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Der Kriegsausbruch Der Krieg der Geister

2. Teil

Auf alliierter Seite scheint die Antwort klar. Rudyard Kipling, Autor des "Dschungelbuchs" und literarischer Anwalt des britischen Imperiums, formuliert sie in einem poetischen Kampfaufruf in der "Times": "The Hun is at the gate!", der Hunne pocht ans Tor. In derselben Zeitung veröffentlichen 52 britische Schriftsteller die Erklärung "Ein gerechter Krieg": Die Verletzung der belgischen Neutralität lasse England keine Wahl.

Gegen die massive internationale Kritik an Deutschland wenden sich 93 prominente Vertreter des deutschen Geisteslebens in dem am 4. Oktober 1914 veröffentlichten und in 14 Sprachen versendeten Manifest "An die Kulturwelt!".

Die Physiker Max Planck und Wilhelm Röntgen, der Zoologe Ernst Haeckel, der Regisseur Max Reinhardt, der Dramatiker Gerhart Hauptmann und Dutzende anderer Größen erheben "vor der gesamten Kulturwelt Protest gegen die Lügen und Verleumdungen, mit denen unsere Feinde Deutschlands reine Sache in dem ihm aufgezwungenen schweren Daseinskampfe zu beschmutzen trachten".

Es folgt ein sechsfaches, fett hervorgehobenes "Es ist nicht wahr". Lüge sei

  • der Vorwurf der Kriegsschuld: "Erst als eine schon lange an den Grenzen lauernde Übermacht von drei Seiten über unser Volk herfiel, hat es sich erhoben wie ein Mann";
  • der Vorwurf der ruchlosen Verletzung belgischer Neutralität: Deutschland sei lediglich dem von Belgien akzeptierten Einmarsch durch England und Frankreich zuvorgekommen;
  • "dass eines einzigen belgischen Bürgers Leben und Eigentum von unseren Soldaten angetastet worden ist, ohne dass die bitterste Notwehr es gebot";
  • "dass unsere Truppen brutal gegen (die belgische Stadt) Löwen gewütet haben";
  • "dass unsere Kriegsführung die Gesetze des Völkerrechts missachtet";
  • "dass der Kampf gegen unseren so genannten Militarismus kein Kampf gegen unsere Kultur ist, wie unsere Feinde heuchlerisch vorgeben. Ohne den deutschen Militarismus wäre die deutsche Kultur längst vom Erdboden getilgt".
Auf die trotzige Bekundung der Solidarität mit dem Militarismus - ein Begriff, der in der wilhelminischen Gesellschaft und Kultur bis Kriegsausbruch durchweg negativ besetzt war - reagierte die angesprochene "Kulturwelt" mit Abscheu. Das galt auch für neutrale Länder wie die Schweiz, die für ein Grüppchen entschiedener Gegner der deutschen Kriegspolitik bald zur Zuflucht vor der Zensur wurde - unter ihnen die jüdischen Denker Ernst Bloch und Walter Benjamin.

Paradoxerweise waren die treibenden Kräfte hinter dem Aufruf aber nicht etwa notorische Chauvinisten oder servile Untertanen des Kaisers. Das Gegenteil ist richtig: Gerade die Hauptbeteiligten hatten sich in den beiden Vorkriegsjahrzehnten als herausragende liberale Widersacher der reaktionären Kulturpolitik Wilhelms II. hervorgetan. Das gilt vor allem für den Verfasser des Aufrufs, Ludwig Fulda (1862 bis 1939). Sein Leben und Wirken zwischen Kaiserreich und Nationalsozialismus bezeichnet die Tragödie eines hoch begabten jüdischen Deutschen und geistigen Weltbürgers, der sich zeit seines Lebens als deutscher Patriot verstand.

Der polyglotte und ungeheuer produktive Mann gehörte im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert zu Deutschlands erfolgreichsten Dramatikern und populärsten Schriftstellern. Er schrieb Dutzende Theaterstücke, von denen viele um die Welt gingen, und wurde am Wiener Burgtheater häufiger gespielt als Gerhart Hauptmann, Arthur Schnitzler und Hugo von Hofmannsthal.

Ähnlich populär waren seine Übersetzungen aus sieben Sprachen. Dass etwa Molière vor 1914 in Deutschland mehr als in Frankreich aufgeführt wurde, war auch ein Verdienst von Fuldas geistigem Brückenbau. In der Weimarer Republik ähnlich geachtet wie zuvor im Kaiserreich, wurde Fulda nach 1933 als Jude verfemt, isoliert und 1939 in den Selbstmord getrieben. Das Zerstörungswerk des Nationalsozialismus hat dafür gesorgt, dass Ludwig Fulda heute zu Deutschlands vergessenen Schriftstellern gehört.

Die Überzeugung, die er 1914 vertrat - tief gekränkt durch den Pauschalangriff auf deutsche "Barbarei" - stand für ihn selbst keineswegs im Widerspruch zu seiner unerschrocken oppositionellen Haltung in Friedenszeiten. Der "Aufruf an die Kulturwelt" sollte vielmehr deren konsequente Fortsetzung sein: Wiederum sah er die deutsche Kultur bedroht. Diesmal freilich durch äußere Anfeindung.

"Die Deutschen sind mehr als ein gebildetes Volk", trumpfte er im 1916 veröffentlichten Werk "Deutsche Kultur und Ausländerei" auf, "sie sind das gebildetste Volk der Welt." Sogar William Shakespeare werde in Deutschland "unvergleichlich viel besser gespielt ..., unvergleichlich viel besser verstanden" als in England, wo "unser Shakespeare" nur "versehentlich" zur Welt gekommen sei. "Und falls es uns glückt, England niederzuzwingen, dann meine ich, wir sollten in den Friedensvertrag eine Klausel setzen, wonach William Shakespeare auch formell an Deutschland abzutreten ist."

Neben der absurden Komik dieser Äußerung ist der widerwillige Respekt nicht zu verkennen, den sie der Weltmacht England zollt. Weil die allgemein als gefährlichster der deutschen Gegner gilt, richtet sich literarisches Sperrfeuer auch vor allem gegen diesen Feind.

Das populärste deutsche Gedicht der ersten Kriegszeit, Ernst Lissauers "Hassgesang gegen England", ist zum Inbegriff lyrischer Kriegsgesinnung geworden.

Wir lieben vereint, wir hassen vereint, / Wir haben nur einen einzigen Feind: / Denn ihr alle wisst, denn ihr alle wisst / Er sitzt geduckt hinter der grauen Flut, / Voll Neid, voll Wut, voll Schläue, voll List, / Durch Wasser getrennt, die sind dicker als Blut. / ... Vernehmt das Wort, sagt nach das Wort, / Es wälze sich durch ganz Deutschland fort: / Wir wollen nicht lassen von unserem Hass, / Wir haben alle nur einen Hass, / Wir lieben vereint, wir hassen vereint, / Wir haben alle nur einen Feind: / England.

Autor Lissauer glaubte als preußischer Jude mit besonderer Inbrunst an Deutschlands Mission. Wie alle Kombattanten im internationalen Krieg der Geister war er ehrlich von der verfolgten Unschuld seines Landes überzeugt. Zum martialischen Tremolo des Hassliedes, von dem sich der unglückliche Dichter später distanzierte, stand freilich Lissauers Erscheinung in skurrilem Kontrast: Ein Zeitgenosse schildert ihn als tonnenförmigen, kurzatmigen Gemütsmenschen, der untröstlich über die Abweisung seines Gesuchs war, mit der Waffe für Deutschland zu kämpfen.

Mit den Elaboraten professioneller Literaten schwillt ab August 1914 eine nie dagewesene Flut von Laien-Lyrik - wie aus Maschinengewehren rattert es da von "Krieg" und "Sieg". Die Zahl der Gedichte, die anfangs von der Bevölkerung täglich an die Presse eingesandt werden, schätzt eine neuere Studie auf 50 000.

"Da alles ruht in Gottes Hand, wir bluten gern fürs Vaterland", reimt der angesehene Dichter Richard Dehmel, der sich mit über 50 Jahren zu den Waffen drängt. Zahllose Künstler, Intellektuelle und Schriftsteller tun es ihm nach wie Oskar Kokoschka (siehe Seite 28), Franz Marc, Alfred Kerr oder Hermann Hesse. Der Dichter hat das Glück, wegen hochgradiger Kurzsichtigkeit zurückgewiesen zu werden; er solidarisiert sich daraufhin in dem Gedicht "Der Künstler an die Krieger": "Alle sind dem Alltag jetzt entflogen / Jeder ward ein Künstler, Held und Mann."

Die enge Wesensverwandtschaft von Künstler und Soldat betont auch Thomas Mann: "Jenes siegende kriegerische Prinzip von heute: Organisation - es ist ja das erste Prinzip, das Wesen der Kunst." Wie das Gros der deutschen Intellektuellen setzt er auf die Überwindung westlicher "Zivilisation" durch deutsche "Kultur".

"Die Mittel, die zum Zweck nötig sind, müssen unbedenklich anerkannt werden. Es muss über Tod und Leichen gehen."

"Die Ideen von 1914" - so der Titel eines damals einflussreichen Buches - werden dem geistig-politischen Erbe der Französischen Revolution entgegengestellt. Das Zeitalter der Organisation löst demnach die individualistischen Ideen von 1789 ab. An die Stelle von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit treten Hierarchie und Aristokratie. Die höchsten Tugenden sollen fortan Idealismus, Selbstaufopferung, Unterordnung des Einzelnen unter das Ganze sein: Volk gegen Individuum. Idealismus gegen Materialismus. Gemeinschaft gegen Gesellschaft. Organismus gegen Mechanismus. Tiefsinn gegen Oberflächlichkeit. Kultur gegen Zivilisation.

Diese Konstruktion bildet den mentalen Humus einer verhängnisvollen Politik, deren Wurzeln tief in die deutsche Geschichte zurückreichen. Ideologie und Praxis des "deutschen Sonderweges", von dem Historiker sprechen, endeten mit der Katastrophe des Nationalsozialismus. Der wirft in der intellektuellen Mobilmachung von 1914 seine düsteren Schatten voraus.

"Treue gegen den Führer, dem er sich ergeben hat, bis in den Tod zu halten, hat dem Deutschen von den ältesten Zeiten her im Blut gelegen", ruft der greise Philosoph und Hegel-Epigone Adolf Lasson vom Katheder herab. Ernst Troeltsch, Professor für Theologie und Philosophie, will "von keiner weichlichen Humanität angekränkelte Kämpfer": "Die Mittel, die zum Zweck nötig sind, müssen unbedenklich anerkannt und gewollt werden. Es muss über Tod und Leichen gehen."

Nur in einem lichten Moment erscheint ihm alles "wie ein wüster Traum, wie ein ungeheurer, verbrecherischer Wahnsinn".

Ebendiesem "verbrecherischen Wahnsinn" wird Karl Kraus mit seinem Drama "Die letzten Tage der Menschheit" 1919 ein Denkmal setzen. Doch sein grimmiger Rat, "nach Friedensschluss die Kriegsliteraten einzufangen und vor den Invaliden auszupeitschen", verhallt ungehört.

Erst als die Hoffnungen auf einen schnellen Sieg zerstoben sind und der geistige Vollrausch einem nie dagewesenen Kater weicht, wandelt Ernst Troeltsch sich zum Friedensfreund und Vernunftrepublikaner. Auch andere Hurrapatrioten der ersten Stunde besinnen sich später eines Besseren, wie Thomas Mann und Hermann Hesse. Ein großer und einflussreicher Teil der deutschen Intelligenz indes klammert sich nach der Niederlage von 1918 erst recht an die "Ideen von 1914". Er wird eine leichte Beute des Nationalsozialismus. Aber nicht einmal die Nazis mit ihrer riesigen Propagandamaschine werden nach der fürchterlichen Erfahrung des Ersten Weltkrieges eine ähnliche intellektuelle Begeisterung für ihren neuen Krieg entfachen.

Wie konnten so viele deutsche und europäische Größen zu Flammenwerfern des Nationalismus werden?

Eine Hypothese macht den Zeitgeist haftbar: Im imperialistischen Zeitalter sei eben alles Denken unterschwellig von der Vorstellung einer naturwüchsigen Auslese der Stärksten durchdrungen gewesen. Eine andere sucht den Grund im elementaren, irrationalen Sog der Massenpsychologie. Und der Literaturwissenschaftler Helmut Fries hat in seiner zweibändigen Studie "Die große Katharsis" den deutschen Fall so erklärt: Deutschlands Dichter und Denker hätten den Krieg als Chance missverstanden, ihre angestammte Rolle von geistigen Führern der Nation zurückzuerobern - die sei ihnen nämlich im 1871 einsetzenden Triumphzug der kapitalistischen Mechanisierung entrissen worden.

All das mag zutreffen - und kann doch das Rätsel letztlich ebenso wenig aufklären wie die Deutung von Stefan Zweig:

"Es war" - so resümiert der mitten im Zweiten Weltkrieg seine Erinnerung an den Ersten - "der Krieg einer ahnungslosen Generation, und gerade die unverbrauchte Gläubigkeit der Völker an die einseitige Gerechtigkeit ihrer Sache wurde die größte Gefahr."

RAINER TRAUB

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