Von Ulrich Jaeger
Der Branchenjammer spiegelt nur einen Teil der Wirklichkeit wider. Denn nach dem IT-Hype der Jahre zwischen 1998 und 2001 folgte der Zusammenbruch des "Neuen Marktes". Informatiker aller Couleur verloren ihre Jobs. Daraus zogen Studienanfänger marktbewusst ihre Konsequenz - sie verweigerten sich zu Tausenden dem Fach.
Meldeten sich im Wintersemester 2000/2001 bundesweit noch gut 34 000 Studenten für das Studium der Informatik an, so trugen sich im Vergleichszeitraum 2005/2006 weniger als 25 000 Interessenten ein. Und die tragen ein hohes Versagensrisiko: Nach einer zuletzt 2005 aktualisierten Studie brechen an Fachhochschulen 39 Prozent der Studenten die Informatik-Ausbildung ab, an Universitäten schmeißen 38 Prozent das Studium.
Dafür benötigt die Hälfte der Hochschulabsolventen nur neun Semester. Einem Viertel von ihnen gelingt es, den Campus mit den Noten "mit Auszeichnung" oder "sehr gut" zu verlassen. Solche Experten müssen nicht um ihre berufliche Zukunft bangen.
Allerdings verzeichnet die Bundesagentur für Arbeit immer noch deutlich mehr Bewerber als offene IT-Stellen. Erfreulich nimmt sich die Entwicklung der vergangenen drei Jahre aus. In dieser Zeit zog die Nachfrage nach IT-Fachkräften wieder an. Neben den klassischen IT-Unternehmen suchen auch Unternehmungsberatungen und der öffentliche Dienst Hochschul-Informatiker. Noch immer aber haben Software-Häuser und IT-Dienstleister einen besonders großen Bedarf. Über die Hälfte aller Informatiker arbeitet in diesem Bereich. Jeder Zehnte fand Beschäftigung bei Herstellern von Büromaschinen und IT-Hardware.
Bei der Jobsuche lernen die Jung-Akademiker allerdings, dass, wenn auf einem Stellenangebot Informatiker daraufsteht, nicht unbedingt ein x-beliebiger Informatiker gesucht wird. Nach Zahlen der Bundesagentur bezogen sich im Jahr 2006 nahezu ein Viertel der Offerten auf besonders geschulte Programmierer.
Als wichtiges Einstellungskriterium gilt der IT-Branche Erfahrung im angestrebten Beruf. Dazu zählen auch Praktika in einschlägigen Unternehmen. An berufsnaher Erfahrung aber mangelt es nach Einschätzung der Bundesagentur "immer mehr arbeitsuchenden" Akademikern.
Hier liegen die Vorteile von Bewerbern der Fachhochschulen: Anders als ein Universitätsstudium ist ihre akademische Ausbildung eng mit der Praxis verknüpft. Seit einigen Jahren schreibt sich etwa jeder zweite Studienanfänger im Bereich Informatik an einer Fachhochschule ein. Vor zehn Jahren bewarben sich auf einschlägige Stellen nur rund 30 Prozent FH-Absolventen, heute stellen sie 40 Prozent unter den akademischen Bewerbern.
Praxisbezug gilt längst auch in der Mathematik, wohl eines der theorielastigsten Studienfächer, als wichtiger Ausbildungsaspekt. Die Zeiten, in denen sich angehende Rechenkünstler überwiegend der "reinen" Lehre wie etwa der Zahlen- oder Funktionentheorie verschrieben, sind passé. Studienschwerpunkte, die sich an den Bedürfnissen des Marktes orientieren, gewinnen an Bedeutung.
Auch sind Mathematik-Studenten kaum noch die einst als verschroben wahrgenommenen Einzelgänger. Gruppenarbeit ist längst wichtiger Bestandteil des Lernens. Die Studenten, beobachten Professoren, verstehen ihre Arbeitsgemeinschaften als Hort im gemeinsamen Ringen um die vertrackte Materie. Dabei lernen sie nebenher eine in der Arbeitswelt bedeutende Tugend: die Fähigkeit zur Kommunikation.
Auch hat die Diplomarbeit an Universitäten wie Kaiserslautern heute häufig Bezug zur Praxis. Zudem vermitteln die Hochschulen verstärkt Kompetenzen in Bereichen, die von der Wirtschaft als bedeutsam angesehen werden: der Statistik und Wahrscheinlichkeitsrechnung etwa sowie Erfahrung in wichtigen Computersprachen.
Der Nähe zur Praxis schreiben Lehrer wie Korn, der selbst auf dem Gebiet der Finanzmathematik forscht, einen weiteren wichtigen Lernprozess zu. Mathematik ist Wahrheitssuche im Reich der Zahlen und Objekte. Vertretern der reinen Lehre graut es, ein Problem irgendwie zu lösen. Im Selbstverständnis der Mathematik zählt nur das Vollkommene. Eine mathematische Vermutung etwa kann so wenig ein bisschen bewiesen werden, wie eine Frau ein bisschen schwanger sein kann.
Nur wartet die Praxis nicht auf das Mathematik-Genie, das womöglich in zehn Jahren die optimale Lösung ihres Problems findet. Folglich lernen viele von Korns Diplomanden und Doktoranden im engen Kontakt mit Partnerunternehmen der Universität oder des Fraunhofer Instituts nicht, die mathematisch optimale, wohl aber eine hinreichend gute Lösung für die Probleme einer Bank, eines Pharma- oder auch eines Unternehmens aus der Automobilindustrie zu finden. Eine Arbeitsweise, so Korn, die den jungen Akademikern "viel Kreativität" abverlangt.
Wer dennoch den Zeiten und ihrem Trend zur Praxis widerstehen und etwa seiner Liebe zur Geometrie frönen möchte, darf sich durch unseren Aktuar bestätigt fühlen. Huppmann, der heute für die Hamburg-Mannheimer Versicherungsprodukte centgenau kalkuliert, zog es als Student zur Differentialgeometrie. Was es mit der auf sich hat, müssten selbst Versicherungsvorstände ausgooglen.
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