Von Daniel Sander
Auch regionale Unterschiede spielen bei der Einstiegsbezahlung eine Rolle. Silke Gierich, 36, hätte nach ihrem späten Grundschulpädagogik- und Sportstudium eigentlich nicht gedacht, dass sie sich um ihr erstes Gehalt große Sorgen machen müsse, schließlich sah sie sich als angehende Grundschullehrerin auf der sicheren, weil verbeamteten Seite. Doch als sie im Jahr 2005 nach anderthalb Jahren als Lehramtsanwärterin im niedersächsischen Helmstedt nach Berlin zurückkehrte, hieß es dort an den Schulen erst mal: Einstellungsstopp. Aussichten gab es nur auf befristete Angestellten- statt Beamtenverträge, und das zu einem Hungerlohn. Man könne erst mal bis zu den Sommerferien arbeiten, hieß es, dann müsse man eben wieder zum Arbeitsamt.
So nicht, dachte Gierich und beschloss nach drei Monaten Hartz IV, Berlin schweren Herzens zu verlassen. Ein Anruf in der Hamburger Behörde für Bildung und Sport genügte. Sie wurde umgehend zum Vorstellungsgespräch eingeladen und hatte binnen weniger Wochen zwei Angebote von Hamburger Schulen. Sie entschied sich für eine Dreiviertelstelle an der Grundschule Fuchsbergredder im Stadtteil Billstedt, im letzten Sommer wurde daraus eine Vollzeitstelle. Mittlerweile ist sie stolze Klassenlehrerin einer ersten Klasse, organisiert Elternabende und sorgt sich mit Hingabe um das Wohl ihrer Schützlinge. Im nächsten Jahr wird aus der Beamtin auf Probe dann wohl eine offizielle Staatsdienerin.
Finanziell ist das durchaus lohnenswert. Da sie erst spät in den Beruf eingestiegen ist, wurde sie automatisch altersabhängig höher eingestuft, auch ohne große Berufserfahrung. Brutto kommt sie im Monat zurzeit auf 3048 Euro, davon bleiben beamtentypisch satte 2443,16 Euro netto übrig. "Das wäre in Berlin auch weniger", sagt Gierich. Über die Sehnsucht nach Berlin ist sie mittlerweile hinweg. Sie sei eben ein "Wirtschaftsflüchtling" und jetzt glücklich und zufrieden an der Elbe. Dass sie sich als Beamtin im Gegensatz zum Rest der Arbeitnehmer auch keine Sorgen um die Rente machen muss, ist dabei ein schöner Nebeneffekt.
"Früher war es mir eigentlich egal, ob ich nun Beamtin werde oder nicht", sagt sie. "Ich hab es ganz romantisch als meine Berufung angesehen, Grundschullehrerin zu sein. Jetzt merke ich aber schon, dass mir die Sicherheit und das regelmäßige Einkommen sehr wichtig sind." So kann sie aus finanzieller Sicht gelassen in die Zukunft blicken. Für die Filmwissenschaftlerin Nina Selig in Bochum und die Architekten Ernst und Häfen in Berlin dagegen kommen Themen wie Familienplanung derzeit nicht in Frage, auch nicht mit der Aussicht auf Elterngeld.
Man solle sich jedoch bloß nicht komplett verrückt machen lassen von den Lohnprognosen, auch nicht als Geisteswissenschaftler, sagt Rusin-Rohrig von Hobsons. "Das Gehalt ist eine sehr individuelle Sache, es gibt nur Mittelwerte, an denen man sich orientieren kann."
So sind diese Werte in einigen Fachbereichen alles andere als aussagekräftig. Laut einer Studie des Instituts für Anwaltsmanagement in Essen, liegt das Jahresgehalt für junge Anwälte im Durchschnitt bei 43.395 Euro. Bei PersonalMarkt liegt der Mittelwert bei knapp 40.000 Euro. Das klingt nach viel Geld, doch wird der Wert durch einige wenige Spitzenverdiener in die Höhe getrieben. In den elitären Großkanzleien wie etwa Linklaters werden für die Spitzenkandidaten mit exzellentem Abschluss und Promotion bis zu 95.000 Euro im Jahr gezahlt. Das "Handelsblatt" spricht von "einem Preiskampf um die talentiertesten juristischen Nachwuchskräfte". Wer im Examen weniger erfolgreich war, hat allerdings erheblich düsterere Aussichten. Über die Hälfte der bei einem normalen Anwalt angestellten Jura-Absolventen verdient im Jahr weniger als 30.000 Euro.
Trotz der zum Teil schwindelerregenden Summen, die sich mit einem Abschluss in manchen anderen Fachrichtungen verdienen lassen, bereut Nina Selig ihre Entscheidung für die Geisteswissenschaften nicht. Dass ein Studienfach, in dem die meiste Zeit über Form und Inhalt von Filmen oder Fernsehsendungen diskutiert und geforscht wird, wahrscheinlich niemals das große Geld bringen wird, wusste sie auch vorher. Nur um Großverdienerin zu werden, habe sie sich noch lange nicht zwingen lassen wollen, Fächer wie Ingenieurswesen oder gar Wirtschaftswissenschaften zu studieren. "Das wäre zwecklos gewesen, das bin ich einfach nicht." Sie bewirbt sich so optimistisch wie möglich einfach weiter und hofft auf einen schönen Job, vielleicht in der Presseabteilung eines Filmverleihs, bei einer Kulturzeitschrift, oder auch in einem Museum.
In der Freiburger Werbeagentur hätte sie wahrscheinlich auch nicht angefangen, wenn das Gehalt etwas angemessener ausgefallen wäre. Im Vorstellungsgespräch wurde sie tatsächlich mit der Frage konfrontiert, was sie denn tun würde, wenn eine Fee durchs Fenster fliegt, und ihr drei Wünsche anbietet, einen "für die Welt", einen beruflichen und einen privaten.
"Als die Frage kam, hab ich mich auch nicht mehr gewundert, dass die Frau 500 Euro im Monat für ein angemessenes Gehalt hält. Das kann man doch nicht mehr ernst nehmen."
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