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01.10.2007
 

Fächerreport Architektur

"In die Lücke springen"

Von Ulla Hanselmann

Die Berufsaussichten für Architekten sind dürftig. Doch wer bereit ist, sich zu spezialisieren oder ins Ausland zu gehen, der kann eine Anstellung finden.

Jan Blasko hat einen richtig guten Job. Der Architekt arbeitet seit vergangenem Juli im Shanghaier Büro von gmp. Von Gerkan, Marg und Partner sind eine der ersten Architekturadressen in Deutschland - und seit einigen Jahren stark in China aktiv. Dort baut das Hamburger Starbüro unter anderem die Satellitenstadt Lingang New City.

New Yotker Architekt Daniel Libeskind (nach Vorlesung an der Uni Lüneburg): Absolventen haben dürftige Aussichten
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DPA

New Yotker Architekt Daniel Libeskind (nach Vorlesung an der Uni Lüneburg): Absolventen haben dürftige Aussichten

Der gmp-Mitarbeiter Blasko hat für Lingang ein Bürogebäude entworfen und damit einen Wettbewerb gewonnen. Jetzt zeichnet er Konstruktionsdetails, wählt Baumaterialien aus und ist für die Koordination mit dem chinesischen Partnerbüro verantwortlich, das den Bau ausführt. "Mein Job ist abwechslungsreich und füllt mich aus", freut sich der 32-Jährige. "Hier in China ist man viel näher an den Dingen dran als in Deutschland und kann als junger Architekt mehr Verantwortung übernehmen."

Den Einstieg in seinen Traumjob hat der gebürtige Gelsenkirchener über ein Praktikum gefunden, das er während des Studiums bei gmp in Hamburg absolvierte. Nach seinem Diplom an der Technischen Universität Darmstadt stand bei dem Erfolgsbüro an der Elbe ein Wettbewerb für ein Hotel an - und er wurde gefragt, ob er mitmachen wolle. Zwei Jahre später wechselte er nach Shanghai. "Die Mischung macht's: Ich kann ganz gut entwerfen, aber auch koordinieren und organisieren", mutmaßt er über die Gründe seines Erfolgs.

Dem Jungarchitekten ist ein glänzender Start ins Berufsleben gelungen. Davon können die meisten Architekturabsolventen nur träumen. Die Lage, die sich den frisch ausgebildeten Planern auf dem Arbeitsmarkt bietet, ist schwierig - und zutiefst verunsichernd. In Deutschland gibt es Architekten in Hülle und Fülle, aber seit Jahren kaum etwas zu bauen. Zudem sehen sich die Hochschulabgänger mit einem sich stark wandelnden Berufsbild konfrontiert. An die Stelle des traditionellen Allrounders, der das Nützliche mit dem Schönen verbindet, tritt immer mehr der Spezialist und Dienstleister.

In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Zahl der Beschäftigten im Baugewerbe in Deutschland nahezu halbiert, da das Bauvolumen um ein Viertel zurückgegangen ist. Fatal: Im gleichen Zeitraum ist die Schar der Architekten und Stadtplaner kontinuierlich gewachsen - um fast ein Viertel. Inzwischen gibt es zwischen Konstanz und Kiel rund 119.400 bei den Kammern eingetragene Architekten, dazu kommen schätzungsweise 25.000 Diplomingenieure der Architektur, die keine Kammermitglieder sind. Damit kann Deutschland eine der höchsten Architektendichten in Europa vorweisen.

Die stark geschrumpfte Baubranche verzeichnet derzeit zwar einen leichten Aufschwung. "Doch die anspringende Konjunktur schlägt noch nicht auf den Arbeitsmarkt durch, es bleibt bei der drastischen Schieflage zwischen Angebot und Nachfrage", so Olaf Bahner vom Bund der Deutschen Architekten (BDA).

Der Wettbewerbsdruck, der auf den knapp 37.000 Architekturbüros lastet, ist dementsprechend hoch - ihr Umsatz häufig gering. Etwa 90 Prozent aller Büros sind kleine Klitschen mit weniger als fünf Mitarbeitern; jedes zehnte setzt weniger als 17.500 Euro im Jahr um. Und auch angestellte Architekten arbeiten in der Regel überdurchschnittlich viel und verdienen schlecht: Laut der Studie "Studentenspiegel 2 - die Umfrage für Berufseinsteiger" vom SPIEGEL und der Unternehmensberatung McKinsey bilden sie mit Historikern, Anglisten und Germanisten das Schlusslicht bei den Einstiegsgehältern.

Trotzdem überschütten die Hochschulen den darbenden Markt weiter mit Architektur-Neulingen. Zwar studieren immer weniger das Fach, das als die Mutter aller Künste gilt, und die Zahl der Absolventen sinkt. Doch auch in den kommenden Jahren werden die Universitäten und Fachhochschulen mit 5000 bis 6000 Abgängern jährlich noch etwa doppelt so viele Berufsanfänger entlassen wie Altgediente aus dem Arbeitsleben ausscheiden.

Bei den Bauingenieuren sieht es besser aus: Als Reaktion auf den anhaltenden Stellenabbau im Baugewerbe ist die Zahl der Studienanfänger seit Mitte der neunziger Jahre stark geschrumpft. Da nun die Absolventenzahlen in den nächsten Jahren deutlich sinken, rechnen Experten gar mit einem Mangel an Bauingenieuren. Nach dem Diplom weichen zudem viele Bauingenieure in den Maschinenbau aus - dort sind sie willkommen.

Die frischgebackenen Diplomingenieure der Architektur schlagen sich um die spärlichen Stellen, die vor allem Planungsbüros, aber auch Verwaltung, Immobilienwirtschaft und Unternehmen anbieten. Die Crux: Sie müssen zwei Jahre Berufspraxis nachweisen, um sich Architekt nennen, sich in die Landeskammern eintragen und als Architekturbüro auftreten zu dürfen. Wer im Jobgerangel leer ausgeht und trotzdem Erfahrung sammeln will, hangelt sich häufig als freier Mitarbeiter von Projekt zu Projekt, heuert als Praktikant an oder bietet in der größten Not seine Mitarbeit auch kostenlos an - viele Architekten sind Mitglieder des modernen Prekariats.

Um der Arbeitslosigkeit zu entgehen, machen sich viele Hochschulabgänger selbständig. Sie weichen dabei häufig auf verwandte Bereiche wie das Immobiliengeschäft oder die Fotografie aus. In der jüngsten Gründungswelle, die Thomas Welter, Referent für Wirtschaft bei der Bundesarchitektenkammer, beobachtet hat, sieht er denn auch, neben dem Absolventenrückgang, einen der Hauptgründe für die gesunkene Arbeitslosenquote. Die verharrte jahrelang bei zehn, inzwischen liege sie bei sechs Prozent, so Welter. "Doch unter diesen Gründern sind viele Küchenarchitekten, die nicht von ihrer Arbeit leben können."

Die Hochschulen überschütten den darbenden Markt
weiter mit Architektur-Neulingen

Trotz der sich etwas verbessernden Aussichten gilt es paradoxerweise immer noch als schick, Architekt zu werden. Das Bild vom genialen Entwerfer, der mit seinen kühnen Visionen aus Stahl, Glas und Beton die Welt erschließt, hält sich hartnäckig in den Köpfen. Dabei hat sich das Berufsbild stark verändert. Der Architekt, der als Generalist den Bauprozess vom Entwurf bis zur Schlüsselübergabe begleitet, ist immer weniger gefragt. Wer nicht zu den Großen wie etwa gmp gehört und dennoch im umkämpften Markt überleben will, muss sich auf besondere Aufgaben rund um die Architektur spezialisieren oder bereit sein, seine Eigenständigkeit aufzugeben.

Genau das hat Andrej Penner getan. Dem ehemaligen Architekturstudenten der Fachhochschule Lippe und Höxter drohte nach dem Diplom im vergangenen Sommer die Arbeitslosigkeit. Mit einem Studienfreund gründete er ein Ingenieurbüro - Architekten dürfen sich die beiden Newcomer noch nicht nennen. Sie kooperieren eng mit einem Bauträger, der Wohnhäuser von der Stange plant, baut und verkauft. Für seinen Auftraggeber zeichnet Penner Pläne und reicht beim Amt Bauanträge ein.

"Mit den Utopien, die wir im Studium entworfen haben, hat mein Berufsalltag nichts zu tun", sagt der 28-Jährige. Stattdessen muss er mit Traufhöhen und Geschossflächenzahlen jonglieren und Baukosten pro Quadratmeter errechnen. "Das Bauträgergeschäft ist bei anspruchsvollen Architekten verpönt", sagt er. Doch mit seiner Spezialisierung hatte Andrej Penner einen guten Riecher: Sein Mini-Business expandiert, im Sommer soll ein dritter Partner einsteigen.

Um Kooperationen mit Bauträgern, Investoren oder ausländischen Partnerbüros kommen Architekten in Zukunft nicht herum. "Die Rolle des Architekten wird sich zunehmend von einem selbständigen Anbieter in Richtung eines Mitarbeiters eines Anbieters, zum Beispiel eines Generalübernehmers, verschieben", heißt es in einer Untersuchung zur Zukunft des Berufsstandes, die von der Architektenkammer Nordrhein-Westfalen in Auftrag gegeben wurde. Kurzum: "Sie müssen in die Lücken im Markt springen."

Die größten Chancen bieten sich dabei Berufsanfängern, die sich als Dienstleister, Berater oder neudeutsch "Solutions Manager" rund um den Bau und Betrieb von Gebäuden begreifen. Deren Aufgaben: Ideen für Bauprojekte entwickeln und Grundstücke erschließen, als Facility Manager die Wirtschaftlichkeit von Gebäuden optimieren oder als Controller Termine und Kosten managen. Aber auch Marketing-Beratung, PR-Arbeit oder die Pflege der EDV-Ausstattung eines Planungsbüros sind Dienstleistungslücken, die sich im Architekturmarkt auftun. Als zukunftsträchtige Geschäftsfelder gelten außerdem energieeffizientes Bauen, die Modernisierung von bestehenden Gebäuden oder die Bauherrenberatung.

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