Von Alfred Weinzierl
Das Apostel-Gymnasium im feinen Stadtteil Lindenthal zählt zu Kölns traditionsreichen, anspruchsvollen Lehranstalten. Nahezu selbstverständlich ist es dort, zu Beginn der Oberstufe ein paar Monate oder gar das ganze Schuljahr im Ausland zu lernen. In der Klasse der damals 16-jährigen Britta Heidemann wählten die meisten den englischen Sprachraum. Britische Internate waren beliebt, manche entschieden sich für die USA, landeten etwa im sonnigen Tampa.
Britta Heidemann, Tochter eines Lehrers und einer Ärztin, hatte in diesen jungen Jahren schon eine Menge Reisen in ferne Länder hinter sich, sogar in Hongkong war sie mit ihren Eltern gewesen. Englisch reizte sie nicht, sie wollte tun, was nicht alle tun: "Es musste etwas Besonderes sein."
Also China.
Drei Monate verbrachte sie im Sommer 1999 in Peking. Sie hatte zur Vorbereitung bereits ein wenig Mandarin in Deutschland gelernt, aber irgendwie war ihr Mandarin und das der Chinesen nicht dasselbe. "Es war ein schwieriger Anfang", erinnert sich Britta Heidemann. Sie ging wacker jeden Tag zur Schule, und weil sie schon damals ambitioniert gefochten hat, übte sie auch einmal pro Woche im Leistungszentrum der Fechter. 20 Dollar knöpfte man ihr pro Session dafür ab, dass sie mittrainieren durfte.
Heute, neun Jahre später, ist den chinesischen Fechterinnen dieser Obolus unsagbar peinlich. Denn heute ist Britta Heidemann, 25, amtierende Weltmeisterin mit dem Degen. Und errungen hat sie diesen Titel im vergangenen September gegen die Chinesin Na Li - ausgerechnet jene Na Li, die mit ihr als Schülerin im Sommer 1999 trainiert hatte.
China hat Britta Heidemann seit ihrem Schüleraustausch nicht mehr losgelassen. Nach dem Abitur absolvierte sie ein Praktikum in der Pekinger Dependance der Bayer AG, begann ein Studium der Regionalwissenschaften/China und lernte Chinesisch nicht nur sprechen, sondern auch lesen und schreiben. 17-mal hat sie das Reich der Mitte inzwischen besucht.
Eigentlich dreht sich ihr Leben seit Jahren um zwei Komponenten: China und das Fechten.
Und am 13. August wird dieses Leben einen Kulminationspunkt finden: Es ist der Tag, an dem bei den Olympischen Spielen in Peking die Goldmedaille im Degen-Wettbewerb der Frauen vergeben wird. Britta Heidemann, die Weltmeisterin, geht als Favoritin auf die Planche. Na Li, 27, die Erste der Weltrangliste, gilt als ihre schärfste Konkurrentin.
Vielleicht ein Dutzend deutsche Athleten gibt es, die mit so realistischen Chancen auf Gold nach Peking reisen. Aber kein hiesiger Olympia-Teilnehmer hat eine derart enge Verbindung zum Gastgeberland. Und so ist ausgerechnet Britta Heidemann, die Vertreterin einer typischen Randsportart, plötzlich eine gefragte Frau.
Für gewöhnlich haben es Fechter nämlich schwer, die Medien von ihrer Bedeutung zu überzeugen. Sie tragen im Wettkampf eine Maske, ihr Sport ist für Laien allenfalls in Zeitlupe nachvollziehbar. Britta Heidemann hingegen - blond, blauäugig, 1,80 Meter groß - hat eine Geschichte zu erzählen. Sie bringt dem deutschen Publikum dieses fremde Land näher, sie liefert verblüffende Bilder, wenn sie etwa dem Taxifahrer in Peking den Weg zur Fechthalle erklärt - auf Chinesisch. Keine China-Reise vergeht, auf der sich nicht deutsche Journalisten an ihre Fersen heften. Als sie im April bei den Mannschaftsweltmeisterschaften in Peking Bronze erstritt, wurde sie von sechs Fernsehteams begleitet.
Bis vor kurzem war das alles kein Problem. Doch seit März, seit der Tibet-Konflikt in die Schlagzeilen zurückgefunden hat und weltweit Aufsehen erregt, muss sie auch die Politik erklären.
Kein deutscher Sportler dürfte dazu besser geeignet sein. Im Juli wird Britta Heidemann ihre letzte Klausur an der Kölner Universität schreiben. Sieben Jahre hat sie dann die chinesische Geschichte studiert, die Sprache, die Literatur, das Rechtssystem und die Politik des Landes.
Man kann sie fragen, ob sie enttäuscht sei, dass sich in China die Freiheitsrechte der Bürger nicht so entwickelt hätten wie erhofft. Aber man bekommt von ihr keine Antwort aus der doppelbödigen Abteilung politischer Korrektheit. "Enttäuscht? Ich bin auf jeden Fall enttäuscht, dass jetzt, unmittelbar vor den Olympischen Spielen, die Entwicklung Chinas der letzten 30 Jahre allein an der Situation Tibets gemessen wird - das ist mir zu einfach." Seit 50 Jahren sei Tibet als innerchinesische Angelegenheit anerkannt, schon lange akzeptiere deutsche Politik den Alleinvertretungsanspruch der Führung in Peking.
Sie weiß zu viel, um sich auf das schlaumeiernde Niveau mancher Bundestagsabgeordneter zu begeben. "Ich beschwere mich nicht", sagt die Fechterin, "wenn ich etwa nach den Menschenrechten gefragt werde. Aber ich finde, dass die Athleten überfordert werden." China rücke "durch Olympia und uns Sportler in den Fokus der Öffentlichkeit", aber für die Lösungen seien Politiker zuständig.
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