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27.05.2008
 

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Eine gefragte Frau

Von Alfred Weinzierl

2. Teil: "Sie sind ausschließlich am eigenen Erfolg interessiert, sie reflektieren über nichts anderes"

Britta Heidemann redet schnell, komplex und dennoch auf den Punkt. Sie will die Führung in Peking nicht verteidigen, aber man müsse stärker differenzieren. Und dazu gehöre die Erkenntnis, dass in China enorme Veränderungen stattgefunden hätten und das Land mit vielen Problemen neben Tibet kämpfe: "Etwa mit der Umweltverschmutzung oder den Lebensumständen der Wanderarbeiter."

Wer der deutschen Gold-Kandidatin zuhört, merkt alsbald, dass sie eine Privilegierte ist. Sie nimmt China unverstellter wahr als Touristen, Journalisten oder Geschäftsleute. Sie braucht keinen Übersetzer, sie plagt sich nicht mit Funktionären, sie feilscht nicht um Gewinnmargen. Als Sportlerin fühle sie sich "absolut frei", und so begegnen ihr auch die Leute auf der Straße. Sie erlebt ein anderes China; mit Menschen, die "offen, lieb, freundlich, ein bisschen naiv" seien.

Seit ihrem Bayer-Praktikum 2001 pflegt sie viele Kontakte in Peking. Darunter sind Leute aus der großen Ausländer-Community, aber auch Einheimische. Im Starbucks der Hauptstadt hat sie einmal einen chinesischen Regisseur kennengelernt, der sich zuvor acht Jahre in Hollywood versucht hatte. Jetzt ist er in China eine Berühmtheit. Sie sind Freunde geworden.

Zuletzt hat Britta Heidemann ihre Teamkolleginnen mit chinesischen Marketingmanagerinnen zusammengebracht. Auch Imke Duplitzer, 32, war dabei: Sie ist eine streitbare Frau, sie hat angekündigt, die Eröffnungsfeier aus politischen Motiven zu boykottieren. Es war ein langer Abend in einem Restaurant, es wurde diskutiert über Tischsitten, Bräuche und Frauen in Wirtschaftsunternehmen. Heidemann hat Duplitzer teilhaben lassen an ihren Einsichten in die chinesische Gesellschaft.

Wie anders soll man Fremdheit auch überwinden - zum Beispiel gegenüber den beiden Chinesinnen, die sich für den olympischen Degen-Wettbewerb qualifiziert haben, Na Li und Weiping Zhong. Bei internationalen Turnieren werden sie von den Offiziellen strikt abgeschirmt, dürfen abends nicht außer Haus, lassen sich das Essen aufs Zimmer kommen - selbst wenn die Siegerehrung vorbei ist und alle Nationen eine gemeinsame Abschiedsparty feiern.

Britta Heidemann kennt Na Li und Weiping Zhong seit ihrem ersten Aufenthalt mit 16. Wenn sie sich in Peking begegnen, reden sie wie Freundinnen miteinander, gehen essen, es sei "neben der Fechtbahn ein sehr gutes Verhältnis", sagt die Weltmeisterin.

Die Chinesinnen sind vom Staat bezahlte Profis, keine studiert oder arbeitet. Für die Goldmedaille sind ihnen 300 000 Dollar versprochen - das 13-fache von dem, was ein deutscher Athlet für einen Olympiasieg von der Sporthilfe erhalten würde. "Für die bin ich mit meinem Uni-Pensum ein Exot", sagt Britta Heidemann. Chinas Fechter, das ist die Erkenntnis der Kölner Edel-Amateurin, sehen im Sport einen Vollzeitjob: "Sie sind ausschließlich am eigenen Erfolg interessiert, sie reflektieren über nichts anderes." Aber damit, sagt sie mit einem Schmunzeln, spiegelten sie nur die chinesische Gesellschaft: "Das sind die kapitalistischsten Leute hier, die ich je kennengelernt habe."

Doch Britta Heidemann will über ihren Status nicht klagen. Das Mammutprogramm, das sie sich auferlegt hat, ist auch eine Folge ihres Ehrgeizes und ihrer Ungeduld. Nach Olympia will sie die Diplomarbeit in Angriff nehmen und "auch diese schnell durchziehen".

Im Nebenfach hat sie Betriebswirtschaft studiert. Mit ihren China-Kenntnissen ist das eine verheißungsvolle Perspektive - sie sieht es genauso und grinst. Nur die Branche, in der sie später arbeiten will, ist ihr noch nicht klar. Praktika in deutschen Firmen will sie deshalb absolvieren, "im Moment habe ich noch einen 360-Grad-Blick, ich kann mir viel vorstellen".

Also wird ihr Leben weiter um China und das Fechten kreisen. Mindestens bis 2012. Dann sind wieder Olympische Spiele.

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