Von Rafaela von Bredow
Jeder, der die Wucht der Wissenschaft ausnutzt, um dem Publikum immer wieder die Stereotype in die Köpfe zu hämmern, trägt dazu bei, dass diese zur selbsterfüllenden Prophezeiung werden. Denn die Klischees verändern die Welt in ihrem Sinne. Wie Viren in Zellen nisten sie sich ein in den Köpfen und veranlassen ihre Opfer dazu, sich dem Stereotyp entsprechend zu verhalten.
So werden die Stereotype selbst die Ursache für stereotypes Verhalten der Geschlechter. Will heißen: Wenn Frauen auf der Venus sind und Männer auf dem Mars, dann deswegen, weil sie denken, Frauen gehörten auf die Venus und Männer auf den Mars.
Dafür gibt es Belege: Besonders interessant ist die Reaktion von Männern, die glauben, sie hätten gerade eine ordentliche Portion Testosteron verabreicht bekommen. Tatsächlich aber wirkt in ihrem Hirn ein Placebo. Es verwandelt sie in reizbare Stiere. So verleiht das Märchen vom Wutpotential des Testosterons dem Hormon erst das Wutpotential.
Auch trumpfen Männer bei Aufgaben so richtig auf, die ihnen zuvor als klassische Kerledomäne verkauft wurden. Umgekehrt schneiden Frauen plötzlich besser ab bei Mathe-Aufgaben, wenn man sie im Glauben lässt, einfach nur ein Problem zu lösen - dass es ein im Grunde mathematisches war, blieb ihnen verborgen.
Mädels schneiden in Mathe erst nach der Pubertät schlechter ab
Es reicht, Probandinnen einen kleinen Text über die genetisch bedingte Rechenschwäche beim weiblichen Geschlecht zum Lesen zu geben. Schon lösen die Frauen Mathe-Aufgaben deutlich schlechter als Geschlechtsgenossinnen, denen ein anderer Text mitgeteilt hat, soziale Prägung habe ihnen ein mangelndes Rechentalent beschert.
Mädels schneiden im Fach Mathematik tatsächlich schlechter ab als Jungs. Aber deutlich tun sie das erst ab der Pubertät. Wie kann es dann angeboren sein? Liegt es nicht eher daran, dass zu diesem Zeitpunkt der Entwicklung die Macht der Stereotype so richtig zuschlägt; weil Mädchen dann erst so richtig danach streben, für sich als wahres Weib zu werben? Welcher Junge verknallt sich schon in das kleine Fräulein Einstein der Klasse?
Doch die Erklärung, soziale Prägung dirigiere die Geschlechter, gilt als hoffnungslos gestrig, verstaubter feministischer Ideologie entsprungen. Anscheinend gefällt die Idee besser, dass einer jeden Frau Leben in den hormondiktierten Rhythmen von Menses, Mutterschaft und Menopause getaktet sei: Die taffe Investmentbankerin, Frauen wie Angela Merkel oder Hillary Clinton werden nicht akzeptiert als Gegenbeweis. Lieber lässt man sie gelten als Ausnahme von der Regel, als Variante wider die Natur.
Naturgegebene, mehr oder weniger unkontrollierbare Schübe von Testosteron müssten es dann auch sein, die Männer in die Rolle von Kriegsverbrechern oder Hooligans zwingen. Die sie - hormongegebenermaßen - gleichzeitig zu potentiellen Physikgenies, Diktatoren oder Meisterköchen befähigen. Und die das "Wickelvolontariat" im Rahmen des Elternjahres als Anschlag wider die Männlichkeit entlarven.
Gern begründen Soziobiologen die Rollenverteilung der Geschlechter mit uralter Steinzeitbiologie. So werfen ihnen zufolge Kerle die Darts öfter ins Schwarze als ihre Frauen, weil sie das in Jahrtausenden als fleischbeschaffende Mammutjäger trainiert haben, bis es festsaß in ihren Genen. Daher auch die angebliche Wortkargheit des männlichen Geschlechts: Schwatzenden Speerträgern entwischt die Beute.
Der paläolithische Weiberclub dagegen sammelte Wurzeln und kleine, fragile Beeren. So erwarben die Damen das Fingerspitzengefühl, das sie heute noch zum Zwiebelhacken und zum Ostereiermalen mit den Kindern befähigt. Außerdem ernteten die Steinzeitladys nah der heimischen Höhle - wer hätte sonst auf die Kleinen aufgepasst? Daher können sie heute weder einparken noch Karten lesen, geschweige denn einen A 380 durch die Winde steuern.
Frauen jagten wahrscheinlich mit in paläolithischen Tagen
Inzwischen ist bekannt, dass diese Theorien größtenteils der Phantasie entspringen. Es gibt im Gegenteil gute Belege dafür, dass die Frauen mitgejagt haben damals in paläolithischen Tagen.
Wenn aber auch die Soziobiologie nichts hergibt, was die angeblich festverdrahteten Unterschiede zwischen den Geschlechtern erklären könnte, wenn auch der Höhlenmann und sein felleschabendes Weib bis auf Geburt und Stillen ähnliche Aufgaben zu bewältigen hatten, wackelt die ganze These. Es ist dann nicht mehr so leicht zu erklären, warum das Gehirn sich überhaupt großartig unterscheiden sollte. Und schon gar nicht, warum sich dies ausgerechnet in aggressive, sexhungrige Männlichkeit und treue, geschwätzige Weiblichkeit übersetzen sollte.
Zumal Neuroforscher schon lange wissen, dass man sich das Gehirn keineswegs als eine fertige Maschine vorzustellen hat, deren Kolben und Rädchen in voreingestellten Bahnen laufen. Das Denkorgan ist vor allem eines: plastisch. Muss es auch sein, denn anders als andere Tiere gestaltet der Mensch durch Kultur selbst seine Lebenswelt. Genau in dieser Veränderlichkeit des Hirns, meint Neuropsychologe Jäncke, bestehe die spezifische evolutionäre Strategie des Homo sapiens. "Das ist die natürliche Grundkonzeption des Menschen."
Ebenso wenig unterwerfen die Hormone Leib und Geist einem absoluten Männlichkeits- oder Weiblichkeitsdiktat. Sie diktieren anscheinend nur noch elementare Fruchtbarkeitsprozesse, ansonsten nutzt der Körper sie wie ein Dirigent Hände und Taktstock, um das Gehirn immer wieder in neuen Symphonien zum Klingen zu bringen - seine Partituren schreibt es sich selbst.
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