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24.04.2007
 

Richtig studieren

In der Welt zu Hause

Von Dietmar Hipp

Immer mehr deutsche Studenten verbringen einen Teil ihres Studiums im Ausland. Viele profitieren davon oft stärker, als sie erwartet hatten.

Sonne, Palmen, Wellenreiten - dass Florian Leinberger für seinen Studienaufenthalt ausgerechnet Hawaii wählte, lag vor allem am hohen Freizeitwert des Standorts. Von November bis April wollte der Konstanzer Student dem neblig-kalten Wetter entfliehen. Der Winter in Honolulu gestaltet sich bei 25 bis 30 Grad doch wesentlich angenehmer als am Bodensee.


So flog der Student der Politik- und Verwaltungswissenschaften mit Schwerpunkt Internationale Beziehungen Ende 1994 nach Hawaii, um sein Pflicht-Auslandssemester am Matsunaga Institute for Peace zu absolvieren. Fast täglich ging der damals 23-Jährige an den Strand, lernte surfen und genoss es, "zwischen Hunderten von tropischen Fischen und Schildkröten lautlos durchs Wasser zu gleiten".

Doch der Aufenthalt sollte noch aus einem ganz anderen Grund unvergesslich werden.

In Deutschland fingen damals gerade die ersten Studenten an, E-Mails zu schreiben. In den USA, und damit auch auf Hawaii, gehörte der eigene Internet-Auftritt für Unis aber schon zum guten Ton. Auch Leinbergers hawaiianisches Friedensinstitut fand es an der Zeit, eine eigene Homepage einzurichten. Mit der Aufgabe betraute man den jungen Deutschen.

Bis dahin wusste Leinberger eigentlich nur, wie man einen Computer bedient, um Texte zu schreiben. Auf eigene Faust lernte er im noch sehr kleinen Internet zunächst die Computersprache HTML. Von da an tauchte er immer seltener in die Meereswellen und stattdessen in die für ihn "total überraschende, faszinierende" Netzwelt ein. Begeistert unterhielt sich der Konstanzer mit Freunden in Australien mittels einer simplen Chat-Funktion. Über Ereignisse in der Heimat informierte er sich in Artikeln, die auf der jungen Homepage des SPIEGEL erschienen.

Am Ende hatte Leinberger ein Drittel seines Auslandssemesters im Internet verbracht. "Das zweite Drittel war ich an der Uni", sagt der sportliche Mann mit den kurzgeschorenen blonden Haaren und grinst, "und ein Drittel am Strand."

Als seine Homepage fertig war, kehrte der Süddeutsche heim. Doch das Internet ließ ihn nicht mehr los. "Ich wollte meinen Informations- und Know-how-Vorsprung nutzen." Zurück in Konstanz, wählte Leinberger Informationsmanagement als Zusatzfach an der Uni. Er begann, auch in Deutschland Internet-Seiten zu bauen, und gründete noch als Student mit Freunden eine Firma namens Seitenbau.

Heute arbeiten bei Seitenbau und einem Tochterunternehmen knapp 60 Mitarbeiter; die Konstanzer Software-Firma, spezialisiert auf E-Government-Anwendungen und Informationsportale, hat vor kurzem sogar den "Kabinett-Informations-Server" der Bundesregierung aufgebaut. "Ohne Hawaii würde es diese Firma nicht geben", sagt Geschäftsführer Leinberger nicht ohne Wehmut.

Dass ein Studium im Ausland nicht nur Sprachkenntnisse fördert, sondern auch den persönlichen und fachlichen Horizont erweitert, ist eine Binse. Doch nie zuvor haben sich so viele Studenten diese Erkenntnis zunutze gemacht.

Rund 40 000 deutsche Studenten waren im Jahr 1994 an ausländischen Hochschulen eingeschrieben - 2004 waren es schon 69 000, Tendenz steigend. Etwa 30 Prozent der deutschen Studenten haben derzeit einen längeren Studien- oder Praktikumsaufenthalt im Ausland verbracht.

Der Bundesbildungsministerin ist das noch längst nicht genug. Die Christdemokratin Annette Schavan ließ kürzlich als Ziel verkünden, diesen Anteil "mittelfristig auf 50 Prozent zu erhöhen". Angesichts des "globalen Wettbewerbs", so Schavan, brauche Deutschland "in Zukunft Führungskräfte in Wirtschaft und Wissenschaft, die sich auf der ganzen Welt auskennen".

Nicht immer wird es dabei zu solch spektakulären Erfolgsstorys kommen wie der von Ehssan Dariani: Der Volkswirtschaftsstudent, ein Deutscher iranischer Abstammung, erlebte bei einem Praktikumsaufenthalt in den USA den Hype um das Web 2.0 und lernte das Studentenverzeichnis "Facebook" kennen. Im Oktober 2005 gründete der Sankt-Gallen-Absolvent das deutsche Pendant "StudiVZ" - nahezu ein Plagiat von Facebook. Und nur 14 Monate später, im Dezember 2006, verkauften Dariani und seine Mitstreiter die boomende Studentenplattform an den Holtzbrinck-Konzern - für angeblich bis zu 85 Millionen Euro.

Mit einem Auslandssemester begann die Karriere vieler Prominenter. ZDF-Moderator Claus Kleber schnupperte bei einem Forschungsaufenthalt für seine Promotion erstmals amerikanische Luft. Das war 1984. Zwei Jahre später kehrte er als ARD-Korrespondent nach Washington zurück. Der SPD-Gesundheitsguru Karl Lauterbach ging zum Medizinstudium nach Texas. Ihn reizte der Forschungsvorsprung der USA. Doch als er begriff, dass der medizinische Spitzenstandard nur Spitzenverdienern zugute kam, wandte er sich der Gesundheitsökonomie zu: Heute trommelt der Professor im Deutschen Bundestag für eine Bürgerversicherung.

Für eine andere berühmte Professorin, die Juristin Juliane Kokott, wurde ein Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) im französischsprachigen Genf "der erste wesentliche Baustein für meine spätere internationale Laufbahn". Kokott, 49, ist heute Generalanwältin beim Europäischen Gerichtshof in Luxemburg - Arbeitssprache: Französisch.

Allein durch die Ausdehnung und die wirtschaftliche Verflechtung der Europäischen Union werden Sprachkenntnisse und Auslandserfahrungen immer wichtiger. Es gebe in Deutschland "fast keine anspruchsvolle Tätigkeit mehr, bei der man nicht irgendwann einmal etwas mit dem Ausland zu tun hat", sagt DAAD-Referatsleiter Claudius Habbich.

Die Bereitschaft für ein Auslandsstudium ist von Fach zu Fach höchst unterschiedlich ausgeprägt. Ausgerechnet deutsche Sprach-, Kultur- und Sportstudenten, aber auch angehende Ingenieure seien an ausländischen Universitäten "relativ unterrepräsentiert", wie es in einem Arbeitspapier des DAAD heißt. Dabei wären Auslandssemester "gerade auch für diese Fächer angesichts der zunehmenden Internationalisierung überaus wünschenswert", so Habbich.

Schon mittelständische Firmen wollen sich auch im Ausland Kundenkreise erschließen oder suchen dort nach günstigeren Zulieferern. Großunternehmen sind ohnehin meist international verflochten. Wissenschaftler unterhalten sich auf Konferenzen häufig nur noch auf Englisch. Selbst die traditionell aufs Nationale beschränkte Berufsgruppe der Richter und Rechtsanwälte hat immer öfter mit grenzüberschreitenden Fällen zu tun. Kanzleien und Gerichte können oft nicht erst auf die deutsche Übersetzung von Urteilen aus Straßburg und Luxemburg warten, die schließlich auch in Deutschland ihre Wirkung entfalten.

"Zwei plus" ist die Devise, die DAAD-Präsident Theodor Berchem ausgibt - mindestens drei Fremdsprachen sollten's schon sein. Berchem hat gut reden: Angeblich spricht der Chef der Auslandsvermittlungsbehörde 15 Sprachen.

Der Geschäftsführer der Personalberatung Kienbaum, Tiemo Kracht, sieht das ähnlich: "Mindestens Englisch muss als Esperanto der globalisierten Welt so beherrscht werden wie das Essen mit Messer und Gabel." Der "Managertyp der Zukunft", so Kracht, solle am besten schon während der Schulzeit ein Jahr ins Ausland gehen. Er soll bereits bei Studienbeginn Englisch fließend beherrschen und im Studium bei weiteren "substantiellen" Auslandsaufenthalten möglichst auch noch einen "anerkannten internationalen Abschluss im angelsächsischen Umfeld" erwerben. Dann darf Mann oder Frau von Welt bei einem "global aufgestellten Unternehmen" ins Berufsleben einsteigen.

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