Politische Entwicklung Warum die islamische Welt so zerrissen ist

Kolonialzeit und Kalter Krieg haben die Strukturen in der arabischen Welt zerrissen. Doch Chaos, Radikalisierung und Dschihadismus entstehen auch durch das Versagen ihrer Eliten. Was kann Europa dagegensetzen?

"Arabischer Frühling": In Kairo feiern Ägypter den Jahrestag am 25. Januar 2012
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"Arabischer Frühling": In Kairo feiern Ägypter den Jahrestag am 25. Januar 2012

Ein Interview mit Islam-Experte Loay Mudhoon von und


Martin Zitzlaff / DER SPIEGEL

Loay Mudhoon, Politik- und Islamwissenschaftler, lehrt und forscht in Köln zum Nahen und Mittleren Osten im Kontext der internationalen Politik. Zu seinen Schwerpunkten gehören das Verhältnis von Islam und Demokratie sowie innovative Reformansätze im heutigen Islamdiskurs. Er ist Nahostexperte bei der Deutschen Welle und verantwortlicher Redakteur des Internetmagazins "Qantara.de - Dialog mit der islamischen Welt".

SPIEGEL: Herr Mudhoon, seit wann gehört der Islam zu Deutschland?

Mudhoon: Seitdem es deutsche Muslime gibt. Zwar ist die erste Moschee hierzulande vor hundert Jahren gebaut worden. Aber in der öffentlichen Wahrnehmung ist der Islam erst mit der ersten türkischen Gastarbeitergeneration angekommen.

SPIEGEL: Geistesgeschichtlich gesehen gehört die islamische Kultur schon sehr lange zu Europa. Der Aufschwung der Wissenschaften im Mittelalter hat ein persisch-arabisches Fundament. Dieser Ost-West-Wissenstransfer ist aber wenig bekannt.

Mudhoon: Das ist wirklich bemerkenswert. Die Vermittlungsleistung der islamischen Kultur, die zwischen der griechischen Antike und dem späteren Europa eine Brücke geschlagen hat, ist aus dem öffentlichen Bewusstsein weitgehend verschwunden. Die Zäsur kam mit dem Aufstieg westlicher Mächte im Nahen und Mittleren Osten. Um ihren Herrschaftsanspruch zu legitimieren, tilgten die Europäer ihr muslimisches Erbe aus der Geschichte und konstruierten einen zivilisatorischen Vorsprung. Als Antwort darauf veränderte sich aber auch der Islam: Er wurde von den lokalen Eliten instrumentalisiert, um die jeweilige nationale Identität gegen die der Kolonial- oder Hegemonialmacht zu schärfen.
SPIEGEL: Die Radikalisierung war eine Antwort auf den Kolonialismus?

Mudhoon: Der Fundamentalismus ist ein Produkt der Moderne. Wir erleben in vielen islamischen Ländern einen epochalen Zerfall religiöser Autoritäten. Erst diese dramatische Entwicklung führte zum Erstarken ultrareligiöser und salafistischer Islambewegungen. Die erste salafistische Bewegung war jedoch reformorientiert.

SPIEGEL: Wann war das?

Mudhoon: Die Bewegung des islamischen Reformismus ist im 19. Jahrhundert überwiegend in Ägypten entstanden. Einer ihrer Gründungsväter, Ägyptens damaliger Großmufti Mohammed Abduh (1849 bis 1905), rief zur Rückbesinnung auf den idealisierten Frühislam. Dabei pochte er auf die Wiederbelebung des rationalistischen Erbes des Islam, dessen Kultur einst der westlichen überlegen gewesen war. Seine Salafisten wollten den Weg in eine aufgeklärte Moderne gehen ...

SPIEGEL: ... im Gegensatz zu den heutigen Salafisten.

DER SPIEGEL

Mudhoon: Genau. Erst sehr viel später bildete und verbreitete sich der (Neo)-Salafismus als ideologisches Eindeutigkeitsangebot, das einen vermeintlich wahren und "reinen" Islam konstruiert. Doch "den Islam" als statische, unveränderliche Einheit gibt es nicht, er ist ein Sammelsurium von Werten und Normen, eine Religion mit vielen Ausprägungen. Sogar das Alkoholverbot gab es nicht durchgängig, und es gibt eine reiche homoerotische Literatur.

SPIEGEL: Leidet die islamische Welt also am Dominanzstreben einzelner Strömungen, die für sich in Anspruch nehmen, den wahren Islam zu vertreten?

Mudhoon: Natürlich! Der Wahhabismus etwa stellt eine Art ultra-islamische, puritanische Interpretation dar. Ihr Begründer Mohammed Bin Abd al-Wahhab (um 1703 bis 1792) formulierte eine rigide Lehre, die den Koran wörtlich verstehen wollte. Mit einem Federstrich versuchte er, mehr als ein Jahrtausend islamische Geschichte auszulöschen. Diese Lehre aus der Arabischen Halbinsel wäre ein Provinzereignis geblieben, wenn Bin Abd al-Wahhab nicht eine Allianz mit der Saud-Dynastie eingegangen wäre, und diese wiederum mit dem Westen. Im 20. Jahrhundert eroberte ein saudischer Kämpfer weite Teile der Arabischen Halbinsel - mit Unterstützung der Briten. Später wurde der Wahhabismus im West-Ost-Konflikt massiv instrumentalisiert: im Kampf gegen das gottlose Reich der Sowjets.

SPIEGEL: Bitte erklären Sie das.

Mudhoon: Nach dem Sturz der Monarchie 1973 suchten starke politische Kräfte in Afghanistan die Nähe der Sowjetunion. Als 1979 die Sowjetarmee einmarschierte, um den Kommunisten zu helfen, waren der Westen und seine Verbündeten alarmiert: Die USA, Saudi-Arabien und Pakistan unterstützten daraufhin die islamistischen Guerillakämpfer, die sogenannten Mudschahidin. Mit diesem Kampf hatten sich große Teile der islamischen Welt solidarisiert. Die Allianz zwischen dem Westen und islamistischen Kriegern veränderte die Weltpolitik.

SPIEGEL: Wie funktionierte die Allianz?

Mudhoon: Osama Bin Laden war damals ein guter Diener des Westens. Der spätere Qaida-Chef, ein vermögender Saudi-Araber, hat überall Mudschahidin für den Afghanistankrieg rekrutiert. Repressive Staaten wie Ägypten oder Jordanien waren heilfroh, ihre radikalen jungen Männer loszuwerden! In Afghanistan fand die erste weltpolitische Instrumentalisierung des radikalen Islamismus statt; hier wurde der globale Dschihadismus geboren.

DPA

SPIEGEL: Was unterscheidet die Taliban von den damaligen Mudschahidin?

Mudhoon: Man muss lokale nationale Islamisten - Taliban oder Hamas - von global agierenden Dschihadisten unterscheiden. Dschihadisten haben eine utopisch-eliminatorische Ideologie. Mit al-Qaida oder dem "Islamischen Staat" (IS) kann man nicht verhandeln - worüber denn?

SPIEGEL: Sie meinen, lokale Islamisten vertreten immerhin lokale Interessen?

Mudhoon: Islamistische Bewegungen sollte man immer im jeweiligen nationalen Kontext betrachten. Für mich ist der IS zum Beispiel nur ein Symptom, und zwar einer epochalen sozioökonomischen Krise im Nahen und Mittleren Osten. Jeder dritte Araber ist unter 23 Jahre alt und in der Regel gebildeter als seine Eltern. Diese junge Generation ist dank neuer Medien Teil einer globalisierten Moderne - gleichzeitig merkt sie, dass sie im eigenen Land perspektivlos ist.

SPIEGEL: Der Linke Oskar Lafontaine macht die amerikanische Interventionspolitik für das Entstehen des IS verantwortlich. Die USA und Großbritannien sind 2003 ohne Uno-Mandat in den Irak einmarschiert ...

Mudhoon: ... das ist populistisch verkürzt! Der IS, da hat Lafontaine recht, ist ein Kind des Irakkriegs 2003. Aber seine Entstehung war natürlich nicht von den Amerikanern beabsichtigt. Festzuhalten ist: Der Einmarsch in den Irak 2003 war völkerrechtswidrig und neokolonial motiviert. Richtig erschreckend aber waren die Fehler nach dem Sturz Saddam Husseins. Die Bush-Administration hat den irakischen Staat faktisch zerschlagen. Diejenigen, die einst die Elite des Landes gestellt und es jahrhundertelang geprägt hatten, die arabischen Sunniten, wurden an den Rand gedrängt und massiv verfolgt - auch, weil der schiitische Iran an Einfluss gewann. Viele Führungsköpfe des IS saßen in US-Gefängnissen wie Abu Ghuraib oder Camp Bucca. Da schmiedeten dann ehemalige Geheimdienstler, Militärstrategen von Saddam und gefolterte Qaida-Anhänger eine Allianz.

Saddam-Statue vor dem Palast in Bagdad (im April 2003)
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Saddam-Statue vor dem Palast in Bagdad (im April 2003)

SPIEGEL: Wo Sie gerade Iran erwähnen: Es gibt ja die These, dass der Sturz des liberalen Premiers Mohammad Mossadegh 1953 durch britische und amerikanische Geheimdienste die junge Demokratie dort zerschlug und indirekt einem islamistischen Staat den Weg bereitete.

Mudhoon: Mossadeghs Sturz hat die westliche Politik diskreditiert. Seitdem existieren bei vielen Iranern massive Vorbehalte gegenüber den USA. Vor allem aber deshalb, weil die Amerikaner danach das Schah-Regime unterstützt haben, eine brutale Diktatur, die Zigtausende inhaftierte und folterte. Das antiwestliche Ressentiment hilft dem heutigen Mullah-Regime, seine Politik, etwa beim Atomprogramm, als stolzes Nationalprojekt zu verkaufen. Und dennoch: Für mich ist die Figur des Schahs zentral bei der Schuldfrage. Niemand zwang ihn zu so viel Brutalität.

SPIEGEL: Gibt es dafür eine Erklärung?

Mudhoon: Viele muslimische Führer versuchten damals, Mustafa Kemal Atatürk nachzuahmen. Er hat sich das Volk geformt, es zwangssäkularisiert. Wir haben im Vorderen Orient eine Grundkrankheit: Der Otto-Normal-Bürger hat keine wirkliche Stimme; eine kleine Elite bestimmt das Schicksal der Völker. Daraus resultiert eine permanente Krise der Legitimation der Herrschaft. Atatürk setzte sich durch, weil er von einem ungeheuren Nimbus zehrte: Er hatte die Türkei nach dem Ersten Weltkrieg vor kolonialer Fremdherrschaft bewahrt - als eines der wenigen Länder der Region.

SPIEGEL: Atatürk war also der Pate nah- und mittelöstlicher Diktatoren?

Mudhoon: Jedenfalls ein Vorbild. Sei es der Panarabist Gamal Abdel Nasser in Ägypten, sei es der persische Schah Mohammad Reza, sie alle haben versucht, Atatürk zu imitieren. Sie haben versucht, ein modernistisch-laizistisches Modernisierungsprojekt durchzuboxen. In der Türkei war das weitgehend gelungen - wenn man darüber hinwegsieht, dass die "Schwarzen Türken", die Anatolier, sowie die Kurden, jahrzehntelang marginalisiert wurden. Panarabisten wie Nasser sind schon 1967 kläglich gescheitert, und damit nahm die Re-Islamisierung in Ägypten stetig Fahrt auf.

SPIEGEL: Im Arabischen Frühling schien das Freiheitsstreben wichtiger zu sein als der Glaube.

Mudhoon: Der große Slogan der Arabellion war nicht zufällig: "Al-Schaab jurid" ("Das Volk will"). Von Marokko bis Indonesien hatten sich militärische und andere Eliten angemaßt, die Menschen zu bevormunden. Meine persönliche Hoffnung lag übrigens jahrelang auf Erdogans AKP. Dass es seiner Partei gelingen würde, eine Art islamische Volkspartei zu werden.

Muslimische Kämpfer in Afghanistan (1980)
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Muslimische Kämpfer in Afghanistan (1980)

SPIEGEL: Im Grunde genommen holt die Türkei das nach, was anderswo längst passiert ist. Die Türkei war besonders stark säkularisiert - und jetzt kommt mit Macht der Umschwung hin zum Islam, und zwar aus dem Volk, aus Anatolien. Heißt das nicht, dass der Islam, so wie er gelebt wird, am Ende gewinnt - also die Religion über die weltliche Macht?

Mudhoon: Da widerspreche ich. Sowohl islamistische Apologeten als auch westliche Islamkritiker wiederholen diese Thesen mantraartig.

SPIEGEL: Ist nicht die Trennung zwischen Staat und islamischer Religion besonders schwierig?

Mudhoon: Ja, aber das liegt nicht am Islam! Sondern an der Unterentwicklung staatlicher Institutionen, an der Schwäche der Zivilgesellschaften, am Mangel an Öffentlichkeiten. Der Reformdenker Mohammed Arkoun, er starb 2010 in Paris, hat einmal gesagt: "Wer heute behauptet, im Islam kann es keine Trennung zwischen der weltlichen und der geistlichen Sphäre geben, schildert zwar den Status quo in den meisten islamischen Ländern, verkennt jedoch, dass dieser auf der verhängnisvollen Geiselnahme der Religion durch die Politik beruht." Aus den islamischen Grundlagentexten lässt sich jedenfalls keine bestimmte Staatsform ableiten.

SPIEGEL: Wenn es nicht an der Religion liegt, woran sonst?

Mudhoon: Es sind ja meist die säkularen Autokratien selbst, die sich die Islamisten als Verbündete heranzüchten! In der Türkei hat die Armee seit den Siebzigerjahren im Rahmen der "Türkisch-islamischen Synthese" den Islam als Legitimationsressource aufgewertet - als Gegengewicht zum sozialistischen Mainstream. Oder in Ägypten: Nach Nassers Tod 1970 war der politische Mainstream auch in Ägypten links. Sein Nachfolger Anwar el-Sadat hatte Angst vor den Linken, deshalb empfahlen ihm seine Berater den Aufbau einer Gegenmacht. Die saß im Gefängnis, das waren Islamisten. Sadat hat sie entlassen und den Geheimdienst angewiesen, diese Leute zu fördern. Die Beispiele lassen sich beliebig fortsetzen; in Syrien etwa hat Hafis al-Assad 1990 eine Art Staatsislam geschaffen. Also: Religion wird nicht böse, weil sie so ist - sondern weil sie missbraucht wird.

SPIEGEL: Warum gelingt es nicht, moderate religiöse Autoritäten zu stärken wie etwa die hoch angesehene Azhar-Universität in Kairo?

Mudhoon: Gute Frage. Die Azhar-Universität war wohl die letzte Bastion islamischen Rationalismus, bis sie nach dem Sturz der Monarchie 1952 in den Staat integriert wurde. Die Azhar-Gelehrten wurden zu staatstreuen Beamten. Dadurch verlor sie ihre Autonomie und somit ihren Status als moralische Autorität. Das meine ich mit dem Zerfall unabhängiger Autoritäten: Es gibt in der Region kaum eine bedeutende Instanz, die nicht für politische Zwecke eingespannt wird. Das führt dazu, dass die Religion nicht mehr bloß Religion ist, sondern ein Machtmittel, eine Ideologie, eine Projektion. Für den einfachen Muslim ist das schwer zu durchschauen ...

SPIEGEL: ... für einfache Christen und Christinnen auch! Die sagen sich, der Islam führt bloß zu Dingen, die wir in unseren Demokratien nicht wollen.

Mudhoon: Verständlich, auch wenn es andersherum ist: Erst das Versagen des Staats führt zur Entstehung eines Machtvakuums, in das radikale Kräfte vorstoßen. Der Aufstieg radikaler Islamisten erfolgt dort, wo der Staat schwach ist - siehe Hamas, siehe Hisbollah. Wir haben es mit einer Krise der Staatlichkeit zu tun.

SPIEGEL: Eine Krise, das klingt, als hätte es mal eine starke Staatlichkeit gegeben.

Mudhoon: Sagen wir mal so: Der postkoloniale Repressionsstaat wurde zusammengehalten. Einen Staat, der von seinen Bürgern freiwillig getragen wurde, den hat es im Nahen und Mittleren Osten kaum gegeben. Mit dem Sykes-Picot-Abkommen von 1916, als Briten und Franzosen ein großes Gebiet entlang willkürlicher Grenzen aufteilten, entstanden künstliche Länder, die mit brutaler Gewalt seitens der Hegemonialherren aufrechterhalten wurden - und nach dem Zweiten Weltkrieg vor den Karren des Ost-West-Konflikts gespannt wurden. Anfangs unterstützte die Sowjetunion Syrien, den Irak und sogar Israel, während Saudi-Arabien, Jordanien und Marokko in westlichen Augen zu "den Guten" gehörten. Später zog der Westen dann auch Israel und Ägypten auf seine Seite.

SPIEGEL: Haben die einstigen Kolonialmächte versagt beim Aufbau von Demokratien?

Mudhoon: Während der britischen Herrschaft in Ägypten gab es so etwas wie aktiven Parlamentarismus. Aber die Machtfrage war geklärt: Das letzte Wort hatte der britische Generalkonsul in Kairo. Die eigenen Interessen - Nutzung und Kontrolle der Ressourcen - machen am Ende die eigenen Werte zunichte.

SPIEGEL: Und die lokalen Eliten spielen mit.

Mudhoon: Und wie! Wir nehmen meist nur die Pole "Säkularisten" versus "Islamisten" wahr. Die extreme Polarisierung nach der Arabellion darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass da auch ein Klassenkampf tobt. Wer hat den Zugang zu Ressourcen in diesen Ländern? In der Regel nicht die Islamisten, sondern die säkularen autoritären Herrscher. Die Islamisten repräsentieren immer noch die benachteiligten Bevölkerungsschichten. Deshalb ist die türkische AKP in meinen Augen auch keine Partei - sondern eine soziale Bewegung benachteiligter Menschen aus Anatolien, Menschen, die die kemalistischen Eliten vernachlässigt haben. Ähnlich verhält es sich in Marokko oder in Ägypten. Dafür ist der Westen nicht verantwortlich. Die lokalen Eliten haben vielmehr kolossal versagt. Ihr Interesse gilt nur dem Machterhalt.

SPIEGEL: Was werfen Sie dem Westen vor?

Mudhoon: Dass er keine langfristige Strategie zur Förderung von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit entwickelt hat. Die EU ist doch eine wunderbare selbst ernannte Wertegemeinschaft. Warum gab es nach der Arabellion keinen neuen "Marshallplan", um postrevolutionäre Staaten auf dem Weg der Transformation zu unterstützen? Die EU könnte aus Tunesien eine Art "Modellstaat" machen, ein kleines, überschaubares Land mit einer relativ gut ausgebildeten Bevölkerung. Es ist ressourcenarm und angewiesen auf Touristen, die nicht mehr kommen. Wieso helfen die Europäer nicht intensiv diesem Land, auch im eigenen Interesse? Das wäre gut investiertes Geld!

Anti-Schah-Protest in Iran (Anfang Januar 1979 in Teheran)
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Anti-Schah-Protest in Iran (Anfang Januar 1979 in Teheran)

SPIEGEL: Wie nehmen die Menschen im arabischen Raum eigentlich uns Europäer wahr? Sind wir der "böse Westen"?

Mudhoon: Bei den jungen Menschen konnte man nach der Arabellion überraschenderweise kaum antiwestliche Stimmung wahrnehmen. Aufseiten der Revolutionäre hätte man ja genug Gründe gehabt zu sagen: Ihr macht Deals mit Diktatoren auf Kosten der Menschenrechte. Die westlichen Nichtregierungsorganisationen, etwa die deutschen Stiftungen, haben allerdings sehr gute Arbeit beim Aufbau der Zivilgesellschaft geleistet. Ich war 2007 bei einem Seminar in Ägypten: "Nutzung der neuen Medien für gesellschaftliches Engagement". Hört sich harmlos an, war aber eine Keimzelle des Aufstands ...

SPIEGEL: ... weshalb viele Stiftungen heute verboten sind.

Mudhoon: Genau. Die Machthaber in Ägypten, aber auch in den Golfstaaten haben deren Einfluss erkannt. Die Konrad-Adenauer-Stiftung in Abu Dhabi wurde 2012 geschlossen, das gesamte Team ausgewiesen; in Ägypten wurden Mitarbeiter der Spionage verdächtigt. Da hätte ich schon mehr Standhaftigkeit seitens der Bundesrepublik erwartet!

SPIEGEL: Haben Sie den Eindruck, der Westen geißelt die Chinesen mehr in puncto Menschenrechte als die Araber?

Mudhoon: Allerdings. Vizekanzler Sigmar Gabriel hat bei seinem letzten Besuch in Ägypten in einer Pressekonferenz zu den ägyptischen Journalisten gesagt, sie hätten "einen beeindruckenden Präsidenten". Eine absurde Aussage angesichts von mehreren Zehntausend politischen Gefangenen unter Exgeneral Abdel Fattah el-Sisi.

SPIEGEL: Sie sagen, junge Araber hätten kein schlechtes Bild von Europäern. Wie leben denn "Ungläubige" heute in der islamischen Welt?

Mudhoon: Es gibt Millionen Atheisten im arabischen Raum. Diese sind online sehr aktiv, jedoch im realen Leben unsichtbar, denn der Atheismus zählt zu den letzten großen Tabus in diesen Ländern. Man kann sich eher zu seiner Homosexualität bekennen als zum Atheismus. Viele junge Araber lehnen das verbreitete konfessionelle Sektierertum gänzlich ab. Sie setzen sich für eine zivile Bürgergesellschaft ein.

SPIEGEL: Wie man ja auch bei den Aufständen des Arabischen Frühlings gesehen hat.

Mudhoon: Der Arabische Frühling war ein ungeheurer Bruch mit den herrschenden Autoritäten. Für die größte Massenmobilisierung arabischer Bürger der jüngeren Geschichte bereiteten Onlinemedien den Boden. Heute wird an Raif Badawi, diesem saudi-arabischen Blogger, der wegen "Beleidigung des Islam" zu jahrelanger Haft und 1000 Stockhieben verurteilt wurde, ein Exempel statuiert. In Saudi-Arabien twittern elf Millionen Menschen! Badawis Fall zeigt, wie groß die Angst der Machthaber vor den sozialen Medien ist.

SPIEGEL: Die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor sagt, dass junge Muslime in Deutschland durch Diskriminierungserfahrungen anfällig dafür würden, sich zu radikalisieren. Glauben Sie das auch?

Mudhoon: Die salafistische Radikalisierung ist ein Massenphänomen geworden. In Deutschland leben fast 10.000 überwiegend junge Salafisten. Der Salafismus bietet Jugendlichen vor allem Orientierung, Gruppenzugehörigkeit und Eindeutigkeit in Bezug auf ihre Lebensführung. Die Gruppe fungiert für die verunsicherten Jugendlichen als eine Art Jugendkultur, charismatische Salafisten wie Pierre Vogel werden zu Idolen für Jugendliche. Warum? Weil sie sich zu ihren Ansichten bekennen, sich den Mund nicht verbieten lassen, trotz der Ablehnung, die ihnen entgegenschlägt. Das bewundert ein pubertierender Junge, der die eigenen Eltern als passiv gegenüber der gesellschaftlichen Marginalisierung erlebt. Das ist häufig ein zentrales Moment bei der Radikalisierung.

SPIEGEL: Was können wir dagegen tun?

Mudhoon: Wir brauchen generell bessere Angebote für Jugendliche und bessere religiöse Bildung. Um diese zu erreichen, brauchen wir eine islamische Infrastruktur unter der Obhut einer freiheitlichen Rechtsordnung ...

SPIEGEL: ... statt von der Türkei bezahlte Imame, meinen Sie.

Mudhoon: Ich sehe eine große Chance, weil wir uns in einer einzigartigen Situation befinden. In der EU leben etwa 20 Millionen Muslime, in Deutschland etwa 4,5 Millionen. Diese treffen mit ihrer Religion auf eine weitgehend areligiöse, postchristliche Gesellschaft - und treten in einen fruchtbaren Prozess der gegenseitigen Zumutung. Die europäischen Muslime müssen das, was sie unter dem Islam verstehen, unter anderen Bedingungen als in der islamischen Welt definieren. Sie müssen lernen, mit ihrer Umgebung ins Gespräch zu kommen. Die Muslime sollen sich nicht beklagen, sondern in den Dialog treten.

SPIEGEL: Das ist ja auch die Idee der Deutschen Islam Konferenz.

Mudhoon: Genau. Es war übrigens Wolfgang Schäuble, der diesen Dialog mit den deutschen Muslimen initiierte, der zuerst gesagt hat, der Islam gehöre zu Deutschland. Und nicht Expräsident Christian Wulff oder Kanzlerin Angela Merkel. Das deutsche Grundgesetz ist ja nicht laizistisch wie etwa das französische; es ermöglicht ein partnerschaftliches Verhältnis von Religion und Staat. Dementsprechend treibt der Staat auch Kirchensteuer ein, deshalb sind die Muslime befugt, sich hier eine Repräsentation zu suchen, ähnlich wie etwa der Zentralrat der Juden - als Ansprechpartner des Staates.

SPIEGEL: Vielen Deutschen macht der Islam Angst, weil sie ihn mit unterdrückten Frauen assoziieren, mit nicht nachvollziehbaren Fatwas oder selbstmordbereiten Terroristen. Da hilft es wenig, wenn der Zentralrat der Muslime in Deutschland festlegt, der Islam sei eine "Religion des Friedens".

Mudhoon: Es ist ehrenwert, dass fromme Menschen ihre Religion verteidigen - sie sind traurig, dass ihre Religion in den Dreck gezogen wird. Aber man muss der Realität ins Auge sehen: Wenn man die Nachrichten verfolgt, gewinnt man den Eindruck, dass da, wo Islam ist, Gewalt und Unterdrückung herrschen. Das kann man nicht wegdiskutieren. Ich plädiere dennoch dafür, zwischen den Verhältnissen in den islamischen Ländern und denen der Muslime in Europa strikt zu trennen. Muslime, die in Aachen, Berlin oder Hamburg aufgewachsen sind, werden oft automatisch mit der Situation im Nahen und Mittleren Osten in Verbindung gebracht - nur, weil sie einen iranischen Vater haben oder türkische Eltern. Das ist wirklichkeitsfremd. Die beste Therapie ist das reale Leben. Im Alltag funktioniert das Leben viel besser als in den schlimmen Schlagzeilen.

SPIEGEL: Herr Mudhoon, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.



insgesamt 17 Beiträge
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Seite 1
quark2@mailinator.com 16.02.2017
1.
Kann man nicht kurz feststellen, daß beim Zerfall des Osmanischen Reiches mit dem Ende des 1. Weltkriegs das Erdöl schon seine Bedeutung hatte, die danach immer weiter wuchs und das die Großmächte seither verhindern, daß die lokalen Völker stark genug werden, diese Resource selbst zu kontrollieren ? Alles andere ist doch nun wirklich sekundär.
Newspeak 16.02.2017
2. ...
Der logische Schluss beim andauernden "Versagen der Eliten" waere es, es mal ganz ohne Eliten zu versuchen. Es ist eine hartnaeckige Illusion, das man Regierungen braucht. Man erkennt das ja schoen an Deutschland, es spielt gar keine Rolle, wenn Merkel nicht regiert, es laeuft dennoch alles weiter. Eliten bedeutet in der gesamten Geschichte der Menschheit nur ein Synonym fuer Bereicherung, oder mal klar ausgedrueckt: Raub. Das Gesetz des Staerkeren gegen den Schwaecheren, das sind Eliten. Korruption, das sind Eliten. Aber es gibt zwar keine Denkverbote, aber viel mehr Denkunmoeglichkeiten fuer den Durchschnittsmenschen. Egal, was passiert, das ein Anderer ueber einen herrschen soll, auch in einer Demokratie, wird nie angezweifelt. Warum denn nicht? Mir scheint, ein Mensch braucht weder jemanden ueber, noch jemanden unter sich.
sixtymirror 16.02.2017
3. @Newspeak
Diese pseudoanarchische Aussage würde ich als »Mutter aller Verschwörungstheorien« deklarieren. Solche Gedankenspiele sind leicht zu errauchen.
sixtymirror 16.02.2017
4. @ quark2
Dass die Großmächte die Ölstaaten wegen des Öls ausbeuten und destabilisieren ist nichts weiter als eine von vielen unbewiesenen Verschwörungstheorien, die immer wieder wiederholt werden, aber dadurch nicht realer werden. Mir ist noch nie ein Beleg für diese hohle Behauptung begegnet.
Darwins Affe 16.02.2017
5. Opium
1) Zitat: «Mustafa Kemal Atatürk hat das Volk zwangssäkularisiert.« Wo würde die Türkei denn ohne die Säkularisierung Atatürks heute wohl wirtschaftlich und intellektuell stehen? Erst Erdogan versucht in seinem Machtrausch diese Errungenschaften mit einer Re-Islamisierung kaputtzumachen. 2) Die arabischen Führer machten nach WK II auf Nationalismus, dann Sozialismus und als halt alles schief ging wurde man fromm. 3) Selbst Marxens Karlchen wusste schon, dass Religion das Opium des Volkes ist.
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© SPIEGEL Geschichte 1/2017
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