Faszinierenderweise existieren Beweise für eine tief verankerte Äquivalenz beider völlig ungleicher Sinnesfunktionen: Sehen und Echoortung des Delfins sind in etwa gleichwertig und miteinander vernetzt. Delfine sind berühmt für ihre Intelligenz, und es ist verführerisch, sich zu fragen, ob es unter anderem daran liegt, dass sie nicht nur in einer komplexen sozialen, sondern auch in einer reichen sensorischen Welt leben.
Es ist noch offen, wie weit verbreitet diese sensorischen Vernetzungen im Tierreich sind. Experimente mit Frettchen beispielsweise zeigen, dass der für das Hören zuständige Teil des Gehirns sich neu verdrahtet und eine visuelle Funktion übernehmen kann. Offenkundig sehen Frettchen, deren Sehbahn auf den akustischen Kortex umgeleitet wurde, nach wie vor - nur eben mit einem sonst fürs Hören zuständigen Hirnabschnitt.
Wenn aber die verschiedenen Sinneskanäle so austauschbar zu sein scheinen, wenn die Verarbeitungsmechanismen so analog sind, dann legt dies die Vermutung nahe, dass es generelle Prinzipien aller Wahrnehmung gibt. Sie zu kennen würde bedeuten zu verstehen, wie die äußere Welt in innere Bilder dieser Welt verwandelt wird - und dies wiederum wäre ein großer Schritt in Richtung auf ein Verständnis des nach wie vor geheimnisvollen Vorgangs der Erkenntnis selbst.
Verblüffend ist, dass Zählvermögen rudimentär auch bei Salamandern vorkommt.
Evolutionär gesehen, überrascht dies wenig: Es wäre doch merkwürdig, wenn die Voraussetzung für unser - wie wir meinen - hoch entwickeltes Bewusstsein nicht schon in anderen Tieren angelegt wäre. So bildeten sich viele der für das Nervensystem nötigen molekularen Bausteine schon lange, ehe das erste Tier entstand. Es ist zudem ganz offensichtlich, dass viele verschiedene evolutionäre Wege zum Phänomen der Intelligenz führen. Dies wirft tiefe Fragen nach einer Verbindung zwischen Biologie und Philosophie auf: War, so fragt man sich beispielsweise, nachdem erst einmal primitive Nervensysteme, etwa das einer Qualle, entstanden waren, die Entwicklung von Intelligenz unvermeidlich? Können wir von verschiedenen Arten der Intelligenz sprechen, oder sind manche davon nur Durchgangsstationen auf dem Weg zu komplexeren Systemen? Und, umgekehrt, wie tief reichen die Wurzeln des Denkens?
Nehmen Sie beispielsweise das Zählvermögen. Nach allem, was wir über Delfine wissen, überrascht es kaum, dass sie ein solches besitzen; weit mehr verblüfft da schon, dass es in rudimentärer Form auch bei Salamandern vorkommt. Tatsächlich könnte es sich am Beispiel der Zahlenkenntnis bei Tieren erweisen, ob sich kognitives und sensorisches Erkennen grundlegend voneinander unterscheiden oder ob sie auf ein gemeinsames Fundament zurückgehen. Denn zum Erfassen von Zahlen gehört nicht nur sinnliche Wahrnehmung ("Ich sehe zwei Gin Tonics"), sondern auch abstrakte Kategorienbildung ("Sehe ich zwei Gin Tonics oder zwei Kühe?"). An Affen ließ sich zeigen, dass bei diesen Tieren kognitive und sensorische Zahlenkenntnis dieselbe neuronale Basis zu haben scheinen. Dies spricht nicht nur dafür, dass der sensorische Zugang zur Welt dem kognitiven vergleichbar ist; es lässt zugleich auch die evolutionäre Entstehung der Erkenntnisfähigkeit viel plausibler erscheinen.
Die Erörterung der Fähigkeit, Zahlen zu verstehen, führt uns zu einer weiteren, noch interessanteren Frage: Viele Leute halten Musik und Gesang für einen zentralen Bestandteil des Menschseins. Das Talent dazu jedoch hat sich unabhängig auch bei anderen Tieren herausgebildet, vor allem bei Vögeln und manchen Walen - und es lässt sich zeigen, dass diese musikalischen Fähigkeiten den unseren in mancherlei Hinsicht ähneln. Liegt das schlicht an einer gemeinsamen neuronalen Basis, oder gibt es tatsächlich eine universelle Musik, die von der Evolution "entdeckt" wird? Hier begegnen sich Darwin und Platon.
Der Gedanke, dass die Evolution irgendwie dazu "bestimmt" sei, platonische Archetypen zu entdecken, klingt bizarr und beinahe antidarwinistisch. Doch das ginge am Wesentlichen vorbei. Es geht nicht darum, die Tatsache der organischen Evolution in Zweifel zu ziehen; die zentrale Frage zielt vielmehr darauf, warum sie stets ganz bestimmte "Lösungen" ansteuert. Das wird besonders deutlich, wenn wir uns vor Augen führen, dass völlig verschieden geartete Gehirne am Ende verblüffend gleichartige Dinge tun. So versuchen sich beispielsweise nicht nur Schimpansen an einer rudimentären Form von Werkzeuggebrauch; Geradschnabelkrähen überflügeln sie sogar darin. Die Gehirne beider Spezies jedoch unterscheiden sich radikal. Auch sind die Konvergenzen zwischen der Intelligenz vom Menschenaffen und Delfin sehr beeindruckend, doch die Architektur ihrer Gehirne ist sehr verschieden.
Nichtsdestoweniger sind wir Menschen einzigartig, am offensichtlichsten wohl, indem wir sprechen. Bevor wir dies jedoch durch irgendeinen Schlüsselfaktor zu erklären versuchen, etwa einen genetischen, sollten wir uns vergegenwärtigen, dass schon vor dem Auftritt des Homo sapiens auf der Bühne des Lebens sämtliche zur Entstehung des Menschseins nötigen Ingredienzen längst im Theater des Lebens auf ihren Einsatz warteten. Laute etwa, die geordnet sind und eine bestimmte Bedeutung tragen - und damit die Grundlage für Syntax und Semantik in sich bergen -, sind weit verbreitet. Manche Tiere sind mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zu abstraktem Denken fähig, und das, vereint mit den Indizien für Einsicht, Neugier und Persönlichkeit im Tierreich, lässt uns ahnen, dass die Keimschicht der menschlichen Natur viel tiefer liegt, als es zunächst scheint.
Wenn nun also Intelligenz auf Erden unvermeidlich ist, dann liegt es nahe anzunehmen, dass sie dies auch andernorts im Universum ist. Der Geist - ein universelles Phänomen? Wenn die Natur, wie wir gesehen haben, tief greifende und anhaltende Regelmäßigkeiten in sensorischen Verarbeitungsprozessen offenbart, sollte es nicht verwundern, wenn es auch universelle Prinzipien des Geistes oder Intellekts gäbe. Das Bewusstsein, weit davon entfernt, eine beliebige Verkettung von Molekülen zu sein, könnte durchaus ein ebenso fester Bestandteil des Universum sein wie Sterne und Planeten.
Viele Leute mögen diesen Gedanken ermutigend finden. Denn er impliziert: Wenn wir dereinst Aliens begegnen, dann werden wir sie verstehen können! So wird es wohl sein - doch was sie uns zu sagen haben, könnte erheblich weniger erfreulich klingen. "Was?! Ihr habt die Evolution verstanden? Ihr wusstet, dass eure Biosphäre von Spezies mit Bewusstsein nur so wimmelt, und doch habt ihr Lebensräume zerstört, Wale harpuniert und die Tiere auf euren Farmen wie Automaten behandelt! Nun denn, ihr habt eure Wahl getroffen, nun seht, was ihr davon habt. Fahrt zur Hölle!"
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