Von Joachim Hoelzgen
Spektakulär war im Juni 2004 auch die sogenannte Trilogie: die Nordwände des Dreigestirns Eiger, Mönch und Jungfrau nacheinander an nur einem Tag. "Das war, als würde man zum Joggen gehen", meint der alpine Kraftmeier nicht unbescheiden. Dass er und sein Kollege Stephan Siegrist dann doch 25 Stunden brauchten, habe an einer dünnen Schicht aus Eis gelegen, die den brüchigen Fels der Jungfrau bedeckte.
Am Excalibur-Pfeiler war Steck also voll austrainiert. Er konnte sich auf die Spannkraft des Körpers verlassen. Und er glich Erfahrungen mit anderen Extremrouten ab, um herauszufinden, ob schwierige Kletterzüge leicht und locker ablaufen. "Damit die Psyche nicht flattert, dachte ich daran, dass mich auch früher nie die Panik packte", rekapituliert er bei einem Espresso, dem Lieblingsgetränk des Klettervirtuosen.
Den kritischen Trip hatte er bis ins letzte Detail ausgeklügelt, indem er Excalibur zur Probe fünfmal nacheinander allein absolvierte - allerdings mit Klettergurt und Zubehör wie Karabinern und Haken. Jeden Griff und jeden Tritt klopfte er ab. Stellen, die hohl klangen und damit wacklig schienen, prägte er sich ein, um sie später ja nicht anzufassen.
Nach einem kurzen Test zum Aufwärmen am Fuß des Pfeilers braute er sich wieder seinen Espresso. Die Freeclimber haben dort ein permanentes Biwak eingerichtet, in dem es Töpfe, Geschirr und Gasflaschen zum Kochen gibt. "Alles im grünen Bereich", dachte sich Ueli Steck, "heute ist der perfekte Tag."
Über die Erfahrungen des jungen Wilden an den Wendenstöcken ist gerade ein Buch erschienen, das auch für solche Leute interessant ist, die nie etwas Steileres als einen Barhocker bestiegen haben*. Doch im Gespräch mit Steck kann einem noch schwindeliger werden - vor allem, wenn er die delikaten Schlüsselstellen hoch über dem Abgrund schildert.
Zunächst ging es über eine große weiße Platte senkrecht nach oben. Manchmal waren die Tritte so klein, dass Steck "viel Gummi geben" musste, das heißt: Er musste die Kletterschuhe schräg anstellen und Druck auf die Felswand machen, um im Lot bleiben zu können. So ging es weiter, an Rissen entlang, in denen er die Hand verkeilen musste und von denen andere so schmal sind, dass nicht einmal ein Blatt Papier hineinpasst - unbrauchbar diese. Nur gut, dass er die Fingerspitzen oft mit Sandpapier abschmirgelt, um das Wachstum einer dicken Hornhaut anzuregen. Sie verringert beim Klettern die Schmerzen.
Als neuralgisch erwies sich der Weg um die Kante des Pfeilers. Steck hielt sich zunächst an einer Felsschuppe und ertastete mit dem rechten Fuß im jenseitigen Nichts einen behelfsmäßigen Stand. Links musste er derweil wieder kräftig Gummi geben, um dann mit der rechten Hand um die Ecke zu greifen. Jetzt erst durfte er den linken Fuß nachführen. "Bloß keine falsche Bewegung, sonst katapultiert es dich glatt aus der Wand", malt Steck heute seine Überlegung an der Kante aus.
Um lästige Gedanken an den Tod ausblenden zu können, muss sich Steck seiner Sache sicher sein. Konzentration ist wichtig, und "fokussieren" lautet denn auch eines seiner gern benutzten Wörter. Beim Alleingang an dem Klassiker Excalibur blickte er deswegen nie nach unten in die Tiefe. Aber auch so gut wie nie nach oben, da er befürchtete, die dort lauernden Schwierigkeiten könnten gedanklich alle zusammen auf ihn einstürzen und ihn irritieren.
Auf der anderen Seite der Kante ruhte Steck auf einem kleinen Vorsprung aus, den Leib eng ans Gestein gepresst, um nicht aus der Wand zu fallen. Und endlich konnte er einmal die Arme ausschütteln. Das fördert die Durchblutung, verhindert einen Krampf und macht die Muskeln wieder leistungsfähig für den Weiterweg.
Das Treiben Ueli Stecks geht natürlich nicht ohne Kritik ab. "Durchschnittsalpinisten halten das wahrscheinlich für verrückt", meint zum Beispiel Excalibur-Kenner Carsten Klug. "Wahnsinn" reklamierten Leserbriefschreiber im Magazin des Schweizer Alpen-Clubs. Und in E-Mails unterstellten ihm Einsender "Ruhmsucht" und "selbstherrlichen Eigennutz".
Damit er sich weiter konzentrieren kann, klickt Steck all das in den elektronischen Papierkorb. Im Briefkasten bleibt, was ihn ermutigt. Ein Lob Reinhold Messners treibt ihn an, der Steck "in einer Reihe" mit Kletter-Pionieren wie Walter Bonatti wähnt, dem italienischen Felsmagier der fünfziger und sechziger Jahre. Die englische Kletterzeitschrift "Climb" ernannte Steck sogar zum besten Bergsteiger Europas - zusammen mit dem Franzosen Jean- Christophe Lafaille und dem Deutschen Alexander Huber, der in ähnlicher Manier wie Steck durch die Nordwand der Großen Zinne in den Dolomiten tigerte.
Von den drei Top-Alpinisten leben vermutlich nur noch zwei, da Lafaille seit Januar am Makalu, einem Achttausender in Nepal, verschollen ist. Und auch Ueli Steck bereitet sich auf die Weltberge vor, nachdem er mit dem Cholatse und Tawoche voriges Jahr zwei schwere Sechstausender südlich des Mount Everest im Alleingang förmlich überlaufen hat.
Sein nächstes Ziel ist im Juli zugleich auch sein erster Achttausender: der Gasherbrum II an der Grenze zwischen Pakistan und China. Abenteuerlicher geht es kaum, denn Steck und sein gelegentlicher Seilgefährte Stephan Siegrist haben aus Peking die Erlaubnis erhalten, die Nordwand des Riesen angehen zu dürfen - eine 3000 Meter hohe, bisher unbestiegene Wand aus Eis und dann noch einem Felsriegel ganz oben.
Der Anmarsch dorthin und zum Basislager ist mit Kamelen vorgesehen, und vielleicht hat Steck sogar ein Satellitentelefon dabei, auf das er sonst wegen der Kosten verzichtet.
* Gabriella Baumann-von Arx: "Solo. Der Alleingänger Ueli Steck". Wörterseh Verlag, Gockhausen-Zürich; 240 Seiten; 19,95 Euro.
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