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30. Mai 2012, 00:00 Uhr

Venedig

Die Letzten ihrer Art

Von Barbara Supp

Venedig, die Stadt der Künstler, der Touristen und der Geschäftemacher - wie lebt sie mit dem Erbe ihrer Geschichte? Kann sie für ihre Bewohner noch Heimat sein?

Klackerdiklackerdiklackerdiklacker, das sind Rollkoffer, die auf Brückenmarmor schlagen, look, look, Rialto Bridge, das ist der ewige Lockruf der Reiseleiter, kommen Sie, dort drüben ist es, vite, vite, venez vite, nicht stehen bleiben, kommen Sie, meine Damen, meine Herren, und lassen Sie Platz, ein wenig Platz bitte für die Venezianer, kommen Sie, ein paar Meter noch, dies also ist die Rialtobrücke, Rivo Alto, der Geburtsort Venedigs, schon um 1180 führte hier eine Pontonbrücke von Ufer zu Ufer, dann eine Holzbrücke, abgebrannt und wieder aufgebaut und eingestürzt und jetzt aus Stein, seit 1588, schauen Sie nur. Es ist wie immer in der Altstadt von Venedig. Voll.

Im Gewühl der Reisegruppen bleibt er kurz stehen, Matteo Secchi, gebürtiger Venezianer, kein Reiseleiter, er zeigt auf ein schrundiges Gebäude gleich bei der Rialtobrücke, das sich hellgrau im Kanalwasser spiegelt, "das ist er, der Fondaco dei Tedeschi", sagt er so, als müsse jeder den Namen kennen. Er kann sich im Moment nicht weiter damit aufhalten, er hat etwas vor.

Kurz vor Mittag, am Campo San Bartolomeo, nur ein paar Schritte von der Brücke, sammelt sich seine Gruppe, Matelda, Alberto, Matteos Frau Beata, sie sind von Venessia.com, so nennen sie sich im Netz. Sie sind Venezianer, die ihr Venedig bewahren wollen. Sie haben die Medien geladen, für ein Jubiläum.

Sie zählen. Genau seit vier Jahren zählen sie jetzt, wie viele sie noch sind. Im Schaufenster der Apotheke am Platz wischt in roter Laufschrift diese Zahl vorbei: 58.855. So viele Einwohner hat das alte Venedig, nein Moment, ein technisch versierter Mensch aus der Gruppe tippt auf seinem Handy herum, aktualisiert die Zahl: 58.855, das war letzte Woche. Jetzt sind es 58.806.

Eine Stadt diskutiert und streitet

Die Alten gehen weg, weil sie die Brücken und Treppen nicht mehr schaffen. Die Jüngeren gehen, weil sie die Mieten nicht mehr zahlen können, weil sie nicht konkurrieren können mit Hotels und Frühstückspensionen oder mit den Reichen von auswärts, die sich hier ihren zweiten Wohnsitz halten, oder ihren dritten. Alberto wird in ein paar Wochen aufs Festland umziehen, er will nicht, er muss. Matteo hat vier Jahre lang dort gewohnt, dann hielt er es nicht mehr aus. Er kam zurück, will ausprobieren, ob sie noch eine Heimat sein kann, seine Stadt, die schönste Stadt der Welt. Und führt jetzt ein Hotel.

Er ist im Zwiespalt, lebt in und lebt von dieser mehr als 1000 Jahre alten Stadt, er nützt sie und will sie beschützen, will verhindern, dass noch oft geschieht, was mit dem Fondaco dei Tedeschi geschah.

Der Fondaco, 1508 erbaut, war jahrhundertelang die Handelsbörse der Deutschen, jetzt soll er ein Kaufhaus werden, er wurde an Benetton verkauft. Matteo und seine Gruppe macht es wütend. Die Stadt diskutiert und streitet.

Der Fondaco ist für die einen ein Symbol für den Ausverkauf Venedigs. Für die anderen ist er Symbol der Sachzwänge in einer verarmten Stadt, die das Geld von Firmen wie Prada, Bulgari, Benetton dringend braucht. Der graue Bau am Canal Grande ist große Geschichte und traurige Gegenwart, umkämpft, gefährdet. Am Umgang mit ihm lässt sich erklären, wie Venedig, die Stadt der Künstler und der Gelehrten, der Touristen, der Geldverdiener, wie diese Stadt mit ihrer Geschichte lebt.

Eine Stadt mit nicht einmal 60.000 Einwohnern, von 14 Millionen Fremden wird sie jedes Jahr besucht.

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Venedig braucht Touristen, muss sich aber auch vor ihnen schützen

Eine Masse von Körpern, wer sie intensiv spüren will, kann das gut auf dem Markusplatz erleben; den lässt niemand aus. Früher Abend, vor dem Markusdom schieben die T-Shirt-Händler ihr Warenlager vom Platz, gleich werden die Lichthändler übernehmen, magere, meist schwarze Jungs, die nichts zu verkaufen haben als etwas Blaues, das man in die Luft werfen kann, dort leuchtet dann das Ding. Alle haben das gleiche Sortiment. Noch immer sind die Digitalkameras im Einsatz, am Dom springt eine koreanische Familie gemeinsam in die Luft, einmal, zweimal, dreimal, so oft, bis die Kamera sie in der Luft einfängt, schaut mal, wir fliegen, wir fliegen in Venedig.

Noch immer kreischen Schulklassen, jagen sich, schubsen sich, look, look, plappernd und allgegenwärtig wie die Tauben. Wenn jeder 1,2 Quadratmeter Platz hat, so errechnete eine Studie im Auftrag der Stadt und Provinz Venedig, dann fasst la Piazza San Marco 19.000 Besucher. Oft sind es mehr. Venedig braucht sie, aber Venedig muss sich auch vor ihnen schützen. "No littering, sitting or lying in St. Mark's square" steht seit einiger Zeit auf den Abfallkörben, denn das machen sie gern, die Besucher, sitzen und vespern, picken wie die Tauben, sie sollen es nicht.

Manche sind einsichtig, fügsam. Manche sind es nicht. Es kommen die Schüler auf Klassenreise, schwer zu bändigen, oft hören sie nicht zu. Die Reisegruppen mit straffem Programm.

Die verliebten Paare. Die schwangeren Paare. Die schwulen Paare, die lesbischen Paare. Die grauhaarigen Paare, die vor langer Zeit schon mal da waren und prüfen wollen, ob irgendetwas von damals noch stimmt.

Süchtig nach Bildern und Fassaden

Es kommen diejenigen, denen Vivaldi, Wagner, Liszt in den Ohren dröhnt oder das Wort Lord Byrons: Ich liebe die melancholische Heiterkeit der Gondeln und die Stille der Kanäle. Mich stört nicht einmal die offensichtliche Dekadenz der Stadt.

Die Kunstsinnigen, die unter Bellini seit jeher mehr als einen Cocktail und unter Carpaccio mehr als eine Fleischspeise verstehen. Diejenigen, die süchtig sind nach Bildern und Fassaden. Der Fondaco war einmal eines ihrer Ziele, jetzt ist er es nicht mehr.

"Äußerst zufriedenstellende Zahlen" meldet die Tourismuszentrale. Nach wie vor kommen die Amerikaner, sie stellen die größte Gruppe unter den ausländischen Touristen, gefolgt von Franzosen, Briten und Deutschen. Russen, Brasilianer und Chinesen holen auf. Zwölf Prozent mehr Reisende kamen 2011 im Vergleich zum Vorjahr, bei den Übernachtungen waren es plus elf Prozent.

Manchmal zieht ein Mensch mit zielstrebigem Schritt über den berühmten, taubenverkackten Platz. Vermutlich einer von den 58.806, einer der hier wirklich wohnt.

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Das Geld fehlt schon lange

Ein halbstiller Morgen, am schrundigen Gebäude bei Rialto vorbei, über die Brücke, ein paar Gassen links, ein paar rechts, dann in einen schmalen, dunklen Durchlass hinein: der Palazzo Barbarigo della Terrazza. Innen Wandbänke aus Stein, lichter Blick zum Wasser, die Treppe hoch, Salons, grandiose Terrasse zum Canal Grande hin, Bibliothek, Konferenztisch unter strahlendem Kronleuchter, darunter drei Frauen, auch sie sprechen über den Fondaco dei Tedeschi, seufzend, aber dennoch enthusiastisch.

Die drei Frauen sind Sabine Meine, Musikwissenschaftlerin, Romanistin, Direktorin des Deutschen Studienzentrums im Palazzo Barbarigo, und zwei ihrer Stipendiatinnen, deren Forschung sich mit dem Fondaco dei Tedeschi befasst. Der Fondaco, mit Fresken bemalt von Tizian und Giorgione, gehörte Venedig, war aber Warenlager, Kontorhaus, Herberge, Handelsplatz der Deutschen. Unternehmerfamilien wie die Fugger verkauften Kupfer, Blei, Leder, Felle, versorgten sich mit Zitrusfrüchten, Stoffen, Gewürzen, Büchern, Kunst.

Im späten 19. Jahrhundert wurde das Gebäude zur Hauptpost von Venedig, ging also über in die Hand des Staates Italien. Jetzt gehört es Benetton, der Pulloverfirma. 53 Millionen Euro hat sie dafür bezahlt.

"Wir machen uns Sorgen." Das sagen alle drei. Die Stipendiatin Sibylle Backmann erforscht die Bedeutung der alten Handelsniederlassung für die "Inklusion und Exklusion oberdeutscher Kaufleute in Wirtschaft und Gesellschaft (1550-1560)". Die Stipendiatin Bettina Pfotenhauer erforscht die "gesellschaftlichen und kulturellen Beziehungen von Venedig und Nürnberg im 15. Jahrhundert" und die Bedeutung des Fondaco für diesen Austausch.

Das Deutsche Studienzentrum sitzt auf zwei Stockwerken im Palazzo Barbarigo, trägt zur Erhaltung des Palasts bei und finanziert fächerübergreifend Kunst und Forschung über Venedig. Es ist eine jener Einrichtungen - Stiftungen, Wissenschafts- und Kulturinstitute -, die nach der Hochwasserkatastrophe von 1966 gegründet wurden und dazu beitragen, Venedig als historischen Ort zu erhalten. Institute, die noch Geld haben in dieser Zeit, da es in Italien selbst an allem fehlt. Sie bringen jene Spezies Mensch nach Venedig, die ihren Forschungsgegenstand bewohnen darf, vorübergehend jedenfalls. Und die großes Interesse daran hat, dass er erhalten bleibt.

Die Deutschen spielten gern und tranken ordentlich

Der Fondaco soll früher "einer der meistbesuchten und schönsten Orte der Stadt" gewesen sein, sagen Quellen aus dem 16. Jahrhundert. Mit seiner Fassadenmalerei, mit seinen Wandbildern von Tintoretto und Veronese, mit dem mehrstöckigen Innenhof, und auch mit den in Stein geritzten "Händlerzeichen", durch die die Bewohner, ähnlich wie Graffiti-Sprayer von heute, dafür sorgen wollten, dass eine Spur von ihnen blieb. Sie ritzten auch Mühle-Spielfelder in den Stein, die Deutschen spielten gern und tranken ordentlich, das war jedenfalls ihr Ruf.

Von drei roten Rolltreppen im Innenhof war die Rede, als das Team des niederländischen Architekten Rem Koolhaas seine ersten Pläne für Benettons Kaufhaus präsentierte. Von nachgemalten Fassadenfresken, weil die Reste der echten ja längst im Ca' d'Oro-Museum sind. Die Stimmung nicht nur im Studienzentrum: Alarm. Wenn Benetton das darf, wer wird dann in Zukunft was noch alles dürfen?

Das Geld fehlt in Venedig, lange schon. Weil von den Einkünften, die kommen, zu wenig in den Gemeindekassen landet, weil unter Silvio Berlusconi die Grundsteuer abgeschafft wurde, weil Venedig versinkt und gerettet werden muss, weil die Gebäude verrotten, weil "Mose" kostet, das gigantische Sperrwerk, das jetzt gebaut wird, um Venedig ein paar Jahrzehnte lang vor Überflutung zu bewahren. Das Großprojekt - ökologisch wie ökonomisch umstritten - frisst die Sondermittel auf, die Venedig früher aus Rom bekam.

Die Stadt ist voll von prächtigen Bauten, die vor gar nicht langer Zeit noch öffentliches Eigentum waren und jetzt privaten Besitzern gehören. Palazzo Rava Giustinian, Palazzo Soranzo Piovene, Palazzo Sagredo, Palazzo Ruzzini Priuli, Palazzo Genovese, Palazzo Nani Mocenigo, sie alle wurden verkauft, alle wurden zu Hotels.

Die Privatwirtschaft, so sieht es Giorgio Orsoni, der Bürgermeister, habe bei der Rettung der Palazzi eine "essentielle Funktion". In einer Zeit, "da die staatlichen Fonds für den Schutz des Denkmalbestands Venedigs praktisch auf null reduziert worden sind", habe die Stadt ja dennoch Verantwortung für den enormen Reichtum, den sie geerbt habe. Aber dafür die Sozialkassen plündern? Nein. Man brauche sie, die Privaten. Man müsse allerdings künftig darauf achten, dass das große Erbe "für einen öffentlichen Gebrauch zugänglich bleibt, und verhindern, dass Hotels daraus werden".

"Das war doch kein Kaufhaus"

Der Fondaco - man werde dafür sorgen, dass das Erdgeschoss und der oberste Stock der Stadt, also der Öffentlichkeit, zur Verfügung gestellt werden, lässt Orsoni wissen. Der Denkmalschutz werde sein ernstes Wort mitreden. Im Übrigen habe die Stadt nur dem zugestimmt, was geschichtlich gesehen "immer die Aufgabe des Palastes war: ein Ort des Gewerbes und des Tauschhandels zu sein".

"Er war doch kein Kaufhaus", sagt dazu Bettina Pfotenhauer, die das Leben dort im 15. Jahrhundert erforscht hat. "Er war viel mehr, er war Börse für Waren, Geld und Nachrichten, für Kommunikation zwischen Italien und Oberdeutschland", war eine Mischung aus Handelsplatz und soziokulturellem Zentrum, und das, wünschen sich die drei Wissenschaftlerinnen vom Studienzentrum, möge künftig, bitte sehr, noch zu spüren sein. So ähnlich stand es im offenen Brief, den das Centro Tedesco di Studi Veneziani zusammen mit anderen Besorgten an Orsini, den Bürgermeister, verschickte.

Am Fondaco stoßen die Interessen hart aufeinander, die der Forscher, die weiter ungestört forschen, und die der Kommerziellen, die Geld verdienen wollen. Die der Touristen mit ihren Widersprüchen, die sich Venedig so wünschen, wie es immer war, aber mit modernem Komfort und Einkaufsmöglichkeit. Und die Interessen der Venezianer, die unter Einkaufen etwas anderes verstehen als die Fremden, die nur hier sind für einen Tag.

Zurzeit steht der Fondaco leer und vergammelt, ist mit Gittern und Schlössern gesichert und ungenutzt. Correspondente non funzionante steht warnend über toten Briefschlitzen.

Dafür ist ihm jetzt die moderne Zeit grellbunt auf die Mauern gerückt mit festgekleisterter Werbung, für einen "General Levy from London featuring DJ Afghan", für ein Konzert mit dem Dirigenten Daniel Barenboim, für ein Kleintheater, das ein Stück namens "Beatrice all'Inferno" spielt. Für einen deutschsprachigen Roman namens "Alles anders", erschienen im Novum-Verlag, einem "Verlag für Neuautoren"; der Klappentext auf dem Werbezettel geht so: "Schlag für Schlag ändert sich Dr. Beate Thomas' Leben. Nach einem folgenschweren Ereignis flüchtet sie zu Freunden in Venedig, wo sie sich von jeher heimisch fühlt. Dort umgarnt sie der rassige Fabrizio, Schwarm aller Frauen. Eine unerwartete berufliche Wende führt sie schließlich..."

So träumen sie.

Die österreichische Fast-schon-Romanciere.

Die dänische Kunsthistorikerin auf dem langen Weg zur Dissertation.

Der spanische Bildhauer, der beinahe richtig berühmt ist.

Die Designerin aus Oberbayern, die irgendwann, demnächst, von ihrem Glasperlenschmuck leben können wird.

Manche bleiben tatsächlich. Oft nehmen sie halbprekäre Existenzen in Kauf, weil sie sich in Venedig oder einen Venezianer verliebt haben, weil sie die Inspiration suchen, weil sie die große Bühne wollen für das eigene Leben und Werk. Sie bleiben in einer Stadt, die immer feucht und immer voll ist und eigentlich nicht mehr zum Wohnen taugt.

Weil in jeder Gasse, durch die man muss, 50 Franzosen oder Koreaner mit ihren Digitalkameras stehen. Weil der Bäcker zumacht, und wieder eröffnet ein Maskengeschäft. Weil man nicht sicher sein kann, dass es noch irgendwo in der Stadt den Staubwedel, den man braucht, zu kaufen gibt.

Funerali, Bestattungen, die bekommt man geboten. Sogar Funerali ecologici, oder green funerals für die Zugereisten. Falls sie ernst machen wollen mit dem Leben, Bleiben und Sterben in der Stadt.

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Drinnen Ruhe - draußen Springseil und Spielzeugferrari

Eine Brücke weiter plötzlich: das Leben. Nachmittag, die schönste Stunde auf dem Campo Santi Giovanni e Paolo, zehn Gehminuten nordöstlich von Rialto. Es wimmelt. Es kreischt. Lucia! Non cadere! Giuseppe! Andiamo!! Raimondooo!!!!

Klonk, knallt ein Fußball gegen die Fassade von Santi Giovanni e Paolo, klonk, klonk, klonk, gegen den größten Sakralbau Venedigs, wo 27 Dogen ruhen, umgeben von Spätgotik, Hochrenaissance, Barock, klonk, klonk, klonk, drinnen ist Ruhe, draußen nicht.

Draußen: Springseil und Spielzeugferrari und rosa Kinderfahrrad mit kleinem Rennfahrer darauf, Kinder mit Rollschuhen, Kinder mit Hello-Kitty-Rucksack, Kinder mit Eis, verkleckert, Fangen spielend um das 1488 gegossene Reiterstandbild, quietschende, quicklebendige Kinder, lässige Mütter und Väter beim Tratsch, oder auf Caféstühlen beim Aperitif, meist ist es Sprizz, bitter, rot und leicht klebrig, dazu Erdnüsse, die sie lachend gegen Tauben verteidigen. Für Matteo Secchi, für viele in Venedig ist der Platz etwas Besonderes, er steht noch für etwas, das man schützen muss.

Matteos Tochter ist hier geboren. Hier, im rechten Winkel zur Kirche, steht die Scuola Grande di San Marco, eines der sechs großen historischen Bruderschaftsgebäude, das vor 200 Jahren städtisches Krankenhaus geworden ist. Unter Reliefs und Marmorintarsien finden Kranke Zugang, im Renaissance-Ambiente kann man sich urologisch, gastroenterologisch behandeln lassen oder ein Kind gebären, noch, im letzten richtigen Krankenhaus der Stadt.

In jüngster Zeit, begleitet von Protesten in der Stadt, ist immer mehr medizinischer Service aufs Festland verlagert worden. Es war sogar schon die Rede, die Geburtsstation ganz zu schließen.

Dann würden keine Venezianer mehr geboren.

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"Lassen Sie Platz für die Venezianer"

Was macht diese pausenlos präsente Schönheit mit einem Menschen, der in ihr lebt? Sieht er sie nicht mehr? Sabine Meine, Direktorin im Palazzo Barbarigo und befristete Venezianerin, sagt: "Es war - im besten Sinne - ein Schock, hierher zu kommen. Jeder Tag ist Dankbarkeit, und jeder Tag ist wieder ein Schock."

Matteo Secchi, Hotelier und Venedigschützer, sagt: "Man ist nicht leicht zu beeindrucken, anderswo in der Welt. Man reist und sagt: Ah, ja, noch eine Kirche. Habe ich zu Hause auch."

Veronica, deren Nachname nicht genannt werden soll, Veronica also sagt: "Ich mag diese Frage nicht."

Leicht erschöpft bleibt sie stehen, Veronica, Fremdenführerin, nicht jung, sehr dünn, schmale Hose, strenge Jacke, strenger Blick. Sie hat ihrer Gruppe San Marco erklärt, das Teatro La Fenice, die Wendeltreppe am Palazzo Contarini del Bovolo, das Hotel San Fantin, das noch Kanonenkugeln aus österreichischer Zeit in der Fassade trägt, sie will ihre Gruppe, thank you, thank you very much, bei der Rialtobrücke verabschieden, beantwortet letzte Fragen, blickt zum schrundigen Fondaco hin, der sich im Canal Grande spiegelt, sie seufzt, warum sie seufzt, erklärt sie zunächst nicht.

Die Venezianerin Veronica lebt von der Geschichte, Geschichte als Schauspiel von Menschen und Abenteuern, und der Anblick Venedigs, so braucht sie es, muss bleiben, wie er war. Damit Venedig für die Fremden die Einladung zum Träumen bleibt, damit der Hunger nach Geschichten bleibt, den sie dann mit ihren Erzählungen stillt.

Wo kann man denn hier einkaufen?

Vielleicht, hebt sie an zu sagen, muss man nicht unbedingt der Meinung sein, dass man direkt an der Rialtobrücke dringend einen neuen Pullover braucht, da hat eine ukrainisch-amerikanische Familie aus ihrer Reisegruppe noch eine letzte Frage: "Sagen sie, wo kann man denn hier einkaufen? Shoppen? Wo kaufen Sie denn ein?" Veronica zuckt die Achseln, deutet in Richtung San Marco, wo die teuren Gucci-, Missoni-, Armani-Läden sind, murmelt schließlich "wir wissen es eben ein bisschen früher, wenn es Sonderangebote gibt".

Vielleicht werden die Touristen das Warenhaus an der Rialtobrücke mögen. Vielleicht werden sie es aufregend finden, zu Hause ein Kleidungsstück vorzuführen: "Schau mal, hab ich in Venedig gekauft."

Veronica sagt, es sei schwierig, aber sie versuche den Fremden zu vermitteln, dass es tatsächlich Menschen gibt, für die Venedig ein Wohnort ist. Immer sagt sie in den engen Gassen: "Lassen Sie Platz für die Venezianer", aber es nützt nichts. Die Leute vergessen es sofort. Veronica sagt, es stimme tatsächlich, dass Touristen manchmal fragen: "Wann macht Venedig abends zu?"

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Am Rialtomarkt ist Venedig noch Heimat

Ach ja, Venedig verteidigen, es hört nicht auf. Dass das bei sehr guter Laune geschehen kann, zeigt sich an einem Samstagvormittag am Ufer des Canal Grande, gegen zwölf.

Mercato di Rialto, Gemüsemarkt, Fischmarkt, Venedig wuselt, Venedig riecht. Nach Alici, Gamberi, Seppie, Sarde, nach Merluzzo, Tonno, Sogliole. Nach Capesante, Calamaretti, Vongole veraci, nach der feuchten Pracht an den Fischtischen, Venedig lebt, Venedig kauft und kocht.

Einen stattlichen Herrn mit einem Plastikbeutel voll Fisch und einer Zeitung unterm Arm trifft man an einer Bar am Campo Bella Vienna gleich beim Markt, wo man alle trifft. Ein Sprizz trinkender und nach allen Seiten grüßender Herr, auch er macht sich Sorgen, doch er sieht nicht so aus. Es ist Marco Zordan, Presidente der Bürgerbewegung "40xVenedig". Auch er und seine Leute haben Venedigs Zukunft und Venedigs alte Mauern im Blick.

Ja doch, Benetton hat seine Pläne offenbar revidiert, keine falschen Fresken mehr, nicht mehr drei Rolltreppen, sondern zwei, und außerdem Raum für Kultur und Kommunikation.

Ja doch, aber - ciao Vincenzo! Das Problem, sagt Marco Zordan, der Architekt ist, ebenso wie sein eben gegrüßter Mitstreiter Vincenzo, sei kein architektonisches Problem, "das ist nicht unsere Diskussion". Es ist - "Das Leben! Die Allgemeinheit! Die Öffentlichkeit!" Öffentlicher Raum, der verschwinde und privatisiert werde. Den man dringend brauche, sagt Vincenzo, der Mitstreiter, "Einen Ort, an dem wir zusammensein können! Mit unseren Kindern Geburtstag feiern."

Das Kaufhaus, sagt Benetton, wird für alle offen sein. "Ja, wunderbar! Wir dürfen kostenlos eintreten zum Einkaufen! Und vielleicht sogar kostenlos auf die Toilette, wunderbar!"

Marco Zordan, mit einem Teller frittierte Meeresfrüchte in der Hand, die man im Stehen zum Aperitif verzehrt, steht auf dem kleinen, wuselvollen Platz und hat Pläne, hat Ideen für Venedig, weniger Hotels und Frühstückspensionen, weniger Touristen gleichzeitig in die Altstadt von Venedig, dafür mehr in die Region Veneto insgesamt; echte Statistiken, bitte sehr, wie viel Geld kommt überhaupt in die Stadt? Wo bleibt es hängen? Öffentliche Treffen! Mitsprache!

Der erste Rollkoffer des Tages

In der Zeitung, die er unter dem Arm trägt, steht es noch nicht, aber klar ist inzwischen, dass das letzte Wort über den Fondaco noch lange nicht gesprochen ist. Eine Fachkommission im Kulturministerium hat jetzt wissen lassen, dass sie die Rolltreppen nicht mag, die Plexiglasverkleidung, den Ponton im Kanal; ihr Gutachten fiel vernichtend aus, eine Art "Grabstein" für das Koolhaas-Projekt sieht "Venezia Today".

Aber Zordan hat ja andere Sorgen als die Fachkommission. Ihm geht es nicht um Rolltreppen, sondern um den Verlust von öffentlichem Raum.

Wir werden, sagt Marco Zordan, die Gemeinderäte besuchen. Ein letzter Tintenfischring, dann muss der Fisch im Plastikbeutel nach Hause. "Wir werden sehen", sagt Zordan. Es klingt nicht deprimiert. Er verschwindet im Gewühl. In einem heimatlichen Gewühl.

Am Rialtomarkt ist Venedig noch Heimat.

Am Campo Santi Giovanni e Paolo, im Kindergeschrei, ist Venedig noch Heimat.

Im Bezirk Cannaregio, wo Matteo sein kleines Hotel hat, nicht weit von Giovanni e Paolo, ist Venedig noch Heimat.

Abend, und wer in Cannaregio die Gassen entlanggeht, wird belohnt mit Stille. Mit Schritten im Dunkeln, Kanal und Brücke, die man als Einzelner überquert, schmale Gassen, kleiner Durchgang, eine dösende Katze, ein Laden, der Staubwedel verkauft. Eine alte, gebückte Frau schleppt ihr Brot nach Hause, ein junger Mann trägt sein Baby im Bauchsack durch die Nacht.

Früher Morgen, und die Stille hält noch, das Wasser am Schiffsanleger Richtung Murano ist Mitternachtsblau, wird Aquamarin, wird grünliches Türkis. Noch keine Menschen bisher, nur Möwengelächter am Abfall von gestern, dann ein leiser Jogger, dann ein Mann mit seinem Hund, dann kommt er, der erste Rollkoffer des Tages, zerklackt die Stille, es ist vorbei.

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