Ritter und Rivalen Trinkgeld für den Henker

Jahrhundertelang diente der Londoner Tower als Kerker und Hinrichtungsstätte. Einige prominente Inhaftierte lebten dort allerdings ziemlich luxuriös.

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Von SPIEGEL-GESCHICHTE-Autor


Am Morgen wird der Häftling in jenen Raum geführt, in dem sein Leben enden soll. Er ist am Knöchel verletzt und kann nicht aus eigener Kraft stehen. Deshalb muss Josef Jakobs im Sitzen sterben - ein Novum im Tower zu London.

Er wird auf einen Stuhl geschnallt, dann legt ein Erschießungskommando an und tötet den deutschen Spion.

Was am Morgen des 15. August 1941 noch niemand weiß: Die Hinrichtung markiert den Schlusspunkt der blutigen Geschichte des Towers; der 43-Jährige ist der letzte Mensch, der zwischen den Mauern der Stadtfestung hingerichtet wird.

Für 22 Pfund, Kinder 11 Pfund, können Besucher heute mit Schaudern das "Traitors Gate" bestaunen - die Beschuldigten, die dieses Tor passierten, sahen zumeist einer harschen Bestrafung entgegen.

Touristen starren mit Grusel in jene finsteren Verliese, in denen Häftlinge einst von der Welt vergessen waren und bei karger Kost vor sich hindämmerten. Beim Anblick einer im Tower ausgestellten Streckbank fragt sich wohl mancher: Kann es wirklich möglich sein, dass ein solch brutales Folterinstrument einst fundamentaler Bestandteil der englischen Verbrechensaufklärung war?

Einfallsreiche Zweckentfremdung

Die Trutzburg in der City wurde hauptsächlich aus massivem Kalkstein gebaut. Zwei weitere Zutaten waren erforderlich, damit aus dem Fort der englischen Könige jene unvermeidliche Sehenswürdigkeit werden konnte: Blut - und Sperma.

Denn im Tower wurde nicht nur gemetzelt, sondern auch höchst irdischen Lastern gefrönt. Etliche Könige vergnügten sich mit ihren Mätressen im Lotterbett, während nur wenige Meter entfernt die von ihnen Eingekerkerten Qualen litten.

Architekt der steinernen Festung im Auftrag von Normannenkönig Wilhelm dem Eroberer war ein Kleriker namens Gundulf, der wegen gelegentlicher Heulattacken als "der jammernde Mönch" bespöttelt wurde. 1078 begannen die Arbeiten an dem Herrschaftsbau, dank dessen London zur uneinnehmbaren Kapitale Englands werden sollte; Wilhelm, der Usurpator aus dem fernen Frankreich, sah in der Anlage gleichwohl vor allem einen Schutz gegen die Engländer selbst.

Nichts weniger als das großartigste Schloss der gesamten Christenheit sollte nach Wilhelms Wunsch hier in die Höhe wachsen. Richtig fertig wurde die Burg für viele Jahrhunderte nicht: Nach dem Tod Wilhelms 1087 fügten etliche seiner Nachfolger dem Tower immer neue Gebäudeteile hinzu.

Anfänglich war die Bastion noch nicht jener düstere Kerker, als der er später berüchtigt war. Vielmehr diente der Bau den Royals zunächst als hochgerüsteter Militärstützpunkt. Erst allmählich entdeckten die Herrscher das Potenzial des Gebäudes als Dauerhaftanstalt. Und ganz nach Belieben des Despoten wurde das Prunkschloss immer wieder einfallsreich zweckentfremdet.

Ära der Tierhaltung

Johann Ohneland etwa, der Nachwelt als verschlagener Bruder der Heldengestalt Richard Löwenherz in Erinnerung, ließ angeblich im Tower ein junges Mädchen in einen überdimensionierten Vogelbauer sperren, weil sie den König abgewiesen hatte.

Unter Johanns Sohn Heinrich III. begann die Ära der Tierhaltung im Tower. Stauferkönig Friedrich II. hatte dem unbedarften Heinrich drei Leoparden zum Geschenk gemacht. Sogleich ließ der englische König einen Teil des Towers zur Menagerie umbauen. Den Raubkatzen war an diesem Ort allerdings nur ein kurzes Leben beschieden - niemand konnte die fachgerechte Fütterung der exotischen Tiere gewährleisten. Ein Eisbär, gestiftet vom norwegischen König Haakon IV., durfte mit Erlaubnis der Sheriffs von London in der Themse auf Lachsjagd gehen.

Jahrhunderte später missbrauchte der sadistisch veranlagte Jakob I. das Zoogefängnis für blutige Spektakel mit Tieren. Als ein Bär einmal ein umherstreifendes Kind getötet hatte, verurteilte Jakob das Pelztier, gegen einen Löwen zu kämpfen. Als sich die Tiere der königlichen Belustigung verweigerten, reagierte der Monarch mit einem Zornesausbruch.

Zu Beginn des 17. Jahrhunderts spielten sich die weit größeren Dramen aber schon in anderen Teilen des Komplexes ab. Längst war die weithin sichtbare Feste am Themse-Ufer zu einem Kerker für prominente Missetäter, gefallene Höflinge oder missliebige Angehörige der Königsfamilie geworden. Auf der Streckbank unter dem White Tower wurde auch der renitenteste Häftling gefügig.

"Betrachtet das Antlitz eines Verräters!"

Die stärkste Gegenwehr auf diesem Folterinstrument brachte der Überlieferung nach der katholische Offizier Guy Fawkes auf. Aus Protest gegen die Unterdrückung seiner Glaubensbrüder wollte der Rebell mit Gleichgesinnten das englische Parlamentsgebäude und König Jakob I. gleich mit in die Luft sprengen. Erst nach zweieinhalb Stunden Marter soll der leidensfähige Fawkes die Namen seiner Mitverschwörer preisgegeben haben. Am 31. Januar 1606 starb Guy Fawkes auf dem Schafott im Old Palace Yard.

In der Regel ereilte die zum Tode Verurteilten ihr Schicksal allerdings auf dem "Tower Hill", einer Erhebung unweit der Festung. Nur privilegierten Todeskandidaten war es vergönnt, abgeschirmt von den Blicken des Pöbels im Innenhof der Burganlage ins Jenseits befördert zu werden. Die übrigen Unglücklichen wurden zur öffentlichen Hinrichtungsstätte geführt, wo sie häufig neben Almosen für die Armen auch ein großzügiges Trinkgeld an den Henker entrichteten.

Der Scherge mit der Axt übte sich seinerseits in Freundlichkeit und bat sein Opfer um Vergebung für die nachfolgende grobe Behandlung. Nach getaner Arbeit hielt der Henker den Kopf des Gerichteten in die Menge und rief: "Betrachtet das Antlitz eines Verräters!"

Nur wenige Todeskandidaten waren ähnlich zu Scherzen aufgelegt wie der Gelehrte und Abenteurer Sir Walter Raleigh. Der einstige Star am Hofe Elizabeths I. hatte wegen Hochverrats im Tower eingesessen. Am Tage seiner Hinrichtung am 29. Oktober 1618 ließ er sich von seinem Henker die Axt zeigen, um nach eingehendem Befühlen der Klinge festzustellen: "Das ist eine scharfe Medizin, die einen aber ganz sicher von allen Krankheiten befreit".

Abbild der Vorhölle?

Katherine Howard, die fünfte Frau Heinrichs VIII., ließ sich den Henkersblock in ihr Gefangenenlager bringen, um zu üben, wie sie für einen reibungslosen Ablauf der Köpfung fachgerecht ihren Hals zu recken hatte.

Sehnlichster Wunsch der Todgeweihten war, dass der Scharfrichter sein Werk mit einem einzigen, sauberen Hieb verrichten möge - eine Hoffnung, die allzu oft enttäuscht wurde. Die Hinrichtung des in Ungnade gefallenen Lordsiegelbewahrers Heinrichs VIII., Thomas Cromwell, geriet etwa zu einem Schauerstück, das die anwesende Menge zu Protestschreien veranlasste. Der für die Vollstreckung engagierte Spanier Gurrea hackte und hebelte am Nacken Cromwells wie an einem widerspenstigen Baumstumpf herum. Erst nach schier endlosem Hantieren fiel der Kopf des Verurteilten.

Auch der unter Elizabeth I. ins Abseits geratene Feldherr Robert Devereux hatte unter den Folgen einer dilettierenden Henkerszunft zu leiden. Der erste Hieb zerschmetterte die Schulter des bedauernswerten 2. Earl of Essex, auch der zweite Schlag ging daneben; erst mit dem dritten Versuch glückte die Enthauptung.

Verglichen mit der Vierteilung und dem Herausreißen der Eingeweide - beides durchaus gebräuchliche Strafen für verurteilte Verräter der Krone - war die Metzelei mit der Axt noch milde.

Nur wenige kamen durch einen Gnadenakt in den Genuss, sich die Art ihres Sterbens selbst aussuchen zu dürfen. So ließ sich der wegen Hochverrats verurteilte George Plantagenet, Duke of Clarence, angeblich in einem Fass seines bevorzugten Süßweins ertränken.

War der Tower Abbild der Vorhölle? In jüngerer Zeit bemühen sich Historiker, das Schauerbild zu relativieren. In der Tat: Einigen Insassen präsentierte sich das Gemäuer als Edelkerker. Der schottische König John Balliol etwa durfte sich in den Jahren seiner Inhaftierung im White Tower einen kleinen Hofstaat und Pferde halten.

Inhaftierte zu unverhofften Höchstleistungen angespornt

Bevor ihre rund 45 Jahre währende Regentschaft begann, befand sich auch Elizabeth Tudor für kurze Zeit in Festungshaft. Allzu große Not hatte die künftige Königin wohl nicht zu erleiden. Sie protestierte mit Erfolg, nachdem sich das wachhabende Personal des Towers an den für die Prinzessin angelieferten Delikatessen bedient hatte.

Die VIP-Häftlinge ließen sich Kohlen und Kerzen in ihren klammen Knast schicken und wärmten sich nächtens in Kissen und Federbetten. Gegen die ungesunde Zugluft im Tower wappnete sich diese Kerkerelite mit Tapisserien an den Wänden.

Manch Inhaftierten spornte die Gefangenschaft gar zu unverhofften Höchstleistungen an. In seinen insgesamt 13 Haftjahren vertrieb sich der Entdecker Raleigh die Zeit mit chemischen Experimenten; einen alten Hühnerstall im Innenhof des Towers hatte der in Ungnade gefallene Günstling Elizabeths I. zur Alchemistenwerkstatt umfunktioniert. Dort entwickelte Raleigh ein Verfahren, mit dem er Salzwasser in Frischwasser umwandeln konnte und verfasste eine Weltgeschichte. Zeitgenossen zollten ihm nach seiner Enthauptung immerhin Respekt: "Noch so einen Kopf haben wir nicht, um ihn abzuschlagen".

Einer der seltsamsten Insassen in der beinahe tausendjährigen Geschichte des Towers war wohl der letzte König des Herrscherhauses Lancaster, Heinrich VI. Bereits als Siebenjähriger zum König gekrönt, lagen die Nerven des labilen Regenten früh bloß. Zeitweise fiel das Staatsoberhaupt in apathische Starre, brachte für Jahre kein Wort mehr heraus und war kaum mehr fähig, seine Amtsgeschäfte zu leiten.

1460 verlor das faktisch führerlose Haus Lancaster in den Rosenkriegen die Macht an das Haus York. Fünf Jahre lang war der bedrängte Heinrich auf der Flucht; 1465 wurde er dann in einer der größten Volten in der Geschichte der englischen Krone vom Herrscher zum Gefangenen im Tower. Immerhin war ihm in seiner Zelle die Gesellschaft eines Hundes und eines Käfigvogels erlaubt. Nach fünfjähriger Festungshaft verhalfen seine Unterstützer dem Umnachteten sogar zu einem Comeback auf dem Thron; doch nur für rund sechs Monate. Dann landete Heinrich erneut im Tower.

Am 21. Mai 1471 wurde der Gefangene nachts zwischen elf und zwölf Uhr ermordet. Womöglich starb er durch die Hand des Duke of Gloucester - der spätere König Richard III., dessen Ruf als einer der größten Bösewichte in der Geschichte der englischen Monarchie durch ein Stück von William Shakespeare zementiert wurde.

Nach bewährter Diktatorenart verschleierte das Haus York den wahren Grund für den Tod des Rivalen: "Zorn, Empörung und Verdruss" über die verlorene Sache des Hauses Lancaster hätten den abgesetzten Regenten getötet, ließen die Yorkisten mitteilen.

Die Skelette von Richards wohl jüngsten Opfern, der kleinen Prinzen Edward und Richard, seine Neffen, fand man erst knapp 200 Jahre nach ihrem gewaltsamen Tod in den Gewölben des Towers.



insgesamt 5 Beiträge
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captnali 29.08.2014
1. Mord-und Totschlag, Raubzüge
und Plünderung weltweit, das ist die Historie Britaniens!
leseteufel23 29.08.2014
2. Unlesbar...
...ist dieser Artikel. Neben der boulevardhaften Darstellung "Blut und Sperma" macht der Gebrauch (oder besser der Missbrauch) der deutschen Grammatik das Lesen zur Qual. Kann der Autor nur in der Gegenwart schreiben, wenn es um eine Szenenschilderung vergangenen Geschehens geht? Kennt der Autor noch Verben, die mit dem Genitiv stehen? "Er entledigte sich seinem Widersacher", das klingt einfach nur doof und liest sich nicht. Da stolpert man nur. Da wird man nicht geholfen!
sound67 29.08.2014
3. Das Gemälde von Lady Jane, Königin der neun Tage
... in der Photogalerie stammt übrigens von Eugène Delacroix, jenem französischen Maler, der "Die Freiheit führt das Volk" erschuf, das berühmteste Gemälde über die französische Revolution. Das hääte man im Bildtext ruhig erwähnen können!
ub24 30.08.2014
4. Mal abgesehen ...
... vom unerträglichen Stil des Artikels - wie oft soll Richard III eigentlich noch undifferenziert als mörderischer Schurke dargestellt werden? Wissenschaftsjournalismus at its worst!
bebelon 30.08.2014
5. Wie ich gestern schon schrieb,
Delacroix war NICHT der Maler des berühmten Bildes von der Hinrichtung der Lady Jane Grey. Es war PAUL DELAROCHE.
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