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Spuren der Geschichte Tore zur Unterwelt

2. Teil

Doch diesmal folgen González und Rojas ihrem Führer in die Unterwelt nicht auf der Suche nach Tieren oder Feuerstellen. Bevor sie sich morgens von Schmittners Tauchbasis in Tulum aus auf den Weg machten, schrieb González auf das schwarze Brett der Tauchbasis: "Humans. Humans. Humans. Find Humans." Findet Menschen.

Nun schweben sie unten in der Dunkelheit, und Schmittner spielt den Beleuchter für die Begegnung in der Unterwelt. Der Profi-Tauscher hat die Kamera geholt und deutet nun auf eine Nylonschnur, die er bei vorherigen Tauchgängen verlegt hat. Alle drei Meter hat sie einen kleinen Knoten. So konnte er die Höhlen und Gänge vermessen und zugleich die Schnur als Sicherheitsleine nutzen, um den Rückweg zu finden. In den Höhlen gibt es keine Luftblasen, in denen Taucher pausieren könnten. Wer sich verirrt und den Rückweg zum Einstiegsloch nicht schnell wiederfindet, der ist verloren.

Die Forscher hangeln sich an der Leine tiefer ins Dunkel. Immer bemüht, nirgendwo anzuecken, um kein Sediment aufzuwirbeln, das die Sichtweite trotz der Speziallampen und des klaren Wassers sofort auf null senken würde, ein Alptraum für unerfahrene Taucher. Wenn in engen Höhlen die Sinne verrückt spielen, dann verlieren sie das Gespür für unten und oben, danach kommt oft die Panik. Und Panik unter Wasser, sagt Schmittner, ende hier "meist tödlich".

"Die Menschheit weiß mehr über den Mond als über diese unendlichen Welten hier unten", sagt Sam Meacham, Chef des "Centro Investigador del Sistema Acuífero de Quintana Roo" (Cindaq), einer mexikanischen Organisation, die sich die Erforschung des unterirdischen Wassersystems auf die Fahnen geschrieben hat. Über 550 Kilometer wurden bisher kartiert und abgetaucht: "Aber das ist nur ein Bruchteil dessen, was es noch zu entdecken gibt", sagt Meacham.

Der US-Amerikaner kam einst, um für ein paar Monate an Mexikos Küste abzutauchen. Daraus sind mittlerweile zwölf Jahre geworden. "Es ist ein unglaubliches Gefühl, an Orte vorzustoßen, die noch kein Mensch vor dir gesehen hat", sagt er.

So ging es auch Robert Schmittner. Seit rund sieben Jahren lebt der gebürtige Franke in Mexiko, seit drei Jahren hat er es nicht mal für einen Kurzurlaub in Deutschland oder anderswo verlassen. Zu sehr faszinieren ihn die versunkenen Welten, sein Geld verdient er damit, sonnenverbrannten Touristen das Atmen unter Wasser beizubringen. Aber jede freie Minute nutzt er für seine eigentliche Passion, um abzutauchen in die lebensgefährliche Unterwasserwelt.

"Jeder Knochen, den man findet, erzählt uns eine andere Geschichte", sagt González. So entdeckten die Wissenschaftler vor kurzem ein Menschenskelett, bei dem Bruchstellen an den Rippen von innen nach außen führten. "Dem armen Teufel wurde vermutlich das Herz herausgerissen", sagt Maya-Expertin Rojas.

Die tauchenden Entdecker Meacham und Schmittner führten die Archäologen auch schon zu Massengräbern im Wasser. Dutzende von Skeletten liegen in manchen Höhlen. Die Forscher glauben, dass diese Menschen Kriegsgefangene waren, die am Rand der Cenotes abgeschlachtet und geopfert wurden. Auch die Waffen ihrer Gegner schafften die Maya möglichst tief in die Unterwelt, auf dass sie sich, von den Göttern bewacht, nie wieder gegen sie wenden würden.

Weil die spanischen Eroberer nach ihrer Ankunft in der neuen Welt fast alle schriftlichen Überlieferungen der Maya als unchristlich zerstörten, hoffen die Wissenschaftler, noch möglichst viel Material aus dem tiefen Wasser ziehen zu können, das ihnen die Entschlüsselung der an Mythen übervollen Maya-Welt erleichtert. Doch wieder ist es die neue Zeit, die die alten Zeugnisse bedroht.

"Als ich vor 22 Jahren zum ersten Mal in Playa del Carmen tauchte, lebten dort drei Fischer", sagt der Taucher Jim Coke. Heute ist Playa del Carmen ein Hot Spot des Massentourismus. Wo früher Fischerhütten standen, zahlt "Häagen dazs" für seine Eisdiele 6000 Dollar Miete im Monat.

"La Quinta" heißt die Amüsiermeile des Städtchens mit Nippesläden und Edelrestaurants, durch das sich abends Menschenmassen wie auf dem Münchner Oktoberfest schieben. Die Retortenstadt Cancún ist längst zu klein geworden für den Andrang der Sonnen- und Partyhungrigen aus aller Welt. Und auch das eine Autostunde entfernte Playa platzt aus allen Nähten. Mit mittlerweile zehn Millionen Passagieren pro Jahr ist Cancúns Flughafen nach Mexico City der zweitwichtigste des Landes geworden - und bei weitem zu klein.

So frisst sich der Bauboom die Küste hinunter. Nach dem Vorbild von Miami entstehen Luxusbungalows, Apartmenthäuser, Häfen für Segelyachten, Golfplätze und ganze Ressorts für die All-inclusive-Klientel.

Für die Archäologen und Forschungstaucher ist dies das nackte Grauen. "Wir sind im Wettlauf mit der Zeit", sagt González. Coke fürchtet, dass die Bulldozer sein Lebenswerk gefährden. Stahlträger werden in den Boden gerammt, die Erschütterungen durch Verkehr und Bauarbeiten lassen Höhlen und Zugänge einstürzen. "In einigen Ecken kann man nur noch sonntags tauchen, weil dann nicht gearbeitet wird", sagt Coke. "Sonst ist es zu gefährlich." Stürzt ein Tunnel ein, hilft den Tauchern auch ihre Leine nicht mehr.

Für einen Weg von 300 Metern in 18 Meter Tiefe durch die schmalen Röhren, Gänge und Spalten brauchen Schmittner, González und Rojas bei ihrem Tauchgang eine halbe Stunde: Immer an der Schnur entlang, durch Dunkelheit und Stille wie in einer Grabkammer. Alle lebenswichtigen Ausrüstungsgegenstände tragen sie doppelt bei sich: Presslufttanks, Lampen, Schläuche.

Das Licht der Scheinwerfer fällt auf ein Menschenskelett auf dem Boden, und für ein paar Sekunden verharrt Arturo González wie in Ehrfurcht. Teile des Schädels sind gut zu erkennen, Gebeine und Zähne ebenso. Die Taucher umkreisen die Knochen.

Doch nach Hunderten von Jahren bleiben jetzt nur ein paar Minuten für das erste Rendezvous. Die Forscher vermessen die Knochen, schießen Fotos. González schaufelt etwas Sand in eine kleine Tüte, um später das Alter der Fundstelle analysieren zu können.

Die Taucher sind so gebannt von ihrem Fund, dass Rojas nicht merkt, wie sie mit ihrer Pressluftflasche an eine Stalaktite stößt. Die hängende Säule bricht ab, schwebt auf den Boden und wirbelt Sediment auf. Wie eine dichte weiße Wolke breitet sich der Kalk im Wasser aus, schiebt sich über die Szenerie, als wolle er das Skelett beschützen und die Eindringlinge vertreiben. Die Taucher müssen schnell aufbrechen, bevor die Sicht auf null geht. González packt noch einen Zahn in eine Tüte.

Knochen, die sie bei anderen Tauchgängen ans Licht geholt haben, lieferten den Forschern schon neue Hinweise auf die Opferriten. An einem Skelett konnten die Archäologen feststellen, dass die Maya ihre auserwählten Opfer teilweise geradezu schälten.

Jedes kleinste Detail ist wertvoll, denn die Experten weltweit dürsten nach neuen Quellen. Große Lücken klaffen in der Überlieferung, weil fast alle Bilderhandschriften der Maya, geschrieben auf Rindenpapier, bei den blutigen Eroberungen in Flammen aufgingen. Die Lücke umfasst rund 500 Jahre.

Umso erstaunlicher, dass bestimmte Riten bis heute teils detailgetreu weiterleben. Noch immer verehren Erben der Maya mit ihren Geistlichen, den Schamanen, die Cenotes. Die Schamanen tragen heute zwar Sonnenbrillen und amerikanische Jeans, aber sie setzen sich immer noch vor die Löcher, zünden berauschende Kräuter an, werfen Gaben ins Wasser. In einem hypnotisierenden Singsang murmeln sie Maya-Silben, stundenlang. Sie suchen Kontakt zu den Seelen ihrer Ahnen. Oder zu "way", einer Art Schutzgeist, meist in Gestalt eines Tieres. Der Jaguar wird von den Maya-Schamanen am häufigsten als Träger des "way" verehrt.

Wenn die Forscher auf stundenlangen Märschen tief in den Wald vordringen und in die Löcher steigen, hören sie oft mahnende Worte der selbsternannten Priester der Maya. Beruhigender für die Besucher Xibalbas ist dann schon der Gesang des Motmot. Der Vogel nistet bevorzugt zwischen den Steinen der Cenotes. Sein Rufen hat die Taucher schon oft zu verborgenen Eingängen geführt. "Und wenn ich ihn beim Auftauchen höre, ist das jedes Mal ein gutes Gefühl", sagt Schmittner.

Beruhigender jedenfalls, als durch einen Jaguar empfangen zu werden - denn das hat es auch schon gegeben, dass gerade ein Jaguar Wasser aus einer Cenote leckte, als der Deutsche dort auftauchte: "Wir waren beide ziemlich verdutzt und haben uns friedlich, jeder langsam, zurückgezogen."

Die Froschmänner im Dschungel schleppen ihre Ausrüstung wieder durch den Wald zurück zur Landstraße, wo Schmittner seinen Pick-up geparkt hat. An die Sonnenblende über dem Lenkrad hat er eine Motmot-Feder geklemmt, sein Talisman. Die Maya nannten den bunten Vogel "Toh". Für sie war er der Wächter an den Pforten zur Unterwelt.

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