den Kontakt zu ihr beenden würde – um die Stasi abzuhängen. Diesen Brief kopierte das MfS, er war der Beweis für die Selbstenttarnung. Die Stasi in Halle schloss den IM-Vorgang über mich im Oktober 1987 und legte ihn ins Archiv.

Und was wurde bis zum Ende der DDR aus den Offizieren Menzel und Mauersberger, die mich im März 1985 werbend bewirtet hatten? Menzel war, wie die Akten zeigen, studierter "Diplomphilosoph" für "marxistisch-leninistische Philosophie". Mir schien, dass er mehr zu verbaler Grobheit als zum Philosophieren neigte. Diesen Eindruck hatte auch das MfS.

Als er wegen seines "schulmeisterlichen Auftretens" (so eine Aktennotiz vom Juni 1987) nicht wie erhofft zum Major befördert wurde, beklagte er sich im Oktober 1988 bei Vorgesetzten. Statt der harten Schale zeigte sich da nur noch ein Häuflein Elend: "Aufgrund des psychischen Zustandes des Genossen Menzel, er brach ständig in Tränen aus, konnte kein sachliches Gespräch geführt worden."

Der belesene Marxist Menzel war zudem auf den Widerspruch zwischen Theorie und Wirklichkeit in der DDR gestoßen. Anfang Oktober 1988 musste er sich vor einer Parteikontrollkommission des MfS verantworten.

Menzel hatte einige Wochen zuvor beim Mittagstisch gegenüber Kollegen gesagt, "dass in den Kreisleitungen/Bezirksleitungen nur schwache bzw. mittelmäßige Kader ihre Arbeit versehen". Deswegen hatte ihn ein Genosse denunziert. Die Kontrollkommission ermahnte Menzel, künftig "die Arbeit des anderen zu achten".

Major Mauersberger, Sohn eines KPD-Mitglieds vor 1933, gelernter Maschinenschlosser und Fachschuljurist machte dagegen zielstrebig Karriere. Da er, so eine Beurteilung von 1983, "zu den vorwärtsdrängenden Genossen der Abteilung" gehörte, wurde er im Oktober 1985 zum Oberstleutnant und Abteilungsleiter befördert.

Mauersberger begegnete mir noch einmal, im Februar 1990. Am Ostberliner Alexanderplatz sah ich an einem späten Nachmittag eine Demo. Mehrere Hundert Demonstranten protestierten mit Transparenten "Gegen Arbeitslosigkeit in der DDR". Es war die erste Aktion zu diesem Thema, es gab erst 70.000 Arbeitslose in Ostdeutschland.

Zwischen den Demonstranten entdeckte ich Mauersberger alias "Meißner". Er war bei der Auflösung des Ministeriums für Staatssicherheit entlassen worden und gehörte zu den ersten Arbeitslosen der Republik. Ich sprach ihn nicht an. Ich sah ihm nur hinterher, als er mit den Demonstranten in der Dämmerung verschwand.

Im Video: SPIEGEL-Redakteur Uwe Klußmann erzählt, wie die Stasi ihn - einen westdeutschen Studenten - über Jahre hinweg beobachtete und was er schließlich aus seiner Stasiakte erfuhr.

Titelbild Heft 3/2015 Leben im sozialistischen Deutschland


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scxy 09.11.2016
1. Das Foto kann nicht von 1981 sein
..da der im Bild links zu sehenden VW Golf II erst Ende 1983 Premiere hatte. Es sei denn, es handelt sich um eines der handvoll Vorserienmodelle, die von der Stasi schon mal getestet wurden
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© SPIEGEL Geschichte 3/2015
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