Karl Corino war 15, als er 1957 von einem Mitschüler ein Buch mit einem Musil-Zitat in die Hand gedrückt bekam. Der Dichter beschrieb darin eine Herde Rinder vor Sonnenaufgang. "In mattweißen steinernen großen Formen lagen sie auf den eingezogenen Beinen, den Körper hinten etwas zur Seite hängend; sie blickten den Vorübergehenden nicht an, noch ihm nach, sondern hielten das Antlitz unbewegt dem erwarteten Licht entgegen ... und wenn man von oben zurückblickte, sahen sie wie weiße hingestreute stumme Violinschlüssel aus."
Corino, der auf dem elterlichen Hof lange die Kühe gehütet hatte, war diesem Dichter von Stund an verfallen. Man wusste bisher wenig von ihm: 1880 als Sohn eines Maschinenbauingenieurs bei Klagenfurt geboren, Militärzögling, Technikstudium bis zum Ingenieur, dann Studium der Natur- und Geisteswissenschaften in Berlin, Dr. phil., Erfinder eines Farbkreisels, emigrierte im Dritten Reich mit seiner jüdischen Frau in die Schweiz, wo er 1942 starb.
Als Corino Musils Nachlass in Rom katalogisierte und mit Musils Stiefsohn sprach, machte er eine Entdeckung: Ausgerechnet in die weltentrückte Erzählung "Die Vollendung der Liebe" hatte Musil offenbar Szenen seiner Ehe einchiffriert; die Heldin Claudine trug deutlich Züge der Ehefrau Martha.
In Werken eines Dichters nach Lebensspuren zu suchen war damals, 1965, als "positivistisch" verschrien und außerdem mit Recherche verbunden - die beherrschte an deutschen Universitätsseminaren kaum einer.
Corino ließ sich nicht abschrecken. 1967 fuhr er nach Wien: Wenn auch die Figuren in der berühmten Internatserzählung "Die Verwirrungen des Zöglings Törleß", also die Quälgeister Reiting und Beineberg und ihr Opfer Basini, einen realen Hintergrund hatten - dann alles andere auch. Auch die Novellen "Drei Frauen" (Grigia, Tonka, Die Portugiesin) oder Musils Theaterstücke, vielleicht sogar das gigantische Romanfragment "Der Mann ohne Eigenschaften".
Im Kriegsarchiv ließ er sich die Schülerlisten von Musils Jahrgang in Mährisch-Weißkirchen zeigen. Entdeckte sofort einen "Reising", einen "von Boyneburg", später auch den (schulverwiesenen) "Fabini". Die Jagd war eröffnet, das Projekt geboren. Mit ehrgeizigen Zielen: Musils Lebensdaten sollten vollständig erhellt werden. Seine Gedankenwelt sollte im Zusammenhang mit seiner Zeit rekonstruiert werden (eine Sisyphosarbeit, Musils geistiger Horizont war riesig, wie seine Arbeiten als Kritiker und Essayist zeigen). Und das komplexe Wechselspiel von Leben und Schreiben sollte erforscht werden - der kreative Prozess.
Nun liegt die Arbeit auf nahezu 1500 Textseiten vor, plus Anhang, drei Lesebändchen: Operation gelungen, Leserin lebt! Corino liefert das große wissenschaftliche Standardwerk ab, methodisch einwandfrei und transparent, dazu ein Lesevergnügen.
Wunderbar die Kapitel über die Frauen. Beim kleinen Mädchen angefangen, das Musil selbst gern gewesen wäre: bei seinem erträumten weiblichen Alter Ego. Dann die Mutter. Und Valerie Hilpert, die platonische Jugendgeliebte, die jenen ozeanischen "anderen Zustand" in ihm auslöste, den er bis zu seinem Tod beschreiben, erforschen und ausloten würde, ohne den er nicht Musil geworden wäre. Herma Dietz ("Tonka"), die arme Verkäuferin, mit der Musil jahrelang eheähnlich lebte, bis sie an den Folgen einer syphilitischen Schwangerschaft starb, mit der er sie allein gelassen hatte. Ida Roland, gefeierte Schauspielerin. Die Bäuerin "Grigia" alias Magdalena Lenzi, Musils Kriegsgefährtin. Aber vor allen Martha, geborene Heimann, verwitwete Alexander, geschiedene Marcovaldi, von früh an gesucht, Musils Zwillingsschwester, pardon, Ehefrau - Zwillingsschwester nur im "Mann ohne Eigenschaften": die
Frau, die ihn lebenslang inspirierte, aufregte, schützte, hegte, die in die Rolle des "bad guy" schlüpfte, sobald Mäzene zu beknien waren, die nach seinem Tod mit seiner Totenmaske reiste und die sich weigerte, postum über ihn zu schreiben. Denn all die vielen, "für Robert bezeichnenden und auch amüsanten Einzelheiten" gäben der Allgemeinheit nur "das Bild eines sonderbaren, bestenfalls willensstarken Menschen, voll von Einbildungen und Eigenheiten", wenn es nicht gelänge, seiner "Vielfalt des Geistigen" gerecht zu werden, und das "kann ich nicht".
Corinos jahrzehntelange Recherchen zu Martha kulminieren im traumhaft schönen Kapitel über diese Gestalt - sie ist das heimliche Zentrum der Biografie (und nicht nur dieser: da er sein unveröffentlichtes Martha-Material an Herbert Kraft weitergab, strahlt sie auch in dessen Musil-Buch als Epizentrum).
Zweifellos hat Thomas Mann wunderbare Frauen für uns erschaffen: Tony Buddenbrook. Die blonde Inge. Die schöne Gerda. Mme. Chauchat. Aber es bliebMusil vorbehalten, die Utopie von "Ulrich und Agathe" zu entwerfen, eines Mannes und einer Frau, einander völlig gleichwertig, mit dem Versuch einer neuartigen Liebe. War Musil heimlicher Feminist? Und dadurch automatisch auch schon politisch korrekt, gegen alle Ideologien immun, ein Ausnahmemann? Einer, der, wie es ein Kritiker nannte, ein "Deutsch für Jahrhunderte" schrieb?
Corinos Biografie ist bestens geeignet, diese und ähnliche Annahmen zu überprüfen. In ihrem Kontext fangen alle Musil-Zitate an zu leuchten, gut eingefasst von Respekt und Liebe des Biografen.
Aber nichts wird geschönt. Weder die Krankheiten (Syphilis, Bluthochdruck, Galle) noch seine Rolle im Ersten Weltkrieg (er war Frontoffizier, dann als Herausgeber von Soldatenzeitungen mit Durchhalteparolen beschäftigt). Die Nachzeichnung der politischen Verhältnisse und Musils Stellung darin, seiner weitestgehenden Immunisierung gegen Faschismus und alle anderen -ismen gelingt Corino ausgezeichnet - ein Vorteil der Ausführlichkeit.
Und wer sagt, dass Ausführlichkeit nicht auch komisch sein kann? Wie jene pikaresken Endlosgeschichten zwischen Musil und seinen Verlegern, Musil und seinen Mäzenen, Musil und seinen (erfolgreicheren) Zeitgenossen - grundiert von chronischer Not und finanzieller Abhängigkeit. Am Beispiel der Erzählung "Vereinigungen", jenem so wichtigen, für Musil quälenden zweiten Werk nach dem "Törleß", durchleuchtet Corino den kreativen Prozess: mit welcher Mühe einer, der bisher aus der Fülle autobiografischen Stoffs schöpfte, sich nun fremde Provinzen aneignet, sprich weibliche Denk- und Gefühlswelten. Hier verfolgt man, mit gelegentlich angehaltenem Atem, die allmähliche Verfertigung des Kunstwerks am Schreibtisch.
Bei allen Werken gibt Corino Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte. Beim "Mann ohne Eigenschaften" darüber hinaus eine amüsante Galerie der Figuren und ihrer Vorbilder, die zeigt, dass der Roman auf einer bestimmten Ebene auch ein intellektueller Schlüsselroman ist.
Musils Tod scheint glücklich gewesen zu sein: im endlich ruhigen Refugium des winzigen Gartenhäuschens im Genfer Exil bei einer Lieblingsbeschäftigung, Gymnastik im Bad.
Herbert Kraft, emeritierter Germanistikprofessor der Uni Münster, wählt für sein Musil-Buch einen ganz anderen Ansatz. Dem Corino-Monumentalwerk "Wie Musil entstand" konnte er nur mit einem "Wie ich ihn interpretiere" begegnen. Zwei Drittel des Buches bestehen daher aus chronologisch angeordneten Werkinterpretationen. Die biografischen Daten sind dazwischengeschoben. Den Auftakt bildet, auf 50 Seiten, ein Porträt des erwachsenen Schriftstellers. Manches klingt nach einer heimlichen Anleihe bei Martha: "Robert Musil: Sein Wille war seine Eigenschaft". Ja! Genau. Aber ... doch viel mehr noch seine "Vielfalt des Geistigen"? Nein, hier biegt Kraft gradlinig ab: "Was hätte aus ihm, der nicht außergewöhnlich begabt war ... schon werden können." "Sein Verstand, soviel Musil sich darauf einbildete, hatte nicht ausgereicht, das zu erkennen." "Dass es ihm an Bildung mangelte, wusste er irgendwie noch positiv auszudrücken." Merkwürdig, was geht hier vor? Sollte Musil kein Gehirn gehabt haben? Und warum? Möglich macht die sonderbare Deutung ein Trick: Alle Musil-Zitate werden ohne Quellenangabe, oft auch ohne Kennzeichnung der Textsorte oder des Zusammenhangs, kursiv in Krafts eigene Formulierungen eingestreut - als sprächen da zwei aus einem Munde. Das ist schon etwas befremdlich für einen Münsteraner Editionsspezialisten.
Nach vollzogener Gehirnamputation gerät das Musil-Porträt nun genau zu jenem Mix aus mehr oder weniger amüsanten Eigenheiten eines "sonderberen Menschen", den Martha befürchtet hatte. Seine Arbeit als Vormund nimmt Kraft sehr ernst: Verantwortungsbewusst rechnet er seinem Mündel alle Widersprüche nach, dazu das verschwendete Badewasser.
Die Werke werden von Kraft im Wesentlichen "politisch" interpretiert: Musil, die ewige Kassandra. Bei Texten wie "Das Fliegenpapier" und "Die Affeninsel" stimmt es ja auch und ist seit langem bekannt. Und auch in den Quälgeistern des "Törleß" sah Musil später zu seiner eigenen Überraschung die faschistischen Diktatoren präfiguriert. Aber Kraft möchte nun eigentlich jeden Text auf diese Art lesen, und das ist völlig abwegig: Die Sängerin Leona hat 1913 ein "unzeitgemäßes Gesicht"? Ja, so Kraft, weil die Kriegsverwundetenchirurgie ab 1916 einen moderneren Typus schafft! Viktoria ("Das verzauberte Haus", 1908) spürt ihr eigenes Lächeln "wie eine Wunde im Gesicht"? Ein Hinweis auf die Ströme der Kriegsverletzten, die sechs Jahre später zu fließen beginnen! Dies ist Krafts Steckenpferd, und es geht ständig mit ihm durch. Und doch gelingt es ihm, den "Mann ohne Eigenschaften" auf rund vierzig Seiten an Musils eigenen Intentionen entlang und mit überzeugenden Textstellen zusammenzufassen, als langen Weg vom Alten zum Neuen, von den schlechten Eigenschaften (und den guten im Dienste des Schlechten) bis hin zum angestrebten Zustand der Eigenschaftslosigkeit, der Gerechtigkeit erlauben würde, Reflexion und Verschmelzung. Auch seine Interpretation von "Tonka" ist lesenswert. Die Geschichte der armen Verkäuferin und ihres "Herrn" gewinnt, zur Abwechslung einmal religiös aufgeschlüsselt, überraschend neue Konturen. Es lohnt sich tatsächlich, mit diesem vergessenen, von Heinz Schlaffer in der "Kurzen Geschichte der deutschen Literatur" wieder aufgegriffenen Deutungsmuster auch an Musil heranzugehen: Immerhin war er katholisch sozialisiert, wenngleich nicht im Elternhaus. Kraft verfolgt den Ansatz aber nicht weiter, vielleicht, weil er in seinem Porträt bereits dekretiert hatte: "Im Grunde blieb er ungläubig." Corino ist sich in dieser Beziehung gar nicht so sicher: Die "Vielseitigkeit des Geistigen" schließt klar und deutlich auch diese Möglichkeit ein. Als Volksausgabe von Corinos Standardwerk lässt sich Krafts Studie also nicht verwenden, aber als Ergänzung. Müsste man die beiden auf einen Nenner bringen, käme Folgendes heraus: Corino arbeitet wissenschaftlich, aber unakademisch und widmet das Buch seiner Frau. Kraft wirft die Wissenschaftlichkeit weit über Bord, wird den Stallgeruch der Germanistik trotzdem nicht los und widmet sein Buch zwei Universitäten.
SIBYLLE MULOT
Karl Corino: "Robert Musil Eine Biographie" Rowohlt Verlag, Hamburg; 2048 Seiten; 78 Euro
Herbert Kraft: "Musil" Zsolnay Verlag, Wien; 360 Seiten; 23,50 Euro
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