Von Thomas Darnstädt
Auch das Recht ist ein Code, und da der ehemalige MIT-Mann schon mal dabei war, tüftelte er auch am Urheberrecht herum. So erfand der Wortspieler "Copyleft", eine Umkehrung des "Copyright", Copyleft, "all rights reversed".
Alles andersrum. Stallman stattete die von ihm entwickelte Software mit einer "General Public License" aus, einer Lizenz zum freien Gebrauch. Wesentliche Bedingung, die der Urheber Stallman seinem geistigen Eigentum mit auf die Reise gab: dass jeder, der es benutzt oder verändert, es frei weitergibt. Raffiniert - damit war eine kommerzielle Nutzung seiner Erfindung uninteressant.
Die Frage, warum macht der das?, beantwortet der Erfinder Stallman gern: "Um die Gesellschaft zu befreien." Software sei "matter of freedom, not price".
"Information wants to be free": Zum Beleg für seine These, dass das Urheberrecht die Kultur lähme, führt Stanford-Professor Lessig die Geschichte der Hollywood-Industrie an: "Das waren Piraten auf der Flucht." Tatsächlich flohen Anfang des vorigen Jahrhunderts die Produzenten von der Ostküste nach Los Angeles, weil sie dort der Reichweite des geldgierigen Thomas Edison entkamen. Edison, der Erfinder des Kinematografen, verlangte hohe Urheberrechtsabgaben von den Filmemachern, die seine Patente nachbauten.
Die globale Befreiungsbewegung gegen das geistige Eigentum kann sich immerhin auf den US-Verfassungsvater Thomas Jefferson berufen. Der hatte ohne Ahnung vom Internet statuiert, dass es geistiges Eigentum nicht geben könne. Sobald eine Idee ausgesprochen sei, sei sie frei, denn: "Wer eine Idee von mir empfängt, mehrt dadurch sein Wissen, ohne meines zu mindern, ebenso wie derjenige, der seine Kerze an meiner entzündet, dadurch Licht empfängt, ohne mich der Dunkelheit auszusetzen."
Das lässt sich eins zu eins auf jeden Download anwenden. Und getreu dem großen Jefferson bestreiten selbst Juristen die griffige Behauptung der CD-Lobby, "Download ist Diebstahl". Wieso? Was kommt denn weg?
Doch dass die Jefferson-Sentenz so gut zur Gratis-Kultur des Internets passt, heißt noch nicht, dass er recht hat. Wäre es nicht möglich, die Verbreitung von Ideen kostenpflichtig zu machen, gäbe es den Beruf der Kreativen nicht. Die Farmer und Siedler des jungen Amerika mag das nicht besonders bekümmert haben. Aber nicht umsonst waren die Hollywood-Piraten anschließend die stursten Verteidiger des Urheberrechts - ihres Urheberrechts.
Diese Doppelmoral zeichnet das Urheberrecht seit seiner Erfindung aus. Als 1710 das britische Parlament mit dem "Statute of Anne" das erste Copyright-Gesetz beschloss, war dies als ein Akt der Befreiung von den strengen Zensurvorschriften der Obrigkeit gedacht: Der Geist sollte künftig frei im British Empire fluktuieren können. Damit das mit Verstand geschah, sollten die Sachwalter des Geistes, die Drucker, durch rechtliches Privileg vor Abkupferern geschützt werden.
Typisch für dieses frühliberale Marktmodell des freien Geistes war freilich, dass die freien Geister selbst zum Randprodukt der Druckindustrie degradiert wurden. Der Schreiberling der stolzen Druckwerke spielte im Zweifelsfall nur als Zeuge eine Rolle: Aufs Copyright konnten sich nur die Drucker berufen, die nachweisen konnten, ein Manuskript als Erste, also direkt vom Schöpfer, in die Hand bekommen zu haben. Klar, dass man dem nützlichen Manuskriptlieferanten dafür ein Bakschisch zusteckte, das Honorar eben.
Im Prinzip ist es ja so geblieben, im Urheberrecht. Zwar haben später die Kontinentaleuropäer dem Urheberrecht des Marktes ein "Urheberpersönlichkeitsrecht" hinzugefügt. Doch das war reine Kosmetik. Das Urheberpersönlichkeitsrecht ermächtigt heute Architekten, ihre Geistesblitze an deutschen Hauptstadtbahnhöfen gegen jede wirtschaftliche Vernunft durchzusetzen. Doch kaufen können sie sich davon nichts.
Das Recht des freien Geistes ist in Wahrheit das Recht eines Milliardenmarktes, den wenige Global Player der Ideenverwertung unter sich aufgeteilt haben. Das ist nicht erst so, seit es das Internet gibt. Aber das Internet hat unter den Zukurzgekommenen dieser Lösung die Idee wachsen lassen, dass es auch anders gehen könnte.
Die Frage ist, wie. Irgendwie müssen auch die Rebellen erklären, wie sie künftig alle satt bekommen wollen: die Künstler, die Musiker und die Autoren. Nicht ohne Häme weisen die Bewahrer des Urheberrechts darauf hin, dass die Wortführer gegen das geistige Eigentum, heißen sie Stallman oder Lessig, ihre Ideen in der warmen Stube öffentlich finanzierter Universitätsinstitute hatten.
Tatsächlich hat die Free-Culture-Bewegung Modelle für die Finanzierung der zweiten Generation des Urheberrechts entwickelt, die zum Teil schon funktionieren. In den USA und Europa sind Unternehmen erfolgreich, die Arbeitsplätze für Free-Software-Entwickler schaffen - indem sie Serviceprodukte für ihre Gratisware teuer vermarkten. Support etwa für die eigenmächtige Weiterentwicklung von Open-Source-Ware ist eine hochbezahlte Dienstleistung. Eine ganze Industrie ist mittlerweile damit beschäftigt, teure Plattformen für Firmen zu entwickeln, die sich mitgelieferte Free Software für ihre Zwecke umbauen wollen.
Auf das File-Sharing, die Hauptbedrohung des Urheberrechts, lässt sich dieses Modell nicht so einfach übertragen. Leute wie Lessig diskutieren stattdessen über Abgabensysteme, die deutsche User unheilvoll an die Rundfunkgebühren erinnern: Alle Internet-Benutzer zahlen ein monatliches Sümmchen in einen großen Urhebertopf. Dessen Inhalt wird nach Quoten an die Künstler verteilt. Die Quoten wiederum werden nach der - elektronisch zu kontrollierenden - Zahl der Downloads ermittelt.
Die Rebellen hoffen jedoch, dass sich das Problem der Finanzierung von Downloads demnächst von selbst erübrigt. Schon bald, ahnt der Urheberrechtsstratege Lessig, werde der Zugriff auf Informationen und Musik via Internet so einfach und so schnell sein, dass niemand mehr auf die Idee komme, sich Liedgut oder Texte oder Filme herunterzuladen und in eigenen Dateien zu speichern. Bücher, Schallplatten, CDs, Tauschbörsen: Das alles kann man vergessen. Du wirst schon sehen, Amazon.
Bis es so weit ist, werden allerdings weiter mit großer Datenbandbreite ausgerüstete Internet-Detektive durchs Netz surfen, um Akten über Oberschüler anzulegen, die das Urheberrecht mit ihrer Maus verletzen. Ein solches Detektivunternehmen in Hamburg beschäftigt für den Spürdienst am Urheberrecht besonders preisgünstige Mitarbeiter: Musiker, die dringend ein bisschen Geld brauchen.
© SPIEGEL special 3/2007
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