Anfänge Venedigs Vorboten des Untergangs

Venedig sinkt - langsam, aber offenbar unaufhaltsam. Gegen das Wasser kämpft die Lagunenstadt seit ihrer Gründung.

AP

Es geht wieder los. Wie immer beginnt es auf dem Markusplatz und dem Domhof, den tiefsten Stellen der Stadt. Aus den Gullydeckeln quillt gluckernd Wasser empor, erst langsam, dann sprudelnd. Empfindliche Nasen behaupten, es stinke, andere sagen, es rieche nach Meer.

So manchem Fremden wird mulmig, doch Venezianer winken ab. So sei das hier: Winter, Vollmond und der Südwind Scirocco, kommt alles zusammen, steigt das Wasser. Ganz normal, ein Dutzend Mal im Jahr kommt das vor.

Allerdings passiert es immer häufiger. Und das wird langsam auch den Venezianern unheimlich.

Das Wasser aus den Abwasserschächten hat jetzt den Markusplatz überspült. Vor der Kaimauer, hinter der die fest vertäuten Gondeln tanzen, trifft es auf Wellen, die aus der Lagune auf den Platz schwappen. 80 Zentimeter über dem normalen Wasserstand zeigt die Messlatte an der Punta della Salute, an der Ausfahrt des Canal Grande. "Acqua alta", Hochwasser, ist das noch nicht.

Das beginnt erst bei 1,10 Meter "über normal". Etwa viermal im Winter ertönen, rechtzeitig vorher, die Sirenen. Die Venezianer in den gefährdeten Gebieten machen dann, soweit möglich, ihre Haustüren mit Metallplatten wasserdicht. Städtische Arbeiter errichten Notstege. Bei 1,20 Meter steht schon gut ein Viertel der Stadt unter Wasser. Noch fünf Zentimeter mehr, dann fährt kein Boot mehr. Alles steht still, Acqua alta.

"Weiter, weiter - nicht stehen bleiben!"

Für die meisten Touristen ist das ein willkommenes Event auf ihrem Venedig-Trip. Aufgeregt schieben sie sich über die schnell aufgebauten Stege auf dem Markusplatz. Mit hüfthohen Stiefeln stehen die Carabinieri unten im Wasser und treiben die Besuchermassen an: "Weiter, weiter - nicht stehen bleiben!"

Für die Venezianer bedeutet das: Wasser im Keller, feuchte Wände bis in die Obergeschosse. Daran sind sie gewöhnt, aber von Jahr zu Jahr werden die Hochwasser heftiger. In vielen Privathäusern sind die Erdgeschosse längst aufgegeben, das Leben beginnt im ersten Stock. Auf die Bürgersteige am Wasser werden neue Schichten aufgemauert. Bisweilen werden ganze Gebäude an der Wassergrenze aufgeschnitten, hydraulisch angehoben und auf ein höheres Fundament gesetzt. Historisch bedeutende Tiefbauwerke wie die Krypta von San Marco wurden mit Kunststoffharzen wasserfest gemacht.

So wächst die Angst der Bewohner, dass sie ihre Stadt letztlich doch nicht retten können. Denn der Boden, auf dem Venedig steht, sinkt ab, das Wasser steigt - die Stadt geht langsam, aber stetig unter.

Droht das Ende eines historisch einmaligen Experiments waghalsiger Siedler? Holt sich die Lagune irgendwann wieder, was der Mensch ihr - für eine Zeit - abgetrotzt hat?

Venedig, sagte einmal Massimo Cacciari, Philosoph und Ex-Bürgermeister der Stadt, könne es eigentlich gar nicht geben. Sie sei "eine vollkommen unwahrscheinliche, ganz und gar künstliche Stadt", zugleich "ein technisches Meisterwerk, höchster Ausdruck unserer Möglichkeiten, unserer geistigen Potenz".

Die Schaffung des Meisterstücks begann vor etwa 1600 Jahren, in den unsicheren Zeiten des vierten, fünften und sechsten Jahrhunderts. Hunnen, Vandalen, Goten und Langobarden zogen brandschatzend und mordend durch Europa. Die ansässige Bevölkerung litt - oder floh.

So trieb es auch die Einwohner der Dörfer am Rande der großen Lagune im Nordosten Italiens, die Veneti, wiederholt in die Flucht auf die Inseln vor ihrer Küste. Das Leben auf den matschigen Eilanden war freilich mühselig. Mitten im Wasser fehlte vor allem - Wasser: Trinkwasser brachte nur der Regen, das Lagunengemisch aus Salz- und Süßwasser war ungenießbar. Zu essen gab es Fisch, ab und an ein wenig Gemüse aus dem Garten. Im Winter drohten Sturmfluten, im Sommer Malariamücken.

Immerhin, man überlebte die Invasion. Die Fremdlinge waren zwar schwer bewaffnet und meist auch gut zu Pferd - aber sie hatten keine Schiffe. Und auch wenn die Lagune nicht sonderlich tief war, konnten die Soldatentrupps die Inselchen doch nicht zu Fuß erreichen.

Als die Heere weiterzogen, kehrten die Veneti an Land zurück. Das hatten auch die Exilanten vor, die um 410 vor den anrückenden Westgoten auf die Inselgruppe Rialto geflüchtet waren, abgeleitet von "Riva Alta", wie sie damals genannt wurde, Hohes Ufer. Aber ein junger zugewanderter Grieche sorgte dafür, dass sich der Lauf der Geschichte gründlich änderte.

Er hieß Antinopo und war, laut einem mittelalterlichen Schriftstück, ein "Mann von Verstand". Er erfand eine revolutionäre Technik für den Hausbau auf sumpfigem Grund, die im Prinzip bis heute eingesetzt wird: Zunächst ebnete Antinopo den Boden. Dann setzte er darauf, aus Steinen, Schilf und Weidenruten, ein Fundament. Drum herum rammte er dicke Pfähle aus Ulmen- oder Eichenholz in den Boden, auf diese legte er Eichenbohlen. Zum Schluss kam eine Schicht dicker, schwerer Steine obenauf - fertig war die Basis für ein Haus aus Ziegelsteinen, schön, groß und fast so stabil wie an Land.

Der Ort wuchs, doch die Menschen hatten keine Kirche

Sei es wegen der anhaltend unsicheren Lage auf dem Festland oder der neuen Bautechnik, jedenfalls siedelten fortan viele Veneti auf Rialto. Der Ort wuchs, doch - so schreibt ein entsetzter mittelalterlicher Chronist - die Menschen hatten keine Kirche.

Da fügte es sich "durch Gottes Wille", so der Chronist, dass in Antinopos Haus ein Feuer ausbrach und rasch 24 weitere Behausungen in Brand setzte. Bald, das war absehbar, würde die ganze Insel brennen. In ihrer Not versprachen Antinopo und seine Mitbürger dem Himmel eine Kirche, wenn das Feuer gestoppt würde. Und "auf mirakulöse Weise", jauchzt nun der Schreiber, verwandelte Gott den Wind in einen gewaltigen Regenguss, der die Flammen löschte, ausgerechnet am Tag Mariä Verkündung.

Klar, dass die braven Katholiken die versprochene Kirche bauten. Auf den Tag genau drei Jahre nach dem Feuer, am 25. März 421, wurde das Gotteshaus "zu Ehren des allerheiligsten Apostels San Giacomo" eingesegnet - auf dem Fundament des Hauses von Antinopo. So soll der Grieche nicht nur den Grundstein für sein eigenes Heim, sondern für Venedig gelegt haben.

Die meisten Historiker schmunzeln über die Geschichte. Sie ist nicht belegt, mehr Legende als historische Wahrheit. Davon ungerührt feiert Venedig alljährlich den 25. März als seinen Gründungstag. Und tatsächlich, ob mit oder ohne griechische Hilfe, legte der spätere Dogenstaat genau zu Antinopos Zeiten langsam los.

Kaum waren die Westgoten verschwunden, brachten die Hunnen einen neuen Flüchtlingsstrom. Baugrund wurde knapper. So wurden rund um die erste Siedlung auf der Inselgruppe Rialto bald auch die sumpfigen Nachbarinseln bewohnt. Schließlich rammten die Siedler sogar mitten ins Wasser Holzpfähle, legten Fundamente und setzten Gebäude oder kleine künstliche Inseln darauf, als Baugrund für ganze Häusergruppen, später für Kirchen und Paläste.

Denn wirtschaftlich ging es langsam bergauf. Die Basis der venezianischen Ökonomie waren Schiffe, zum Fischen wie zum Transport von Handelsware, und Salz. In großen Becken wurde das "weiße Gold" gewonnen, in Zylindern gemahlen und mit hohem Gewinn verkauft.

Rund hundert Jahre später, 537, lobte Cassiodor, Minister des Ostgotenkönigs Theoderich, die Lagunenbewohner: "Ihr lebt in euren Häusern wie die Seevögel in ihren Nestern, arm und reich in gleicher Weise."

Tatsächlich ist eine Lagune ein ziemlich ungeeigneter Ort, um eine Stadt zu gründen. Was Flüsse und Meer wie aus einer Laune der Natur geformt haben, ist ein fragiles Gebilde, ein instabiles Wechselspiel aus Ebbe und Flut, Süß-und Salzwasser, Zu- und Abflüssen.

Die Lagune entstand vermutlich vor etwa 6000 Jahren. Der seit der letzten großen Eiszeit stetig steigende Meeresspiegel dehnte die Adria nach Norden aus. Auf ihrer nördlichen und der westlichen Seite schleppten Flüsse wie Brenta, Bacchiglione, Sile und Piave große Mengen Geröll und Sand aus den Bergen ins Meer. Eine konstant südwärts laufende Strömung häufte die Fracht der Flüsse im Laufe von Jahrhunderten parallel zur Küste zu länglichen Wällen auf den Stränden. Die trennten nach und nach einen 550 Quadratkilometer großen Meerbusen von der Adria ab. Als Zugang zum offenen Meer blieben schließlich nur fünf Zwischenräume übrig, sogenannte Porti.

Dieser Artikel stammt aus dem neuen SPIEGEL Geschichte. Sie können es hier kaufen.

Mehr zum Thema


insgesamt 17 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
André Igler 10.06.2012
1. Hübsche Story, aber trotzdem verfehlt
Viel Geschichte, aber dennoch Thema verfehlt: Im Titel steht Mose, dann kommt es im letzten Absatz wieder vor ... was'n das für ein Ansatz? Mose wird seit 40 oder mehr Jahren geplant, interessant wären die finanziellen Hintergründe im Italien Berlusconis, Mose ist seit Jaren hoch umstritten - nix davon im Artikel, trotz vollmundigen Titels. Ach ja, und ein kleines Deail: Venedig hat keine Brunnen, hatte nie welche. Was auf den vielen kleinen Piazettas steht, sind Zisternen. Passt aber ins schlampige Recherchebild ...
Oachkatzlschwoaf 10.06.2012
2. Disneyland
Zitat von sysopAPVenedig sinkt - langsam, aber offenbar unaufhaltsam. Gegen das Wasser kämpft die Lagunenstadt seit ihrer Gründung. http://www.spiegel.degeschichte/0,1518,835335,00.html
Soll es absaufen....... bei jeden Besuch (und es sind nicht wenige) denke ich mir, wer kann das alles noch geniessen bzw. ertragen? Egal zu welcher Tages- und Jahreszeit, es ist furchtbar! Es gibt aber keine Lösung, die Touristenmassen zu reduzieren..... Und die alte Faustregel, 100 Meter neben der Rennstrecke Rialto-Piazza ist alles in Ordnung, die gilt schon lange nicht mehr!
l_thomas 10.06.2012
3. nana
Zitat von sysopAPVenedig sinkt - langsam, aber offenbar unaufhaltsam. Gegen das Wasser kämpft die Lagunenstadt seit ihrer Gründung. http://www.spiegel.degeschichte/0,1518,835335,00.html
Der Meeresspiegel steigt immer noch nicht, egal wie oft man diese Lüge wiederholt! Ein Paar Millimeter in 100 Jahren ist kein Anstieg!
meimei 10.06.2012
4. optional
wie würde wohl die Region aussehen, wenn die Wälder dafür nicht abgeholzt worden wären (mal von Kriegsschiffen) abgesehen...
Michael KaiRo 10.06.2012
5. Atlantropa
Tja, früher haben die Venezier noch gegen die Atlantropa-Pläne vom Herman Sörgel voll gemotzt nach dem Motto: Wir sind eine Hafenstadt mit uneingeschränktem Meerzugang. Heute wären sie um die Trockenlegung mit Meerwasserlagune wohl dankbar. Tja, wer zu spät kommt, den bestraft das Leben ;) Vor allem, wenn man so arrogant ist.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL Geschichte 3/2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.