Anfänge Venedigs: Vorboten des Untergangs

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3. Teil: Der größte Flutschutz aller Zeiten

Hochwasser in Venedig: Eine Stadt versinkt Fotos
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Zu Beginn des 16. Jahrhunderts, die fortschreitende Verlandung vor Augen, gab es für die Obrigkeit nur einen Ausweg: Nicht nur die Brenta, auch weitere jener "Pest bringenden Giftschlangen", wie die Flüsse damals selbst in amtlichen Dokumenten genannt wurden, sollten verlegt werden: Musone, Tergola, Marzenego und Dese - und eigentlich auch die Piave. Aber die suchte sich, nachdem man sie über 100 Jahre lang vergebens mit Dämmen bändigen wollte, 1683 mit ihren Hochwasserwellen selbst ein passendes Flussbett. Ins verlassene Piave-Bett passte nun die Sile. Und nachdem man inzwischen auch den nördlichsten Mündungsarm des Po, den Po delle Fornaci, verlegt hatte, war die tödliche Gefahr einer Verlandung gebannt.

Die Venezianer hatten mit einem der größten, teuersten und langwierigsten Bauvorhaben der Menschheitsgeschichte geschafft, was für unmöglich gehalten worden war: Sie hatten sich der Natur widersetzt - vorerst. Denn schon bald machte sich der moderne Mensch daran, selbst die Existenzgrundlagen Venedigs zu zerstören.

1918 wurde am Lagunenrand bei Marghera mit der Anlage eines Industriegebiets begonnen, mit Chemiefabriken, Raffinerien, Metallverarbeitung. Marghera und das benachbarte Mestre wuchsen zusammen, ihre Einwohnerzahl vervierfachte sich seit Anfang der fünfziger Jahre auf rund 200.000. Venedig schrumpfte derweil von knapp 200.000 Einwohner auf unter 60.000.

Auf dem Festland lockten gutbezahlte Arbeitsplätze, moderne Wohnungen, in öden Betonklötzen zwar, aber mit Bad und halb so teuer wie in Alt-Venedig. Und wer dort Verwandte besuchen wollte, kam über die "Brücke der Freiheit" in ein paar Minuten ins alte Zentrum.

Für die Betriebe war der Industriepark am Wasser praktisch: Man leitete die Abwässer einfach in die Lagune, samt ihrer hochgefährlichen Giftfracht - Dioxine, Furane, Quecksilber und Blei. Doch das merkte man erst in den neunziger Jahren. Das Wasser an den Kais der Industrieanlagen in Marghera war bunt: Hier strömte es rot, dort braun und blau aus den angerosteten Eisenrohren. Inzwischen, heißt es, sei manches besser. Manche Kanäle freilich schimmern auch heute noch wie ein Regenbogen.

Für die Industrietransporte wurden die Fahrrinnen in der Lagune auf bis zu 18 Meter vertieft und die Durchlässe zur Adria auf bis zu 900 Meter erweitert. Teile der Lagune wurden - etwa für den Flughafen Marco Polo - trockengelegt, andere durch Straßenbauten abgeschnitten. Das blieb nicht folgenlos.

Eine Million Kubikmeter Sand werden jährlich aus der Lagune ins Meer geschwemmt

Eine Million Kubikmeter Sand und Geröll werden seitdem jährlich aus der Lagune ins Meer geschwemmt. Die tieferen und breiteren Fahrrinnen sowie der immer intensivere Schiffs- und Bootsverkehr sorgen für eine kräftige Strömung, die immer weniger vom Pflanzenbewuchs auf dem Lagunengrund gebremst wird. Diese Vegetation ist großteils längst der Wasserverschmutzung zum Opfer gefallen.

In 50 Jahren, sagen Wissenschaftler, werde die Lagune allein dadurch um 15 Zentimeter absinken. Weitere Faktoren beschleunigen den Niedergang: Aus Tausenden Tiefbrunnen werden permanent gewaltige Mengen Süßwasser gepumpt - als Trinkwasser und als Brauchwasser für die Industrie. Aus anderen Quellen kommt Erdgas. Alle diese Bohrungen senken den Boden ab.

Das Wasser steigt, der Lagunenboden sinkt. Venedig liegt heute - die Angaben variieren - 23 bis 30 Zentimeter tiefer im Wasser als vor hundert Jahren. Und der Prozess geht weiter.

"Die häufiger und stärker werdenden Hochwasser sind nicht nur Vorboten des Untergangs", mahnt der Venedig-Experte Norbert Huse, "sondern bereits ein Teil davon." Im Laufe des 20. Jahrhunderts habe sich die Hochwasserwahrscheinlichkeit verzehnfacht.

Nach einer Studie des Instituts für Meereswissenschaften von 2009 wird sich das Absinken Venedigs im 21. Jahrhundert auf 17 bis 53 Zentimeter (je nach "best"- oder "worst case"-Annahme) beschleunigen - und damit die Überflutungsrate. Die US-Forscherin Vivien Gornitz, Mitglied des Weltklimarats, hält selbst diese Schätzungen für zu vorsichtig, sie befürchtet ein noch heftigeres Absacken der Stadt.

Trotz der großen Flut vom 4. November 1966, die das Wasser 1,94 Meter über normal steigen ließ und große Schäden in Geschäften, Restaurants und Handwerksbetrieben anrichtete, dauerte es drei Jahrzehnte, bis die Venezianer ernsthafte Konsequenzen zogen. Dann wurden plötzlich die Alarmglocken geläutet, Gremien gegründet, Rettungspläne diskutiert. Einige Experten schlugen vor, die rund 300 Jahre zuvor aus der Lagune verbannten Flüsse erneut umzuleiten: zurück ins venezianische Binnenmeer. Damit kämen aber auch wieder Geröll, Steine und Sand. Das galt weder als technisch noch politisch machbar.

Das größte und teuerste Anti-Flut-Vorhaben aller Zeiten

Die Suche verlagerte sich auf technische Projekte zur Zähmung der Meereskräfte. 2001 schließlich beschloss die italienische Regierung das größte und wahrscheinlich teuerste Anti-Flut-Vorhaben aller Zeiten. Es heißt "Mose" - ein Akronym für "Modulo Sperimentale Elettromeccanico", übersetzt: Experimentelles elektromechanisches Modul.

Im Prinzip geht es darum, 78 Stahlkästen - jeweils bis zu 5 Meter dick, 20 Meter breit und bis zu 30 Meter hoch - eng aneinander am Boden der Laguneneingänge in Betonfundamenten zu verankern. Wenn Hochwasser droht, wird Luft in die Stahlkästen gepumpt, die sich dadurch aufrichten und eine Flutmauer bilden. Nur relativ kleine Hochwasser, maximal 1,10 Meter über normal, dürfen dann noch durch. Dann steht allerdings bereits ein Teil der Stadt unter Wasser.

Rund 1500 Menschen arbeiten an dem gigantischen Projekt. Eigentlich sollte es längst fertig sein, jetzt hofft man, dass es 2014 in Dienst gehen kann. Doch ob das Experiment - geschätzte Baukosten: fünf bis sieben Milliarden Euro - sich in der Praxis als hilfreich erweisen wird, ist unter Fachleuten höchst strittig.

Manche glauben nicht, dass es überhaupt etwas bringt. Andere, etwa die US-Wissenschaftler Albert Ammermann und Charles McClennen, fürchten, dass es zu gut funktioniert: Wenn der Wasserstand der Lagune um weitere 30 Zentimeter steigt, zeigen ihre Studien, wäre zwischen Oktober und Ende Januar mit bis zu 150 Hochwassertagen zu rechnen. Der Schutzwall wäre also fast täglich geschlossen. Die ökologischen Folgen könnten verheerend sein: Weil Venedig noch immer kein ausreichendes Klärsystem hat, fließen jeden Tag große Mengen Fäkalien, Abfälle und Industrierückstände in die Lagune. Normalerweise wandern sie mit den Gezeiten ins Meer. Mose würde ihren Abgang verhindern.

Geht Venedig wirklich unter? "Wer weiß", sagt Ex-Bürgermeister Cacciari. "Die einen Wissenschaftler sagen dies, die anderen das. Man wird dem Meer nichts vorschreiben können."

Dieser Artikel stammt aus dem neuen SPIEGEL Geschichte. Sie können es hier kaufen.

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insgesamt 17 Beiträge
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1. Hübsche Story, aber trotzdem verfehlt
André Igler 10.06.2012
Viel Geschichte, aber dennoch Thema verfehlt: Im Titel steht Mose, dann kommt es im letzten Absatz wieder vor ... was'n das für ein Ansatz? Mose wird seit 40 oder mehr Jahren geplant, interessant wären die finanziellen Hintergründe im Italien Berlusconis, Mose ist seit Jaren hoch umstritten - nix davon im Artikel, trotz vollmundigen Titels. Ach ja, und ein kleines Deail: Venedig hat keine Brunnen, hatte nie welche. Was auf den vielen kleinen Piazettas steht, sind Zisternen. Passt aber ins schlampige Recherchebild ...
2. Disneyland
Oachkatzlschwoaf 10.06.2012
Zitat von sysopVenedig sinkt - langsam, aber offenbar unaufhaltsam. Gegen das Wasser kämpft die Lagunenstadt seit ihrer Gründung. http://www.spiegel.degeschichte/0,1518,835335,00.html
Soll es absaufen....... bei jeden Besuch (und es sind nicht wenige) denke ich mir, wer kann das alles noch geniessen bzw. ertragen? Egal zu welcher Tages- und Jahreszeit, es ist furchtbar! Es gibt aber keine Lösung, die Touristenmassen zu reduzieren..... Und die alte Faustregel, 100 Meter neben der Rennstrecke Rialto-Piazza ist alles in Ordnung, die gilt schon lange nicht mehr!
3. nana
l_thomas 10.06.2012
Zitat von sysopVenedig sinkt - langsam, aber offenbar unaufhaltsam. Gegen das Wasser kämpft die Lagunenstadt seit ihrer Gründung. http://www.spiegel.degeschichte/0,1518,835335,00.html
Der Meeresspiegel steigt immer noch nicht, egal wie oft man diese Lüge wiederholt! Ein Paar Millimeter in 100 Jahren ist kein Anstieg!
4. optional
meimei 10.06.2012
wie würde wohl die Region aussehen, wenn die Wälder dafür nicht abgeholzt worden wären (mal von Kriegsschiffen) abgesehen...
5. Atlantropa
Michael KaiRo 10.06.2012
Tja, früher haben die Venezier noch gegen die Atlantropa-Pläne vom Herman Sörgel voll gemotzt nach dem Motto: Wir sind eine Hafenstadt mit uneingeschränktem Meerzugang. Heute wären sie um die Trockenlegung mit Meerwasserlagune wohl dankbar. Tja, wer zu spät kommt, den bestraft das Leben ;) Vor allem, wenn man so arrogant ist.
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