Sonntag, 22. November 2009

Politik



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25.03.2008
 

Identität & Integration

In die Ecke gedrängt

Von Canan Topçu

Anfeindungen führen dazu, dass auch nichtreligiöse "Kultur-Muslime" sich verstärkt wieder dem Islam zuwenden.

"Ich bin Muslima." Das Bekenntnis aus meinem Mund überraschte mich genauso wie meine wütende Erklärung: "Ich fühle mich verletzt und kann an diesem Gespräch nicht mehr teilnehmen", sagte ich, stand auf und verließ den Raum - bar jeglicher professionellen Distanz, der ich mir bis dahin in meinem Beruf sicher gewesen war.

Muslim beim Korangebet in einer Berliner Moschee: In die Ecke gedrängt
DPA

Muslim beim Korangebet in einer Berliner Moschee: In die Ecke gedrängt

Es war ein spontaner Impuls, eine Zäsur mitten in einer Unterredung mit Moscheebaugegnern. Im Frankfurter Stadtteil Hausen wird ein muslimisches Gemeindezentrum errichtet, und wie vielerorts gibt es auch am Main heftigen Widerstand. Bei einem Treffen in der Redaktion wollten Vertreter christlicher Gemeinden, die den Bau einer Moschee in ihrer Nachbarschaft ablehnen, ihre Bedenken erläutern.

Es waren die üblichen Gründe, die an diesem Nachmittag gegen das Projekt vorgebracht wurden: Eine Moschee sei kein Gebetshaus, Dschihad gehöre zum Islam wie das Täuschen der Andersgläubigen und die Unterdrückung der Frau. "Hör einfach nur zu", mit diesem Vorsatz hatte ich den Raum betreten und die Gäste begrüßt; doch mit jedem Argument gegen den Moscheebau ging es mir schlechter. Als die Bedenken in Befürchtungen mündeten, die muslimischen Nachbarn könnten die christlichen Gottesdienstbesucher angreifen, und der türkische Ministerpräsident mit den Worten "... die Minarette der Moscheen sind die Bajonette der Muslime ..." zitiert wurde, fühlte ich mich endgültig in die Ecke gedrängt, in der ich mich zuvor nicht wähnte - in die Ecke der Muslime. Und dann verlor ich die Beherrschung. So unkontrolliert wie im Raum die Worte aus meinem Mund, schossen mir vor der Tür die Tränen aus den Augen.

ZUR PERSON

DPA
Canan Topçu, 42, ist Redakteurin der "Frankfurter Rundschau"
Ich wusste zunächst nicht, was mit mir los war. Zeitverzögert kam eine Ahnung: Ich ertrage diese Beleidigungen nicht mehr; die platten Verallgemeinerungen und Äußerungen über den Islam kränken mich. Als Mensch - und als Muslima.

Mit dem Islam verbinde ich vor allem meine Herkunft. Ich bin Tochter türkischer Einwanderer. Meine Eltern legten Wert darauf, dass ich über unsere Religion Bescheid weiß. Also sorgten sie dafür, dass mir die Grundlagen vermittelt wurden: Sie schickten mich an Wochenenden zum "Korankurs" in eine Hinterhofmoschee.

Meine Eltern waren religiös, aber auch liberal. Ich musste kein Kopftuch tragen, ich musste nicht fasten, keinen türkischen Mann heiraten. "Wir erfüllen unsere Pflicht, was du später daraus machst, ist deine Sache", pflegte meine Mutter zu sagen, wenn sie mich sonntags zum Religionsunterricht verabschiedete. Im Kindesalter lernte ich Gebote und Verbote, und noch bevor ich richtig Deutsch konnte, las ich Koransuren auf Arabisch. Was die Laute bedeuteten, die die verschnörkelten Buchstaben aus meiner Kehle lockten, habe ich jedoch nie erfahren. Weil ich die Schrift, aber nicht die Sprache gelernt hatte. Das Entziffern der arabischen Lettern habe ich verlernt, manch anderes aus dem Unterricht in der Moschee blieb hängen; ich wurde nicht fromm, aber eine "Kultur-Muslima"; ich bin also eine der Menschen, deren Wurzeln eng mit dem Islam verbunden sind, ohne dass sie diese Religion praktizieren.

SPIEGEL SPECIAL 2/2008


TITEL
Allah im Abendland
Der Islam und die Deutschen

Seit 35 Jahren lebe ich in diesem Land, ich falle nicht auf und niemandem zu Last. Ich wurde zur Hauptschule geschickt, habe den Absprung geschafft, Abitur gemacht und sogar studiert. Die Fächer habe ich unbewusst, wohl aber nicht zufällig gewählt: Germanistik, Literaturwissenschaft und Geschichte. Ich habe mich intensiv mit der Kultur und Historie dieses Landes beschäftigt, und ich habe dieses Land liebgewonnen. Nach Auslandsreisen freue ich mich jedes Mal auf die Rückkehr nach Deutschland; ich wandere gern im Rheingau und entspanne mich bei Cello-Sonaten von Bach. Ich kann Christbäume schmücken und Weihnachtslieder singen; ich habe mich als Köchin von Kartoffelklößen und Sauerbraten bewährt; ich hatte gedacht, hier kein Fremdkörper mehr zu sein.

Wenn ich in mich hineinhorche, stelle ich aber fest, dass sich meine Wahrnehmung verändert, seit ich über den Frankfurter Moscheebaustreit berichte. Anfangs empfand ich lediglich Solidarität mit frommen Menschen, die einen Anspruch auf würdige Räume für religiöse Rituale haben sollten. Die feindliche Atmosphäre auf den öffentlichen Veranstaltungen zum Bauvorhaben, die Angriffe auf die Vertreter des Moscheevereins, die hasserfüllten Reden der Bürger, die den Bau verhindern wollen, und Sätze wie "Geht doch zurück" und "Wir wollen euch hier nicht" lösten nach und nach ein Unbehagen aus. Und sie rückten mich näher zu den Muslimen, die sich hier zunehmend als unerwünscht empfinden.

Immer wieder berichte ich über die (Rück-)Besinnung auf den Islam in diesem Land; vor einiger Zeit widmete ich mich einem Sohn marokkanischer Eltern. Der 17-Jährige erzählte, wie er sich als Dunkelhaariger mit dunklem Teint hier fühlt: als einer, der nicht dazugehöre, der nie ein echter Deutscher sein werde. Seit er sich über seine Religion definiere, halte er die Abweisungen besser aus. "Ich bin Muslim", beantworte er nun die Frage nach seiner Identität. "Der Junge ist aber empfindlich", dachte ich. Er beschrieb ein mir unbekanntes Gefühl, ich schrieb es nur auf. Inzwischen spüre ich, was er meinte: Die Identifikation mit dem Islam verläuft in diesem Land nicht nur über den spirituellen Weg. In dem Maße, in dem die Anfeindungen wachsen, wächst auch die Hinwendung zu dieser Religion.

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