Unter Todesstrafe Landgraf Philipp von Hessen und die Bigamie

Der Hessische Landgraf Philipp I. wollte von Luther eine Erlaubnis zur Zweitehe und bekam sie auch.

Landgraf Philipp von Hessen: Nach 16 Ehejahren eine 17-Jährige geheiratet
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Landgraf Philipp von Hessen: Nach 16 Ehejahren eine 17-Jährige geheiratet

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Charmant war es nicht, was der 35-jährige Landesfürst nach gut 16 Ehejahren und sieben gemeinsamen Kindern über seine Gattin Christina verbreitete: "Hässlich" sei sie, "unfreundlich" und übel riechend dazu. Auch unter erotischen Aspekten empfand Philipp von Hessen seine Gemahlin offenbar als Zumutung, denn, so klagte er, seit der Hochzeit habe er "nie Lust oder Begierde zu ihr" verspürt. Und deshalb, so ließ der Landgraf die Reformatoren um Martin Luther in Wittenberg wissen, brauche er jetzt unbedingt noch eine zweite Ehefrau.

Ein festes außereheliches Verhältnis mit einer Konkubine wäre ein akzeptables Anliegen gewesen für einen Landesherrn im Jahr 1539. Doch den Hessen plagte offensichtlich das Gewissen.

Bei früheren Amouren hatte sich Philipp wohl eine Geschlechtskrankheit eingefangen, wahrscheinlich Syphilis, meinen die Historiker. Philipp interpretierte das als Zeichen, dass der liebe Gott außereheliche Beziehungen nicht so gern sehe.

Gemälde von Margarethe von der Saale
Museumslandschaft Hessen Kassel

Gemälde von Margarethe von der Saale

Zudem drängte die Familie seiner Auserwählten, der 17-jährigen Margarethe von der Saale, auf kirchlichen Segen. Anderenfalls werde gar nichts laufen mit ihrer Tochter, beschied Margarethes Mutter dem Landgrafen.

Machtpolitisch gesehen war Philipp durchaus eine Größe in den Jahren der Reformation. Schon als 16-jähriger Jungherrscher war er in Worms mit Luther zusammengetroffen, später führte er lange Briefwechsel mit Philipp Melanchthon. Als die protestantischen Landesherren sich im Schmalkaldischen Bund gegen Kaiser und Papst verbündeten, wurde Philipp von Hessen einer ihrer beiden Hauptleute. Er verfügte über militärisches Drohpotenzial und beste Beziehungen.

Letztere gedachte der Landgraf auch zur Lösung seines Zweiteheproblems einzusetzen. Über einen Mittelsmann ließ er Ende 1539 bei Luther in Wittenberg anfragen, ob dieser nicht eine offizielle Zustimmung zur Doppelehe geben könne. Eine denkbare theologische Begründung lieferte Philipp gleich mit: Schließlich habe Gott auch so manchem Patriarchen aus dem Alten Testament mehr als eine Ehefrau gegönnt.

Aus Luthers Sicht war das keine gute Idee. Die Reformatoren konnten schlecht mit hohem moralischen Anspruch die Verkommenheit der katholischen Altkirche anprangern und gleichzeitig selbst die Eheprinzipien des Neuen Testaments über Bord werfen. Doch Philipp hatte ein starkes politisches Druckmittel. Seinem Emissär hatte er die Warnung mitgegeben, dass er mit seinen Truppen notfalls auch das Lager wechseln und bei Papst und Kaiser anfragen könne, falls die Protestanten in der Ehefrage unbeweglich blieben.

Nach einer langen Debatte mit seinen Getreuen unterschrieb Luther ein verschwurbeltes, als Beichtrat getarntes Gutachten, das von Melanchthon verfasst worden war. Grundsätzlich sei die Ehe mit mehreren Frauen einem Christen nicht erlaubt, hieß es da. Aber wenn im konkreten Fall das Seelenheil eines Betroffenen auf dem Spiel stehe, und sofern alles mit äußerster Diskretion abgewickelt werde, dann könne schon mal eine Ausnahme möglich sein.

Die Sache müsse aber unbedingt geheim bleiben, beschwor Luther den Hessen noch einmal in einem Brief, nachdem die Hochzeit mit Margarethe im März 1540 in der Schlosskirche von Rotenburg an der Fulda bereits stattgefunden hatte. Denn sonst, so warnte Luther, könne ja "jedermann" und "auch zuletzt die groben Bauern" auf die Idee kommen, sich solche Ausnahmegenehmigungen zu besorgen.

Natürlich blieb nichts geheim. Die Gerüchte und Berichte über einen von Luther gebilligten Fall von Bigamie verbreiteten sich rasant. Philipps Schwester plauderte über die Hochzeit, und auch Philipp selbst bestätigte bald seine Zweitehe.

Die Konsequenzen waren für die Reformatoren unangenehm, für den Landgrafen sogar richtig gefährlich. Denn er hatte anscheinend vergessen oder verdrängt, dass er selbst wenige Jahre vor der Hochzeit das Strafrecht des Kaisers, die "Constitutio Criminalis Carolina", in Hessen eingeführt hatte. Dieses Gesetzeswerk stellte Bigamie unter Todesstrafe.

Um die Sache in Ordnung zu bringen, musste Philipp kleinlaut bei Kaiser Karl V. darum bitten, von einer Exekution der Strafe abzusehen. Doch das kostete ihn einige politische Zusagen, etwa eine Loyalitätserklärung gegenüber dem Herrscher, womit er den Schmalkaldischen Bund der Reformatoren schwächte.

Martin Luther stand nach der peinlichen Geschichte vor einem Glaubwürdigkeitsproblem, das ihm und anderen Reformatoren noch lange vorgehalten wurde. Genüsslich wiesen seine Gegner darauf hin, dass der große Reformator auch noch mit einer weltlichen Gabe vom hessischen Landgrafen belohnt worden war: Philipp hatte Luther als Dank ein großes Fass Rheinwein geschickt.



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Crom 14.12.2015
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Sollte heute ja kein Problem mehr sein, wir sind ja alle tolerant. Daher sollte man die Ehe ausweiten.
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