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01.11.2003
 

Gefühle

Was bleibt von Freud?

Essay des Hirnforschers und Psychoanalytikers Mark Solms

Ein halbes Jahrhundert lang war die Wissenschaft des Geistes dominiert von der Psychoanalyse Sigmund Freuds. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts jedoch bot sich dann - dank technischer Fortschritte - einer neuen Zunft von Geistesforschern die Möglichkeit, mit objektiven Kriterien eben jenes Organ zu studieren, dem der Geist entspringt: das Gehirn. Dies führte zu einer Reihe wichtiger Fortschritte. Nicht zuletzt als Reaktion auf die Exzesse der Psychoanalyse war es geradezu eine Frage der Ehre, die experimentellen Fragestellungen möglichst streng einzuengen, nicht zu weit von den Daten abzuschweifen und die Fülle der Wissenssplitter nicht sofort zwanghaft in ein großes theoretisches Gebäude einzufügen.

Mit dem Dämmern des neuen Jahrhunderts jedoch zeichnen sich die Konturen einer neuen Gesamtschau ab - "eines neuen intellektuellen Gerüstes für die Psychiatrie", wie es Eric Kandel nannte. Dies kann kaum erstaunen. Erstaunlich ist vielmehr, dass das neue Bild demjenigen, das Freud vor 100 Jahren skizzierte, gar nicht so unähnlich ist. Kandel ging sogar so weit, Freuds Entwurf als das "noch immer schlüssigste und intellektuell befriedigendste Bild des Geistes" zu bezeichnen, das uns zur Verfügung stehe.

Zweifellos: Viele von Freuds Annahmen sind heute überholt. Trotzdem scheue ich mich nicht zu prophezeien, dass Freuds kühner Entwurf einer Geistestheorie dazu bestimmt ist, für die moderne Hirn- und Verhaltensforschung eine ähnliche Rolle zu spielen wie Darwins Evolutionstheorie für die moderne Genetik. Was Freud in groben Konturen aus seinen klinischen Beobachtungen schloss, erweist sich als durchaus tauglicher Rahmen, in den sich die unvorstellbar komplexen Details, die uns die Labors weltweit liefern, schlüssig zu fügen scheinen.

Als Freud beispielsweise erstmals postulierte, dass sich die meisten geistigen Prozesse, die unser alltägliches Verhalten bestimmen, unbewusst vollziehen, wurde er verspottet. Heute dagegen findet sich kaum mehr ein Neurowissenschaftler, der bestreitet, dass unbewusste geistige Prozesse nicht nur real, sondern auch äußerst wichtig sind.

Hinweise darauf mehrten sich erstmals in den fünfziger Jahren. Damals stellten die Neuropsychologen fest, dass Patienten mit schadhaftem Hippocampus zwar unfähig sind, sich an ihre Erfahrungen und Erlebnisse bewusst zu erinnern, dass sie aber ganz offensichtlich hochgradig von ihnen beeinflusst sind. Der Schluss war unausweichlich: Einige Gedächtnissysteme des Gehirns verarbeiten Information "implizit" - also unbewusst.

Als besonders bedeutsam haben sich jene unbewussten Mechanismen erwiesen, die das emotionale Lernen vermitteln. So wissen wir inzwischen, dass Wahrnehmungen entlang subkortikaler und damit unbewusster Nervenbahnen bis in jene tieferen Hirnstrukturen gelangen können, in denen Furcht entsteht. Erlebnisse können deshalb heftige emotionale Reaktionen in uns wecken, ohne dass wir wüssten, warum wir fühlen, wie wir fühlen.

Besonders interessant ist die Tatsache, dass der Hippocampus in den ersten beiden Lebensjahren funktionell noch nicht gereift ist. Dies liefert uns eine neurologische Erklärung für ein Phänomen, das Freud "infantile Amnesie" nannte: Frühkindliche Erinnerungen werden ausschließlich vom impliziten (unbewussten) Gedächtnis gespeichert. Sie werden deshalb nicht bewusst erinnert - und können dennoch unser späteres Leben maßgeblich überschatten. Die meisten Entwicklungsbiologen haben sich deshalb die traditionelle Freudsche Vorstellung zu Eigen gemacht, der zufolge frühkindliche Erfahrungen das Netzwerk der Nerven in unserem Gehirn knüpfen und auf diese Weise maßgeblich unsere zukünftige Persönlichkeit und seelische Gesundheit prägen - obwohl wir uns ihrer nicht erinnern.

SPÍEGEL-Titel 51/1959: Schlüssiges Bild des Geistes
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ILLUSTRATION: ARTZYBASHEFF

SPÍEGEL-Titel 51/1959: Schlüssiges Bild des Geistes

Die zentrale Aussage Freuds, dass ein großer Teil unseres Verhaltens unbewusst gesteuert ist, hat also eine grandiose Bestätigung erfahren. Doch wie steht es um seine noch viel weiter gehende, hoch umstrittene These, unwillkommene Erinnerungen würden aktiv unterdrückt? Auch sie findet Anhänger: Der Hirnforscher Vilayanur Ramachandran etwa berichtet von erstaunlichen Beobachtungen mit "Anosognosie" (Uneinsichtigkeit), einem Krankheitsbild, das bei Schäden der rechten Hirnhälfte auftreten kann. Patienten, die darunter leiden, sind sich der tragischen Folgen ihres Hirndefekts - typischerweise Lähmungen am rechten Arm und Bein - nicht bewusst und beteuern, es fehle ihnen nichts.

Ramachandran stellte nun fest, dass diese Patienten ihre Lähmung zur Kenntnis nahmen, als er ihre verletzte Hirnhälfte künstlich stimulierte, ja, sie erinnerten sich nun plötzlich auch daran, bereits die ganze Zeit gelähmt gewesen zu sein. Doch kaum beendete Ramachandran die künstliche Stimulation, verleugneten sie ihr Leiden wieder. Bei Nachfragen zeigte sich, dass die Patienten hoch selektiv nur diejenigen Teile des Experiments vergessen hatten, in denen sie ihre Lähmung eingestanden hatten. Ramachandran schließt daraus: "Diese Patienten überzeugten mich zum ersten Mal davon, dass an dem Phänomen der Verdrängung, einem der Eckpfeiler der psychoanalytischen Theorie, etwas dran sein muss."

  • 1. Teil: Was bleibt von Freud?
  • 2. Teil

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