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Sprache Der Anfang war das Wort

3. Teil

Erst diese geistige Fähigkeit, so vermuten viele Forscher, ermöglichte es dem Homo sapiens, kompliziertere Werkzeuge und Waffen zu bauen, mit denen wiederum er Konkurrenten aus dem Feld schlug - etwa die Neandertaler: "Wir haben sie buchstäblich zu Tode gequatscht", glaubt der neuseeländische Psychiater Michael Corballis.

Vielleicht war es aber auch genau umgekehrt. Der amerikanische Anthropologe Stanley Ambrose glaubt: Erst kam die Kunstfertigkeit der Finger, dann erst die der Zunge. Seiner Theorie zufolge war es gerade das handwerkliche Geschick der menschlichen Urahnen, das "als Wegbereiter für die Evolution der Sprache" diente.

Als wichtigen Hinweis wertet Ambrose ein Ergebnis der Hirnforschung: So wird Sprache von einem Hirnbereich gesteuert, der gleich neben dem Areal für die Feinmotorik der Hand liegt. Aus diesem könnte ein Teil des neuronalen Sprachapparats hervorgegangen sein.

Ein weiteres Argument: Der Bau von Speeren und Äxten erforderte besondere intellektuelle Fähigkeiten, die sich gravierend vom stupiden Steineklopfen der frühen Urmenschen unterschied. Die prähistorischen Handwerksmeister mussten, stets ein Bild vom fertigen Instrument im Kopf, planerisch und vorausschauend vorgehen, bevor sie loslegten. Diese geistige Flexibilität, so Ambrose, sei die entscheidende Voraussetzung für die Entwicklung einer komplexen Sprache.

In einem anderen Sinne geht auch sein Forscherkollege Michael Corballis aus dem neuseeländischen Auckland davon aus, dass Fingerfertigkeit die entscheidende Voraussetzung für die Entwicklung von Sprache gewesen sei. Seine These lautet: Am Anfang war die Gebärde.

Kam erst die Kunstfertigkeit der Finger und dann die der Zunge? Oder war es genau umgekehrt?

"Die Urahnen des Homo sapiens hätten sich zwar schwerlich am Telefon unterhalten können, dafür jedoch waren sie in der Lage, spontane Bewegungen der Hände und des Gesichtes zu machen", schreibt der Forscher in seinem Buch "Von der Hand in den Mund - Der Ursprung unserer Sprache": "Das hätte ihnen mindestens als Plattform für die Entwicklung der Sprache dienen können."

Die meisten Sprachforscher halten es für unwahrscheinlich, dass es den einen, entscheidenden Auslöser für die Redseligkeit des Urmenschen gab. Vielmehr gehen sie von vielen kleinen Schritten aus, die eine immer komplexere Sprache begünstigten.

Wie die Evolution der Sprache abgelaufen sein könnte, zeigen Experimente von Computerexperten. Ein prominenter Entwickler "Künstlicher Intelligenz" (KI) ist Luc Steels, Leiter des Sony-Labors für Computerwissenschaft in Paris. Er versucht, den Millionen Jahre dauernden Prozess mit einer Truppe schwach bemittelter Roboter nachzustellen.

"Push red wa blue ko", brabbelt es aus dem Computerlaptop, in dem die Sprachroboter miteinander plaudern, "wabaku" und "wawosido".

Steels hat seinen Robotern eingepflanzt, was zum allerletzten Schrei unter KI-Forschern gehört: einen realistischen Lautgenerator, ein Gedächtnis und ein Programm zur Erkennung von Mustern. Doch einen Sinn für Syntax, Vokabular oder Grundkenntnisse von Semantik hat Steels ihnen vorenthalten: Sprechen müssen die Maschinen schon selbst lernen - und zur Verblüffung der Linguisten tun sie das auch.

Als Steels seine Ergebnisse im letzten Jahr auf der Konferenz "Evoution of Language" an der amerikanischen Eliteuniversität Harvard präsentierte, kommentierte einer der Organisatoren, der Londoner Anthropologe Chris Knight, Steels Vortrag mit einer für Akademiker unüblichen Überschwänglichkeit: "Das ist eingeschlagen wie eine Bombe."

Im Digitaltalk der Maschinenwesen entstanden nicht nur Wörter, die alle Roboter gemeinsam verwendeten. Der soziale Austausch gebar sogar eine primitive Form von Grammatik.

Zu Beginn des Versuchs zeigte Steels seinen Automatengeschöpfen lediglich Gegenstände, die sie mit ihrer Mustererkennungssoftware identifizieren sollten. Der eine Roboter fungierte sodann als Sprecher und versuchte, dem anderen zu erklären, welches Objekt er gerade sieht.

Damit die künstlichen Gestalten zum Gedankenaustausch angeregt wurden, bekamen sie immer dann eine virtuelle Belohnung, wenn sie sich auf einen gemeinsamen Begriff geeinigt hatten. Immer mehr wuchs auf diese Weise ein gemeinsamer Wortschatz.

"Sprache ist wie ein Lebewesen", folgert Steels aus seinen Versuchen, die er in einem bald erscheinenden Buch veröffentlichen wird. Sie organisiere sich im sozialen Austausch wie von selbst und breite sich aus wie eine Virusepidemie.

Die Experimente mit den plaudernden Robotern bestätigen, was die meisten Linguisten für gesichert halten: Es wäre nicht zur Entstehung der Sprache gekommen, wenn der Mensch ein mürrischer Einzelgänger gewesen wäre. Sprache konnte sich nur im sozialen Miteinander entwickeln - ob am Lagerfeuer oder auf der Jagd.

Gesellige Kerle waren auch die ersten Urmenschen schon. Aber es bedurfte auch der nötigen Hardware: Erst als der Denkapparat eine bestimmte Größe überschritten hatte, konnte die Sprachleistung über das Aneinanderreihen einzelner Wörter hinausgehen. So hatte sich das Hirnvolumen beim Homo sapiens im Vergleich zu den Vormenschen etwa verdreifacht.

Wie hoch komplex die Sprachverarbeitung im menschlichen Gehirn abläuft, beginnen die Forscher erst langsam zu verstehen. An der Sprachbildung im Kopf ist, anders als früher angenommen, ein ganzes Orchester verschiedener Hirnregionen beteiligt; und das Netzwerk aus Neuronen ist derart flexibel, dass es bei jedem Menschen an ganz unterschiedlichen Stellen beheimatet sein kann.

Eines aber ist offenbar bei allen Menschen gleich: eine Art Blaupause im Erbgut, die dafür sorgt, dass im Hirn von Babys die für die Sprache notwendigen Areale wachsen.

Vor allem eine Region der menschlichen DNS haben die Genetiker im Visier: eine winzige Sequenz auf dem "Chromosom 7", die die britischen Molekularbiologen vor zwei Jahren fanden. Die Entdeckung im Erbgut verdanken Simon Fisher und Anthony Monaco von der University of Oxford einer Familie aus dem Süden Londons, die sie aus Gründen der Geheimhaltung nur KE-Familie nennen.

Kaum jemand kann die KEs verstehen: Die Oma spricht wirres Zeug, ebenso vier ihrer fünf Kinder. Und auch 10 der 24 Enkelkinder radebrechen derart, dass sie sich selbst untereinander nicht wirklich verständigen können.

Bei Untersuchungen am Erbmaterial der sprachgestörten Familie stießen Monaco und Kollegen dann auf die für den Defekt verantwortliche Gensequenz (und tauften diese "FoxP2"). Linguist Pinker fühlt sich durch die neue Entdeckung darin bestätigt, dass der Mensch über eine Art Sprachinstinkt verfüge. Dies sei "ein Beweis für ein angeborenes Sprachtalent des Gehirns".

Doch das Sprachgen allein kann das Rätsel der Sprache nicht erklären: Denn FoxP2 findet sich auch bei Mäusen und Menschenaffen.

Die britischen Genetiker haben deshalb ihre Kollegen Svante Pääbo und Wolfgang Enard in die Untersuchungen eingeschaltet und um einen Vergleich zwischen Mensch, Maus und Schimpanse gebeten. Die Genforscher am Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie stießen dabei auf einen faszinierenden Befund: Seit jener Zeit vor 70 Millionen Jahren, als der gemeinsame Vorfahr von Maus und Mensch lebte, haben sich nur 3 der insgesamt 715 Bausteine des FoxP2-Proteins verändert. Doch zwei dieser Umbauten, das beweist der Vergleich von Mensch und Schimpanse, müssen in den letzten sechs Millionen Jahren passiert sein - jenem Zeitraum also, in dem sich die eigentliche Menschwerdung vollzog.

Noch mehr glaubt Pääbo aus dem Genvergleich von Menschen unterschiedlicher Völker schließen zu können: Die entscheidenden Mutationen des FoxP2-Gens tauchten vermutlich erst innerhalb der letzten 200 000 Jahre auf, um sich dann rasant in der ganzen Menschheit auszubreiten - ein Indiz dafür, dass sie mit einem erheblichen Überlebensvorteil verbunden war. War diese Mutation mithin die Geburtsstunde des Sprachvermögens?

Daran mögen auch die FoxP2-Forscher selbst nicht recht glauben. "Es gibt ganz sicher kein einzelnes Gen für Sprache", erklärt Pääbo, "sondern eher ein genetisches Gerüst, das man braucht, um sich Sprache anzueignen." Trotzdem, so jubelt sein Kollege Fisher, sei mit der Entdeckung des FoxP2-Gens "nun die Tür aufgestoßen, die Entwicklung von Sprache auf genetischer Basis zu verstehen".

Während seiner Arbeit mit der KE-Familie hat der britische Forscher schon eine weitere Erkenntnis gewinnen können - und zwar über die enge Verbindung zwischen Sprache und Intelligenz. Fisher: "Diese Leute nuscheln nicht nur, sie sind auch alle nicht die Hellsten."

GERALD TRAUFETTER

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