Von Joachim Hoelzgen
Die Wendenstöcke im Berner Oberland sind eine schroffe, dramatisch schöne Gebirgsgruppe hoch über der Straße zum Sustenpass. Kilometerlang türmen sich hier Wände aus Kalk auf - mit einem Felspfeiler als Blickfang, der nach Excalibur, dem Schwert aus der Sage um König Artus und den Rittern der Tafelrunde, benannt ist.
In Manhattan würde der 350 Meter hohe, fast lotrechte Pfeiler den Art-Deko-Wolkenkratzer des Chrysler Building um 31 Meter überragen. Mit 381 Metern wäre nur das Empire State Building noch höher.
Wanderer aus Zürich oder gar der norddeutschen Tiefebene würden sich an den Wendenstöcken in der Adresse geirrt haben. Nicht aber tollkühne Freeclimber, die für ihre Kletterhosen und entblößten Oberkörper bekannt sind und aussehen wie früher Piraten auf den Masten einer Brigantine.
Die Welt des Excalibur ist ein Mekka der luftigen Kletterer und die Excalibur-Route deren Gral. Erst 1982 war sie von zwei Freeclimbern bewältigt worden - durch ein Fantasyland des Vertikalen, in dem man mit glatten Felsplatten, den Gesetzen der Schwerkraft, ein paar Alpendohlen und dem geräuschlosen Wind allein ist.
"Es braucht viel Mut und Moral, um hier zu bestehen", meint etwa der Freeclimber Carsten Klug, ein Zahnarzt aus dem rheinland-pfälzischen Bad Kreuznach. "Die Strecke ist unglaublich wegen ihrer Ausgesetztheit und dazu den kleinen Griffen, die manchmal nur Dellen sind." Der Deutsche hat die schwindelerregende Wand zweimal durchstiegen - und das wohlweislich mit Haken, Klettergurt und Karabinern, um nicht in der Tiefe zu verschwinden. "An manchen Stellen sicherte ein Gefährte außerdem von unten", fügt Klug in der Rückschau auf die Abenteuer an.
Umso mehr ist aber auch er darüber erstaunt, wie ein Profi-Bergsteiger den Kampf mit Excalibur für sich entschieden hat. Ueli Steck, ein gelernter Zimmermann aus dem berühmten schweizerischen Emmental, hat die große Flucht im Alleingang bezwungen - und das im nervenfetzenden "free soloing", ein Stil, bei dem auf Felshaken und alle anderen Hilfsmittel zur Selbstsicherung verzichtet wird. Stecks stumme Begleiter waren nur ein Beutel mit Magnesium und dazu eine Zahnbürste.
Das Magnesium sollte vor dem Schwitzen der Hände und dem Abrutschen aus den Griffen schützen. Die Zahnbürste diente dem Spiderman dazu, Gesteinsstaub aus heiklen Haltepunkten zu entfernen.
Das Risiko war für ihn auch deshalb über alle Maßen hoch, weil es mit dem Einstieg in die Wand auch kein Zurück mehr gab - so groß sind dort die Schwierigkeiten. Seine Kletterschuhe hätten die Sicht zum nächsten kleinen Vorsprung oder zu Leisten verdeckt, über die er gerade erst heraufgekommen war und die oft nur Millimeter breit sind. "Versuchen Sie mal, rückwärts über eine steile Treppe hinabzusteigen. Manche würden schon daran scheitern", verdeutlicht Steck das knifflige Problem.
Dabei wirkt er mit seinen 30 Jahren und in einer dunklen Stadtjacke überhaupt nicht wie ein Kamikaze-Kletterer. Unter einem weißen T-Shirt zeichnen sich allerdings elastische Kräfte ab. Sein Oberkörper wirkt wie ein Lebendpräparat für Muskelstudien. Steck schafft mit nur einem Finger Klimmzüge und läuft täglich 800 Höhenmeter unter einer Drahtseilbahn zur Spitze eines Bergs hinauf und dann wieder hinab. Das beste Krafttraining sei aber das Klettern, lautet eher lakonisch sein Programm - viel Klettern.
Mit 17 Jahren beherrschte er bereits neun der elf Schwierigkeitsgrade beim Klettern - hart an der Grenze des Menschenmöglichen. Als 18-Jähriger durchstieg er die Eiger-Nordwand und dann den Bonatti-Pfeiler im Montblanc-Massiv. Der Granit ist dort wie die Ziegel eines Kirchturmdachs von oben nach unten geschichtet, was die Tour zu einem Balanceakt sondergleichen macht.
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