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01.10.2003
 

Belletristik

"Schrullige Einzelgänger"

Eigenwillig und wortgewaltig: Der norwegische Schriftsteller Lars Saabye Christensen brilliert mit der melancholisch-wundersamen Familiensaga "Der Halbbruder".

Fred ist ein echter Tunichtgut, keine Frage. Er raucht, er treibt sich herum, er spricht oft tagelang nicht, und wenn er dann doch mal den Mund aufmacht, wird es erst recht gefährlich. "Soll ich für dich deinen Vater umbringen?", fragt Fred seinen jüngeren Halbbruder Barnum. Barnum weiß, dass Fred dazu durchaus fähig wäre. Nicht nur, weil er furchtlos ist und stark, sondern weil in ihm diese mörderische Wut kocht.

Barnum, der Jüngere ist eher ein Hosenscheißer, einer, den andere Jungs regelmäßig verprügeln und hänseln, weil er diesen dämlichen Namen hat und weil er so klein ist. Dafür erweist Barnum sich als phantasiebegabter Träumer, er wird zu einem, der Geschichten ersinnt, sie aufschreibt und damit schließlich Erfolg hat.

Von der verzweifelten, zärtlichen Liebe der beiden ungleichen Brüder zueinander erzählt der Norweger Lars Saabye Christensen, 50, in seiner bewegenden Familiensaga "Der Halbbruder", die vom vorletzten Jahrhundert bis in unsere Gegenwart führt.

Christensen, der in Deutschland mit seinen Romanen "Der Alleinunterhalter" und "Der eifersüchtige Friseur und andere Helden" bekannt wurde, plante seine Familienchronik seit vielen Jahren und soll ein volles Jahrzehnt daran geschrieben haben. Lohn der Mühe: In Norwegen wurde "Der Halbbruder" in kürzester Zeit zum Bestseller und mit Literaturpreisen überhäuft.

In kunstvoll gebauten Rückblenden lässt Christensen mit Hilfe seines Ich-Erzählers Barnum nach und nach die zärtlich-wilde Geschichte seiner Osloer Helden lebendig werden. In ihrem Mittelpunkt stehen die Halbbrüder und ihre wunderliche Familie, gleichzeitig entfaltet Christensen eine schillernde Chronik Europas. Es sind wortkarge, schrullige, oft einsame Menschen, von denen der Autor in melancholischem Ton erzählt. Vor allem seine weiblichen Figuren beeindrucken durch ihre kraftvoll-zupackende Art. Was bleibt ihnen auch anderes übrig - ihre Männer sind bestenfalls liebenswerte, doch lebensuntüchtige Romantiker. Und manchmal weit Schlimmeres:

Freds Mutter Vera wird am 8. Mai 1945 auf dem Trockenboden von einem Unbekannten vergewaltigt, dessen Gesicht sie nicht sieht. "Ein norwegischer Soldat, der sich nicht mehr beherrschen konnte und den Krieg in seinem Inneren nach außen trug", sagt Veras Großmutter, ein ehemaliger Stummfilmstar aus Dänemark, um sich dann ihrer verstörten Enkeltochter tatkräftig zu widmen. Vera, noch keine 20 Jahre alt, verfällt in hartnäckiges Schweigen, neun Monate lang, während das Kind in ihr heranwächst, schließlich in einem Taxi zur Welt kommt und Fred genannt wird.

Natürlich klatschen die Leute im Viertel bösartig und denken, dass Vera mit dem Feind angebändelt hat, weil sie nicht angeben kann, wer der Vater des Bastards ist. Doch Vera ist ebenso zäh wie ihre Großmutter und ihre Mutter, die beide ihre geheimnisvollen Männergeschichten für sich behalten und diese selbst der Familie (und dem Leser) erst nach und nach offenbaren. Veras Mutter Boletta ist es, die die Familie als Telefonistin recht und schlecht durchbringt, bis ein gewisser Arnold Nilsen in einem glänzend polierten gelben Cabriolet auftaucht.

Auch der hat bereits einiges hinter sich, hat seine Familie verlassen und im Zirkus um Beifall gerungen, getrieben von einer paradoxen Mischung aus Größenwahn und Melancholie. Er ist ein Großsprecher, aber ein feinfühliger: Er glaubt, dass Applaus und Gelächter verschiedene Tonarten haben können und sieht sich berufen, den Reichtum dieser Formen zu sammeln.

Arnold heiratet die schöne Vera, Sohn Barnum wird geboren. Er ist einige Jahre jünger als sein Halbbruder Fred und hört eines Tages auf zu wachsen. Beide Brüder teilen ein Zimmer, beide eint eine innere Einsamkeit und eine quälende Sehnsucht nach Anerkennung. Während Fred in der Schule versagt, sich als Halbstarker einen zweifelhaften Ruf erwirbt und seinem Stiefvater mit offener Verachtung begegnet, findet Barnum als Teenager wunderbare Freunde und dann seine Berufung als Schriftsteller und Drehbuchautor.

Fred, den Barnum in hilfloser Scheu liebt, den er jedoch auch fürchtet und mit dem er wetteifert, verschwindet eines Tages spurlos und kehrt nicht mehr nach Hause zurück. Und während Vera verzweifelt auf Freds Rückkehr wartet, heiratet Barnum. Neben anderen Enttäuschungen, die das Erwachsenenleben bereithält, muss Barnum begreifen, dass auch große Liebe ein Verfallsdatum haben kann.

In Christensens Kosmos wimmelt es von seltsamen Käuzen. Mit seinem außerordentlichen Einfallsreichtum und komödiantischen Talent versteht der Autor es meisterhaft, seine verschlungenen Handlungsfäden irgendwann wieder zusammenzuführen beziehungsweise zu entwirren.

Er hat einen warmherzigen Blick auf seine Helden, die sich mühevoll durchs Leben wurschteln, dabei keine Angst vor Pathos und Poesie, vor grimmigem Humor und derbem Witz. In seinen grotesken Details erinnert der Roman manchmal an die wundersamen Geschichten von John Irving. Selten hat ein Schriftsteller so klug, feinfühlig und liebevoll von den Mühen des Erwachsenwerdens, von Geschwisterliebe, Freundschaft, Tod und der Kraft der Vergebung erzählt.

ANGELA GATTERBURG


Lars Saabye Christensen: "Der Halbbruder" Aus dem Norwegischen von Christel Hildebrandt. BTB, München; 768 Seiten; 24,90 Euro

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