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Das Kriegsende Der zweite Dreißigjährige Krieg

5. Teil

VII.

L ast, but not least: Mehr als 13 Millionen deutscher Soldaten hatten jahrelang Lebensgefahr, Verwundung, Verstümmelung, Vergiftung und vielfachen Tod erlebt. Die Hemmschwelle vor Gewalt und Aggression war tief abgesenkt worden. Die Gewöhnung ans Töten, das als kriegsförderliche Leistung aufgewertet, mit Orden und Beförderung belohnt wurde, beherrschte den Alltag. Millionen Männer kehrten, an menschenverachtende Kämpfe gewöhnt, im Umgang mit Waffen erfahren, erbittert über die Niederlage, aus dem Krieg zurück. Zu Hunderttausenden füllten sie die neuen paramilitärischen Kampfverbände vom "Stahlhelm" über den "Roten Frontkämpferbund" bis zu den "Sturmabteilungen" der Nationalsozialisten. Der Staatenkrieg wurde als Bürgerkrieg zwischen rechtem und linkem Lager fortgesetzt.

Als sich dieser Antagonismus zu einer verhängnisvollen Entscheidung zwischen dem Rechtstotalitarismus der Hitler-Bewegung und dem Linkstotalitarismus der KPD zuzuspitzen schien, zerbrach die Republik, und die Repräsentanten der kaiserdeutschen Machteliten, die sie von Anfang an bekämpft hatten, dienten jetzt als beflissene Steigbügelhalter bei der Machtübergabe an Hitler.

VIII.

H itler als erfolgreichster deutscher Berufspolitiker zwischen 1930 und 1942, wegen der Vielzahl seiner innen- und außenpolitischen Erfolge von der Mehrheit der Deutschen abgöttisch verehrt, ist wie der Kern seiner Bewegung durch den Ersten Weltkrieg zutiefst geprägt worden. Von Anbeginn an stand ein risikobereiter Revisionismus auf seinem Panier, forderte sein extremer Nationalismus den Wiedergewinn nationaler Ehre und Größe. Das erwies sich als zustimmungsfähige Maxime, denn die Hitler-Bewegung (wie sie sich seit 1928 auch offiziell auf den Wahlscheinen nannte) wurde bekanntlich trotz, nicht aber wegen ihres Antisemitismus gewählt.

Hitler hielt an der fixen Idee seines Judenhasses genauso fest, wie der Antisemitismus die "alten Kämpfer" seiner Partei integrierte. Den seit 1916 erneut aufsteigenden militanten Antisemitismus hatten sie geteilt und später in "dem Juden" den Sündenbock für die Niederlage dingfest gemacht. Dadurch wurde der überkommene völkisch-rassistische Antisemitismus der Vorkriegszeit fatal gesteigert bis hin zu dem Wunschziel, im Besitz der Staatsgewalt "die Juden" als die Schuldigen an der Kriegsniederlage zu "beseitigen", zumal sie ohnehin als Inkarnation aller Übel der Moderne galten.

Genauso besessen aber waren Hitler und seine Anhänger, Sympathisanten und Wähler von dem Ideal des großen Revisionskrieges - als Racheakt und Tor in eine helle Zukunft zugleich. Allerdings galt es, sich ungleich solider vorzubereiten, als das vor 1914 der Fall gewesen war. Notwendig war dafür die Aufrüstung mit den modernsten Waffen, der Einsatz aller Ressourcen für den anvisierten Endkampf, auch die lückenlose Militarisierung der gesamten Gesellschaft, damit der zur kampfwilligen Einheit verschmolzene "Volkskörper" des neuen Sparta den zweiten totalen Krieg gewinnen konnte.

Als unverzichtbar galt auch, hier war die Erinnerung an 1918 stets präsent, die Eroberung eines blockaderesistenten, Autarkie und "Lebensraum" für die Arier des Großgermanischen Reiches verheißenden Ostimperiums, um beim Kampf um die Weltherrschaft das Armageddon gegen die mächtigen Konkurrenten siegreich bestehen zu können.

Doch aller Größenwahn blieb mit der Sorge Hitlers und seines engsten Kreises gekoppelt, das Debakel einer neuen Revolution wie der von 1918 um nahezu jeden Preis vermeiden zu müssen. Mochte die Führerdiktatur auch im Judengenozid und Slawenmord in eine Dimension des Vernichtungskrieges vordringen, die eine schlichte Gleichsetzung mit dem Ersten Weltkrieg ausschließt, ist doch schwerlich zu bestreiten, dass die Erfahrungen des Ersten Weltkrieges und der Niederlage in vielfacher Hinsicht die Motorik, die Planung, die Durchführung des Zweiten Weltkriegs bei Hitler und seiner Machtelite bestimmt haben. Um ihn zu gewinnen, musste er freilich - darauf lief ihr pathologisches Lernen hinaus - noch rücksichtsloser, zerstörerischer, mörderischer als von 1914 bis 1918 geführt werden.

Dieser Vernichtungsfanatismus verleiht dem Zweiten Weltkrieg seine einzigartigen Züge. Aber ebenso unstreitig ist, dass die Erfahrung, der Verlauf und der Ausgang des ersten totalen Krieges den zweiten in hohem Maße vorgeprägt haben. Es ist dieser Zusammenhang, der die innere Einheit des zweiten Dreißigjährigen Krieges konstituiert.

Hans-Ulrich Wehler war bis zu seiner Emeritierung 1996 Professor für Allgemeine Geschichte an der Universität Bielefeld.

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