Die Wende vom Frieden zum Krieg im Sommer 1914 hat Stefan Zweig in seiner Autobiografie "Die Welt von Gestern" suggestiv beschrieben. Sie erscheint abrupt und Schwindel erregend.
Der Erzähler beginnt mit einer poetischen Beschwörung des Prachtsommers 1914: "Seidenblau der Himmel durch Tage und Tage, weich und doch nicht schwül die Luft, duftig und warm die Wiesen, dunkel und füllig die Wälder." Die Nachricht vom Attentat in Sarajevo, die Ende Juni in das Idyll platzte, habe bei den Landsleuten des ermordeten Thronfolgers Franz Ferdinand zwar kurze Zeit für Aufregung gesorgt. Vor allem wegen der Unbeliebtheit des Opfers habe sie aber wenig Erschütterung oder Empörung geweckt. Statt sich die Laune trüben zu lassen, hätten sich viele auf den populären jungen Erzherzog Karl als neuen Thronfolger gefreut.
In einem Kurpark bei Wien und anschließend in einem belgischen Strandbad erfreut sich Zweig wie andere internationale Feriengäste des Bilderbuchsommers. Als die Zeitungsmeldungen über zunehmend aggressive Töne zwischen den Großmächten immer bedenklicher klingen und die Uniformierten sich in Belgien ebenso vermehren wie die Gerüchte über eine bevorstehende deutsche Invasion, versucht der Autor die Sorgen belgischer Freunde zu zerstreuen:
"Mir schien es völlig absurd, dass, während Tausende und Zehntausende von Deutschen hier lässig und fröhlich die Gastfreundschaft dieses kleinen, unbeteiligten Landes genossen, an der Grenze eine Armee einbruchsbereit stehen sollte." Erst nach Österreichs Kriegserklärung an Serbien flieht Zweig mit dem letzten Zug.
Buchstäblich über Nacht sei dann - Anfang August - "der erste Schrecken über den Krieg, den niemand gewollt", einem allgemeinen Enthusiasmus gewichen. Ganz Wien im Schwindel der Kriegsbegeisterung, überall Fahnen, Spruchbänder, Musik. Der Rausch der Millionen habe "etwas Großartiges, Hinreißendes und sogar Verführerisches" gehabt, versichert Zweig und bekennt, er wolle diese Erinnerung "trotz allem Hass und Abscheu gegen den Krieg" in seinem Leben "nicht missen": "Jeder Einzelne erlebte eine Steigerung seines Ichs, er war nicht mehr der isolierte Mensch von früher, er war eingetan in eine Masse, er war Volk, und seine Person, seine sonst unbeachtete Person hatte einen Sinn bekommen ... So gewaltig, so plötzlich brach diese Sturzwelle über die Menschheit herein, dass sie, die Oberfläche überschäumend, die dunklen, die unbewussten Urtriebe und Instinkte des Menschtiers nach oben riss."
Der kollektive Rausch ist fast unvorstellbar für spätere Generationen, die das Grauen zweier Weltkriege vor Augen haben - ganz zu schweigen von Völkermord, Massenvertreibungen und "ethnischen Säuberungen".
Allen voran war es die kulturelle Elite, die diesem Rausch 1914 erlag. Nationalistische Euphorie verbreitete sich, mit einigen Abstufungen, auch in England, Frankreich und Russland. Die Russen warfen den angestammten Namen ihrer Hauptstadt beiseite wie einen faulen Apfel, weil er plötzlich allzu deutsch klang - aus St. Petersburg wurde Petrograd.
Überall lieferten Intellektuelle die ideologischen Stichworte und forcierten die geistige Mobilmachung. Dichter und Denker, Künstler und Komponisten, Priester und Pädagogen wurden von der Kriegsstimmung mitgerissen und feuerten sie an.
In der überfüllten Aula der Universität von Jena spricht im August 1914 der Literatur-Nobelpreisträger Professor Rudolf Eucken (1846 bis 1926), der Paradephilosoph des Kaiserreichs. Zwar erweise sich ein Krieg als schweres Übel, doziert Eucken, wenn er aus niedrigen Beweggründen geführt werde - aus Hass, Neid, Ruhmsucht oder Erfolgsgier etwa. Als "Quelle sittlicher Stärkung" dagegen bewähre sich "der Kampf eines ganzen Volkes für seine Selbsterhaltung und für die Wahrung seiner heiligsten Güter". Dass Deutschlands Krieg von ebendieser Art sei, also einer gerechten Sache diene, das zeige "die durchgreifende Läuterung und Erhebung", die er an "unserer Seele" bewirke.
Die wirklichen Ursachen tauchen nicht auf in dieser eigentümlichen Argumentation, deren Grundmuster in der Kriegsrechtfertigung deutscher Intellektueller fortan wiederkehren wird: Das Erlebnis des Krieges beweist sich von selbst.
Der renommierte Historiker Friedrich Meinecke schreibt am 4. August, dem Tag der britischen Kriegserklärung, in einem Grundsatzartikel über "Politik und Kultur": "Jeder Einzelne hat sich von jetzt an nur noch als ein Stück der großen Armatur des Staates zu betrachten." Schon wegen seiner überlegenen Kultur sei Deutschland Völkern wie Serbien und Russland gegenüber politisch im Recht.
Der Behauptung einer angeblich erdrückenden kulturellen Überlegenheit Deutschlands über seine Feinde, auch in Westeuropa, ist eines der meiststrapazierten Argumente deutscher Kriegsrechtfertigung. Scharenweise rüsten Gelehrte ihre akademischen Elfenbeintürme zu patriotischen Trutzburgen um. "Warum stehen die Belgier sittlich so tief?", fragt der Gräzist Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff: "Weil ihnen unser Schulsystem und unsere Sozialversicherung fehlt."
Die Elite der deutschen Wissenschaft hält im Herbst 1914 kriegsbegeisterte Vorträge, die unter dem Titel "Deutsche Reden in schwerer Zeit" als Buch gedruckt werden; Kurt Flasch hat viele davon unlängst in seinem bestürzenden Buch "Die geistige Mobilmachung" in Erinnerung gerufen. Charakteristisch ist der religiöse Ton, in dem sich patriotische Ergriffenheit bekundet. Da wird "staunende Andacht" beschworen, "heilige Zeit" und "wunderbare Kraft, die in uns einströmte".
Bei so viel Mystik macht sich jeder Skeptiker, der auf dem Unterschied von Fühlen und Denken, Glauben und Wissen, Propaganda und Universität besteht, als undeutscher Kleingeist verdächtig.
England und Frankreich bleiben im Krieg der Geister Deutschland nichts schuldig, wobei in England maßvolle und nüchterne Stimmen vor allem anfangs eher zu vernehmen sind als in Frankreich. Dort hatte ein Fanatiker den großen Pazifisten und hochgebildeten Sozialisten Jean Jaurès am 31. Juli 1914 ermordet. Das Attentat ist das Fanal für die Entfesselung des französischen Chauvinismus, der nach Rache für die Niederlage von 1871 schreit.
Ebenso wie in Deutschland und Österreich wähnt sich die Bevölkerung in England, Frankreich und Russland in einem von außen aufgezwungenen Verteidigungskrieg. Gleichzeitig hat aber überall in Europa, im Zeitalter des nationalistischen Wettstreits um koloniale Beute, eine Art politischer Darwinismus das Denken durchsetzt. Sie lässt den Krieg als biologische Notwendigkeit bei der Auslese und Entwicklung nationaler Arten erscheinen.
Ist Deutschland zu Kriegsbeginn auf den Schlachtfeldern der Panzer und Maschinengewehre in der Offensive, so sieht es sich im Krieg der Worte und Gedanken in die Defensive gedrängt - international angeprangert als Volk von Barbaren, Hunnen, Militaristen.
Im besten Fall werden die Deutschen bemitleidet als eine von preußischen Pickelhauben versklavte Nation, die leider nur gewaltsam von Kadavergehorsam und Kasernengeist zu befreien und in den Kreis zivilisierter Nationen zurückzuführen sei.
Wie in Deutschland, so wird auch in England der Krieg als eine Art philanthropische Kulturmission dargestellt. Nur die Begründung variiert. Sinnfällig formuliert Arthur Conan Doyle, der Erfinder des Sherlock Holmes, das Stereotyp vom Kulturkrieg der Westmächte in einem Zeitungsartikel im September 1914:
Wir kämpfen für das starke, tiefe Deutschland der Vergangenheit, das Deutschland der Musik und der Philosophie, gegen das jetzige monströse Deutschland von Blut und Eisen. Für die Deutschen, die nicht der regierenden Klasse angehören, wird unser Sieg dauernde Erlösung bringen. Aus den Trümmern des Reiches wird sich der Deutsche dann jenes herrliche Juwel heraussuchen: das Juwel der persönlichen Freiheit, das höher steht als der Ruhm der Eroberung fremder Länder.
Höhnisch weist die "Kölnische Zeitung" die "liebenswürdigen Ratschläge" des britischen Erzählers zurück:
Wenn die Deutschen so dumm wären, wie Herr Conan Doyle offenbar glaubt, dann würden sie vielleicht auf diesen Leim kriechen. Ein Deutschland wie das zur Zeit der Kleinstaaterei, in Dichtung, tiefgründiger Philosophie und Musik aufgehend, macht- und einflusslos in der Welt, verträumt nach den Wolken starrend, während England unterdes die Weltherrschaft führt und ringsum Macht und Reichtum mehrt, das wäre so ein Ideal nach dem Geschmack des freundlichen Herrn Conan Doyle. Schade, dass die Deutschen realistisch geworden sind, schade, dass ein Bismarck gelebt hat!
Im Ensemble der französischen Intellektuellen hat der weltberühmte Philosoph Henri Bergson die antideutsche Fanfare geblasen. In einer Sitzung der "Académie des Sciences Morales et Politiques" konstatiert er im Namen der Wissenschaft lapidar: "Der engagierte Kampf gegen Deutschland ist der Kampf der Zivilisation gegen die Barbarei."
Wer da noch versöhnliche Töne riskiert, hat einen schweren Stand. Der große französische Erzähler Anatole France kritisiert in einem Artikel zwar das Vorgehen der deutschen Truppen in Belgien scharf, schließt aber damit, nach dem militärischen Sieg über Preußen-Deutschland müssten die Franzosen die Deutschen wieder wie Freunde aufnehmen. Der 70-Jährige wird daraufhin von Pariser Blättern derart heftig attackiert, dass er schleunigst seine Dienste in Uniform anbietet.
"Jeder Einzelne war nicht mehr der isolierte Mensch von früher, er war eingetan in eine Masse, er war Volk."
Sein Landsmann Romain Rolland verweigert sich mutig der nationalistischen Hysterie. Mit seiner legendären Schrift "Au-dessus de la mêlée" ("Über dem Getümmel") beweist er als einer von wenigen Europäern, dass die Alte Welt den Geist noch nicht ganz aufgegeben hat. Anderentags wird er von Buchhändlern und von seinen ältesten Freunden boykottiert.
Sogar dieser unerschrocken pazifistische Dichter und Deutschenfreund verliert aber die Geduld, als Deutschlands großer Dramatiker Gerhart Hauptmann die Kritik aus dem Ausland rundheraus als "lügnerische Märchen" abtut. Er gehöre gewiss nicht zu denen, erwidert Rolland, die Deutschland als barbarisches Land traktierten. Aber "die Wut, womit Ihr diese hochherzige Nation (Belgien) behandelt", sei zu viel. "Seid Ihr die Enkel Goethes oder Attilas?", fragt er.
Auf anderen Social Networks posten:
© SPIEGEL special 1/2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH