Von Konrad Lischka
Seine erste Morddrohung las Sascha Lobo im Februar - und mit ihm das gesamte Publikum seines Weblogs: "Wenn ich einen von euch zu Gesicht bekomme, werden wir Blutpolka tanzen. Step by Step", schrieb jemand unter dem Pseudonym Patrick auf Lobos Internet-Seite. Der 32-jährige Berliner antwortete zwölf Minuten später: "Oh, eine Gewaltandrohung. Die zeugt natürlich von solidem Stand mit beiden Beinen in der Realität."
Lobo ist abgehärtet - er ist einer der meistgelesenen Blogger Deutschlands, da ist man einen rauen Ton gewöhnt. Zum Beispiel: "Mittestricher", "Werbehure", "Strichjunge" - so haben andere Blogger Lobo genannt, als er mit Kollegen den ersten deutschen Blog-Werbevermarkter Adical gründete.
Pöbeleien, Drohungen, Unflätigkeiten - Einzelfälle in Weblogs, aber Einzelfälle, die täglich vorkommen. Der Leipziger Kommunikationsforscher Ansgar Zerfaß hält das für die traurigen Begleiterscheinungen eines ganz normalen Lernprozesses: "Man befreit sich von den sozialen Regeln anderer Kommunikationsformen, ohne dass sich schon neue etabliert haben."
Aber so leicht wie Sascha Lobo schütteln nur wenige Blogger Verwünschungen und Beleidigungen ab. Ein Fall aus den Vereinigten Staaten hat in diesem Frühjahr die Blogosphäre aufgerüttelt. Ende Februar schrieb ein anonymer Kommentator in das Weblog der US-Programmiererin Kathy Sierra: "Verpiss dich, du langweilige Schlampe. Ich hoffe, jemand schneidet dir den Hals auf." Es folgten Vergewaltigungsphantasien, Morddrohungen, Folterszenarien. Sierra gab ihr Blog auf, hält keine Vorträge mehr. Sie sagt: "Was ich erlebt habe, ist nicht so ungewöhnlich, wie viele denken."
Schockiert von diesen Drohungen, forderte Web-Guru Tim O'Reilly einen Verhaltenskodex für Blogger. Sie sollten, meint O'Reilly, "nichtakzeptable" Beiträge zensieren, das Urheberrecht respektieren, anonyme Kommentare prinzipiell verbieten. Sofort brach eine heftige Debatte los. Prominente Blogger kritisierten O'Reillys Vorschläge: Robert Scoble erklärte, der "soziale Druck" zur Anpassung "beunruhige" ihn, IT-Blogger Michael Arrington schrieb, er werde "einen Mob nicht entscheiden lassen, welche Inhalte inakzeptabel sind".
Die Diskussion über Professionalisierung und Selbstregulierung griffen deutsche Blogger im April auf der Berliner Blogger-Konferenz "re:publica" auf. Die meisten waren skeptisch. Selbstbeschränkung? Sascha Lobo formulierte für viele: "Vor die Wahl gestellt, würde ich mich lieber in Blogs wüst beschimpfen lassen, als dass ein Kodex ein eventuell wichtiges Posting verhindert."
O'Reillys Initiative versandete. Kathy Sierra sagt: "Die Debatte hat die Blog-Szene weitergebracht, hat einigen ins Bewusstsein gerufen, was ihr und das Verhalten anderer auslöst, wenn eine Grenze überschritten ist." Doch Sierra ist sich auch sicher: "Eine Selbstregulierung hätte in einem Fall wie meinem nicht geholfen."
Aber was kann man tun? Ignorieren ist nur selten hilfreich. Denn oft vermischen Blogger ihre Attacken mit falschen Tatsachenbehauptungen. So hieß es in Sierras Fall, sie habe "lukrative Beratungsaufträge" und "bezahlte Auftritte" durch ihr Weblog akquiriert. Das sei nicht wahr, sagt sie. Aber steht der Vorwurf einmal im Internet, stoßen noch Jahre später alle Web-Nutzer darauf, die nach einem bestimmten Namen suchen. Kommunikationswissenschaftler Zerfaß nennt dies den "Methusalem-Effekt des Internets".
Doch aus dem Versuch, ein paar Fakten richtigzustellen, wird in Blogs manchmal ganz schnell ein erbitterter Krieg. Da vermischen sich Tatsachen und Behauptungen, da wird aus einer Anmerkung ein Seitenhieb, aus einer Erwähnung eine Beleidigung, und irgendwann weiß niemand mehr so recht, wie das alles angefangen hat.
Wie zwei Blogger sich ineinander verbeißen, zeigt beispielhaft die Fehde zwischen dem Medienjournalisten Peter Turi und dem Buch- und Blog-Autor Rainer Meyer alias Don Alphonso. Sie fallen seit Jahren immer wieder einmal verbal übereinander her, da nennt Meyer Turi einen "Blog-Versager", "Pleitier" und Teil der "Hurnaille". Und Turi bloggt dann manchmal Sätze wie diesen: "Er wäre gern der Pate der Blogs - Don Alphonso. Aber er ist nur Rainer Meyer: großes M* * * und kleine E* * *." Und so weiter. Das schaukelt sich so weit hoch, dass Turi Kommentare in seinem Blog teilweise löscht, weil die anonym von einem Turi-Fan gegen Meyer ausgestoßenen Beleidigungen justitiabel sind.
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