Von Najem Wali
So war es auch bei der europäischen Zivilisation, als sie die arabischen Werke herausragender Geister wie Averroes und Avicenna sowie andere wissenschaftliche Schriften übersetzte. Sie knüpfte da an, wo die Araber in Andalusien stehen geblieben waren: dort, wo rationales, diskursives Denken und selbständiges Ringen um die Lösung geistiger Probleme von religiösem Fanatismus abgelöst wurden.
Heute scheint dieser Austausch der beiden Kulturen zum Stillstand gekommen zu sein. Die Kluft vertieft sich ständig. Zahlen, die den Austausch der Kulturen und literarische Übersetzungen zu messen suchen, zeigen, dass die Übersetzungstätigkeit auf beiden Seiten fast zum Erliegen gekommen ist. Anders als früher wird weder die arabische Kultur im Westen geachtet noch die westliche in der arabischen Welt. Die arabische Kultur stellt heute für den Westen keine Quelle wissenschaftlicher Erkenntnis mehr dar, weil die Araber selbst sich in den Wissenschaften auf den Westen beziehen.
Der Westen seinerseits hat neue "romantische" Alternativen gefunden, die ihm den Orient ersetzen: Heute beherrschen Tourismusunternehmen meisterhaft die Kunst, phantastische Programme zu entwerfen. Sie lassen die Okzidentalen ihre Sorgen und seelischen Erschütterungen vergessen.
All dies hat zur Entfremdung voneinander beigetragen. Darüber hinaus sind beide Seiten vom Virus der extremistischen religiösen Ideologien befallen. Einerseits hat sich das westliche Araber-Bild seit der Romantik nicht verändert: eine geradezu märchenhafte Illusion. Andererseits versinkt das Bild des Arabers, das heute durch die täglichen Nachrichten von Gewalttaten in die Wohnzimmer übertragen wird, unter Blut und Öl.
Der fundamentalistische islamische Terrorismus mit seinen Selbstmordanschlägen zementiert dieses Bild. Schlimmer noch: zahlreiche Kräfte im Westen - von so genannten Islam-Experten, die durch die Talkshows geistern, über Teile der Medien bis hin zu denen, die den Waffenhandel verantworten - tragen zur Verankerung der Vorstellung bei, der Fundamentalismus sei die einzige authentische Form des Islam. Sie tun das aus einem einfachen Grund: Sie profitieren davon. Unter dem Vorwand der Meinungs- und Glaubensfreiheit wird versichert, dass dieses Bild unantastbar sei: "Das ist ihr Glaube, und wir müssen es so hinnehmen." Derartige Behauptungen werden in einigen Fällen sogar dann vorgebracht, wenn sie die Unterdrückung von Frauen rechtfertigen - bis hin zu Forderungen nach deren Beschneidung.
Heute, da in ganz Europa Arbeitslosigkeit droht, ist - unter anderem im Zusammenhang mit Waffengeschäften - eine regelrechte "Terrorwirtschaft" entstanden, und seit Jahren steht mancher westliche Spezialist im Sold von Tyrannen der arabischen Welt. So wurde kürzlich bekannt, dass ein Deutscher Gaddafis Libyen bei der Atomtechnik hilft. Hinter zahlreichen Vereinen und Websites, die angeblich der Verständigung dienen, stehen in Wahrheit Männer der Wirtschaft.
Nur so lässt sich die Abwesenheit von Vertretern und Vertreterinnen eines aufgeklärten Islam bei Diskussionen, Fernsehtalkshows und in Internet-Foren erklären, die behaupten, den Dialog zwischen den Kulturen anregen zu wollen. Es findet ein systematischer Ausschluss von arabischen Oppositionellen statt, die fern ihrer Heimat in den Metropolen Europas im Exil leben. Eine nicht geringe Zahl von ihnen sind Universitätsprofessoren, die zu Hause mit Hetzkampagnen verfolgt und als Ketzer gebrandmarkt wurden.
In Ägypten begnügte man sich im Fall des liberalen Universitätsprofessors Nasr Hamid Abu Seid nicht damit, ihn zum Ketzer zu erklären. Man zwang ihn sogar, sich von seiner Frau scheiden zu lassen. Doch dieser Angriff paternalistischer Männlichkeit ist nicht neu, er setzte in seiner extremen Form bereits Ende der sechziger Jahre ein.
Es ist nicht übertrieben zu behaupten, dass der 5. Juni 1967, das Datum der Niederlage der Militärs im Krieg gegen Israel, den Übergang von einer modernen zu einer antiliberalen Kultur im Großteil der arabischen Welt markiert.
Damals begann auf der einen Seite gerade eine moderne arabische Kultur soziale Wurzeln zu schlagen und sich von den paternalistisch-islamischen Formen einer rückständigen arabischen Vergangenheit zu befreien. Ihre Wortführer riefen zur Trennung von Religion und Staat, zur Befreiung der Frauen, zur Pressefreiheit, zur Festigung der Demokratie, zum Aufbau einer Zivilgesellschaft und sogar zur Anerkennung Israels auf.
Die Gegenseite antwortete mit einer Attacke gegen alles, was liberal war. Dieser Angriff ging zunächst von den Militärs aus, die die Niederlage ihrer "Männlichkeit" rächen wollten. Zu Ende geführt wurde er dann von den Islamisten. Die bemächtigten sich der politischen Bühne und prägten sie vollständig mit ihren paternalistisch-männlichen Vorstellungen. Sie taten das unter dem Vorwand, so ergreife man selbst wieder die Initiative im Kampf gegen Israel und bei der "Befreiung Palästinas".
War vor dem Krieg von 1967 das Straßenbild arabischer Städte von unverschleierten Frauen geprägt, so vermittelt heute der Anblick verschleierter Frauen ein schwarzes, trostloses und abstoßendes Bild eben dieser Städte. Aber die herrschende Kultur und ihr Männlichkeitskult begnügten sich nicht damit, die Frauen ins Haus zurückzuscheuchen (als wären sie schuld an der Niederlage).
Sie mauerten auch das nationale Selbstgefühl in der Einsamkeit und Enge von uraltem Kulturgut ein. Da singt es wie jemand, der im Badezimmer vor sich hin trällert, überkommene Lobeshymnen auf sich selbst und vernimmt nichts als seine eigene Stimme. Es ist gefangen im geistigen Verlies fundamentalistischer Ideologien, die selbständiges Denken durch gedankenlose Übernahme ersetzen, Toleranz durch Fanatismus, Meinungsvielfalt durch Einheitsbrei und kritische Fragen durch blinde Zustimmung.
Dieses Bild wird noch düsterer, wenn man sich anschaut, wie sich die Medien in den arabischen Ländern verhalten. Im Propagandakampf gegen die westliche Moderne sind sie die mächtigste Waffe. An erster Stelle sind die arabischen Satellitenprogramme und die Zeitungen zu nennen. Wie schamlos da Lügen verbreitet werden, zeigt folgendes Beispiel: Am 23. Juli dieses Jahres erschien in der saudi-arabischen Zeitung "al-Hayat" mit Blick auf den Arabien-Schwerpunkt der Frankfurter Buchmesse ein Artikel über die arabisch-islamische Wissenschaft und Philosophie als wesentlichem Bestandteil der Weltkultur. Darin heißt es: "Auf Grund der Blockade, der sich die Araber, ihre Kultur und ihre Präsenz in der Welt ausgesetzt sehen, sind aufgeklärte, offene Informationsangebote von äußerster Bedeutung." Eine tolldreiste Umkehrung der Wahrheit: Gerade die steinreichen Golfländer waren nicht bereit, ihren finanziellen Beitrag zur Frankfurter Buchmesse zu leisten, die doch ihrerseits die Araber mit offenen Armen empfängt. Es ist also offenkundig, wer hier den Kulturaustausch blockiert.
Die arabischen Satellitenprogramme, insbesondere der Sender al-Dschasira, verbreiten reaktionäre geistige und politische Inhalte, die die Öde und Rückständigkeit, unter denen wir leiden, noch verschlimmern. Denn sie überschminken die Leere mit verlockenden Farben und preisen sie an. Sie stellen die Araber als unterdrückte Opfer dar und legen mit allen medialen und emotionalen Mitteln den Grund für Verschwörungstheorien. Die Zuschauer werden ununterbrochen mit Hasstiraden und serienweisen Angriffen auf die westliche Moderne berieselt. Dieser Sender rüstet zum regelrechten Kampf gegen den Westen; er ist zum Sprachrohr der Fundamentalisten und ihrer unverblümten Aufrufe zur Zerstörung des Westens geworden.
Noch nie in ihrer Geschichte war die arabische Kultur aus ihrer eigenen Mitte heraus derart bösartigen Angriffen ausgesetzt wie heute. Die Quellen, aus denen sie entspringt, sind schöpferische Tätigkeit und offener, unerschrockener Gedankenaustausch. Freiheit ist ihr Wesenselement und ihre Lebensbedingung. Doch diese arabische Kultur wurde von einer fundamentalistischen männlichen Kultur verdrängt, die die Terroristen mit Blut tränken.
So sieht sich die arabische Kultur der Freiheit und Offenheit zwischen Hammer und Amboss eingekeilt: Unter den Hammerschlägen der muslimischen Fundamentalisten, seien sie nun arabischer oder anderer Nationalität, leidet sie auf dem Amboss der westlichen Vorstellung, die alle arabische Kultur nur unter dem Aspekt der Religion betrachtet. Der westliche Diskurs ruft zwar zum Dialog der Kulturen auf, praktiziert ihn aber allenfalls als Dialog der Religionen.
Die Fundamentalisten bestimmen heute weitgehend das Geschehen. Sie haben die wichtigsten audiovisuellen Medien infiltriert, und zwar nicht nur in der arabischen Welt. Zwei aktuelle Beispiele belegen, wie weit die mediale Unterwanderung in Westeuropa vorangekommen ist: Die arabischen Abteilungen der BBC und der Deutschen Welle praktizieren einen journalistischen Arbeitsstil, der nichts mit Sorgfaltspflicht und sauberer, gewissenhafter Recherche zu tun hat. Die im Westen geltenden Grundwerte missachtet diese Art von Journalismus durchgehend. Im Fall der Deutschen Welle steht zu befürchten, dass auf Kosten deutscher Steuerzahler Programminhalte mit islamistischer Tendenz verbreitet werden.
Diese traurige Situation darf aber kein Anlass zur Verzweiflung sein. Vielmehr sollte sie zum Antrieb für ernsthafte und aufrichtige Anstrengungen werden, um die kritische Kultur und das liberale Denken in den arabischen Ländern zu unterstützen.
Als die USA und einige europäische Länder ihre Absicht erklärten, die Errungenschaften der Demokratie auch in der arabischen Welt durchzusetzen und offen autoritäre Regimes dort kritisierten, gaben sie lediglich Forderungen Ausdruck, die von vielen Intellektuellen der arabischen Welt seit Jahren erhoben werden. Sie landeten wegen ihrer Forderungen im Gefängnis, wurden umgebracht oder ins Exil getrieben.
Es ist gut, dass sich der Westen der Forderungen der arabischen Liberalen annimmt und sich deren Überlegungen zur Moderne, zu den notwendigen Bedingungen für Veränderungen in ihren Gesellschaften zu Eigen macht. Gleichzeitig aber ist es ein Schlag ins Gesicht der kritischen arabischen Kultur, dass der Westen noch immer mit Regimes und Persönlichkeiten verbündet ist, die verantwortlich sind für Rückständigkeit, Verbreitung von Willkürherrschaft, Bestechung, Korruption und für die Finanzierung und Unterstützung des weltweiten Terrorismus. Namentlich zu nennen sind die Familien Al Saud in Saudi-Arabien, Muammar al-Gaddafi in Libyen, Umar al-Baschir im Sudan und Al Sabbah in Kuweit.
Neue Katastrophen wird man so bestimmt nicht verhindern: Weder durch Bündnisse mit den Feinden der Demokratie, die alle Menschenrechte missachten, noch durch die Praxis, den Fundamentalisten in Europa, unter blauäugiger Beschwörung westlicher Liberalität, in Schulen und Sendern Tür und Tor zu öffnen.
Nur wer die konsequente Isolierung dieser Kräfte betreibt und den Dialog mit den liberalen Stimmen in den arabisch-islamischen Ländern sucht, kann unsere Lage verbessern - ähnlich wie Europa und die USA einst die Dissidenten des Kommunismus moralisch und politisch unterstützten. Wir wissen heute, was dieser Dialog mit bewirkt hat: Der Kommunismus existiert nicht mehr.
Wer also heute wirklich das Ende des islamischen Fundamentalismus will, sollte schnellstmöglich einen ehrlichen, ernst gemeinten Dialog beginnen, damit die arabische Kultur und die arabische Gesellschaft uneingeschränkt von der westlichen Kultur profitieren können. Vielleicht werden beide Kulturen dann in die Lage versetzt, ihre Missverständnisse auszuräumen und zueinander zu finden.
AUS DEM ARABISCHEN VON NICOLA BEN SAID
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