Von Jochen Bölsche
Am Ende verabschiedet Moderator Schradin die ausgeplünderte Rentnerin mit dem Versprechen, der Sender werde zum Trost ein Präsent schicken: "Sie kriegen, damit 's am Kopf nicht so friert, ein Wintermützchen dazu." Und cool geht Schradin mit den Worten "Entweder Sie machen was falsch oder ich" zur nächsten Runde über.
Die von Tag zu Tag anschwellende Kritik im Internet negierte der selbstbewusste Moderator, der seinen Zuschauerinnen Fan-Shirts mit dem Text "Max, ich will ein Kind von dir!!!" offeriert, zunächst ebenso wie sein Sender. Das ändert sich in der Nacht zum 20. November 2006.
Während auf 9Live ein Schriftband "4500 sichere Euro" für die Nennung einer Stadt mit der Endsilbe "-burg" verheißt, macht Schradin einen Konkurrenzsender schlecht, der mit ähnlichen Shows zur Kasse bittet.
"Das ist nicht so wie bei Viva Plus", plaudert er. Dort sei zwar "die ganze Zeit" über "10 000 Euro" zu lesen, sobald aber ein Anrufer in die Sendung durchkomme, "gehen sie runter auf 100 Euro". Schradin: "Die ziehen die Kunden und die Zuschauer aber schön durch die Scheiße, aber ganz schön ... Mann, Mann, Mann ... Wenn ich gelogen habe, schneid ich mir die Zunge ab."
Wie immer verfolgen auch in dieser Nacht Marc Doehler und seine Mitstreiter die Sendung - und freuen sich über den verräterischen Schradin-Ausfall gegen den Mitbewerber. Im Live-Chat tippt einer: "Sollen die sich doch gegenseitig die Köppe einschlagen. Dann brauchen wir uns nicht die Finger schmutzig machen." Die aktuelle 9Live-Sendung, regt ein User an, sei "einen Mitschnitt wert".
Unmittelbar darauf wird offenkundig, dass der Chat der Internet-User bei 9Live mitverfolgt wird. Moderator Max bekommt eine Mitteilung auf seinen Ohrhörer gesprochen, wirkt einen Augenblick lang ratlos - und startet jäh eine Attacke auf Mork und dessen ganz in Grün gehaltene Homepage. Wüst beschimpft er die "Hochverräter und Petzer von ... ähhh ... grüne Seiten ... Call-in-TV, die grünen Gnome".
Wie immer geht Schradins improvisierter Sermon live über den Münchner Sender:
Ihr kleinen Petzliesen habt kein Pimmelwutz. Das muss man an dieser Stelle mal sagen um diese Uhrzeit ... Das sind paar halbkleine Waisenzigeuner, die immer petzen. Mork vom Ork. Der kriegt meine zwei oder drei Privatanwälte heut nacht um 4 Uhr noch auf den Hals gehetzt ... Ich werd das rausfinden, wer Mork vom Ork ist.
Schradin krempelt demonstrativ seine Hemdsärmel hoch und setzt seine Drohungen fort:
Mork vom Ork, von dem lass ich mir nichts erzählen ... Die kriegen Druck von mir.
Vor seinem heimischen Bildschirm bekommt Doehler zunächst "weiche Knie", weil er sich von einem "ganzen Imperium" attackiert sieht - er meint die milliardenschwere ProSiebenSat.1-Gruppe, zu der auch 9Live zählt. Doch nach ein paar Schrecksekunden entschließt er sich, den Kampf fortzusetzen. Als Erstes sichert sich Doehler, von Schradins Schimpfkanonade inspiriert, die einprägsame Web-Adresse gruenegnome.de. Sodann schickt er E-Mails an Funkhäuser und Zeitungsredaktionen, um auf die dubiosen Call-in-Sendungen und auf seine Website hinzuweisen - nicht ohne Erfolg.
Die Presse widmet sich fortan vermehrt den "intelligenzbeleidigenden Fragen, absurden Rätsellösungen und der Taktik, möglichst viele Anrufer nur bis zum kostenpflichtigen Anrufbeantworter durchkommen zu lassen" ("Welt"), während die Zahl der kritischen Beiträge auch im Web zunimmt.
Auf der Homepage der grünen Gnome enthüllen die User immer neue Abzock-Tricks. Und mit exakten Zeitangaben und Videoaufzeichnungen belegen sie eine Vielzahl von Verstößen gegen Auflagen, mit denen die Landesmedienanstalten die Verbraucher schützen sollen.
Denn immer wieder und offenbar bewusst missachten Programmverantwortliche die einschlägigen Vorgaben: Nach den offiziellen Regeln müssten Jugendliche eigentlich per Ansage und Einblendung regelmäßig darauf hingewiesen werden, dass Mitspielen ihnen nicht erlaubt ist; die Teilnehmer dürfen auch nicht durch unsinnige Countdowns unter Zeitdruck gesetzt oder über ihre Gewinnchancen und die Spieldauer getäuscht werden; nach jedem Spiel muss die Lösung aufgezeigt werden - und und und.
Die vom 9Live-Moderator vollmundig angekündigten rechtlichen Schritte gegen die grünen Gnome aber bleiben aus. Womöglich fürchtet der Sender, mit einem spektakulären Prozess allzu viel Aufmerksamkeit auf sein Treiben zu lenken.
Stattdessen begnügt Schradin sich damit, in seinen Sendungen den "lieben Freunden der grünen Verbrecherseite" immer mal wieder zu drohen ("Ich krieg euch alle") oder sie zur Abwechslung derb zu beschimpfen oder lächerlich zu machen.
Doehler und seine Mitstreiter - einige der fleißigsten User nennen sich "Glowing Heart", "Der Friese", "Krümelkeks" und "Erpel" - schneiden fleißig mit, was Schradin so alles über sie erzählt, wenn es gilt, die langen, profitablen Durchstellpausen zu füllen, in denen kein Anruf ins Studio gelangt. Originalton Schradin:
Mork vom Ork ist quasi mit mir verheiratet ... Das war die erste Schwulenhochzeit in Deutschland ... Glowing, ich liebe dich ... Der Friese ist nicht abgeneigt, mit mir 'ne Nacht zu verbringen ... Krümelkeks ist ja ein Hardcorefan von mir ... Erpel würde mich gern küssen, während ich auf dem Rücken liege ... Ich hab 'n Erpel in der Hose. Ich knie doch nicht vor Erpel nieder ...
Das Gnomenvolk indes lässt sich nicht davon abhalten, weiterhin Regelverstöße aufzuzeichnen und die Mitschnitte auf Video-Plattformen wie YouTube oder MyVideo hochzuladen und damit der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Kaum Hoffnung setzen die Call-in-Kritiker in die 15 öffentlich-rechtlichen Landesmedienanstalten, denen es obliegt, die Einhaltung von Gewinnspielregeln zu überwachen. Beschwerden etwa bei der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM) blieben oft "monatelang unbeantwortet", klagte Doehler im Frühjahr. Kein Wunder: Die BLM ist rechtlich Veranstalter der von ihr lizenzierten Sender. "In Bayern richtet der Täter also über sich selber", empört sich User "Cato" im Web.
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