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Fächerreport Architektur "In die Lücke springen"

2. Teil: "Geht möglichst früh in die Praxis und vernetzt euch"

Eines steht fest: Von den Absolventen der kommenden Jahre gelingt es sicherlich nur den wenigsten, sich als klassische Planer zu etablieren. Architekturcoach Edgar Haupt rät Studierenden, sich unbedingt schon während des Studiums zu orientieren. "Schaut, was euch liegt, geht möglichst früh in die Praxis und vernetzt euch", empfiehlt der Berater für Marketing- und Persönlichkeitsentwicklung, der in Düsseldorf und Karlsruhe als Lehrbeauftragter tätig ist. "Die Leute lernen im Studium nicht nur, wie man Gebäude konstruiert. Sie können komplexe Prozesse leiten und strukturiert denken. Das lässt sich auch in vielen anderen Bereichen, etwa im Produktdesign, der Mode oder in der Kommunikation anwenden."

Jeannette Merker konnte schon während des Studiums an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus die Frage, ob sie einmal Häuser bauen wolle, nicht mit einem klaren Ja oder Nein beantworten. "Ich habe mich immer bemüht, über den Ateliertisch hinauszuschauen", so die 29-Jährige. Während eines Auslandsaufenthalts in Mailand schnupperte sie ins Produktdesign sowie in die Grafik hinein und machte bei Ausstellungen mit; mit ihrem Partner entwarf und vermarktete sie ein mobiles Barsystem - ein tragbarer Tresen aus zwei Modulen, der mit wenigen Handgriffen überall aufgebaut werden kann.

Beim Aufstöbern von Nischen sind viele
junge Architekten erstaunlich kreativ

Die Weichen für ihren Berufseinstieg stellte die Architektin schon mit ihrer Diplomarbeit, in der sie einen Beitrag für eine Ausstellung an der Schnittstelle von Architektur und Kultur entwickelte. Nach dem Diplom im vergangenen April genügte der kreativen Wahl-Berlinerin eine einzige Bewerbung, um unterzukommen: Seit November 2006 ist sie für das Design und die Koordination einer Ausstellung des Deutschen Architektur Zentrums in Berlin verantwortlich. Ein Job, bei dem ihr architektonischer Sachverstand genauso gefragt ist wie ihr konzeptionelles und organisatorisches Talent. "In meiner Arbeit fließt alles zusammen, was mir Spaß macht", freut sich die Projektleiterin.

Beim Aufstöbern von Nischen sind viele Jungarchitekten erstaunlich kreativ: Die einen betreiben Galerien oder forschen nach neuen Baumaterialien, die anderen schließen sich zu Netzwerken zusammen und inszenieren Kunstaktionen im öffentlichen Raum - neben der etablierten Architektur blüht in den Großstädten eine experimentelle Off-Szene. Wem diese Nische zu riskant und brotlos ist, dem bleibt noch die Option, ins Ausland zu gehen: In England, Irland, Skandinavien, aber auch in Asien oder den Arabischen Emiraten sind deutsche Planer gefragt. Und natürlich gilt auch für Architekten: "Qualität setzt sich durch. Für gute Absolventen ist durchaus ein Markt vorhanden", so BDA-Sprecher Olaf Bahner.

Um sich aus der Masse herauszuheben, reichen nicht nur gute Noten. Vor allem Praxiserfahrung, gern auch im Ausland, ist gefragt, sagt Referent Thomas Welter, "am besten in der Bauüberwachung und der Bauleitung". In einem Starbüro als Zeichenknecht Details schrubben, verbessere die Jobaussichten hingegen wenig.

Insgesamt werde sich an den Berufschancen nicht vor Mitte des kommenden Jahrzehnts etwas ändern. "Die größte Gruppe der Architekten stellen heute die 35- bis 55-Jährigen", so Welter. "In frühestens zehn Jahren, wenn die ersten in den Ruhestand gehen, ist mit einer nachhaltigen Entspannung zu rechnen." Wer in der Zwischenzeit Gefahr läuft, Endlosschleifen als Praktikant zu drehen und mit 40 immer noch ohne festen Job dazustehen, ist besser beraten, rechtzeitig auszusteigen.

Zwei Jahre hatte Jan Frühling nach seinem Architekturdiplom eine feste Stelle in einem kleinen Berliner Büro - dann kam die Kündigung, mangels Aufträgen. Als seine zahlreichen Bewerbungen erfolglos blieben, bot er mit ehemaligen Kollegen architektonische Stadtführungen durch die Hauptstadt an; ein Honorarjob als Reiseleiter bei einem Radreiseveranstalter schloss sich an. Der zweifache Familienvater, der inzwischen in Hamburg lebt, baute das neue Standbein im Tourismus nach und nach aus. Seit vergangenem Jahr bietet der 40-Jährige eigene Reisen für die Generation 50 plus an. Ein zweites Geschäftsfeld erschloss sich der Diplomingenieur als EDV-Berater für Architektur- und Grafikbüros.

"Als Architekt habe ich den ganzen Tag vor dem Rechner gesessen und bunte Striche gezeichnet", sagt Jan Frühling. "Dafür habe ich nicht studiert. In meinem jetzigen Job habe ich viel mit Menschen zu tun. Das ist viel erfüllender." Die Architektur hält er für einen "unmenschlichen und familienfeindlichen Beruf", Wochenendarbeit und Nachtschichten seien dabei völlig normal.

Der Aussteiger rät jedem Studienanfänger, der mit dem Fach liebäugelt, seinen Wunsch gründlich zu hinterfragen. "Wer heute wirklich Architekt werden will, der muss bereit sein zu leiden."

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