Die Nacht bricht an. Das Licht schwindet. Und uns bleibt nur, die Augen wachsam ins sich verdichtende Dunkel zu richten. Für andere Bewohner dieser Dämmerwelt aber ist Dunkelheit kein Hindernis. Auch im Stockfinstern stolpern sie nie, nie stoßen sie zusammen, nie biegen sie falsch ab. Es sind Geschöpfe, die mit beinah unheimlicher Präzision navigieren. Am bekanntesten sind wohl die Fledermäuse, Experten für Ultraschall und Echoortung, die auf ihren nächtlichen Beutezügen im Zickzack um die Bäume huschen. Wie entsetzt waren die Militärs, die im Ersten Weltkrieg das Sonar erfunden hatten, als die Biologen ihnen wenig später offenbarten, dass Fledermäuse genau diesen Mechanismus auf weitaus raffiniertere Weise zu nutzen wissen: Offensichtlich waren diese Nachttiere der menschlichen Technologie um Jahrmillionen zuvorgekommen.
Zonen der Dunkelheit gibt es nicht nur bei Nacht. In den Flüssen Afrikas und Südamerikas ist das Wasser oft extrem trübe, Schwebstoffe oder organische Partikel färben das Wasser buchstäblich schwarz. Hier schwimmen einige sehr bemerkenswerte Fische herum. In Afrika kennt man sie als Elefantenfische, eine Anspielung auf ihren Rüssel, mit dem sie im Schlamm nach kleinen Beutetieren wühlen. Ihr wissenschaftlicher Name lautet Mormyridae, der ihres südamerikanischen Gegenstücks Gymnotidae. Unabhängig voneinander, und doch erstaunlich ähnlich, haben beide Fischgruppen die Fähigkeit entwickelt, ein elektrisches Feld zu generieren und wahrzunehmen. Sie leben faktisch in einer elektrischen Welt, umschwimmen selbst im dunkelsten Gewässer mühelos alle Hindernisse und kommunizieren auch mit Artgenossen.
Beide, die Fledermäuse und die Elefantenfische, haben erfolgreich das Reich der Dunkelheit erobert und bemerkenswert empfindliche Sinne entwickelt. Aus unserer Sicht lassen sich schwerlich fremdere Welten vorstellen. Und obwohl wir vage nachempfinden mögen, wie es wäre, echoorten zu können - manch ein Blinder nutzt das Echo als wichtiges Signal -, handelt es sich in Wirklichkeit auch bei den Fledermäusen um einen Sinneskanal, der fast ebenso fremdartig ist wie jener der elektrischen Fische. In einem berühmten Essay von 1974 fragte der Philosoph Thomas Nagel, wie es wohl sei, eine Fledermaus zu sein. Dazu reiche es keineswegs zu schrumpfen, sich ledrige Flügel wachsen zu lassen und mit dem Kopf nach unten in einer Höhle zu hängen. Das Wesen der Fledermaus, so Nagel, würde trotzdem für immer undurchsichtig und unerkennbar bleiben. Denn diese Tiere lebten in einer Welt, die unsere Vorstellung sprengt. Beide, Mensch und Fledermaus, mögen ein Bewusstsein haben, doch sie bleiben getrennt durch Abgründe mentaler - und wechselseitiger - Unbegreiflichkeit.
Jenes ist eine sehr einsame Ansicht vom Leben - aber vielleicht stehen wir an der Schwelle zu einer radikalen Neubewertung. Vielleicht sind die Unterschiede gar nicht so tief greifend wie gedacht, vielleicht sind sie im Gegenteil geradezu oberflächlich? Könnte es nicht sein, dass sich die außerordentliche Vielfalt sensorischer Systeme auf ein paar weitgehend unbeachtete Gemeinsamkeiten stützt? Sollte dies stimmen, dann könnte es eine gemeinschaftliche Wesensart offenbaren, nicht nur hier auf Erden, sondern potenziell überall im Universum, wo empfindungsfähiges Leben gedeihen kann.
Das mag kühn klingen, doch lassen Sie uns einige der Indizien betrachten. Was könnte unterschiedlicher sein als Mensch und Mücke? Trotzdem können beide sehen, wir durch ein Linsen-, die Mücke durch ein Facettenauge. Beide können hören und riechen. Wiederum sind die verantwortlichen Organe völlig verschieden, interessanterweise aber gleichen sich die grundlegenden neurologischen Mechanismen und die damit verbundenen sensorischen Verarbeitungsprozesse. Von unterschiedlichen Voraussetzungen ausgehend, haben sich Insekten und Menschen auf die gleiche grundsätzliche Lösung hin entwickelt. Das mag uns zwar vertrauter erscheinen als die fremdartigen Welten der Echoortung oder Elektrorezeption, doch immerhin ist es ein Hinweis darauf, dass die Sinne denkbar verschiedener Lebewesen dieselbe Welt ergründen.
Was das Olfaktorische betrifft, so deutet allein der Besitz einer Nase auf tief liegendes sensorisches Gemeingut. Doch wie weit zurück reichen die Wurzeln? Hier stützt das Studium einer bemerkenswert andersartigen Nase die Vorstellung von einer universellen sensorischen Architektur. Ich rede vom Sternmull, einem Bewohner nasser, sumpfiger Gegenden im Osten Nordamerikas. Seine Nasenspitze besteht aus einer Reihe beweglicher Fortsätze, die ausnehmend empfindlich auf Berührung reagieren. Es zeigt sich, dass der gesamte neurologische Aufbau demjenigen des Auges ähnelt. Wir haben hier also einen Maulwurf vor uns, der mit der Nase "sieht". Natürlich nicht, um ein visuelles Bild zu erzeugen, doch besteht der starke Verdacht, dass im Gehirn eines Sternmulls ein "Bild" entsteht.
Ganz ähnlich bei der Fledermaus: Durch räumliches und zeitliches Verrechnen der Echos "sieht" sie offenbar ein akustisches Bild. Der Gedanke, dass ein Maulwurf durch seinen Tastsinn, eine Fledermaus durch ihr Gehör die Außenwelt "sehen" können, mag zunächst phantastisch klingen. Vergessen wir aber nicht, dass auch wir die Welt nur durch eine äußerst komplexe Aufbereitung unseres Gesichtssinnes "sehen" können. Hier beginnt sich das Rätsel unseres Bewusstseins abzuzeichnen: Wie reflektieren diese elektrischen Signale via Auge, Nase oder Ohr die äußere Wirklichkeit?
Es gibt zwei verblüffende Befunde, die helfen, diese tiefgründige Frage zu beantworten. Erstens deutet es sich an, dass die Gehirne so unterschiedlicher Tiere wie Fisch, Eule und Mensch bei der Aufbereitung völlig verschiedener sensorischer Daten dieselben Rechenregeln verwenden. Zweitens mehren sich die Indizien für die Vernetzung verschiedener Sinnesfunktionen. Wir neigen dazu, unsere Sinne isoliert zu betrachten, faktisch jedoch lassen sich alle möglichen sensorischen Verknüpfungen nachweisen. Das menschliche Gehirn beispielsweise ist nicht nur zu audiovisueller und taktilvisueller Integration fähig, sondern hat überraschenderweise auch eine olfaktorisch-visuelle Querverbindung.
Noch interessanter sind Tiere mit zwei eigenständigen, gleichermaßen hoch entwickelten sensorischen Systemen. Ein wunderbares Beispiel liefern die Delfine. Ihre Sehkraft ist gut entwickelt, doch unabhängig von den Fledermäusen haben sie auch ein System für Echoortung entwickelt. Das entsprechende Sinnesorgan ist so empfindlich, dass ein Delfin mit verbundenen Augen fähig ist, einzelne Objekte zu erkennen.
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