Von Reinhard Mohr
Das änderte sich erst, als die Kommune in Serienproduktion ging und die sich radikalisierende Revolte auch die Umgangsformen erreichte, kurz: als Tausende von Wohngemeinschaften entstanden und mit ihnen eine ganze Subkultur aus Kneipen, alternativen Zeitungen, "selbstbestimmten" Läden und Werkstätten. In 68er-Hochburgen wie Berlin, Frankfurt, Hamburg oder Köln bildete sich eine politischsoziale "Szene" heraus, in der manch einer jahrelang fast seinen gesamten Lebensalltag gestalten konnte, ohne mit der normalen Welt "draußen" wirklich in Berührung zu kommen.
Verwandtschaft und Familie, Mütter, Väter, Onkel und Tanten waren in den siebziger Jahren für viele nur noch ferne Planeten eines anderen Sonnensystems, die so gut wie nichts mit den eigenen Wünschen und Hoffnungen zu tun hatten.
"Familie, das wusste Joe, war ein sozialer Zustand, in den er auf keinen Fall wieder zurückwollte, niemals." So skizziert Matthias Horx, Publizist und ehemaliger Redakteur des links-alternativen Zeitschrift "Pflasterstrand", seinen halbfiktiven Helden in dem Buchessay "Aufstand im Schlaraffenland: "Und bis heute achtet er eisern darauf, dass sich in seine Frauenverhältnisse nichts Familiäres einnistet", und dass "sein Verhältnis zu seinen Eltern, das sich ein Jahrzehnt nach den Höhepunkten der Revolte langsam wieder zu normalisieren begann, immer eine vernünftige Distanz behielt".
Bis in die Wortwahl hinein machten sich die Veränderungen bemerkbar. Eltern wurden in den antiautoritären Kinderläden zu "Bezugspersonen", statt Papa und Mama riefen viele Kinder ihre Altvorderen fortan beim Vornamen. Bloß keine "Fixierung" auf die klassischen Autoritätspersonen. Am wichtigsten waren sowieso die "Erzieher" respektive die "Erzieherinnen" als Lehrmeister des kollektiven Lebens jenseits der patriarchalisch dominierten Kleinfamilie.
Es war die hohe Zeit der "Beziehungskiste", ein euphemistischer Begriff, der suggerierte, dass auch die intensivste "Zweierbeziehung" (ein weiteres Schlüsselwort der Zeit) noch Lichtjahre von Ehe und Familie entfernt war. Stattdessen: das Leben als Laboratorium, als ewiges Experiment.
Bei alldem fiel den Beteiligten gar nicht auf, dass Wohngemeinschaft und linke Szene längst eine einzige große Ersatzfamilie geworden waren.
Im Laufe der achtziger Jahre, als die Szene zerfiel und mit ihr auch viele soziale Bindungen, stellte sich heraus, dass nun prinzipiell alles möglich war: Weiterhin gab es Wohngemeinschaften, meist ohne das Chaos früherer Tage. Gleichzeitig aber kehrte auch die alte Sehnsucht nach Sicherheit und Geborgenheit zurück, nach dem kleinen großen Glück. Ehe und Familie wurden wieder salonfähig, auch wenn manche Hochzeitsfeier noch die Unsicherheit eines Tabubruchs widerspiegelte: Darf man das - heiraten? Gar noch vor dem Traualtar? Auch wenn auf den Feiern nun statt Hochzeitswalzer die Rolling Stones gespielt wurden, ein letztes Unbehagen blieb, nicht zuletzt bei jenen Zaungästen, die sich unversehens in der "Ein-Mann-Kommune" wiederfanden: "Singles", wie sie bald genannt wurden.
In Großstädten wie Berlin, Hamburg und München stellt diese Spezies statistisch inzwischen schon die Mehrheit aller Haushalte, während die ersten unter den Alt-68ern ein großangelegtes Comeback anpeilen: die selbstbestimmte Rentner- und Senioren-WG. Anything goes.
Ehe mit Kindern oder ohne, Singles, Paare in verschiedensten Kombinationen - ein ganzes Panorama von Lebensmodellen hat sich entfaltet, das auf keinen gemeinsamen Nenner mehr zu bringen ist. Zur populär-soziologischen Charakterisierung dieser neuen familiären Unübersichtlichkeit hat sich das englische Wort "Patchwork" eingebürgert.
Bis heute zehrt der deutsche Fernsehfilm von den unendlichen dramaturgischen Gestaltungsmöglichkeiten zwischen alleinerziehender junger Mutter, schwulem Nachbarpärchen und dem zweifach geschiedenen Vater dreier Töchter, der sein erzwungenes Single-Dasein beenden will.
Sind nun an diesem ganzen Schlamassel die 68er schuld?
Vom Eva-Prinzip her gesehen vielleicht.
In Wahrheit ist die Antwort ganz einfach. Und hochkompliziert: Wir sind heute viel freier als vor 50 Jahren. Aber mit der Freiheit, das wissen nicht nur die alten Philosophen, fangen die Probleme erst richtig an.
Weitere Geschichten zum Thema finden Sie im aktuellen SPIEGEL SPECIAL "Sehnsucht nach Familie". Es analysiert den familiären Alltag und stellt neue Konzepte vor, wie sich Erziehung und Karriere vereinbaren lassen oder Jung und Alt gemeinsam wohnen können.
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