Barocke Hofsitten Als Mätressen aus dem Schlafzimmer Politik machten

Der Aufstieg zur fürstlichen Geliebten bedeutete für Frauen im Barock die Chance auf politischen Einfluss. Einige brachten es sogar zur heimlichen Regentin.

Als Mätresse des englischen Königs Charles II. brachte Nell Gwyn (1650 bis 1687) es zu außerordentlicher Beliebtheit im Volk. Den gemeinsamen Sohn Charles (im Bild als Engel) nobilitierte der König sogar (Gemälde von Peter Lely)
www.bridgemanimages.com

Als Mätresse des englischen Königs Charles II. brachte Nell Gwyn (1650 bis 1687) es zu außerordentlicher Beliebtheit im Volk. Den gemeinsamen Sohn Charles (im Bild als Engel) nobilitierte der König sogar (Gemälde von Peter Lely)


An und für sich hatte es der kleine Charles ziemlich gut. Er war zwar ein uneheliches Kind, aber immerhin wusste er, wer seine Eltern waren, und wurde liebevoll umsorgt. Bei seiner Mutter wuchs er auf, der Vater zahlte Unterhalt und kam regelmäßig vorbei. Trotzdem war Mama Nell ziemlich sauer, als der Herr Papa wieder einmal in der Tür stand. "Komm her, du kleiner Bastard, und begrüße deinen Vater", rief sie nach ihrem Sohn, dass es durch das ganze Haus an der Londoner Pall Mall schallte.

Der Filius kam gerannt und warf sich Daddy in die Arme. Der Vater, hörbar not amused, verlangte eine Erklärung für die unflätige Anrede des Sohnes. "Wie sonst, Sire", flötete die Dame seines Herzens, "Seine Majestät haben mir keinen anderen Namen für ihn gegeben." Charlys väterliche Hoheit, König Charles II. von England, hatte es dieser Überlieferung zufolge bis dahin nicht für nötig gehalten, seinem Junior einen standesgemäßen Titel zu verleihen. Was womöglich damit zusammenhing, dass die Kindsmutter, Nell Gwyn, vieles andere, nur keine Lady war. Nach einer Kindheit im Rotlichtviertel schlug sie sich als Orangenverkäuferin durch, kam über einen Liebhaber ans Theater und auf die Bühne - wo der Monarch die Nachwuchsschauspielerin für sich entdeckte. Seit sieben Jahren schlief der routinierte Verführer aus dem Hause Stuart nun mit der ebenso bezaubernden wie schlagfertigen Komödiantin; langweilig wurde es ihm offensichtlich nicht.

Aus SPIEGEL GESCHICHTE 2/2018

Neben ihren sichtbaren Vorzügen schätzte Charles an Nelly, dass ihr hohe Politik ebenso gleichgültig war wie höfisches Getue und Intrigenspektakel. Dennoch wusste sie ganz genau, was ihrem Königssohn zustand. Ihr Liebhaber, als Monarch seiner Zeit eigentlich nicht daran gewöhnt, sich etwas sagen zu lassen, gab - ganz Mann - dem weiblichen Lamento nach. Der kleine Charly wurde zum Baron Heddington und Grafen von Burford ernannt, später sogar zum Herzog von St. Albans.

Ungewöhnlich war das alles für das erotische Beziehungskarussell frühneuzeitlicher Eliten nicht. Tatsächlich waren Nebenfrauen wie Nell Gwyn in der Blütezeit barocker Dekadenz selbstverständlicher Bestandteil des höfischen Lebens - und ein höchst einflussreicher. Nicht nur Minister und Offiziere, Diplomaten, Hofbeamte und die königliche Verwandtschaft hatten bei Hofe etwas zu sagen. Auch die jeweilige erotische Favoritin eines Fürsten, "Maîtresse royale" oder "Maîtresse en titre" genannt, stand in der Hofwelt sehr weit oben.

Im informellen höfischen System von Chancen und Möglichkeiten öffneten sich für Frauen damit verlockende Spielräume, wie es sie in den folgenden Jahrhunderten erst einmal nicht mehr geben sollte. Mätressen wie Nell Gwyn konnten sich mit ihrer hochherrschaftlichen Liaison nicht nur einen Platz in einer Gesellschaft erobern, die ihnen qua Geburt verschlossen war. Sie konnten auch die beschränkten Einflussmöglichkeiten einer Frau beträchtlich erweitern. Einige brachten es gar zur heimlichen Regentin. Es kam auf sie an, darauf, was sie aus der Nähe zum Monarchen machten.

Marie-Louise O'Murphy de Boisfally (1737 bis 1814), Tochter eines Schusters und einer Altkleiderhändlerin, war zwei Jahre lang die Geliebte von König Louis XV.; als sie versuchte, Madame de Pompadour als offizielle Mätresse zu verdrängen, fiel sie in Ungnade (Gemälde von François Boucher).
Bridgeman Art Library

Marie-Louise O'Murphy de Boisfally (1737 bis 1814), Tochter eines Schusters und einer Altkleiderhändlerin, war zwei Jahre lang die Geliebte von König Louis XV.; als sie versuchte, Madame de Pompadour als offizielle Mätresse zu verdrängen, fiel sie in Ungnade (Gemälde von François Boucher).

Die amtierenden Ehefrauen waren nicht immer unglücklich über die Zweit- und Drittfrauen, die nicht wenige als Entlastung von lästigen Ehepflichten empfanden. Schließlich gehörte es zum internationalen Komment, dass fürstliche Ehen nicht zum Vergnügen, sondern aus Herrschaftsinteresse geschlossen wurden.

Charles rechtmäßige Gattin, die portugiesische Prinzessin Katharina von Braganza, war ihm bereits versprochen worden, als sie sieben Jahre alt war. 1662 später heirateten die beiden, ohne sich vorher kennengelernt zu haben. Die klösterlich erzogene Katholikin dürfte einigermaßen überrascht gewesen sein, dass ihr Bräutigam schon Vater mehrerer unehelicher Kinder war. Zwölf seiner Mätressensprösslinge erkannte Charles II. im Laufe des Lebens an, seine 23 Jahre währende Ehe hingegen blieb kinderlos. Die erste Geliebte, die er seiner Angetrauten vorstellte, konnte die königliche Hauptfrau nicht leiden, mit der umgänglichen Nell Gwyn verreisten die Eheleute später sogar gemeinsam.

Man arrangierte sich. Die Gemahlin eines Monarchen musste lernen, hauptsächlich im Dienst der Dynastie begattet zu werden und sich ansonsten mit Respekt und bestenfalls mit der Freundschaft ihres Mannes zufriedenzugeben. Aber auch offiziell ernannte Mätressen hatten hinzunehmen, dass es noch weitere Geliebte gab.

Frauen am Hof unterschieden sich danach, ob ihre Stellung zum Fürsten institutionalisiert (Ehefrau, Witwe, Mutter oder Tochter), dauerhaft installiert (Ehefrau eines Amtsträgers), einigermaßen abgesichert (Mitglied im Gefolge der Fürstin) oder, wie bei den Mätressen, gänzlich auf die Huld des Herrschers angewiesen war - die dieser selbstverständlich jederzeit entziehen konnte. Im ständigen höfischen Kampf um die Gunst des Herrschers, um Pfründen, Privilegien und Positionen waren Frauen grundsätzlich benachteiligt, da sie in der Frühen Neuzeit dem Mann immer untergeordnet waren.

Dennoch: Wer es als Geliebte an die Spitze der Favoritenliste schaffte, verfügte über einen Aktionsradius, der weit über das Boudoir und den Hofstaat hinausreichte. Denn konnte es eine bessere Gelegenheit geben, dem König etwas einzuflüstern als bei einem erotischen Stelldichein? Als mächtige Influencerinnen wurden die fürstlichen Herzdamen deshalb zur gefragten Anlaufstelle für Einschmeichler und Lobbyisten, die immer im eigenen, manchmal auch aus staatspolitischem Interesse ihre Nähe suchten.

Die Geschichte der legendären Madame de Pompadour zeigt, wie eine ganze Gesellschaft ihre Hoffnungen auf sozialen Aufstieg in eine hübsche Frau setzte - und deren Fähigkeiten, beim König ein gutes Wort für die Sippe einzulegen. Jeanne-Antoinette Poisson, geboren in eine angesehene, aber nicht adelige Pariser Schicht von Bankiers und Steuerpächtern, wurde von ihrer Familie ganz gezielt bei Ludwig XV. eingeführt. Mutter Poisson sorgte, unterstützt von Geschäftsfreunden, dafür, dass ihre hübsche 23-Jährige anlässlich eines Maskenballs in Versailles Anfang 1745 Gelegenheit bekam, dem König zu gefallen. Was ihr gelang.

Der Hofstaat grollte. Dass die Kandidatin verheiratet und Mutter einer Tochter war, störte niemanden. Aber es galt als Privileg des alteingesessenen Adels, die erste Geliebte im Staat zu stellen. Der König scherte sich nicht darum. Er ernannte Jeanne-Antoinette, die mit Mädchennamen auch noch "Fisch" hieß, Poisson, zur Marquise de Pompadour, schenkte ihr ein Schlösschen und führte sie bei Königin und Hofgesellschaft ein. Mademoiselle Poisson "war die erste Angehörige ihres Standes", resümiert die Historikerin und Pompadour-Biografin Eva Kathrin Dade, "die zur königlichen Mätresse aufstieg".

Auf den Titel kam es an. Nicht irgendeine "petite maîtresse" zu sein, also eine von vielen Gespielinnen, sondern "La maîtresse royale", die offiziell erklärte zweite Frau an der Seite des Königs. Davon gab es Mitte des 18. Jahrhunderts am französischen Hof immer nur eine zur Zeit. Sie hatte eine "amtsähnliche Funktion" inne, so Dade, wenn auch ohne Ernennungsurkunde, parlamentarische Anerkennung oder festen Platz im höfischen Zeremoniell.

Niemand kam damals auf die Idee, die junge Frau könnte sich prostituiert haben oder womöglich zum Wohl ihres Anhangs verhökert worden sein. Ganz im Gegenteil. Eine Bürgerliche als königliche Mätresse, das galt in der festgefügten Klassengesellschaft des Ancien Régime als Krönung sozialer Beförderung. Sie hatte es geschafft. Und mit ihr sollten es andere schaffen.

Madame de Pompadour (1721 bis 1764) war die Geliebte des französischen Königs Ludwig XV. - und weit mehr als das: Sie protegierte beispielsweise den Philosophen Voltaire und ließ ihn zum Landeschronisten erheben (Gemälde von Maurice Quentin de la Tour).
bpk/ RMN - Grand Palais/ Grard Blot

Madame de Pompadour (1721 bis 1764) war die Geliebte des französischen Königs Ludwig XV. - und weit mehr als das: Sie protegierte beispielsweise den Philosophen Voltaire und ließ ihn zum Landeschronisten erheben (Gemälde von Maurice Quentin de la Tour).

Madame de Pompadour wusste ihre Spielräume bei Hofe zu nutzen. Zwei Umstände kamen ihr zugute: Ludwig XV. galt als ein wenig zupackender Herrscher, ziemlich schüchtern, misstrauisch und schwermütig, rastlos und eher entscheidungsschwach. Er war froh, wenn er Amtsgeschäfte delegieren konnte. Und die Königin hielt sich ohnehin aus Staatsdingen heraus - ideale Bedingungen für die ehrgeizige Marquise.

Schon kurz nach ihrer Ankunft am Hof eroberte sie sich das Recht, die sogenannten Patronageressourcen, also Ämter, Pensionen, Titel oder Auszeichnungen, im Namen des Königs zuzuteilen. Selbst Schlüsselfunktionen wie Botschafterposten oder Regimentsführungen vergab der Regent nur nach Rücksprache mit seiner Liebsten. Die Hofgesellschaft, die eben noch die Nase gerümpft hatte, war nun auf das Wohlwollen des früheren Fräulein Fisch angewiesen.

Die allerdings, ebenso kultiviert wie gebildet, war keineswegs die ordinäre Bourgeoise, die der missgünstige Hofclan in ihr sehen wollte. Zwar protegierte sie wie alle anderen Höflinge ihre Freunde und Angehörigen; aber die Pompadour achtete darauf, ihren "crédit", wie die Maßeinheit königlicher Zuwendungen hieß, nicht zu überziehen. Lieber widmete sich die kluge Gunstmaklerin mehr und mehr der Außenpolitik - mit Unterstützung ihres Herrn. Der König wolle, vermerkte indigniert Außenminister Comte d'Argenson 1747, dass die Botschafter der Marquise - ebenso wie der Königin - einmal wöchentlich "einen Besuch abstatten". Dies alles sei doch "sehr außergewöhnlich".

Aber die Botschafter traten allesamt an: Preußen, Spanier, Engländer, Niederländer und Portugiesen, jeden Dienstag zur Morgentoilette der Marquise. "Die Respektsbezeugungen und die Unterwürfigkeit" gegenüber der Mätresse, berichtet Wenzel Anton Graf von Kaunitz-Rietberg, bis 1752 österreichischer Gesandter in Paris, "übertreffen alle Vorstellungen." Alles, was Rang und Namen hatte, stand um die Dame herum, während sie gekleidet und frisiert wurde. "Keiner der Männer sitzt."

Die hohen Herren erschienen nicht etwa aus purer Höflichkeit. Zwischen Paravents und Schminktiegeln ging es - wenn auch indirekt - um Politik. Kamen offizielle Verhandlungen nicht voran, bedienten sich Diplomaten und Staatssekretäre nur zu gern der Mätresse, die stets in Konkurrenz zu den Ministern agierte. "Für den Frieden und die Ruhe in Europa", schrieb der britische Botschafter Earl of Albemarle, "möge Gott dafür sorgen, dass sie ihre Stellung beibehalte." Friedrich II. von Preußen war der Marquise zwar in gegenseitiger Abneigung verbunden. Dennoch traute er ihr zu, die Geschicke Frankreichs "direkt oder indirekt" in der Rolle des "premier ministre" zu leiten.

Fast zwei Jahrzehnte, länger als alle Amtsträger im königlichen Rat, regierte die Netzwerkerin aus dem Bürgertum faktisch am französischen Hof. Angeblich hatte sie nur fünf Jahre Sex mit dem König, dann verebbte dessen Begehren. Madame wurde "von der Mätresse zur Freundin", verzeichnete Hofschreiber Charles-Philippe d'Albert Luynes 1754, "und übt durch diesen Status vielleicht sogar noch mehr Einfluss auf ihn aus als zuvor". Ihre Diskretion, ihre Klugheit und Loyalität sicherten die Position der Aufsteigerin - bis zu ihrem Tod 1764.

Doch es dauerte, bis ihre Rolle auch in der Geschichtsschreibung entsprechend gewürdigt wurde. Für die männlichen Historiker des 19. und 20. Jahrhunderts stand fest, dass niedere Beweggründe dahinterstecken mussten, wenn eine Frau auf mehr Einfluss nehmen wollte als nur auf ihre Haushaltsführung.

Wie verzerrt die Überlieferung im Falle der Mätressen ist, zeigt das Beispiel der Christina Wilhelmina Reichsgräfin von Würben und Freudenthal. Die langjährige Gefährtin des Herzogs Eberhard Ludwig von Württemberg hält sich noch immer in Wörterbüchern und im Volksmund als "Landverderberin". Beharrlich wurde der Mythos einer "herrschsüchtigen und egoistischen Frau" fortgeschrieben, so ihre Biografin Sybille Oßwald-Bargende, "die keine Skrupel kannte, ein Land in den Ruin zu treiben".

Ziemlich sicher wusste die Gräfin von Würben, geborene von Grävenitz, die Klaviatur persönlicher Bereicherung virtuos zu bedienen. Doch damit handelte sie ganz nach der damaligen Logik zugunsten von Dynastie und Familie - rief aber wohl den Neid derer auf den Plan, die weniger geschäftstüchtig waren. Und weniger verführerisch. "Eine erhabene Brust, schöne muntere Augen", konstatierte der "Genealogische Archivarius", fanden "gar bald in den Augen und Hertzen des verliebten Fürsten Platz, wobey sie mit einem scharfsinnigen Verstand und sehr aufgeräumten Gemüthe begabt" sei.

Christina Wilhelmina von Grävenitz (1685 bis 1744) verdankte ihrer Beziehung zum Herzog von Württemberg den Aufstieg zur Reichsgräfin. Ihr Ruf bei den Untertanen war schlecht, verbürgte Bildnisse von ihr gibt es nicht.
Landesmedienzentrum Baden-Württemberg

Christina Wilhelmina von Grävenitz (1685 bis 1744) verdankte ihrer Beziehung zum Herzog von Württemberg den Aufstieg zur Reichsgräfin. Ihr Ruf bei den Untertanen war schlecht, verbürgte Bildnisse von ihr gibt es nicht.

Wie die Pompadour wurde Christina von Grävenitz, gebürtig aus Brandenburg, mit nur 18 Jahren von Strohmännern am Hof platziert. Allerdings machte der Herzog, sei es wegen seiner "besonderen Affection", sei es, weil die Kandidatin Druck machte, gleich zu Beginn der Liaison 1706 einen folgenschweren Fehler: Er heiratete die junge Dame heimlich. Die Bigamie wuchs sich zur Staatsaffäre aus: Der Herzog musste seine Zweitehe annullieren lassen; die Frischgeschiedene flüchtete vorrübergehend ins Exil und musste zum Schein mit einem greisen Landhofmeister verheiratet werden, damit sie als Gräfin von Würben zurückkehren und dauerhaft in die königliche Loge aufrücken konnte.

Mit dieser europaweit missbilligten Trickserei wurde aus der Geliebten die "Ministrissima", durch deren Hände auf Wunsch des Herzogs, so Chronisten, "alle Regierungs-Angelegenheiten gingen". Erfolgreich setzte sich die Kurtisane für eine umfangreiche Finanz- und Verwaltungsreform ein, nahm in Abwesenheit der Herzogin repräsentative Aufgaben wahr und verhandelte mit auswärtigen Diplomaten, die ihren außerordentlichen "pouvoir", ihre Kompetenz, lobten.

Im Inland hingegen provozierte das mächtige Fürstenliebchen Protest. Ein Schmähgedicht über die "Landes=Hur" hing auf dem damaligen Stuttgarter Schlossplatz am sogenannten Schandesel. "Schad ist, daß auf Deinem Rücken/ jenes Weib nicht sitzen soll/ welche toll von Fotzentücken/ unsern gantzen Staat verderbt." Sie habe mit sexuellen Zauberkräften, Hexenmagie und Kokettenkunst den Herzog zum willenlosen Sklaven gemacht, warf man ihr vor. Noch im 20. Jahrhundert beschuldigten Historiker die Gräfin, dass der Fürst ihr "verfallen" sei und sie eine "Gynäkokratie" errichtet habe.

25 Jahre nach Beginn ihrer Affäre ließ der Herzog seine Gefährtin verhaften. Zwei Jahre lang versuchten Ermittler vergebens, die in Ungnade Gefallene zu überführen, gestützt auf eine windige Anklage und auf Gerüchte von Zeugen, die weder dem Herzog noch der Gräfin je begegnet waren. Der preußische König gewährte der Verbannten schließlich Schutz in Berlin.

Ganz offensichtlich verfügte die deutsche Adelige nicht über den Charme, mit dem die französische Pompadour ihre Netzwerke strickte. Aber die Grävenitz, räumt der württembergische Landeshistoriker Hansmartin Decker-Hauff ein, habe auch eine "schlechte Presse gehabt". Dem Land ihres Liebhabers fehlten Hunderte Millionen Gulden in den Kassen. Räte und Beamte machten Druck. Dem alten Adel gingen Privilegien verloren, die Unzufriedenheit mit der Regierung wuchs.

Die Verantwortlichen wollten von sich ablenken. Für alles, was dem Fürsten hätte angekreidet werden müssen, wurde die Mätresse zum Sündenbock. Gar nicht zu reden von typisch weiblichen Verfehlungen wie Kinderlosigkeit und vor allem: die mangelnde Bereitschaft der Frau, sich ihrem rechtmäßigen Ehemann oder dem Geliebten oder irgendeinem männlichen Wesen unterzuordnen.

Um als Mätresse auf Dauer den Status zu halten wie die Pompadour, musste man das Doppelspiel aus strategischem Denken und weiblichem Auftreten perfekt beherrschen. Die Marquise korrespondierte mit der Elite ihrer Generation, von Maria Theresia bis Voltaire. Aber sie bediente sich konsequent einer "devotionalen Selbstverkleinerung", wie ihre Biografin Dade mit einem Zitat belegt: Sie wolle "nicht den Anschein wecken, als könnte ich Angelegenheiten beeinflussen, von denen die Frauen nichts verstehen dürfen" - treffender kann man es nicht formulieren.

Wohl auch deshalb war die Engländerin Nell Gwyn im Volk vergleichsweise beliebt: Sie beschränkte ihren Einsatz aufs Erotische und überließ die Staatsgeschäfte ihrem Charles II. und den "politic bitches", den Politzicken, wie ein zeitgenössischer Spottvers überliefert: Es sei die Wonne einer Hure, nur dort zu kratzen, wo es ihren Herren juckt. Der König blieb ihr zwar genauso wenig treu wie allen anderen Frauen. Aber immerhin verfügte er, "die arme Nelly nicht verhungern zu lassen" - der Dank dafür, das sie ihn stets amüsierte. Als Charles zu seinem Geburtstag einmal eine ganz gewisse Gräfin einladen wollte, konterte seine Mätresse: "Eine Hure zur Zeit ist genug für Euch, Sir."



© SPIEGEL Geschichte 2/2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.