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30.03.2004
 

Das Kriegsende

Der zweite Dreißigjährige Krieg

Der Erste Weltkrieg als Auftakt und Vorbild für den Zweiten Weltkrieg. Von Hans-Ulrich Wehler

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enkbar unterschiedliche Zeitgenossen wie Marxens Freund, der linksradikale Unternehmermillionär Friedrich Engels, der legendäre preußische Generalstabschef Helmuth von Moltke und der jahrzehntelang amtierende SPD-Vorsitzende August Bebel - sie alle hatten ihn seit Jahrzehnten prophezeit: den "großen Weltkrieg", wenn die europäischen Großmächte in einem künftigen Konflikt aufeinander stoßen würden.

An der Prognose von Engels, einem kompetenten Militärexperten, fällt die bestechende Hellsichtigkeit auf, da er bereits 1887 einen "Weltkrieg von einer bisher nie gekannten Ausdehnung und Heftigkeit" kommen sah: "Acht bis zehn Millionen Soldaten werden sich untereinander abwürgen." Die absehbaren Folgen: "Die Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges zusammengedrängt in drei bis vier Jahre und über den ganzen Kontinent verbreitet. Hungersnot, Seuchen, allgemeine ... Verwilderung der Heere wie der Volksmassen; rettungslose Verwirrung ... in Handel, Industrie und Kredit, endend im allgemeinen Bankrott; Zusammenbruch der alten Staaten ... derart, dass die Kronen zu Dutzenden über das Straßenpflaster rollen und niemand sich findet, der sie aufhebt; absolute Unmöglichkeit, vorherzusehen, wie das alles enden und wer als Sieger aus dem Kampf hervorgehen wird."

Auch Moltke hatte schon 1890 voll düsterer Ahnungen einen "dreißigjährigen Volkskrieg" vorhergesehen. Und als ein halbes Jahrhundert später General Charles de Gaulle, seit 1940 im Londoner Exil, sich an einer Diagnose der Gegenwart versuchte, sprach er wiederholt von einem zweiten Dreißigjährigen Krieg, der 1914 begonnen habe und erst mit der Niederlage Deutschlands enden werde.

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Der bedeutende französische Sozialwissenschaftler und Publizist Raymond Aron, der damals zum Beraterstab de Gaulles gehörte, hat dann den Begriff des neuen Dreißigjährigen Krieges in die geschichtswissenschaftliche Deutung der Epoche beider Weltkriege eingeführt. Dort hat die prägnante Formulierung als herausfordernde Interpretation eine weit reichende Resonanz gefunden.

Trifft sie aber tatsächlich den Kern des historischen Zusammenhangs? Oder führt sie, schon wegen der Einzigartigkeit des nationalsozialistischen Genozids, nicht doch in die Irre? Welche Grundlinien des Ersten Weltkriegs verweisen vielleicht doch, so unbestritten die Neuartigkeit der deutschen Vernichtungspolitik seit 1939 auch ist, auf Kontinuitätsbrücken, ohne deren Kenntnis man den zweiten totalen Krieg allzu leicht als isoliertes Unikat hinstellt?

Daher ist zunächst zu fragen: Was hebt den Ersten Weltkrieg aus den zahllosen Kriegen, die das europäische Staatensystem in seiner 400-jährigen Geschichte bis 1914 erlebt hat, so unverwechselbar hervor?

Zum einen steigerte er sich zum ersten totalen Krieg, dessen Konturen bisher nur in den radikalisierten Kolonialkriegen der imperialistischen Mächte (etwa im Krieg gegen die Herero in Deutsch-Südwestafrika von 1904 bis 1907) aufgetaucht waren. Alle beteiligten Gesellschaften sollten jetzt mit schlechthin all ihren Ressourcen ganz in den Dienst der Kriegsanstrengung gestellt werden. Dabei löste sich die herkömmliche Grenze zwischen militärischer Front und friedlicher Heimat zusehends auf, nachdem sie bisher, auch noch 1870/71, strikt beachtet worden war.

Zum andern hielt er nach der Niederlage des Deutschen Reiches die ressentimentgeladene Vorstellung am Leben, mit einem klassischen Revisionskrieg, wie ihn das Staatensystem schon hundertfach erlebt hatte, die schmerzhaften Ergebnisse des verlorenen Kräftemessens nicht nur möglichst bald zu korrigieren, sondern durch eine noch umfassendere, eben "totale" Anstrengung den zweiten Griff nach dem Weltmachtstatus erfolgreich auszuführen.

Über nahezu alle politischen Lager hinweg übten diese Revisionshoffnung und die Chimäre einer endlich siegreichen "repeat performance" eine perverse Faszination aus. Dieser Glaube hielt sich unter Millionen gedemütigter Kriegsteilnehmer, aber auch und erst recht in der neuen Generation der nach 1900 Geborenen, die sich um das Kriegserlebnis geradezu betrogen fühlten. Der Gefreite Adolf Hitler, der seit 1919 in den Münchner Bierkellern, dann landesweit diese Botschaft seinen Zuhörern entgegenschrie, drückte eine allgemeine, weithin konsensfähige Sehnsucht nur in ungewöhnlich krasser Rhetorik aus - und das Echo schallte schließlich aus der Wählerschaft mit überwältigender Zustimmung zurück.

Unstreitig bestand daher seit 1918/19 die Gefahr, dass der ungestillte deutsche Revisions- und Machthunger wiederum in einen Weltkrieg münden würde. Insofern verband sich mit dieser Mentalitätslage tatsächlich, und das ist in universalhistorischer Perspektive das erschreckend Neue, ein hohes Maß an Wahrscheinlichkeit, dass nach einer konfliktreichen Nachkriegszeit ein zweiter Großkrieg Europa erneut verheeren, ja die ganze Welt in Mitleidenschaft ziehen würde. Denn er musste von vornherein als totaler Krieg konzipiert werden, um mit der verlockenden Aussicht auf den Endsieg die mächtige Allianz der Sieger niederringen zu können.

Vergegenwärtigt man sich die Zielstrebigkeit der deutschen Rüstungspolitik schon in den Jahren der Republik, erst recht aber unter der Führerdiktatur, lässt sich kaum bestreiten, dass mit dem Ersten Weltkrieg die Vorgeschichte des Zweiten beginnt. Die Konstellation von 1918/19 barg bereits den Zündstoff für einen neuen Weltbrand in sich, obwohl er sich für viele Beobachter an der Oberfläche, bis es 1941 zum Krieg gegen die Sowjetunion und Amerika kam, zunächst wie ein konventioneller europäischer Revisionskrieg ausnahm.

Welche Perspektiven der "Urkatastrophe" des 20. Jahrhunderts, die nach dem Urteil des amerikanischen Historikers George F. Kennan im Sommer 1914 begann, verdienen es, im Blick auf die Kontinuitätsproblematik hervorgehoben zu werden?

Dass an Stelle des befürchteten dritten Balkankriegs, den Wien gegen Serbien führen wollte, in kürzester Zeit und in entscheidendem Maße dank des Hasardspiels der Berliner Politik ein Megakrieg aller europäischen Großmächte entfesselt worden war, stand bereits Anfang August 1914 fest. Seither erwies sich dieser Krieg als ein gewaltiger "Transformator", der alle beteiligten Völker mit ihrer Wirtschaft und Sozialstruktur, ihrer Staatsverfassung und Innenpolitik, ihrer Mentalität und Wertewelt, nicht zuletzt natürlich mit ihren Streitkräften in allen Waffengattungen durch seinen Einfluss tiefer veränderte als jedes andere Großereignis seit 1789, vielleicht sogar seit den Umwälzungen im Gefolge der protestantischen Reformation des 16. und 17. Jahrhunderts.

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