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01.10.2003
 

Belletristik

"Nimm dich nicht so wichtig!"

2. Teil

Dann wieder fragt sie sich (schon 1966), ob all ihre Probleme vielleicht nur die "eines zu kleinen Talents, eines zu großen Ehrgeizes" sind. Gegen die Kulturleitlinien des Sozialistischen Realismus beharrt sie trotzig auf ihrer Position: "Das Grund-Motiv meines Schreibens, mit mir selbst ins Reine zu kommen, setzt sich rigoros durch, ich kann und darf es nicht ignorieren, so oft es mir auch als meine Grund-Schwäche erscheint: ,Subjektivismus'."

Das schrieb sie nicht nur ins Tagebuch, das hatte sie 1965 auch parteiöffentlich auf einer Sitzung des SED-Zentralkomitees am Rednerpult vertreten, ein mutiger Schritt, der im Westen - etwa 1990 und danach, bei der Debatte um ihre Rolle als Literaturstar der DDR - kaum je gewürdigt worden ist.

Sie notiert im Tagebuch ihre Angst vor diesem Auftritt. "Vielleicht war auch ein unbewusster Wunsch dabei, das Feuer auch auf mich zu lenken", schreibt sie mit unerbittlicher Selbstwahrnehmung. "Das habe ich geschafft." Auch die aus dem mexikanischen Exil in die DDR gekommene berühmte Kollegin Anna Seghers flüstert ihr nach der Rede zu: "Es ist doch gut, dass du gesprochen hast."

Eine der anrührendsten Szenen in diesem Tagebuch ist der Besuch der Wolf mit der bewunderten Seghers im Vorderasiatischen Museum - während der Mittagspause des Plenums. Es ist ein Wunsch der alten Frau: "Fünf Minuten!" Und angesichts des Ischtar-Tors versucht Anna Seghers dann ein wenig hilflos, die Jüngere zu trösten: Die Künstler damals hätten auch ihre Schwierigkeiten gehabt, es sei darum gegangen, "ob man Gott in menschlicher Gestalt darstellen darf".

Es ist zugleich ein Versuch von Anna Seghers, sich über ihre Rolle in der DDR, ihr eigenes Wegschauen und Schweigen hinwegzutrösten. Typisch für die Resignation der berühmten Dichterin ist Ende der sechziger Jahre ein Satz, den sie in einem Aufsatz schreibt: "Viel später werden die Menschen mit einem Unterton von Erstaunen, still und schön, eindringlich und einfach von den Verwandlungen unserer Tage berichten." Christa Wolf zitiert das in ihrem Tagebuch mit einem Kommentar, der fast wie ein innerer Abschied von der Kollegin klingt, die lange das große Vorbild für sie war: "Das glaubt sie, zu ihrem Glück. Ich nicht mehr."

Über die Unwirtlichkeit der DDR ist in diesem Tagebuch manches zu erfahren. Die Mutter von zwei kleinen Mädchen empört sich über den "Chemienebel" in Halle, wo die Familie zunächst wohnt. Später wird den Kindern das Schulfest verboten, weil ein Parteisekretär die Band namens Twens nicht dulden wollte. Vor dem Geburtstag der jüngeren Tochter sind weder Kerzen noch ein Tortenboden zu erhalten, "von Blumen nicht zu reden".

Als die eigenen Kinder daheim vom Fahnenappell in der Schule erzählen, sagen die Eltern mit einem Hauch von Bitterkeit: "So ist es in unserer ganzen Jugend gewesen, warum soll es euch besser gehen als uns ..." Empört wird verzeichnet, dass bei einem Gelöbnis von Jugendlichen der Begriff "gestählte Jugend" vorkommt.

Bei der Arbeit an ihrem autobiografischen Roman "Kindheitsmuster" (1976), der vor allem die eigene Kindheit im Dritten Reich zum Thema hat, kann Christa Wolf der Frage freilich nicht ausweichen, wie weit sich Diktaturen ähneln - zumal sie beschlossen hat, parallel zu den Erinnerungen aus der Nazi-Zeit auch aus der Schreibgegenwart in der DDR zu erzählen.

Die Arbeit fällt ihr umso schwerer, als sie einsehen muss, dass es unmöglich ist, "in der nötigen Schärfe und mit den nötigen Verbindungen zur Gegenwart zu schreiben und zugleich an Veröffentlichung zu denken". Sie beobachtet an sich, wie "bestimmte Zensurbehörden in meinem eigenen Kopf" ganz zuverlässig funktionieren, auch wenn sie jeden Morgen mit dem Gedanken aufwacht, "bewusst dagegen anzugehen".

Wer gern seinen kritischen Blick auf die Autorin bestätigt sehen möchte, der findet auf diesen Seiten reichlich Material. Es ist mutig von Christa Wolf, Passagen zu publizieren, die im Nachhinein von großer politischer Naivität zeugen - aber auch von Unkenntnis in sehr konkreten menschlichen Beziehungen. So zeigt sie sich 1976 erstaunt, als der Bergman-Film "Szenen einer Ehe" im Fernsehen gezeigt und natürlich in der DDR, wo viele Antennen nach Westen gerichtet sind, eifrig diskutiert wird - erstaunt darüber, "dass die Ehe-Unlust bei uns genauso groß ist wie anderswo?"

Ein Journal intime ist dieses Tagebuch nicht. Das war bei Christa Wolf auch nicht zu erwarten, die einmal grundsätzlich geäußert hat: "Sexualität zu beschreiben, hatte ich nie das Bedürfnis." Dennoch gibt es offene Äußerungen über ihr Leben als Frau, auch über die eigene Ehe. Etwa 1968, als die Autorin Ende 30 ist: "Sehnsucht nach Gerd. Uns könnte nichts mehr antasten, nicht einmal eine Leidenschaft, die mir passierte." Sie setzt hinzu: "Und passieren sollte, aber nicht wird."

Vielleicht spricht hier in erster Linie die Autorin, die von sich weiß, dass Erfinden ihre Stärke nicht ist. Eine Leidenschaft könnte immerhin auch neuen Erzählstoff bringen.

Noch fast zehn Jahre später, nun schon abgeklärt, fragt sie sich, "ob ich mich insgeheim auch nach einer Überwältigung durch eine Leidenschaft sehne, anstatt nach dieser gleichmäßigen, unbezweifelbaren und zuverlässigen Wärme, dieser Nähe, dieser Fürsorge". Sie antwortet: "Früher vielleicht ja. Mir ist bewusst geworden, dass dieses Kapitel in meinem Leben abgeschlossen ist."

Ganz geklärt ist die Frage nach der eigenen weiblichen Rolle damit nicht, etwa danach, was es wohl bedeuten könne, "dass ich, obwohl niemals ,schön' gewesen, obwohl der Mängel meiner Figur immer bewusst, obwohl selten von anderen Männern begehrt, als Frau keinen Minderwertigkeitskomplex habe?"

Einmal sieht sie einer Frau "aus Hamburg oder Bremen" auf der Straße nach: "Das war eine von den jungen Frauen, in die ich mich gern verwandeln würde. Vor Bedauern versuche ich dann hochmütig auszusehen." Das klingt fast ein bisschen wie ein Satz aus der Schreibwerkstatt Martin Walsers.

Am Ende machen, wie in jedem guten Tagebuch, gerade die Selbstzweifel und das Unbehagen an der eigenen Person, sofern derlei nicht kokett daherkommt, den Reiz und die Verführungskraft aus - jemand, der sich selbst, wie hier, als "verkniffen, ein bisschen verkrampft und verbiestert" hinstellt, kann so unsympathisch nicht sein.

Hätte Christa Wolf nicht schon eine große und eingeschworene Lesergemeinde, spätestens nach diesem Buch müssten ihr viele Herzen zufliegen - die ihrer ebenso eingeschworenen Kritiker und Gegner freilich wird sie auch mit diesen Tageschroniken aus gut vier Jahrzehnten nicht gewinnen können. Dazu ist sie einfach zu ehrlich.


Christa Wolf: "Ein Tag im Jahr 1960 - 2000" Luchterhand Literaturverlag, München; 656 Seiten; 25 Euro.

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