Von Jochen Bölsche
Sachkenner wie der Medienwissenschaftler Hans J. Kleinsteuber urteilen ähnlich. Die meisten Landesmedienanstalten (LMA), üppig finanziert aus GEZ-Gebühren, sind seiner Ansicht nach "Papiertiger", die ihre Sanktionsmöglichkeiten kaum nutzten und daher "von der Industrie ganz häufig nicht ernst genommen" würden - mit der Folge, dass die Medienwirtschaft "die gesetzten Rahmenbedingungen nicht einhält".
Ursache sei das Selbstverständnis der LMA: Sie sähen sich nicht nur als Kontrolleure, sondern zugleich als "Interessenvertretung der Klientel, die sie beaufsichtigen und regulieren", und zuständig "für das Wohlergehen dieser Industrie". Kleinsteuber: "Diese Doppelfunktion kann man nicht wirklich und glaubwürdig ausführen."
Insbesondere im Süden der Republik, wo sich die Abkassiersender konzentrieren, hätten die Medienaufseher den "Missbrauch dieses Massenmediums" lange Zeit durchgehen lassen, klagte Kleinsteuber im ARD-Medienmagazin "Zapp". Mittlerweile seien die Auswüchse des Privat-TV offenbar als eine "neue, etablierte Finanzquelle akzeptiert".
So werden empörte Gnome wohl vorerst weiter vergebens auf ein Eingreifen der LMA hoffen - wie jener User, der in seine Tastatur die Frage hämmerte: "WANN, WANN, WANN, WANN, WANN, WANN, wenn nicht JETZT ... werden diese Sesselfurzer endlich mal tätig? Muss man sie etwa aus ihren Büros prügeln?"
Der Mann, der sich Mork vom Ork nennt, setzt eher auf die Politik. Ermutigend wirken Entwicklungen in Großbritannien, wo das Unterhaus sich im März mit den Methoden dreier Abzock-Sender befasste, und in den Niederlanden, wo das Justizministerium gegen die Anbieter von Telefonspielen Anzeige erstattete. Mit einer Eingabe an den Petitionsausschuss des Bundestages und mit einem Gesetzentwurf zur Regulierung von Gewinnspielen wollen er und seine Mitstreiter darauf hinwirken, dass die laschen LMA-Regeln durch ein wirksames Paragrafenwerk ersetzt werden.
Zuversicht schöpft Doehler, seit sich bei 9Live die PR-Pannen häufen. Nicht nur, dass im ARD-Magazin "Plusminus" ehemalige Mitarbeiter des Call-in-Senders schwere Betrugsvorwürfe erhoben, die starken Widerhall in der Presse fanden. Darüber hinaus stärkten zweimal binnen weniger Wochen mitgeschnittene Moderatorenäußerungen den Verdacht, nicht ein Zufallsgenerator, sondern der Redakteur entscheide bei "Hot-Button-Spielen" darüber, wann ein Anrufer in die Sendung durchgestellt werde - nämlich erst dann, wenn die Anruf-Spitzenwerte ("peaks") wieder sinken.
Wie ein Doehler-Video belegt, sagt Moderator Schradin am 28. April, während er offenbar das Mikro ausgeschaltet ("unten") wähnt: "Bin ich unten? ... So jetzt pass mal auf, wenn du jetzt zuschlagen lässt, nääh, dann musst du in ..."
Ebenfalls vermutlich aufgrund einer Tonpanne ist am 13. Mai ein Satzfetzen von Schradin-Kollegin Alida Lauenstein zu vernehmen: "... noch ein bisschen mitzunehmen. Lasst das doch Max übernehmen. Bei solchen Peaks schlagt doch später zu."
Als immer mehr Medien das Thema aufgreifen, startet 9Live eine "Gegenoffensive" nach Art des Hauses. Der Sender streut: "Bei 9Live sind die Spiele transparent, fair und verständlich." Moderator Robin Bade nennt unterdessen die Kritiker in einem Live-Auftritt "Vollidioten": "Auf den Hot Button hat niemand Einfluss. Und wer das behauptet, der lügt und hat keine Ahnung."
Dass der Redakteur möglicherweise sehr wohl Einfluss auf den roten Knopf hat, geht ausgerechnet aus einer entlastend gemeinten Erklärung der BLM hervor, die, selbst unter massivem Mediendruck, unverzüglich den Lauenstein-Vorfall untersucht. Fazit: "Da nach den Äußerungen der Moderatorin, den Hot Button nicht auszulösen, kurze Zeit später eine Anruferin in die Sendung gestellt wurde, muss die Landeszentrale davon ausgehen, dass der Redakteur die Entscheidung über die Aktivierung des Zufallsmechanismus eigenverantwortlich getroffen hat und insoweit kein Verstoß gegen die Gewinnspielrichtlinien vorliegt."
Zugleich aber gesteht BLM-Präsident Wolf-Dieter Ring, dass er gegenüber dem Sender "keine Steuerungsmöglichkeit" habe: "Es gibt keine gesetzliche Richtlinienbefugnis, und es gibt keinen Ordnungswidrigkeiten-Tatbestand, der bei Verstößen greifen kann."
Ähnlich wie Mork vom Ork ruft nun auch Ring nach schärferen Paragrafen: "Der aktuelle Fall bei 9Live sollte Anlass sein, die Weiterentwicklung der Regeln zügig voranzutreiben und vor allem die Landesmedienanstalten mit wirksamen aufsichtrechtlichen Befugnissen auszustatten."
Nach solchen Zwischenerfolgen will Doehler, der zeitweise schon zu resignieren schien, seinen Kampf fortsetzen - ganz im Sinne des Titels der letzten Folge der TV-Serie von einst: "Mork macht weiter."
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Netzwelt | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Web | RSS |
© SPIEGEL special 3/2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH