Von Thomas Darnstädt
Farmer Tinie Causby aus North Carolina hatte im Jahr 1945 den Verlust einiger Hühner zu beklagen. Tiefflieger der U. S. Air Force über der Ranch der Causbys hatten die Tiere so verängstigt, dass sie, wie der Sheriff später feststellte, gegen die Scheunenwand flogen und beim Aufprall starben.
Tinie Causby verklagte die Vereinigten Staaten, und zwar mit Recht. Das Grundeigentum der Farmer in den USA umfasste traditionell nicht nur den Boden unter der Immobilie, sondern auch die Luft darüber. Wie weit nach oben, ob bis zu den Sternen, darüber allerdings stritten die Rechtsgelehrten noch. Doch bis in Flughöhe war die Sache klar: Der Überflug der Air Force, keine Frage, war demnach Hausfriedensbruch.
Der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten nahm sich der Sache an. Es sei, erkannte der weise Richter Douglas, "eine alte Lehrmeinung, dass gesetzmäßiger Grundbesitz bis an den Rand des Universums reicht". Causby könne seine Klage gleichwohl nicht gewinnen: "Der gesunde Menschenverstand revoltiert bei dem Gedanken."
Das hochreichende Recht auf Eigentum, erkannte der Jurist, stamme aus den Zeiten, als die Menschen noch nicht glaubten, dass sie fliegen können. Würde man es weiter gelten lassen, müsste der Sheriff alle Flugzeuge wegen Hausfriedensbruchs verhaften. Der weise Richter Douglas und der schrullige Farmer Causby: Die Anekdote aus dem vorigen Jahrhundert begeistert die Netzwelt. Lawrence Lessig, streitbarer Rechtsprofessor von der Stanford-Universität, hat die Geschichte ausgegraben, um seinen Jüngern und seinen Gegnern zu erklären, wie es funktioniert, wenn der Fortschritt und das Recht zusammenstoßen. Das Recht muss weichen.
Das Recht muss dem Fortschritt weichen: Dies ist die griffige Formel einer online und offline um sich greifenden Rebellion. Software-Entwickler und Hacker, Musik-Fans und Künstler, Juristen und Wissenschaftler machen mobil gegen das Urheberrecht.
Die Causbys, das sind die anderen: die Verleger, die Musikproduzenten, die Multis, die unter Berufung auf ihre angestammten Rechte an den Ideen und der Musik und dem Wissen sich dem Fortschritt entgegenstemmen, der sich global im Netz manifestiert. "Die Causbys konnten sich auf ihre Farmen stellen, tote Hühner in der Hand, und ihre Fäuste gegen diese neumodischen Techniken schwingen, so viel sie auch wollten", tönt der Wortführer Lessig, "gegen einen offensichtlichen Gemeinnutz hatte ihr Privatinteresse keine Chance."
Hohe Töne, als würde mit der Freiheit im Internet der Traum vom Fliegen ein zweites Mal durchgekämpft: Die Befreiung von der Erdenschwere des "geistigen Eigentums" bedeutet nicht nur die Legalisierung von Tauschbörsen und die Öffnung der Software-Quellcodes. Die große Idee: grenzenlose Freiheit im Netz, Freiheit schlechthin.
Irgendwie "kommunistisch" klinge das, hieß es kürzlich in einem Vortrag aus der Microsoft-Zentrale. Soll es ja auch: Der weltgrößte Software-Multi gilt den Kritikern als Beispiel, wie sich wenige Kapitalisten die Produktionsmittel der Wissensgesellschaft unter dem Schutz des Urheberrechts angeeignet haben und nun die Geistesproletarier erbarmungslos ausbeuten.
Das Netz hat das Recht des Wissenskapitalismus fragwürdig gemacht. "Man muss blind sein, um nicht zu merken, dass die Tage des Urheberrechts gezählt sind", sagt der niederländische Kunstökonom Joost Smiers. Das "Urheberrecht war ein Geschäftsmodell für eine kurze Spanne des 20. Jahrhunderts", tönt Rasmus Fleischer, der Mitbegründer einer der größten Tauschbörsen in Schweden.
Dass mit dem überkommenen Geschäftsmodell irgendetwas nicht mehr stimmt, wurde allen Beteiligten deutlich, als im Mai 2000 der Schlagzeuger der Hardrockband Metallica mit einem Lastwagen vor dem Firmensitz der Napster-Tauschbörse im kalifornischen San Mateo vorfuhr und medienwirksam begann, 13 Kisten abzuladen. In den Kisten waren Ausdrucke von 317.377 Napster-Nutzernamen. All diese Kunden, klagten die Hardrocker, hätten Metallica-Songs über Napster angeboten. Man solle ihnen das verbieten.
Napster sperrte tatsächlich allen 317.377 Usern den Zugang, natürlich erfolglos, weil die Anbieter sich gleich darauf wieder unter neuem Namen anmelden konnten.
Der Rest ist bekannt, Napster wurde vorerst verboten, doch das Ringen zwischen der Musikindustrie und dem tausendköpfigen Ungeheuer des File-Sharing ging erst richtig los. Irgendwie, das wird seitdem immer deutlicher, ist das Urheberrecht tatsächlich kein adäquates Mittel mehr, das geistige Eigentum vor der Netz-Community in Schutz zu nehmen.
In allen Ländern der Welt bessern die Gesetzgeber ständig nach. Zwei Urheberrechtsnovellen mussten die Deutschen unter dem Druck Brüsseler Vorgaben ins Werk setzen, die von der Musikindustrie verdammten Downloads zu bekämpfen. Jedes Angebot und praktisch auch jeder Konsum von Musik im Netz außerhalb der kommerziellen lizenzierten Marktplätze wie iTunes ist verboten und kann verfolgt werden.
Ist nun Ruhe im Kasten? Überhaupt nicht. Der Tausch geht weltweit fast unvermindert weiter, die CD-Verkäufe der Musikindustrie sacken weiter ab. Das Internet scheint resistent gegen Recht.
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Schon toll wie weit das geht wenn man einen Drucker/Scanner/Brenner/Rolings/Kopierer kauft ist im preis ein gewisser anteil der an die arme industrie geht weil man KÖNNTE VIELLEICHT damit ja was kopieren da ticken die [...] mehr...
Wenn wir das nicht ändern, blechen wir weiter... für GEMA, GEZ, PC-Nutzung, Scanner, DRM, Rohlinge, usw. doppelt und dreifach. Die Umsetzung Ihres Vorschlags, würde endlich Rechtsicherheit bringen, ansonsten hat man beim jedem [...] mehr...
Man könnte ja mal die Grundmechanismen des Patentrechtes in den Urheberrechtsbereich übertragen - zwingende Erschöpfung nach 20 Jahren (eher noch weniger, mE) und saftige Jahresgebühr zur Aufrechterhaltung des Anspruches [...] mehr...
Das war Mittel- bis Langfristig seit Anbeginn der Zivilisation so. Ein Recht das die Bevölkerung nicht anerkennt und das der Staat nicht gegen diese durchsetzen kann, das verschwindet eher früher als später. Tja, was man [...] mehr...
Schwieriges Thema bei solchen Medien. Ich find es teilweise traurig welche Ausmaße das ganze angenommen hat. Es werden Filme/Alben vor den Releases im Internet angeboten, woher auch immer. Die Leute "leben" für den [...] mehr...
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