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28.09.2004
 

Sachbücher

Vom Ende der Rebellion

Von Andreas Lorenz

Ian Buruma, der britisch-niederländische Gelehrte und Journalist, porträtiert chinesische Dissidenten ­ und gibt einen tiefen Einblick in den Alltag Chinas.

Kann China seinen atemraubenden Aufstieg zur globalen Wirtschaftsmacht fortsetzen, ohne seinen Bürgern Meinungsfreiheit, allgemeine Wahlen und unabhängige Gerichte zu gewähren? Passen ein kommunistisches Einparteiensystem und wilder Kapitalismus auf die Dauer zusammen, oder muss dieses seltsame Gebilde nicht irgendwann explodieren?

Politiker, Wissenschaftler und Journalisten zerbrechen sich derzeit den Kopf über die Frage, ob der dramatische Umbruch in China die Chance für politischen Wandel birgt. Wenn ja: Wohin marschiert dann die Volksrepublik? In eine neue autoritäre Dynastie wie Singapur oder in eine offenere Gesellschaft wie Taiwan?

Der in Den Haag geborene Autor und Gelehrte Ian Buruma, bekannt für seine einfühlsamen Reportagen über Asien, hat sich für die Antwort einen besonderen Blickwinkel ausgesucht: Er beobachtete jene tapferen Chinesen, die sich mit der Obrigkeit angelegt haben und keine Ruhe geben wollen, obwohl ihnen hohe Gefängnisstrafen drohen.

Dabei beschränkt sich Buruma nicht nur auf die Dissidenten auf dem Festland. Er beschreibt auch das aufrechte Häuflein von Demokraten in der ehemaligen britischen Kronkolonie Hongkong, beobachtet die - ehemaligen - Rebellen in Taiwan und porträtiert Oppositionelle im südostasiatischen Stadtstaat Singapur, die von der Regierung mit Verleumdungsklagen ruiniert werden.

Allerdings leben die meisten bekannten chinesischen Dissidenten mittlerweile in den USA. Zu ihnen zählen die Studentenführer und Intellektuellen, die nach dem Tiananmen-Massaker 1989 aus China flüchteten ebenso wie jene Kritiker, die zunächst in ihrer Heimat im Gefängnis oder im Lager saßen und dann nach Amerika abgeschoben wurden.

Das Überraschende an Burumas Fazit: Vor diesen Leuten in der Diaspora braucht sich das Pekinger Regime nicht mehr zu fürchten. Bei aller Sympathie für ihren Mut und ihre intellektuelle Brillanz ist mit ihnen im wahrsten Sinne des Wortes kein Staat mehr zu machen.

Viele sind untereinander zerstritten, missgünstig, zynisch, teilweise abgedriftet in religiöse Zirkel. In der Fremde sind sie so verquer, wie sie mit ihrer Heimat waren - und weit davon entfernt, eine gemeinsame demokratische Plattform für China zu entwickeln.

Wei Jingsheng, ein zu insgesamt 29 Jahren Gefängnis verurteilter "schwer geschundener Veteran des chinesischen Gulag", präsentierte sich Buruma als rauer Patron mit "übertriebenem proletarischen Gehabe". Die berühmte Studentenführerin von 1989, Chai Ling, heute Chefin einer Internet-Firma, will nicht mehr idealistische chinesische Patriotin sein, sondern nur noch aufstrebende Amerikanerin. Buruma: "Chai, die einstige Ikone der Geschichte, war in eine Welt übergelaufen, die alle Geschichte für Mumpitz erklärt." Fang Lizhi, der Astrophysiker und Verfechter von Demokratie und Menschenrechten, hat in seiner neuen Heimat Arizona eigentlich nicht mehr im Sinn, "als in Ruhe mit seinen Studenten zu forschen und die Sterne zu beobachten".

Nach seinen Gesprächen mit den Rebellen, die sich nicht selten gegenseitig schlecht machen, konstatiert Buruma erschöpft und enttäuscht: "Manchmal fühlt sich der außenstehende Beobachter versucht, all diesen Leuten die Pest an den Hals zu wünschen."

Gleichwohl sind die Stimmen aus dem Exil nach wie vor wichtig für die Zurückgebliebenen, die Buruma auf dem Festland traf: den Rechtsanwalt Zhou in der südlichen Sonderwirtschaftszone Shenzhen etwa, der sich um die rechtlosen Opfer von Arbeitsunfällen kümmert, die (inzwischen geflohene) Autorin und Korruptionsexpertin He Qinglian oder die "Mütter vom Tiananmen". Die Gruppe kämpft trotz aller Schikanen für die Rehabilitierung ihrer 1989 auf dem Tiananmen-Platz gestorbenen Kinder.

Buruma ist ein faszinierendes Buch gelungen. Es handelt nicht nur von persönlichen Dissidentenschicksalen. Es gibt auch einen tiefen Einblick in den Alltag Chinas - und darüber hinaus in die chinesische Geschichte und Zivilisation. So geht er der Frage nach, warum so viele Intellektuelle nicht daran glauben, dass sich in ihrem Land eine Demokratie verankern lässt. Warum, fragt sich Buruma, bringt China "mehr Dubceks als Havels" hervor? Der tschechoslowakische KP-Chef hatte versucht, dem Sozialismus ein menschliches Antlitz zu verpassen - und war gescheitert. Der Schriftsteller Václav Havel dagegen saß im Gefängnis und wurde nach dem Zusammenbruch des Sozialismus tschechischer Präsident.

Ein Grund für die Haltung der chinesischen Intellektuellen ist die tief verwurzelte Angst vor Gewalt und Chaos: Lieber eine schlechte Ordnung, die stabil ist, als unberechenbaren Wandel, meinen viele Regimekritiker und sind sich darin mit der KP einig. Die Journalistin und Umweltschützerin Dai Qing fordert deshalb einen langsamen Prozess der "Erziehung des Volkes" - und irrt damit, wie Buruma meint: Wer mehr politische Rechte hat, läuft in der Regel nicht Amok.

Im Gegenteil: Das von der KP erzwungene "Leben in der Lüge" sei Schuld an den "unter der Oberfläche des chinesischen Alltags schwelenden groben Gefühlen, latenten Hysterien und aufgestauten Aggressionen." Je länger ein moralisch und politisch bankrottes Regime am Ruder bleibt, "desto verheerender dürfte wahrscheinlich das Chaos sein", wenn es eines Tages zusammenbricht.

Buruma endet pessimistisch: Um demokratischen Wandel zu erreichen, müssen alle Gegner der Diktatoren an einem Strang ziehen - und davon sind die Chinesen nach seinem Eindruck weit entfernt.

"Chinas Rebellen" sollte Pflichtlektüre für all jene westlichen Politiker und Wirtschaftsbosse sein, die den Pekinger Herrschern so gern Beifall spenden, wenn die ihre Diktatur damit rechtfertigen, dass ein so großes Land wie China ein autoritäres Regime brauche.

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