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26.02.2008
 

Liebe, Lust & Rollenspiele

Das gewollte Klischee

Von Rafaela von Bredow

3. Teil: Die soziale Prägung macht den Mann zum Mann


Adam und Eva sind einen weiten Weg gegangen: vom instinktgesteuerten Säugetier zu den Kulturgeschöpfen, zu den Intelligenzbestien, als die sie sich heute beweisen. Dennoch zitieren die Biologisten als Beleg gegen die These vom sozial geprägten Geschlecht reflexhaft den Fall des Bruce, später David Reimer aus Kanada, dessen Glied bei einer Beschneidung im Säuglingsalter verstümmelt wurde. Die Eltern ließen den Kleinen daraufhin auf Rat des Psychologen John Money hin komplett umoperieren und zogen ihn als Mädchen groß.

Angeblich war "Brenda" zufrieden damit; später aber schrieb er, der sich dann David nannte, mit 13 schon sei er todunglücklich, gar lebensmüde gewesen. Als junger Erwachsener unterzog er sich dann einer Behandlung, die ihn wieder zum Mann machen sollte. Mit 38 brachte er sich um.

Aber niemand erwähnt, dass Bruce die ersten sieben Monate seines Lebens, bis zu jener fatalen Beschneidung, durchaus als Junge großgezogen wurde, gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder Brian. Bis zur endgültigen OP vergingen noch mal zehn Monate. Haben seine Eltern den kleinen Kerl in dieser Zeit als Jungen betrachtet? Wie sind sie mit ihm umgegangen? Wie entspannt mögen sie mit seiner Geschlechtlichkeit umgegangen sein - jedes Mal, wenn sie beim Wickeln das verletzte kleine Genital sahen? Wie überzeugend ist es Bruce' Familie dann gelungen, ihn später als Brenda zu behandeln?

Entwicklungspsychologen wissen, wie tief die ersten anderthalb Jahre des Lebens einen Menschen prägen. Ohne die gewalttätige Geschlechtsumwandlung rechtfertigen zu wollen, müsste es demnach erlaubt sein zu fragen, ob tatsächlich die Natur durchbrach, als Reimer wieder Mann sein wollte - oder sich hier die tiefe, frühangelegte Fragilität seiner Geschlechtsidentität zeigte.

Mario Barth wird nicht verschwinden

Im Übrigen: Ist es nicht eine gute Nachricht aus den Labors der Hirnforscher, dass vor allem soziale Prägung den Menschen zum Mann macht oder zur Frau? Wer ist schon gern fremdgesteuert? Gegen die Natur lässt sich schwerlich angehen, aber gegen Stereotype schon - der Weg wäre frei, die tatsächlichen Ursachen der zementierten Rollenverteilung der Geschlechter zu klären. Dann kann sich jeder entscheiden: Wenn die biologische Bestimmung der Geschlechter entlarvt ist als mottenzerfressenes Stereotyp, will man den Mädels immer noch bis ultimo eintrichtern, dass ihre Puppenspiele im Kindergarten sie zu einem Leben fern jedes Physiklehrstuhls oder Managerpostens verdammten? Oder will man nicht lieber, im Gegenteil, die Kinder ermutigen, alles werden zu können?

Die gute Nachricht ist: Die Macht der Stereotype lässt sich brechen, sobald man sich ihrer bewusst ist. Nachdem in Amerika ein Preis für Pionierleistungen in der Wissenschaft nur an Männer vergeben worden war, änderten die Spender die Bedingungen für die Vergabe. Gezielt ermutigten sie Frauen, Anforderungen wie "höchst risikofreudig" strichen sie aus dem Auslobungstext, die Jury besetzten sie paritätisch. Der Anteil der Preisträgerinnen stieg sofort von null auf 43 Prozent.

Angst vor feministischer Gleichmacherei? Vor schwindender Lebenswürze? Keine Sorge: Noch lange werden sich Vertreter des einen Geschlechts dabei beobachten lassen, wie sie stumm einen ganzen Sonntagvormittag lang vom Sofa aus dröhnende Boliden im Kreis fahren sehen, während die anderen Dauergespräche über swarowskiglitzernde Handys führen, um die bedeutende Frage zu klären, warum ER nicht zurückgerufen hat?!

Daher werden auch Mario Barth oder die Literatur zur Geschlechterdichotomie nicht verschwinden, sondern weiterhin erklären wollen, warum Männer mit Porsches protzen und Spinnen töten, während Frauen in High Heels stöckeln und Cremes in Fältchen spachteln. Denn in einer Sache wird der Mensch sich wohl niemals losreißen wollen von der Leine seiner Hormone: bei allem, was ihn sexy macht.

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