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01.11.2003
 

Sprache

Der Anfang war das Wort

Erstmals stießen Genforscher auf ein nur dem Menschen eigenes Sprachgen. Psychologen studieren unterdessen das Sprachtalent von Babys, Informatiker das von Robotern. Nun debattiert die Forscherwelt, was dem Menschen die Zunge löste und wie dies sein Verhalten änderte.

Um die Faszination der Sprache lassen sich viele Worte machen. Doch wenn der amerikanische Star-Linguist Steven Pinker sein Publikum so richtig für Syntax und Semantik begeistern will, greift er lieber zu den Zahlen.

Im Alltag verwendet ein Durchschnittsdeutscher, so Pinker, rund 10 000 Hauptwörter und 4000 Verben, die er mit Hilfe der Grammatik nach Herzenslust kombinieren kann. Daraus könnte er 6,4 Billionen unterschiedliche Sätze mit einer Länge von fünf Wörtern bilden. "Nehmen wir an, man braucht fünf Sekunden, um einen dieser Sätze zu produzieren", erklärt der Professor vom Massachusetts Institute of Technology. "Sie alle herunterzuleiern würde dann eine Million Jahre dauern."

Umbau im Rachenraum
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Umbau im Rachenraum

Die Fülle an Informationen, die sich mit dem Medium Sprache transportieren lässt, ist schier unbegrenzt. Kaum etwas bereitet dem Menschen mehr Vergnügen, als jene melodischen Schallwellen zu erzeugen, die in einem verzweigten Höhlensystem unter seinem Hirn entstehen. Bis zu seinem Eintritt ins Erwachsenenalter sind jedem Menschen an die 50 Millionen Wörter über die Lippen gekommen.

"Sprache ist das entscheidende Instrument des Bewusstseins", sagt die Leipziger Sprachforscherin Angela Friederici. Zugleich sei sie das wichtigste Werkzeug der Intelligenz. Sie erst mache den Menschen zum Menschen.

Ohne Worte wäre nie die Fülle von Ideen entstanden, geschweige denn aus dem Kopf in die Welt gelangt. Sprache wurde zur Trägerrakete für den rasanten Aufstieg des Menschen zum beherrschenden Wesen des Planeten. "Zwischen der Erfindung von Pfeil und Bogen und der Internationalen Raumstation vergingen nur 12 000 Jahre", sagt der US-Anthropologie-Professor Stanley Ambrose von der University of Illinois.

Kein Wunder, dass den Menschen von jeher die Frage umtreibt, wie er zur Sprache kam. Für die Bibel ist die Antwort eindeutig: "Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort", steht im Johannes-Evangelium. Einst habe der Herr den Menschen sogar "einerlei Zunge und Sprache" in den Mund gelegt, heißt es bei Mose. Erst als den Menschen der Größenwahn packte und er anfing, den Turm zu Babel zu bauen, zürnte Gott und hat kurzerhand aller Länder Sprache "verwirrt".

Im Geiste der Aufklärung machten sich die noch jungen Wissenschaften auf, nach der Initialzündung des menschlichen Sprachtalents zu suchen. Doch schon bald sahen sie sich dabei einem Dilemma gegenüber, das der deutsche Gelehrte Wilhelm von Humboldt 1820 in die Worte kleidete: "Der Mensch ist nur Mensch durch Sprache; um aber Sprache zu erfinden, müsste er schon Mensch sein."

Die Spekulationen über den Ursprung der Sprache überschlugen sich, bis die einflussreiche Société de Linguistique de Paris 1866 den Sprachforschern per Statut untersagte, über den Anfang der menschlichen Sprache zu fabulieren. Viele Jahrzehnte hielt die freiwillige Enthaltsamkeit.

Denn lange herrschte eklatanter Beweisnotstand. Weder Tonband noch Kamera liefen, als ein Menschenahn mit seinen Lippen das erste Wort formte. Nicht einmal versteinerte graue Zellen gibt es - und die würden ihr Geheimnis ohnehin nicht offenbaren.

Doch inzwischen stoßen die modernen Naturwissenschaften auf immer mehr Puzzleteile, die Aufschluss geben über die ersten Stimmen aus der Steinzeit:

  • Paläoanthropologen rekonstruieren aus Knochenfunden menschlicher Vorfahren die Evolution des Sprachapparates;
  • Hirnforscher beginnen dank bildgebender Verfahren zu begreifen, wie Sprache im Gebrabbel der Nervenzellen entsteht;
  • Informatiker lassen Roboter ihre eigene Sprache entwickeln;
  • Molekularbiologen melden Erfolge bei der Erforschung der genetischen Grundlagen von Sprachfähigkeit.

"Bei Menschenkindern läuft die Evolution der Sprache noch einmal im Zeitraffer ab."

Einen besonders viel versprechenden Weg aber, das Geheimnis der Sprache zu entschlüsseln, weisen heranwachsende Menschenkinder. Denn bei jedem von ihnen läuft die Evolution noch einmal ab - und zwar im Zeitraffer.

Sophie, gerade acht Wochen alt, hat noch kein einziges Wort gesagt. Und trotzdem ist sie schon ein kleines Sprachgenie. In einer schalldichten Kabine, geschmückt mit regenbogenfarbenen Mobiles, liegt das Baby aus Berlin auf dem Arm seines Vaters. Mit geschlossenen Augen gibt Sophie eine stumme Kostprobe.

Sichtbar gemacht wird ihr Sprachtalent mit Hilfe eines Computers. Über eine Art Badekappe, aus der jede Menge Drähte heraustreten, ist sie an das Gerät angeschlossen. "Ba Ba Baaa", schallt es aus einem Lautsprecher, ohne dass Sophie ihre Augen öffnet, dann "Ba Baaa Ba" und wieder "Ba Ba Baaa". Minutenlang wiederholen sich diese Silben ohne Sinn, als gelte es, das Baby in Hypnose zu versetzen. Nach außen hin zeigt Sophie keinerlei Reaktion - doch in ihrem Kopf spielt sich Erstaunliches ab.

Vom Grunzen zur Poesie
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Vom Grunzen zur Poesie

Der Computer empfängt elektrische Impulse, die auf dem Monitor von Jürgen Weissenborn in Gestalt einer gezackten Wellenlinie erscheinen. "Sie sind das Abbild von Sophies Hirnaktivitäten, wenn sie 'Ba Ba Baaa' hört", erklärt der Linguistik-Professor aus Berlin. "Und sie verändern sich von Silbe zu Silbe."

So unsinnig das Experiment auf den ersten Blick auch erscheinen mag: Wenn Sophie diesen Test nicht bestehen würde, könnte sie auch in zwei Jahren nicht verstehen, was der Kasperl im Puppentheater sagt.

"Dem Baby stellt sich die Sprache zunächst als ein Lautstrom dar, wie Musik oder das Plätschern eines Gebirgsbachs", erläutert Weissenborn. Der erste Schritt bestehe darin, diesen Lautstrom in Silben, später dann in einzelne Wörter zu zerlegen.

Jede Sprache hat ein eigenes Klangmuster, das sich aus der Betonung der Wortsilben ergibt. Im Deutschen etwa werden zweisilbige Wörter auf der ersten Silbe betont, im Französischen hingegen auf der zweiten. Das Studium von Sophies Hirnströmen zeigt Weissenborn, dass sie für solche Unterschiede bereits empfänglich ist.

"Der Mensch lernt das Sprechen viel früher, als wir bislang dachten", berichtet Weissenborn. "Die Melodie der Sprache nimmt das Kind bereits im Leib der Mutter wahr, deren Stimme durch das Fruchtwasser an das Ohr des Ungeborenen dringt."

Für die einzelnen Lernschritte, die Sophies Hirn vollbringt, brauchte die Evolution beim menschlichen Vorfahren Hunderttausende von Jahren. Die Reihenfolge, da ist sich Weissenborn sicher, muss ganz ähnlich gewesen sein.

"So wie Sophie sich Stück für Stück ihre Muttersprache aneignet", erläutert Weissenborn, "wiederholt sie die Entwicklung des Menschen zum sprechenden Wesen."

Der Linguist leitet die Deutsche Sprachentwicklungsstudie: eine der weltweit größten Erhebungen zum Spracherwerb. Rund 200 Säuglinge und Kleinkinder werden dabei mit allerlei neurologischem Gerät verdrahtet, um "einen weißen Flecken in unserem Wissen" (Weissenborn) mit neuen Erkenntnissen zu füllen.

Für eine umfassende Theorie über die Entstehung der Sprache ist es zwar noch zu früh. Doch schon die ersten Entdeckungen sind faszinierend. Erstaunlich findet Weissenborn etwa, wie logisch, Schritt für Schritt, sich Sprache im Gehirn der Kinder etabliert. Bereits die ersten Laute eines Babys, so konnte er mit seinem Psycholinguistenteam zeigen, enthalten viel Wissen über die Sprache.

So zeichneten die Forscher auch Sophies Schreien und Lallen auf. Anschließend ließen sie den Computer die Lautstärke in Dezibel und die Dauer der Geräusche in Millisekunden analysieren. "Auch hier konnten wir einen charakteristischen Rhythmus feststellen, der verblüffend der Muttersprache ähnelt", berichtet Weissenborn. Sophie kreischt also auf Deutsch und erfüllt damit eine wichtige Voraussetzung, um sich später ihrer Umwelt mitzuteilen.

Ähnlich elementar muss es auch vor Hunderttausenden von Jahren angefangen haben: Aus animalischen Grunzlauten entwickelten die Vorfahren immer differenziertere Geräusche - und schließlich erste Wörter mit gleich klingender Melodie.

Und genauso wie Sophie diese Bruchstücke in einem Jahr zu Wörtern wie "Mama" oder "Ball" zusammenbasteln wird, müssen auch die frühen Urmenschen Gegenständen in der Natur bestimmte Namen verliehen haben.

"Kurz darauf wird der Wortschatz von Sophie förmlich explodieren", sagt Weissenborn. Im Alter von acht Monaten versteht ein Kind rund 60 Wörter. Am ersten Kindergartentag hat es schon mehrere tausend Begriffe abgespeichert.

Ähnlich wie ihre prähistorischen Vorfahren vor vielleicht 50 000 oder 100 000 Jahren wird Sophie die Wörter in eine Sinn stiftende Reihenfolge ordnen können. Schließlich wird sie die Grammatik beherrschen lernen: ein Gefüge aus mehreren hundert Gesetzmäßigkeiten, mit der sich unter Einsatz des riesigen Wortschatzes unendlich viele verschiedene Sätze kombinieren lassen.

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