Von Jenny Hoch
Jüngere Branchenstars wie der Niederländer Maarten Baas verstehen sich darauf, mit skurrilen Methoden begehrte Unikate zu schaffen: Für seine "Smoke"-Serie bearbeitete Baas Klassiker wie den Zigzag-Chair von Gerrit Rietveld mit der Flamme eines Gasbrenners, bis die Stuhl-Ikone sich in ein angekokeltes Skelett ihrer selbst verwandelt hatte. Auf Anfrage kommt der Pyro-Designer bei seiner illustren Kundschaft höchstpersönlich vorbei und verwandelt das Wohnzimmermobiliar in eine schwarz geränderte Kunstlandschaft. Der italienische Inneneinrichtungs-Guru Fabio Novembre ließ Baas eine ganze Wand seines Kaminzimmers ansengen.
Wie geschmeidig die Design-Branche mit den bisweilen absurden Mechanismen des Kunstgeschäfts umzugehen vermag, zeigt der Fall der französischen Superstar-Brüder Bouroullec. Als ihr ungewöhnliches Bett-Haus "Lit clos" bei Cappellini als Industrieprodukt herauskam - in Serie und zu einem vergleichsweise vernünftigen Preis, interessierte sich kein Mensch dafür. Erst als die Pariser Galerie Kréo es in einer Auflage von nur acht Stück zum "Design Art"-Objekt hochjubelte und zusätzlich zwei besondere "Künstler"-Stücke und zwei Prototypen anbot, mutierte es zum teuren Kunstmarkt-Hit. Für 96.000 Dollar kam es unter den Hammer.
Schwindelerregenden Auktionsrekorden und boomenden Designmessen wie der 2005 gegründeten "Design Miami/Basel" zum Trotz: Dem New Yorker Galeristen Kenny Schachter ist die Entwicklung zu langsam. Er fühle sich in reinen "Kunst-Ghettos" nicht wohl, behauptet er, und schmuggelt als Gebrauchsmobiliar deklarierte Designer-Stühle auf Kunstmessen. "Ich brauche schließlich Sitzgelegenheiten für die Kunden", lautet seine Standardentschuldigung gegenüber der Messeaufsicht, die nur die übliche Flachware an den Ständen dulden will.
In Wahrheit verkauft Schachter die exotischen Sitzmöbel, wie zum Beispiel einen knatschorangefarbenen Plastikstuhl von Tom Dixon, an betuchte Kunstsammler. Dass der wegen seiner spaghettiartigen Struktur nur bedingt zum Gebrauch taugt, stört wenig. Dafür sind die unnützen Sitzgelegenheiten umso teurer: Den "Extruded Plastic Chair" aus der Zehner-Edition bietet das Verkaufsgenie in London für je 12.500 Euro an, der Prototyp von Dixons erfolgreichen "Fat Chaise" kostet gar 60.000 Euro.
Nicht alle betrachten den Designboom und die Tatsache, dass Möbeldesigner zunehmend wie Modelabels behandelt werden, mit Wohlgefallen. Torsten Bröhan, Designsammler der ersten Stunde, hat zwar schon immer Kunst und anspruchsvolles Design als gleichwertig betrachtet. Sorgen macht ihm, dass die Gestalterbranche sich vermehrt kurzlebigen Trends unterwirft: "Design gleicht sich immer mehr der Mode an, man kann sich damit schmücken und vom Rest abgrenzen. Um die kunsthistorische Bedeutung von Objekten geht es kaum noch." Bröhan selbst hat seine umfangreiche Sammlung, die er in seinen Berliner Räumen auch der Öffentlichkeit zugänglich macht, eher nach akademischen Kriterien angelegt. Er will Entwicklungen nachzeichnen und Bezüge sichtbar machen.
Auch die Käuferstruktur habe sich erheblich verändert. "Früher, als ich noch als Galerist arbeitete, hatte ich fast ausschließlich mit Museumsleuten zu tun", sagt der 60-jährige Berliner. Inzwischen hätten die Museen kaum noch Etats für größere Anschaffungen, "also verschwindet alles in Privatsammlungen".
Neugierig ist der studierte Betriebswirt und Kunsthistoriker noch immer, er streift über die Abschlussausstellungen der Designakademien, geht auf Auktionen und beobachtet das Angebot der Galerien. Die meisten der international inzwischen hochgejubelten Designer hält Bröhan aber für überbewertet: "Alles, was originell aussieht, kann heute verkauft werden. Aber ich sehe kaum noch wirklich innovative Lösungen. Der große Wurf fehlt."
Anfang der neunziger Jahre hätte er in New York die Gelegenheit gehabt, ein Exemplar von Marc Newsons heute millionenteurer "Lockheed Lounge" zu erstehen - für gerade einmal 10.000 Dollar. "Newson wäre damals froh gewesen, endlich einen Käufer gefunden zu haben", erzählt Bröhan. Ein Exemplar der Liege habe lange im Paramount Hotel gestanden. Doch zum Kauf habe er sich nicht entschließen können: "Sie hat mich einfach nicht überzeugt."
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