Von Per Hinrichs
"Politologie und Soziologie? Und was kann man damit machen?" Wohl kaum eine Frage wird Studenten der Sozialwissenschaften häufiger gestellt. Ein solcher Abschluss, sorgen sich Eltern und Freunde, tauge doch allenfalls dafür, später als Taxifahrer oder Kellner seine Fahrgäste oder Kneipenbesucher mit Adorno- oder Habermas-Zitaten zu traktieren.
Doch so verbreitet das Vorurteil von den Sozialwissenschaften als brotlose Kunst auch ist, die Wirklichkeit sieht besser aus. Nach einer Studie des Wissenschaftsrats aus dem Jahre 2006 haben 73 Prozent der Geistes- und Sozialwissenschaftler fünf Jahre nach ihrem Studienabschluss einen Job. Das sind zwar weniger als die 89 Prozent, die die Statistiker für den Durchschnitt aller akademischen Fächer ausgerechnet haben, aber die Chancen sind immer noch besser, als für Arbeitssuchende ohne Uni-Abschluss.
Die Arbeitslosigkeit unter Geistes- und Sozialwissenschaftlern sei zwar größer als in anderen Studienfächern, aber eben doch nur halb so hoch wie bei Nichtakademikern, sagt Wolfgang Rohe, Referatsleiter Forschung beim Wissenschaftsrat. Rohe hält den weitverbreiteten Begriff "Orchideenfach" für die Sozialwissenschaften deshalb auch für "eine Denunzierung". Man dürfe diese Disziplinen "nicht unter den Generalverdacht der Nutzlosigkeit stellen", sagt der Experte.
Da ist es vielleicht doch nicht so absurd, wie es manchem Skeptiker vorkommen mag, wenn die Universitäten eine wachsende Zahl von Sozialwissenschaftlern melden. Machten im Jahr 2001 noch 2767 Studenten der Soziologie und Politik ihr Examen, so waren es 2005 schon 4862 Diplomierte, die auf den Arbeitsmarkt drängten.
Vorbei sind allerdings die Zeiten, in denen Absolventen vor allem auf eine Uni-Karriere hofften. Nur die wenigsten trauen sich noch, den Sprung in die Wissenschaft zu versuchen, um vom gutdotierten Lehrstuhl aus die Welt zu erklären. Wer es trotzdem wagt, muss sich auf einen langen Leidensweg einstellen. Die Zeit vom Erstabschluss bis zur Berufung ist lang und ein gutes Ende keineswegs sicher.
Außer der Promotion gilt es die Habilitation, Lehrstuhlvertretungen und möglichst ausländische Forschungsjahre zu absolvieren, bevor ein Aspirant überhaupt an eine Bewerbung denken kann. Das Durchschnittsalter bei der Erstberufung zum Politikprofessor liegt zurzeit bei 42 Jahren. Wer es nicht schafft, steht mit fast leeren Händen da - ohne Job an der Uni und für eine Anstellung "draußen" zu alt.
Das ist das ernüchternde Fazit einer Studie über Berufungsverfahren in der deutschen Politologie. Deren Autoren, Thomas Plümper und Frank Schimmelfennig, haben 150 Politologen befragt, die sich zwischen 1990 und 2004 an einer deutschen Hochschule habilitiert haben oder in diesem Zeitraum ohne Habilitation berufen wurden.
Auch wenn die Erkenntnisse der beiden Forscher wenig ermutigend klingen, einen Hinweis darauf, was eine Berufung befördern könnte, haben sie doch gefunden: Wer es schafft, möglichst viele Aufsätze in namhaften Fachzeitschriften zu veröffentlichen, erhöht seine Chance auf einen Arbeitsplatz im Elfenbeinturm erheblich - und wird möglicherweise sogar schon vor dem 42. Lebensjahr berufen.
Einer, dem gelang, sich sogar außerhalb von Fachpublikationen einen Namen zu machen, ist der Göttinger Parteienforscher Franz Walter. Es gibt kaum ein Blatt von Rang und Namen, in dem der Politikprofessor nicht politische Zusammenhänge allgemeinverständlich erklärt. Auch SPIEGEL und SPIEGEL ONLINE sind unter seinen Abnehmern.
Allerdings: So gern Walters Artikel auch gelesen werden, so misstrauisch beäugt ihn die eigene Zunft. "Über wenig mehr rümpft ein durchschnittlicher Professor der Soziologie und Politologie so überheblich die Nase wie über die Medien", beklagte Walter im vergangenen Jahr in der "Frankfurter Rundschau".
Der Wissenschaftler kämpft gegen die "raunende, esoterische, labyrinthische Sprache" der 68er-Sozialwissenschaften und plädiert für mehr journalistischen Stil und Sprachkunst. Das sei insbesondere für den akademischen Nachwuchs von Vorteil und könne vielleicht den "Horror mildern", der so viele Nachwuchswissenschaftler mittleren Alters ereilt: Die ersehnte Professur ist unerreichbar und für einen anderen Beruf taugt die Ausbildung nicht. Wohl dem, der da nicht nur sein "Fachsuaheli" (Walter) gepflegt hat, sondern auch noch ein paar Links zum Leben vorweisen kann.
Wer reden kann, ist klar im Vorteil, meint auch Erich Behrendt, Vorsitzender des Berufsverbands Deutscher Soziologen. Und er rät, das Studium praxisnah auszurichten. Mit der Wahl des richtigen Studiengangs könnten Erstsemester stärker als früher ihre Einstiegschancen in den Beruf beeinflussen.
Für Neulinge ist das nicht immer ein leichtes Unterfangen. Durch die Einführung der gestuften Studiengänge Bachelor und Master ist die Hochschullandschaft in den vergangenen Jahren differenzierter und damit auch komplizierter geworden. Interessenten müssen die Angebote sorgfältig vergleichen. Zumal Universitäten vielerorts ihre vormaligen Studiengänge nur umetikettiert, sich aber nicht um die Entwicklung neuer Konzepte gekümmert haben.
Dass es auch anders geht, zeigt das Beispiel des sozialwissenschaftlichen Instituts an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf. Dort bekommt Professor Michael Baurmann mehr als 2000 Bewerbungen auf seine 90 Plätze - der Studiengang, eine Mischung aus Soziologie, Politik und Medienwissenschaften, hat sich zum Renner entwickelt. Mehrfach ausgezeichnet, haben Baurmann und sein Team einen geradezu mustergültigen Bachelor gebastelt. "Wir möchten uns daran messen lassen, wie viele Absolventen im Ausland erfolgreich weiterstudieren", sagt Baurmann.
Das Konzept geht auf: Ein Drittel von Baurmanns Ex-Studenten macht noch zusätzlich einen Masterabschluss im Ausland. Ein weiteres Drittel bleibt an der Düsseldorfer Uni, die Übrigen wechseln ins Berufsleben. Die Abbrecherquote, verkündet der Professor stolz, liege "praktisch bei null".
Wer ein Auslandsjahr, beispielsweise in Großbritannien, an sein Studium anhängt, verbessert seine Berufschancen. Er lernt dort nicht nur das "Essay-writing", also das Schreiben von gut durchstrukturierten Aufsätzen innerhalb weniger Tage. Auf der Insel haben es Sozialwissenschaftler leichter als in Deutschland. Britische Unternehmen messen formalen Abschlüssen nicht dieselbe Bedeutung zu wie deutsche Arbeitgeber. Für sie zählt vor allem die praktische Erfahrung, die ein Bewerber vorzuweisen hat. Mit einem Master of Social Sciences kann man sich dort problemlos auf einen Einstiegsjob in der Wirtschaft bewerben.
Daran ändert etwa auch das Trainee-Programm "Jopp" der Lufthansa nichts. Zwar verkündet die Airline, dass Geistes-, Sozial- und Naturwissenschaftler mit diesem Programm innerhalb von maximal zwei Jahren "betriebswirtschaftliche Erfahrungen anhand konkreter Aufgaben aus der Praxis" sammeln können. Doch der Ertrag ist bisher gering. Ganze sechs Plätze bei "Jopp" bietet das Unternehmen auf seiner Internet-Seite an. Wer das Glück hat, einen dieser Plätze zu erwischen, kann mit monatlich 1840 Euro rechnen - BWL-Absoventen dürften deutlich höher einsteigen.
Dass es Sozialwissenschaftler, wenn sie in der Wirtschaft Fuß fassen wollen, nicht leicht haben, hat auch die Bundesagentur für Arbeit herausgefunden, die in ihrer Veröffentlichung "Sozialwissenschaftliche Berufe" diesem Thema nachgeht. Die wichtigste Erkenntnis steht gleich in der Einleitung: "Bewerbungen im privatwirtschaftlichen Bereich" haben "ohne über die im sozialwissenschaftlichen Studium erworbenen Fachkompetenzen hinaus kaum Aussicht auf Erfolg". Den idealen Weg in den Beruf können auch die Profis nicht aufzeigen. Deshalb ist der Ratschlag von Erich Behrendt vom Soziologen-Verband richtig, mit Hilfe von Praktika und Nebenjobs möglichst früh den Kontakt zum Arbeitsleben zu suchen und auch den öffentlichen Dienst als Berufsperspektive nicht zu unterschätzen. Viele Behörden unterhalten eigene Einstiegsprogramme, die Bewerber für eine Karriere im höheren Dienst qualifizieren - und häufig passen auch Sozialwissenschaftler ins Anforderungsprofil. Behrendt: "Hier lohnt es sich, frühzeitig Informationen einzuholen."
Ein prominentes Beispiel für den gelungenen Aufstieg aus den Niederungen der Verwaltungsebene ist der ehemalige Personal- und Organisationsdezernent der niedersächsischen Landeshauptstadt Hannover. Bis 1978 studierte er in Berlin Politikwissenschaft. Heute ist Frank Bsirske Vorsitzender der Gewerkschaft Ver.di.
Soziologie
Die entscheidenden Schritte zur Entstehung der Soziologie als eigenständige Wissenschaft gingen Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts neben anderen von Max Weber und Émile Durkheim aus. Die Anfänge des Fachs sind an den Aufstieg der bürgerlichen Gesellschaft und die Entwicklung der modernen Industriegesellschaft in Europa gebunden.
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